Geologie, Politik und der Atommüll

nebenan bei GeoAstro wurde auf einen Denkanstoß hingewiesen, den der Tübinger Professor Gregor Markl in der FAZ veröffentlicht hat. Dazu könnte man im Detail sicher einiges erwidern, vor allem die für die Diskussion wenig hilfreiche Vermengung von Abklingbecken, deren Lage sich aus einigen technischen Notwendigkeiten ergibt mit Zwischenlagern am Kraftwerksstandort. Die Brennelemente müssen beim Transport vom Reaktorkern zum Abklingbecken dauernd gekühlt werden. Außerdem müssen sie auch aus Strahlenschutzgründen ständig mit genügend Wasser umgeben sein. Es war also weniger grobe Fahrlässigkeit, wie der Artikel in der FAZ nahezulegen scheint, die Becken dort zu positionieren. Da fällt die weitere Verwechselung der Castorbehälter mit den eigentlich zur Endlagerung vorgesehenen Polluxbehältern schon nicht mehr weiter ins Gewicht. Viel interessanter finde ich, dass Markl zwar die Unmöglichkeit einer genauen Vorhersage der geologischen Geschichte über  die Lagerungszeit von Jahrhunderttausenden betont, aber außer Acht lässt, dass die Entwicklung der Menschheit über diesen Zeitraum mit weit weniger guter Wahrscheinlichkeit vorhersagbar bleibt. Ja, dass es noch nicht einmal sicher ist, dass es in einigen Jahrhunderten überhaupt noch angehörige unserer Spezies gibt, die etwaige zugängliche End-/Zwischenlager bewachen und kontrollieren kann.

Spätestens seit dem Asse-Desaster ist klar: Wir suchen kein Endlager, wir suchen ein Lager für radioaktive Abfälle. Ob das ein ehemaliges Uranbergwerk ist, in dem ohnehin natürliche Radioaktivität seit Hunderten von Jahrmillionen vorhanden war, oder ob das in Salzen, Tonen, Gneisen oder Graniten liegt, ist egal. Denn wenn sich etwas ändert, ist es sehr einfach wieder zu räumen, gleich aus welchem Gestein. Die geologischen Anforderungen erfüllen Standorte in mindestens sechs Bundesländern. 

Die "Asse" war wohl nie wirklich für ein Lager für radioaktive (vollkommen egal ob "End" oder "Zwischen") geeignet. Sie war ein fast ausgesaslztes ehemaliges Salzbergwerk, zur Gewinnung von Salz. Nicht nur, dass die Salzbarriere zum Deckgebirge stellenweise nur noch wenige Meter beträgt, in den 1920´er Jahren ist auch noch feuchter Versatz in die Kalibaue gebracht worden, aus dem ein großer Teil des Wassers stammen mag, das dort heute zu Problemen führt. Dies und die äußerst dünne Salzbarriere sollten deutlich machen, dass die Asse die geologischen Anforderungen an eine End- oder sonstiges Lager radioaktiver Abfälle eben gerade nicht erfüllt, wie Karl vollkommen richtig anmerkt. Hier sind also eindeutig nicht geologische Kriterien bei der Suche nach Lagerungsmöglichkeiten angewandt worden, sondern mit guter Wahrscheinlichkeit politische. Mit Gorleben war es im Übrigen auch nicht viel anders, wie der unten gezeigte Filmbeitrag deutlich macht. Auch hier hatten die mit der Suche nach Lagerungsmöglichkeiten befassten Geologen den Salzstock von Gorleben nicht einmal auf der Liste der potentiellen Standorte. Auf diese Liste haben ihn erst die Politiker gebracht. Hier werden also tatsächlich die Geologie und die Geologen als ein Feigenblatt von den Politikern missbraucht, die nicht vor der Öffentlichkeit zu ihren Entscheidungen stehen wollen. Ich würde aber eben nicht so weit gehen und behaupten:

Wir suchen kein Endlager, wir suchen ein Lager für radioaktive Abfälle. Ob das ein ehemaliges Uranbergwerk ist, in dem ohnehin natürliche Radioaktivität seit Hunderten von Jahrmillionen vorhanden war, oder ob das in Salzen, Tonen, Gneisen oder Graniten liegt, ist egal. Denn wenn sich etwas ändert, ist es sehr einfach wieder zu räumen, gleich aus welchem Gestein. Die geologischen Anforderungen erfüllen Standorte in mindestens sechs Bundesländern.

 Hier macht man es sich in meinen Augen ein wenig zu einfach. Ich würde eine intensive Erforschung der verschiedenen Standorte sehr befürworten, um für eine anschließende Diskussion über die verschiedenen Vor-und Nachteile einzelner Standorte führen zu können. Diese Diskussion sollte durchaus mit Hilfe von Geowissenschaftlern geführt werden. Denn bei aller Sympathie für die Idee der jederzeit rückholbaren Abfälle. Im Notfall sollte ein derartiges Lager auch ohne uns unsere Hinterlassenschaften über einen genügend langen Zeitraum von der Biosphäre fernhalten können. Dafür ist es in meinen Augen unabdingbar, das Verwitterungsverhalten natürlicher Lagerstätten  und  Reaktoren (beispielsweise hier und hier)weiter zu erforschen. Die Geologie könnte eines Tages unsere (oder die welcher auch immer gearteter Nachfahren oder Nachfolger) letzte Verteidigungslinie zwischen unseren Hinterlassenschaften und der Biosphäre sein.

 

Auf keinen Fall aber sollten wir Geowissenschaftler uns aus der Diskussion um und der Suche nach Lagerungsmöglichkeiten ausschließen. Denn was herauskommt,wenn Politiker am grünen Tisch die Sache entscheiden, zeigen uns die Asse und die Geschichte von Gorleben deutlich genug. Ich hoffe sehr, dass man den Text von Gregor Markl nicht so verstehen soll.

 

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das wirklich sichere Endlager…

    … ist meiner Ansicht nach auf der Erde sowieso nicht zu finden. Jedenfalls bestärken mich diese Beiträge wieder bei dieser Ansicht, weshalb ich meine, dass das einzige wirklich sichere Endlager, gerade für den hoch radioaktiven Müll der Weltraum ist.
    Dazu sind sicherlich auch noch Detailfragen zu klären, was beispielsweise einen sicheren Transport aber auch den genauen Lagerort im Weltraum angeht. Aber Antworten auf diese Fragen erwarte ich hier auch nicht, sondern eher neben an in den KosmoLogs.
    Dennoch würde mich mal interessieren, was die Geologen denn von dieser Idee so grundsätzlich halten?

  2. @Hans

    Ich bin kein Geologe, aber als Physiker der schon länger in der Endlagerforschung tätig ist, mittlerweile auch in diesen Fragen recht bewandert, so dass ich versuchen möchte, eine Antwort zu geben.

    Zunächst haben Sie vollkommen recht: einmal im Weltraum kann man das Problem als gelöst betrachten. Die Schwierigkeit liegt darin, diesen Abfall heil nach dort zu bringen. Theoretisch müsste man eine Sicherheit von 100% fordern. Denn bereits wenn nur einer von, sagen wir mal, 10.000 Flügen in den Weltraum schief geht, ist das zuviel.

    Eine Ariane 5 Trägerrakete kann derzeit rund 15 bis 25 Tonnen Nutzlast in den Weltraum befördern, für eine allgemeine Rechnung nehmen wir mal 20 Tonnen an. In Deutschland werden bis zum Ausstieg allein rund 14.000 Tonnen hochradioaktiver Abfall anfallen. Über den Anteil mittel- und schwachradioaktiven Abfall finde ich gerade keine genauen Angaben, ich denke aber, dass dieser um einen Faktor fünf größer sein dürfte.

    Um nun allein den Abfall aus Deutschland sicher in den Weltraum zu transportieren, wären also ca 4.200 Flüge notwendig. Kommen jetzt noch die Abfälle aus den anderen Ländern der Welt dazu, kann man fast schon mit Sicherheit sagen, dass da wenigstens einer schiefgeht: die Rakete explodiert in einigen Kilometer Höhe und verteilt die 20 Tonnen radioaktiven Abfall in der Atmosphäre.

    Die Lösung wäre, den Abfall zwischenzulagern bis eine 100%ige Sicherheit (die ja de facto unmöglich erreicht werden kann) gegeben ist. Aber hier gibt es zwei Einwände: zum einen steht zu erwarten, dass vorher noch andere Techniken gefunden werden, die Transmutation ist hier ein Stichwort.

    Zum anderen will man den zukünftigen Generationen die Last nicht aufbürden. Wir haben den Müll erzeugt, und wir haben uns um die Entsorgung zu kümmern. Wird diese fachgerecht ausgeführt, so wird nach Verschluss des Endlagers niemand mehr wissen, dass es dort eines gab, der Abfall ist für eine sehr lange Zeit von der Biosphäre abgeschlossen. In den Salzstöcken fand man Wassereinschlüsse die nachweislich mehr als 220 Mio Jahren KEINEN Kontakt mehr zur Biosphäre hatten. Die Chancen stehen gut, eine solche Blase künstlich zu schaffen.

    Ich schreibe schon seit einiger Zeit an einem Blog um mein Forschungsgebiet dem interessierten Laien näher zu bringen. Hier habe ich eine Sammlung meiner populärwissenschaftlich geschriebenen Texte zum Thema Endlagerung:

    http://www.kerngedanken.de/category/popart/

    Und hier ist das Konzept Endlagerung mal in seinen groben Umrissen umschrieben:

    http://www.kerngedanken.de/…ie-funktioniert-das/

    Wie gesagt: ich denke ganz ernsthaft dass die Verbringung in tiefe geologische Formationen ein guter Weg ist, der sehr hohe Chancen hat, realisiert zu werden.

  3. Danke Gunnar. Du drehst zwar meine Interpretation von Markls Denkanstoß um (bei der Endlagersuche „keine Geologen beteiligen“ vs. „vor allem Geologen beteiligen“), aber ich denke auch: Eine offene Diskussion ist wichtig. Und da sollten erstmal die Argumente auf den Tisch, die beim bisherigen Endlager-Kandidaten Gorleben ausschlaggebend waren.

    Auf WDR5 gab es letzte Woche übrigens ein Interview mit Markl zu seinem Vorstoß:
    http://www.wdr5.de/…utopisch-oder-unehrlich.html

  4. @ pikarl

    ich hielte es schlicht für falsch, wenn sich Geowissenschaftler (wie Wissenschaftler allgemein) aus gesamtgesellschaftlichen Diskussionen schnöde verabschieden würden. Wer, wenn nicht die Geowissenschaftler sollen denn eine Deponie auf ihre Eignung prüfen? Klar, die Entscheidung, ob und wo das Ganze hinkommt, die mögen andere dann auf der Basis der von den Geowissenschaftlern erhobenen Daten fällen.
    Ich würde hier schlicht die Frage stellen, wozu wir uns Geowissenschaftler (gilt auch für andere Disziplinen) überhaupt brauchen, wenn wir die entsprechenden Wissenschaftler bei der Lösung von drängenden Problemen nicht fragen sollen. Nein, ich bin kein Verfechter, das „sich Wissenschaft rechnen soll“, aber warum zum Geier soll sie die Klappe halten, sobald ein kontroverses Thema angeschnitten wird? Das wäre irgendwie der steilen These ähnlich, die Klimaforscher sollen sich aus Diskussionen zur Lösung des Klimawandels heraushalten, das wäre Sache der Politik.
    Zum Atommüll brauchen wir eine offene Diskussion, an der sich möglichst viele, wenn nicht alle gesellschaftlichen Gruppen beteiligen. Wir brauchen Fakten, um auf deren Grundlage diskutieren zu können. Diese Fakten können helfen, die zur Zeit herrschende, ich will es mal so nennen, Atom-Hysterie etwas wieder herunterzufahren.

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