Jim Knopf – war ein Reisegefährte von Charles Darwin!

Was für ein Wochenende: Nach einem grandiosen Seminar zur "Evolutionären Ethik" an der Evangelischen Akademie Bad Boll mit anregenden Vorträgen und Debatten bis spät in die Nacht nun auch noch ein Sieg der deutschen Elf gegen England! Oder besser gesagt: Gegen Lummerland. Nein, kein Witz – die Autorin Julia Voss verblüffte und beeindruckte mit einer Vorstellung ihrer Entdeckung: Michael Ende’s "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" ist keineswegs nur eine nette Kindergeschichte, sondern eine Auseinandersetzung des Schriftstellers und Antroposophen mit dem rassistischen Missbrauch der Evolutionstheorie!

Jemmy Button hieß der schwarze Junge, der nach England verschleppt worden war und nun an Bord der HMS Beagle auf dem Weg zurück nach Feuerland. Charles Darwin, der auf diesem Schiff seine große Forschungsreise unternahm, notierte:  „Jemmy Button war der Liebling aller, aber ebenfalls leidenschaftlich; sein Gesichtsausdruck zeigte sogleich sein freundliches Gemüt. Er war fröhlich, lachte oft und war bemerkenswert mitfühlend mit allen, die Schmerzen litten.“

Diesen Jemmy Button machte Michael Ende zum Helden seiner Abrechnung mit der rassistischen Biologie, die die Nazis in seiner Kindheit an die Kinder vermittelten. In Kummerland herrschen die bösen, "germanischen" Drachen, die sich gegen jede Form der Vermischung aussprechen und auch Halbdrachen wie Nepomuk grausam ausgrenzen. Hier eine Originalzeichnung aus "Jim Knopf".

 

Dagegen feiert Ende die Vielfalt, den kleinen, schwarzen Jungen, seinen weißen Freund Lukas und die tapfere, chinesische Prinzessin Li Si – und entwirft eine Geschichte der Liebe, Weisheit und Freiheit, die Vielfalt ermöglicht. Ein Plädoyer für das Miteinander, die Begegnung der Kulturen, nein Menschen, in Ost und West. Wie es Julia Voss in einem FAZ-Artikel ausführlich beschrieb: Jim Knopf rettet die Evolutionstheorie. Und übrigens am Ende auch die Drachen. Aus der Bosheit befreit, wird selbst Frau Malzahn zum "Goldenen Drachen der Weisheit" – an stelle der düsteren, germanischen Nibelungen-Lindwürmer tritt die asiatische Variante des guten Drachen. Schon weil der letzte Blogpost hier die Rolle der Drachengöttin Tiamat in der modernen Fantasy beleuchtete, konnte ich an dieser Entdeckung unmöglich vorbei gehen.

Wieder einmal bestätigt sich, das große Literatur aus verborgenen Quellen schöpft. Und wer sich an literarischer und historischer Schatzsuche erfreuen kann, dem sei das Buch "Darwins Jim Knopf" von Julia Voss ausdrücklich empfohlen!

Und auch wer nicht an die verborgene Wirkung starker Narrative glaubt, möge doch daran erinnert werden, dass Jim Knopf in verschiedene Sprachen übersetzt – aber nur in Deutschland ein wirklicher Langzeiterfolg wurde.

Dr. Michael Blume, Jahrgang 1976, studierte nach Wehrdienst & Ausbildung zum Bank-Finanzassistenten Religions- und Politikwissenschaft in Tübingen. Neben seinem Hauptberuf beim Land Baden-Württemberg lehrte er an verschiedenen Universitäten, derzeit in Köln. Blume promovierte über die Thesen von Hirnforschern zur Religion ("Neurotheologie") und forscht über die Evolution von Religiosität und Religionen. Als erster Deutscher wurde Blume in das internationale Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies berufen, aus dem er seit März 2008 auch im Scilog "Natur des Glaubens" berichtet. Für diesen erhielt er 2009 den Scilogs-Preis und wurde 2010 mit dem Preis "Vermittlungen" der Evangelischen Akademie Villigst für Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet. Der Hohe Rat der Yeziden in Lalish verlieh ihm 2015 eine Auszeichnung für den Einsatz für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak. Der evangelische Christ ist mit einer Muslimin verheiratet, die beiden haben drei Kinder. Zehra Blume gründete auch den sciebooks-Verlag, in dem einführende eBooks und Taschenbücher zu wissenschaftlichen Themen erscheinen.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Jamballa ist Shamballa

    Ja, man kann das Buch von Michael Ende wohl so auslegen. Allerdings würde ich in Jamballa (später Jimballa) nicht Atlantis sehen, wie in dem Artikel der FAZ beschrieben, sondern Shamballa, ein mythisches Reich das in Innerasien, manche sagen auch im Himalaya, angesiedelt sein soll.

    Näheres hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Shambhala

  2. @Kunar

    Ja, und der Vortrag der Autorin hatte noch viele Highlights zu bieten. Hier im Blog war ja die evolutionäre Forschung zu Erzählungen und Literatur schon Thema:
    http://www.chronologs.de/…rz-hlforschung-memorik

    Aber dass ausgerechnet der vermeintlich „harmlose“ Jim Knopf eine tiefsinnige Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie und Geschichte Jemmy Buttons enthielt, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ein echter Aha-Effekt!

  3. @Mona: Shamballa

    Ja, für diese Deutung dürften auch die anthroposophischen Interessen Michael Endes sprechen. Und in der Anthro- und Theosophie spielte der Shambala-Mythos eine erhebliche Rolle, nachwirkend bis in viele Verästelungen heutiger Tibet-Begeisterung.

    Übrigens begab sich Michael Ende zum Sterben in meinen Heimatort, nach Filderstadt. Denn hier steht die anthroposophische Filderklinik, wo er seine letzten Tage verbrachte. Im offiziellen Nachruf heißt es dazu:
    „Am 28. August 1995 stirbt Michael Ende um 19.10 Uhr in der Filderklinik bei Stuttgart. Wie für seinen Vater Edgar Ende gibt es auch für ihn „überhaupt keinen Zweifel, dass es hinter der Welt der sinnlichen Wahrnehmungen eine oder viele andere Welten gibt, die wir zwar mit den Sinnen nicht wahrnehmen können, die aber ebenso wirklich sind, oder vielleicht sogar noch wirklicher“.
    Michael Ende wird am 1. September in München auf dem Waldfriedhof begraben. Während der Feier wird auf seinen Wunsch aus Mozarts „Ave verum corpus“ und von Gluck der „Reigen seliger Geister“ gespielt. Zum Schluss trägt der Theaterchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz ihm zu Ehren den Schlusschor „vom himmlischen und irdischen Glück“ aus dem Goggolori vor. Sein Grab, ein aufgeschlagenes Buch aus Bronze, aus dem die von ihm erfundenen Wesen lebendig hervorkommen, hat Ludwig Valentin Angerer d.Ä. gestaltet.“
    http://www.michaelende.com/…hp?id=46&lang=de

  4. Dank für diesen interessanten Artikel!
    Eine meiner Lieblingsgestalten aus dem „Jim Knopf“ ist der Scheinriese Tur Tur, der einsam ist, weil die Leute Angst vor ihm haben – nur weil er von ferne größer wirkt als er ist.

  5. @Claudia

    Ja, Tur Tur ist schon eine wundervolle Parabel auf Fremdenangst und Verschwörungstheorien! Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft mir (auch gebildete) Leute einreden wollten, von dieser oder jener religiösen Minderheit gehe massive Gefahr aus. Steht man dann aber direkt vor ihnen, so stellt man fest: Hey, das sind doch auch („nur“) Menschen!

    Michael Ende hat ein Set wunderbarer, unvergesslicher Charaktere geschaffen…

  6. Sehr erfreulich!

    Man kann Frau Voss nur zu der pfiffigen Entdeckung und Arbeit gratulieren! Und ihr und der FAZ für die gelungene Form der Präsentation. So sieht das aus, wenn das Internet – endlich auch – intelligent verwendet wird.

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