„Mein Hirn ist in der Stadt“

Paul Erdös bei einem Seminar in Budapest im Jahre 1992. Bild: Kmhkmh über Wikimedia Commons unter CC BY 3.0

Der Mathematiker Paul Erdős ist zu Recht eine Legende – nach der Artikelzahl war er der produktivste Mathematiker überhaupt. Und insbesondere ist er dafür bekannt, dass er oft und gerne mit den unterschiedlichsten Kollegen zusammen gearbeitet hat. Das ist auch der Grund, warum das wohl bekannteste Maß für Mitautorschaft-Netzwerke die Erdős-Zahl ist. (Wer zusammen mit Erdős einen Fachartikel geschrieben hat, hat Erdős-Zahl 1. Wenn die kleinste Erdős-Zahl deiner Fachartikel-Koautoren n ist, dann ist deine eigene Erdős-Zahl n+1.)

Wann immer Erdős eine Stadt besuchte, soll mindestens einer der dort ansässigen Mathematiker einen Anruf von Erdős erhalten haben mit den Worten „My brain is in town“ – wörtlich „Mein Hirn ist in der Stadt“. Und das war typischerweise der Startschuss für fruchtbare mathematische Zusammenarbeit.

Ich habe jetzt zwei Mal die Gelegenheit gehabt, vor Ort über die Lindauer Nobelpreisträgertreffen zu bloggen (2010 und 2012); da liegt die Frage nahe, was denn nun beim Heidelberg Laureate Forum anders und was ähnlich sein wird. Ein Unterschied hängt direkt mit dem Erdős-Zitat zusammen. Lädt man Mathematiker ein (in einer Reihe von Fällen gilt das auch für Informatiker), dann bringen die betreffenden Forscher ihr Werkzeug gleich so gut wie vollständig mit: ihre Hirne.

Natürlich brauchen auch gute Physiker, Chemiker, Biologen und medizinische Forscher erstklassige Gehirne. Aber zusätzlich brauchen sie eben noch anderes (einige Theoretiker ausgenommen): Daten (eigene oder die von anderen) und ihr Labor samt Ausrüstung. Bei der Tätigkeit, mit denen diese Wissenschaftler unser Wissen vermehren, spielen diese zusätzlichen Ingredienzien eine Schlüsselrolle. Und bei einer Einladung wird der Wissenschaftler sie in der Regel nicht mitbringen. Das ist für mich einer der aufregenden Aspekte des HLF. Ab dem 22. September werden eine ganze Reihe (zusätzlicher) interessanter Hirne in der Stadt sein.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online [http://www.einstein-online.info]. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie [http://www.haus-der-astronomie.de] leitet, ein neues Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ein guter Titel und ein Ausspruch, der vielleicht mehr in sich hat als man zuerst denkt: „Mein Hirn ist in der Stadt“. Damit kann ja nur gemeint sein, dass das Hirn des Sprechers etwas bewegen kann in dieser Stadt. Und zwar nur durch denken, durch nachdenken.
    Projekte wie das „Human Brain Project“ haben ja das Hirn als „Last Frontier“ oder mindestens als The Next Frontier Is Inside Your Brain auf die Themenliste gebracht. Ob bildgebende Verfahren und Hirnsimulationen in den nächsten 10 Jahren aber das menschlichen Denkens entschlüsseln können ist höchst fraglich und ungewiss.

    Was das symbolische Denken überhaupt ausmacht lässt sich aber vielleicht gerade an den Arbeiten der formalen Wissenschaften ausmachen. Offensichtlich gehört eben mehr dazu, als die schliesslich veröffentlichten wissenschaftlichen Artikel. Das, nämlich viele papers zu veröffentlichen, mag zwar eine hohe Erdös-Zahl einbringen aber es erklärt nicht wie Mathematiker wie Erös überhaupt zu ihren Gedanken kommen und was das Wesen dieser Gedanken ist.

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