Medizinisch unverantwortlich: Lewandowski spielt mit klaren Verdacht auf Gehirnerschütterung weiter

Aus meiner Sicht ist das medizinisch unverantwortlich: Robert Lewandowski erlitt eine Gehirnerschütterung (und einen Kieferbruch*), spielte jedoch die letzten Minuten zu Ende und kam erst nach Spielende umgehend zur weiteren Behandlung in ein Krankenhaus. Das berichtet der Kicker.

Den folgenden Kommentar bekam ich vor 30 Minuten zu meinem vorletzten Beitrag. Es geht um das gestrige DFB-Pokal Halbfinalspiel zwischen Bayern und Dortmund und einen Verdacht auf Gehirnerschütterung. Ich habe das Spiel auch gesehen und die Beobachtungen in dem Kommentar decken sich mit meinen.

Vorab: nachdem ich mittlerweile vier Beiträge zum Thema schrieb (die alle hier verlinkt sind), habe ich die Vereine der ersten Bundesliga sowie den Deutscher Fußball-Bund letzte Woche zum Thema Gehirnerschütterungen angeschrieben. Bisher habe ich nur eine handvoll Antworten bekommen. Diese ersten Stellugsnahmen bestärken allerdings meinen Eindruck: Gehirnerschütterungen werden bisher nicht ernst genug genommen. Das wäre medizinisch unverantwortlich.

Gestern Abend war das DFB-Pokal Halbfinalspiel zwischen Bayern und Dortmund. Gegen Ende der Verlängerung hat der dortmunder Torhüter den Bayernstürmer Lewandowski bei einer Abwehraktion mit einer Hand am Kopf getroffen. Daraufhin brach dieser zusammen und wurde von den Mannschaftsärzten vom Platz gebracht, das Spiel lief ohne große Unterbrechnung ( keine drei Minuten, ich meine nicht mal eine ) weiter. Am Spielfeldrand wurde Lewandowski kurz von den Ärzten behandelt, stand auf und ging Richtung Auswechselbank. Dabei hatte er ernsthafte Probleme auf den Beinen zu bleiben und fasste sich andauernd mit beiden Händen gegen den Kopf. Als er an der Bank ankam, wurde er wieder ins Spiel genommen und schwankte dann die restlichen fünf Minuten des Spiels über das Spielfeld, er hatte dabei weiterhin Probleme geradeaus zu gehen und hielt sich fast durchgehend den Kopf. Zum anschliesenden Elfemterschiessen musste er dann zum Glück nicht mehr aufs Feld.

Zu der Situation, als er wieder aufs Feld kam:
– Die Bayern hatten ihr kompletes Wechselkontingent ausgeschöpft, sie wären also nur noch zu zehnt gewesen, wenn Lewandowski draussen geblieben wäre ( Wie der BVB überigens auch, der seit etwa fünf Minuten wegen einem Platzverweis zu zehnt spielte ).
– Wer ihn aufs Feld geschickt hat ist unklar. Ob es eine Anweisung des Trainerstabs war oder seine eigenen Entscheidung war nicht zu erkennen, auch nicht wie die Einschätzung der Bayernärzte war.
– Die Schiedsrichter, insbesondere der vierte Offizielle entscheiden wann ( und ich glaube auch ob ) ein Spieler nach Behandlungspause wieder auf den Platz darf.

Nach dem Spiel wurde Lewandowski mit Verdacht auf Gehirnerschütterung ins Krankenhaus gebracht.

Das mal weitestgehend unkommentiert als aktuelles Beispiel.

(Oliver Bogdanski)

 

Fußnote

* aktualisierter Nachtrag um 13:10

Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

7 Kommentare

  1. Es gab übrigens noch eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so krasse Situation mit Neuer und Benatia, ich glaube irgendwann in der zweiten Hälfte. Neuer und Benatia prallen beim Versuch den gleichen Ball abzuwehren aneinander, ebenfalls Hand gegen Kopf, Benatia bleibt liegen. Anschliesend wird er kurz auf dem Spielfeld behandelt und spielt, anfangs benommen, weiter. Mir fehlt der Background um hier eine seriöse Einschätzung abzugeben, ein komisches Gefühl hat diese Situation bei mir aber hinterlassen.

    Und das die Medien das so gut wie gar nicht thematisieren ist ja auch noch so eine Sache.

    • Das Problem ist, dass erneute Verletzungen hinzukommen können. Würde zweimal (oder noch öfter) kurz hintereinander eine Gehirnerschütterung auftreten, kann der Schaden nochmal potenziert werden.

  2. Jetzt auch vom FCB bestäigt:

    “Und auch Robert Lewandowski … hat sich schwer verletzt. Der Pole erlitt am Dienstagabend neben einer Gehirnerschütterung einen Bruch des Nasenbeins und des Oberkiefers.”

    Wirklich unverantwortlich, dass er damit nicht sofort vom Platz genommen wurde. Vielleicht sollte man einen “neutralen” Arzt als Teil des Schiedsrichterteams einführen, der die Entscheidung über medizinisch zwingend notwendige Auswechslungen treffen kann.

    http://www.fcbayern.de/de/news/news/2015/diagnosen-robben-lewandowski-thiago-nach-pokal-halbfinale-290415.php

  3. Pingback:Schutz vor Gehirnerschütterung – was die Bundesliga sagt › Graue Substanz › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  4. Nur ein Hinweis auf nur ein Beispiel: Günther Oettinger spielt mit klarem Verdacht auf Unzurechnungsfähigkeit ebenfalls weiter. In einer höheren Liga.

    Und ich darf vermuten und Ihnen versprechen, dass das das weitaus größere Problem ist. Was sagen Neurowissenschaftler eigentlich dazu? Das wäre mal ein dringendes, spannendes und relevantes Forschungsprojekt.

      • “Und dass [das] das weitaus größere Problem ist, bedeutet was? Das ich darüber schreiben soll?”

        Ja, unbedingt!

        Jemand mit Expertise sollte das wissenschaftlich beleuchten. Der gewöhnliche Bürger kann das nicht. Was spricht dagegen, dass Sie der erste wären? Dass hier eine psychische Störung, eine Pathologie u.v.a. vorliegt, steht ja mittlerweile außer Diskussion.

        Es sollte doch mit den fortgeschrittenen Methoden und Werkzeugen der mathematischen Neurologie möglich sein, nachzuweisen, dass es sich, nur als Beispiel, bei Oettinger um einen bestimmten Standardtypus handelt, der sich gut parametrisieren läßt. Während jemand wie Lewandowski eher komplexer erscheint, weil er, im Gegensatz zu Pofalla, tatsächlich etwas “kann”, und sei es auch nur Fußballspielen.

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