Spielen Sportarten Gehirnerschütterungen herunter?

Posttraumatische Kopfschmerzen finden erneut Aufmerksamkeit. Fraglich, ob das wirklich Auswirkungen hat. Eine Fußballstatistik könnte dies nun offenbaren.

Über 200 Tage ist eine neue Fifa-Regel in Kraft – die Drei-Minuten-Pause. Sie könnte belegen, dass die Welt des Sports die Bedeutung von Gehirnerschütterungen herunterspielt. Diesen Vorwurf macht ihr zumindest Daniel Newman.

Auswirkungen posttraumatischer Kopfschmerzen ins Bild gesetzt

Daniel ist ein passionierter Mensch. Solche sucht Nikon für den Wettbewerb „I Am Generation Image“. Menschen, die eine ergreifende Geschichte ins Bild zu setzen wissen. Wer wirklich passioniert ist – und wer möchte das nicht sein oder zumindest so wirken –, der kann für seine Geschichte unmöglich ein Handy nutzen. Soweit die Marketing-Botschaft von Nikon. Um die geht es jetzt nicht.

Daniel Newman hat gewonnen. Seine Geschichte ist die seines jüngeren Bruders Eric und dessen verlorenen Kampfs mit den Auswirkungen posttraumatischer Kopfschmerzen, die einer Migräne ähneln.

iamgenerationimage

Vor eineinhalb Jahren erlitt mein jüngerer Bruder seine siebte Gehirnerschütterung im Sport. Sein Schädeltrauma hinterließ ihm eine behindernde Migräne, Schwierigkeiten beim Lesen und Gedächtnisprobleme, die trotz eines ausgedehnten Krankenhausbesuches noch stark sein soziales Leben und sein Studium als Medizinstudent beeinträchtigen. Das eigentliche Problem ist nicht konkret die Verletzungen meines Bruders, sondern die Kultur in der Welt des Sports, die die Bedeutung der Gehirnerschütterungen herunterspielt. Wenn seine vorangegangenen Gehirnerschütterungen ernst genommen worden wären und Trainer ihn nicht gedrängt hätten, weiterzuspielen, hätten sich seine Symptome niemals so verstärkt. Auf diesem Foto wird demonstriert, wie der Arzt eine Nervenblockade verabreicht. Mein Bruder bekam die eigentliche Behandlung später an diesem Tag; leider hat sie, wie alle anderen Behandlungen, die er erhielt, nicht seine Symptome gelindert. Ich hoffe, dieser Wettbewerb gibt mir die Möglichkeit, die Öffentlichkeit über die invalidisierende Art der Gehirnerschütterungen und Migräne aufzuklären.

(Daniel Newman, [Hervorhebung und Übersetzung: M.A.D.])

Ich folge Daniel Newman schon länger auf Twitter und habe selber auch schon drei vier Beiträge zu diesem Thema geschrieben:

Die wahrscheinlichste Erkrankung von Daniels Bruder Eric ist nicht Migräne sondern eine chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE). CTE weist ein migräneähnliches Krankheitsbild auf, gehört aber zu den sogenannten Tauopathien, d.h. es ist eine neurodegenerative Krankheit, die durch die Ansammlung des Tau-Proteins im Gehirn gekennzeichnet ist, genau wie auch die Alzheimer-Krankheit. Eric könnte aber auch eine Migräne haben, die sich durch Gehirnerschütterungen verschlimmert hat und sich danach schlechter behandeln lässt.1

Das Problem, das Daniel in den Zitat oben anspricht, kennen wir noch von der Fußballweltmeisterschaft. Christoph Kramer, nachdem er mit Gehirnerschütterung einige Minuten weiterspielte, fragte den Schiedsrichter: „Schiedsrichter, ist das das Finale?”

Die (bisher ungenutzte?) Drei-Minuten-Pause

Eine direkte Konsequenz war, dass am 18. September letzten Jahres eine neue Uefa-Regel zum Tragen kam. Der Fußballweltverband Fifa zog wenige Tage später der Uefa nach. Nämlich dass Schiedsrichter nun für drei Minuten ein Spiel jeweils unterbrechen können und der Teamarzt so mehr Zeit hat, eine richtige Entscheidung zu treffen. Ob davon bisher überhaupt Gebrauch gemacht wurde, weiß ich nicht. Eine Folge wären dann deutlich längere Nachspielzeiten. Davon habe ich nichts bemerkt, schaue aber auch sehr wenig Fußball.

Wenn ein Abwehrspieler aus der Heimmannschaft ein 3:4 durch einen Hackentrick nach einer Ecke von Links in der 89 Minute ausgleicht, wirft der Reporter sofort ein: Wahnsinn, das letzte mal kam so etwas bei einem Regionalliga-Spiel 1971 vor (oder so ähnlich …).

Eine sinnvolle Statistik für einen Sportjournalisten wäre es nun, die Nutzung dieser neuen Möglichkeit zur Drei-Minuten-Pause in den letzten gut 200 Tagen zu analysieren. Dann hätte man einen ersten Beleg, ob zumindest im Fußball die Bedeutung von Gehirnerschütterungen nicht mehr heruntergespielt wird.

Die bisherige Regel zur Drei-Minuten-Pause ist aber so oder so unzureichend. Um Spätfolgen wirklich zu verhindern, müssen die Spieler vom Platz. Deswegen ist es notwendig einen unabhängigen Arzt am Spielfeldrand einzusetzen und die Anzahl der Auswechselspieler zu erhöhen.

Für Eric ist es zu spät.

 

Literatur

1 Seifert TD. Sports concussion and associated post-traumatic headache., Headache. (2013) 53:726-36. doi:10.1111/head.12087

 

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin, am Massachusetts General Hospital und an der TU Dortmund. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Gestern Abend war das DFB-Pokal Halbfinalspiel zwischen Bayern und Dortmund. Gegen Ende der Verlängerung hat der dortmunder Torhüter den Bayernstürmer Lewandowski bei einer Abwehraktion mit einer Hand am Kopf getroffen. Daraufhin brach dieser zusammen und wurde von den Mannschaftsärzten vom Platz gebracht, das Spiel lief ohne große Unterbrechnung ( keine drei Minuten, ich meine nicht mal eine ) weiter. Am Spielfeldrand wurde Lewandowski kurz von den Ärzten behandelt, stand auf und ging Richtung Auswechselbank. Dabei hatte er ernsthafte Probleme auf den Beinen zu bleiben und fasste sich andauernd mit beiden Händen gegen den Kopf. Als er an der Bank ankam, wurde er wieder ins Spiel genommen und schwankte dann die restlichen fünf Minuten des Spiels über das Spielfeld, er hatte dabei weiterhin Probleme geradeaus zu gehen und hielt sich fast durchgehend den Kopf. Zum anschliesenden Elfemterschiessen musste er dann zum Glück nicht mehr aufs Feld.

    Zu der Situation, als er wieder aufs Feld kam:
    – Die Bayern hatten ihr kompletes Wechselkontingent ausgeschöpft, sie wären also nur noch zu zehnt gewesen, wenn Lewandowski draussen geblieben wäre ( Wie der BVB überigens auch, der seit etwa fünf Minuten wegen einem Platzverweis zu zehnt spielte ).
    – Wer ihn aufs Feld geschickt hat ist unklar. Ob es eine Anweisung des Trainerstabs war oder seine eigenen Entscheidung war nicht zu erkennen, auch nicht wie die Einschätzung der Bayernärzte war.
    – Die Schiedsrichter, insbesondere der vierte Offizielle entscheiden wann ( und ich glaube auch ob ) ein Spieler nach Behandlungspause wieder auf den Platz darf.

    Nach dem Spiel wurde Lewandowski mit Verdacht auf Gehirnerschütterung ins Krankenhaus gebracht.

    Das mal weitestgehend unkommentiert als aktuelles Beispiel.

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