Kontinuierliche Zeitzonen

Am ersten Montag nach einer Zeitumstellung ist es immer am stärksten, das Gefühl, etwas völlig unnötiges gemacht zu haben. Jetzt im Herbst ist es ja nicht ganz so schlimm, wir dürfen etwas länger schlafen und ärgern uns dann ein Wenig, dass es so früh dunkel wird. Aber im November ist das dann, zumindest hier in Hamburg, wieder vergessen, weil es dann ohnehin den ganzen Tag dunkel ist.

Als Physiker bin ich bisher davon ausgegangen, dass der Höchststand der Sonne entscheidend für die Wahl der Zeit sein sollte: Die Standard-Weltzeit UTC ist die Zeit, nach der am Nullmeridian (Nullter Längengrad) die Sonne um 12 Uhr mittags am höchsten steht. In jeweils 15-Grad-Schritten ist es dann nach Osten hin jeweils eine Stunde später und nach Westen eine Stunde früher. Und weil es unpraktisch ist, wenn es innerhalb eines politischen Verbandes zu viele Zeitzonen gibt, haben einige Staaten Zeiten, die mehr oder weniger vom Optimum abweichen.

Früher gingen Uhren noch nach der Sonne

Früher gingen Uhren noch nach der Sonne.
Sonnenuhr in Selma Lagerlövs Garten in Mårbacka (Schweden)

Heute hat mich Susanne Flach vom Sprachlog darauf hingewiesen, dass der Sonnenhöchststand gar nicht so entscheidend ist. Es tut dem Schlaf einfach nicht gut, wenn die Sonne im Sommer schon um 3 Uhr nachts aufgeht. Das wiederum erinnerte mich an meinen Lateinunterricht (und die Bibel) aus dem ich gelernt habe, dass in der Antike die erste Stunde mit Sonnenaufgang begann.

Zeiten sind willkürlich festgelegt. Kein Naturgesetz sagt, dass Tag und Nacht 24 Stunden haben müssen und dass um 12 Uhr die Sonne im Süden zu stehen hat. Wir könnten auch Zeitzonen einführen, die sich kontinuierlich so anpassen, dass die Sonne immer um 6 Uhr Morgens aufgeht. Das könnte zentral für jede Zeitzone festgestellt und allen Funk- und Internetuhren jede Nacht übermittelt werden. So würden wir uns die zweimal jährliche Zeitumstellung und das dabei entstehende gemoser ersparen. Jede Nacht in der zweiten Jahreshälfte würden wir ein paar Minuten gewinnen, in der ersten Jahreshälfte hätten wir jede Nacht ein paar Minuten weniger.

Dann allerdings wäre es im Winter noch viel eher dunkel als jetzt. Vielleicht sollten wir zusätzlich fordern, dass die Sonne auch jeden Tag um etwa 18 Uhr untergehen soll. Dazu würden Uhren nicht nur jede Nacht angewiesen, sich etwas zu verstellen. Es würden auch unterschiedliche Längen der Tages- und Nachtminuten und -Stunden festgelegt werden. Im Sommer wäre eine Tagesstunde länger als die Nachtstunde, im Winter umgekehrt. (Eine Stunde hätte weiterhin 60 Minuten, genau 3600 Sekunden hat sie streng genommen ohnehin nicht.) Natürlich funktioniert das alles nur, wenn wir weit genug vom nördlichen und südlichen Polarkreis entfernt wohnen. Für den extremen Norden und Süden wäre das System unpraktisch, weil es dort nicht jeden Tag Sonnenauf- und -untergänge gibt.

Technisch, Sie werden es zugeben, ist jedoch im Zeitalter von Funkuhren und GPS-Smartphones nichts mehr unmöglich. Zeitzonen könnten abgeschafft und durch eine Ortszeit ersetzt, die vom genauen Standpunkt abhängt. Verabredungen könnten dann zwar nur noch unter Angabe der vollen Raum-Zeit-Koordinaten getroffen werden, aber da Längen- und Breitengrad jedes Dorfs ohnehin leicht über Google-, Bing- oder Open-Street-Maps gefunden werden kann, wäre das ein kleines Problem.

Alternativ könnten wir natürlich auch elektrische Beleuchtung und abdunkelbare Fenster einführen. Aber das ist jetzt wohl etwas weit hergeholt. Ich wünsche Ihnen eine schöne Herbstzeit.

Joachim Schulz

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Haben wir 1. April? Jetzt haben wir zweimal im Jahre Gemoser, mit einer kontinuierlichen „Gleitzeit“ haben wir dann garantiert auch ein kontinuierliches Gemoser. Am Besten führt man dann GPS-Uhrpflicht ab dem vierten Lebensjahr ein, damit auch wirklich jeder weiß, welche Stunde geschlagen hat.

  2. Was ich weder bei Sommerzeit noch beim hiesigen Vorschlag verstehe: Warum müssen die Uhren falschgehen, wenn jemand zu einer anderen Zeit aufstehen will? Man kann doch einfach seinen eigenen Wecker anders einstellen. Das hat zwei gigantische Vorteile: 1. braucht man nicht an der Uhrzeit zu spielen (man denke nur an Astronomen oder international arbeitende Teams mit Versionsverwaltung usw.) und 2. betrifft es nur einen selbst, also können fremde Leute weiter normal schlafen und müssen sich nicht an den Sonderwunschträger anpassen.

    • Joachim Schulz

      Naja, was heißt schon falschgehen? Wie gesagt, Uhrzeiten sind willkürliche Festlegungen. Ob eine Uhr Richtig geht, wenn um 12 Uhr mittags die Sonne am 0., 15., 30. Längengrad im Süden steht, oder ob die erste Stunde bei Sonnenaufgang beginnt, ist einfach Konvention. Es wird gesetzlich festgelegt, um gemeinsame Zeiten zu haben. Aber niemand wird gezwungen, die Ortszeit zu benutzen. Selbstverständlich können wir unsere Termine auch nach UTC oder Sommer wie Winter nach MEZ absprechen, ohne dass wir dafür Repressionen befürchten müssen.

      Was die Sommerzeit (MESZ) betrifft, befürchte ich, dass es sie nur noch gibt, weil Politiker den Aufwand scheuen, sie europaweit abzuschaffen. Echte Vorteile sehe ich keine.

  3. In einer globalisierten Welt sind Zeitumstellungen fehl am Platz. Erträglich wäre die Umstellung auf Sommerzeit/Winterzeit, wenn sie auf der ganzen Welt gleichzeitig statt fände. Das ist aber nicht der Fall. Womit jede Umstellung heilloses Chaos anrichtet indem Leute zur falschen Zeit miteinander telefonieren, Waren zur falschen Zeit losgeschickt werden und vieles mehr. Eine Welt die aus dem Takt gerät ist keine Welt für Menschen, Roboter und Maschinen dagegen haben wohl weniger Probleme damit.

    • Joachim Schulz

      Wenn wir es zum gleichen Extrem treiben wollen, wie ich es spaßeshalber mit der Uhrumstellung gemacht habe, sollten wir für die globalisierte Welt eine einzige Zeitzone fordern. Die ganze Welt könnte ihr Uhren nach UTC stellen. Dann müssten sich Amerikaner eben daran gewöhnen, dass es erst am späten Nachmittag hell wird und der Tag beginnt, und für Asiaten begänne der Tag schon früh in der Nacht. Auch daran könnten sich die Leute gewöhnen, auch darauf könnte sich die Menschheit vermutlich nicht einigen.

      • Richtig. Die Gewöhnung ist der entscheidende Punkt. Menschen haben nun mal einen Tagesablauf, wo sich Schlaf- und Wachphasen abwechseln. Entscheidend ist heute der soziale Tagesablauf nicht der natürliche. Es gibt Tagesrhythmusphänome wie die Rushhour, die Öffnungszeit von Geschäften, die Zeit wo alle ins Büro streben. Diese Rhythmen gibt es hier aber auch in den USA und China. Wenn nun jemand, der in Deutschland lebt einen Geschäftspartner oder eine Bekannte in den USA hat und sich gewohnt ist immer zu einer bestimmten Tageszeit Kontakt aufzunehmen, z.B. per Telephon oder per Video, dann kann ihn die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit arg in Verlegenheit bringen. Denn 1 Stunde Unterschied kann bereits bedeuten, dass der Kontakt für eine der beiden Parteien sehr unpraktisch wird, weil er den freien Zeitslot, den er sich ausgesucht hat, nun irgendwo anders finden muss.

        • Joachim Schulz

          Was mich wundert ist, dass so viele sich bei der Zeitumstellung beschweren, aber scheinbar für niemanden der Leidensdruck groß genug ist um Widerstand zu leisten. Es wäre ja für alle Menschen, die Gleitzeit im Job haben, sehr einfach, das ganze Jahr nach MEZ zu leben. Man wurde einfach in der Sommerzeit alles offiziell eine Stunde später ansetzen als im Winter.

          • Stimmt. Damit entstehen aber zwei neue Klassen von Menschen. Diejenigen mit Gleitzeit und diejenigen ohne. Geschäftsinhaber müssten weiterhin zu einer bestimmten Zeit öffnen. Restaurants böten das Mittagessen ab 12 h an. Flughäfen würden ihre Abflugzeiten verschieben (Nachtruhe etc). Nur die privilegierten Gleitzeitler würden auf ihrer eigenen Zeitwolke leben.

  4. Die Beschwerden über die Zeitumstellung beruhen meist darauf, dass der Zeitrhythmus (die „innere Uhr“) durcheinander gebracht wird. Inwiewiet das Einbildung ist, oder eine echte Beschwerde, weiß ich nicht. Vielleicht beruht sie teilweise auch auf einem noch unbewusst etwas „magischen“ Glauben, es gäbe eine „wahre“, „feste“ Zeitzählung. Als man den gregorianischen Kalender einführte, sollen auch Bauern geglaubt habe, man stehle ihnen mehrere Tage. Ich meine auch gehört zu haben, dass die Zeitumstellung z.B. bei Milchkühen Probleme macht. Natürlich könnte der Milchbauer sich an seine Kühen orientieren, er muss dann seinen Terminplan ändern, was ebenfalls Reibungen verursacht.
    Menschen haben Gewohnheiten und Rhythmen des Lebens gerne und sind nicht so begeistert flexibel oder grandios rational, wie das mancher meinen mag. Man sollte auch berücksichtigen, dass nicht alle über das Phänomen Zeitzählung einen so guten Überblick haben, wie z.B. Physiker.

    • Joachim Schulz

      Vielleicht kann ich Sie beruhigen: Der Vorschlag einer kontinuierlichen Zeitzone ist nicht ernst gemeint, ich werde nicht politisch aktiv werden um ihn durchzusetzen. Ich habe den Text nur zur Unterhaltung geschrieben. Ein kleiner Spaß sollte doch nicht nur am 1. April möglich sein, oder?

  5. @Martin Holzherr
    Eine Welt die aus dem Takt gerät ist keine Welt für Menschen, Roboter und Maschinen dagegen haben wohl weniger Probleme damit.
    Komisch. Ich habe mir immer vorgestellt, Menschen wären Robotern und Maschinen gerade in dem Punkt überlegen.

    @Joachim Schulz
    Was mich wundert ist, dass so viele sich bei der Zeitumstellung beschweren,
    Hier mal einer, der sich nicht beschwert. Ich finde es höchst angenehm, dass es im Sommer länger hell ist. (Allerdings gehöre ich auch nicht zu den Menschen, die sich mit amerikanischen Geschäftspartnern durch Zeitfenster unterhalten müssen 🙂

  6. Was die Sommerzeit (MESZ) betrifft, befürchte ich, dass es sie nur noch gibt, weil Politiker den Aufwand scheuen, sie europaweit abzuschaffen. Echte Vorteile sehe ich keine.

    Ich fürchte, an der Vermutung ist mehr dran, als man zunächst glauben könnte. Wirkliche Vorteile sehe ich in der Sommerzeit auch nicht, und ich gehöhre auch zu jenen Menschen, die sich jedes Frühjahr wieder über die Zeitumstellung aufregen, eben weil ich sie für sinnlos halte. Und als an Astronomie interessierter Mensch würde ich es sogar sehr begrüssen, wenn die Sommerzeit wieder abgeschafft würde, damit man in den eh schon (zu) kurzen Nächten nicht länger als notwendig warten muss, bis man den Sterenenhimmel betrachten kann.

  7. Zeitzonen könnten abgeschafft und durch eine Ortszeit ersetzt, die vom genauen Standpunkt abhängt.

    Ihr Kommentatorenfreund weist gerne darauf hin, dass aus verschiedenen Gründen, die Wirtschaftlichkeit ist hier oft genannt worden, die Vereinheitlichung von Zeitangaben sinnvoll zu sein scheint.

    Diese Vereinheitlichung konkurriert wiederum mit der Natur bzw. mit Vorgaben dieser. – Man kommt hier kaum an einem diesbezüglichen fortwährenden Ringen vorbei, so wie auch bei anderen sozial relevanten Generalgrößen.

    MFG
    Dr. W

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