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Warum landen so viele Lebensmittel im Müll?

Ein beträchtlicher Teil aller produzierter Nahrung landet nicht etwa im Magen, sondern ganz woanders – nicht selten im Abfall. Warum eigentlich, und muss das wirklich sein?

Das Thema hängt ebenso untrennbar mit Mode und Kultur zusammen wie mit Finanzmärkten und Verfahrenstechnik. Unser Essen kommt nicht direkt vom Feld in unsere Töpfe, sondern durchläuft eine Folge von Stationen, die Lebensmittel zu dem machen, was sie heute sind: Eine leicht zugängliche, billige, sichere und vielfältige Ware. Man kann das nicht hoch genug schätzen.

Der Verlust beträchtlicher Mengen Nahrung ist der Preis dafür. Das ist ein Teil der Antwort. Grundsätzlich brauchen wir einen gewissen Überschuss an Lebensmitteln, um Schwankungen abzupuffern. Dann besteht das System, das die Lebensmittel zu uns bringt – die Food Supply Chain – aus fünf Segmenten, die ein Lebensmittel vom Acker bis in den Magen durchlaufen kann: Ernte, Transport und Lagerung, Verarbeitung, Handel, Verbrauch. Auf jeder Stufe gibt es verschiedene Arten von Verlusten. Ein bisschen Schwund ist immer.

Du bist schuld!

In den Industrieländern sind Handel und Endverbraucher für den größten Teil der verlorenen Lebensmittel verantwortlich. Verluste auf diesen beiden letzten Stufen bezeichnet man im engeren Sinne als Lebensmittelverschwendung (food waste). In Deutschland erfasste eine große Untersuchung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aus dem Jahr 2011 diesen Bereich – sehr lesenswert, wenn ihr mal Zeit für 500 Seiten habt. Demnach gehen hier pro Jahr 8,8 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll, davon entfallen auf Privathaushalte 71 Prozent (etwas über 80 Kilogramm pro Person) und den Einzelhandel etwa 9 Prozent. Der Rest fällt in der Gastronomie an.

In ärmeren Ländern dagegen sind es meist die Tücken der (oft unzulänglichen) Technik und Organisation in Ernte, Nachernte und Verarbeitung, durch die Nahrung unbrauchbar wird. Diesen Schwund in den ersten drei Stufen der Verwertung nennt man Lebensmittelverluste (food loss).

Rationale Verschwendung

Ich bin mit dem Begriff „Lebensmittelverschwendung“ nicht glücklich. Die implizite moralische Wertung darin mag mir nicht so richtig schmecken, weil es auch hier meist rationale und nachvollziehbare Gründe sind, aus denen wir prinzipiell essbare Nahrung wegwerfen. Möglich wird das dadurch, dass wir das Essen einfach sehr günstig nachkaufen können. Daher stammt die oft gehörte These, Lebensmittel seien „zu billig“. Da wäre ich im Hinblick auf den gesellschaftlichen Frieden vorsichtig mit.

Außerdem ist bei näherer Betrachtung nicht eindeutig, was wir gewinnen, wenn wir diese Verluste wirklich reduzieren. Ich halte nicht viel von Rechenspielchen nach dem Motto: Wenn wir in Europa nur noch die Hälfte wegwerfen, dann können davon soundso viele Hungernde irgendwo in anderen Weltgegenden leben. Die Sachen, die wir dann nicht wegwerfen, füllen nicht plötzlich die Mägen von Hungernden, und die geringere Nachfrage heißt nicht automatisch, dass das überschüssige Ackerland nicht mehr bewirtschaftet wird. Ich habe die Ökonomiebloggerin 700Sachen von Beyond Milchmädchen gefragt, was bei deutlich weniger Lebensmittelverschwendung tatsächlich passieren würde. Kurz gesagt, es ist kompliziert.

Zurück zur ursprünglichen Frage. Die ist vielschichtig genug. Einen brauchbaren globalen Überblick über das Problem bietet die 2011 von der FAO in Auftrag gegebene Übersicht von Jenny Gustavsson und ihrer Arbeitsgruppe. Die meisten neueren Studien beziehen sich darauf, aber das ändert nichts daran, dass die Daten besonders außerhalb der Industrieländer sehr lückenhaft sind. Sicher ist aber, dass immens viel verloren geht. In den USA werfen Haushalte und Gastronomie allein 42 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr weg, in Deutschland wandern in dem Sektor etwa acht Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll.

Global sieht man einen deutlichen Unterschied zwischen Arm und Reich. In den Industrieländern sind die meisten Verluste einkalkuliert: Sie sind entweder unvermeidbar oder sie zu vermeiden kollidiert mit anderen, höheren Prioritäten wie Wirtschaftlichkeit oder ästhetischen Ansprüchen. In vielen ärmeren Ländern gehen Verluste vor allem auf ungünstige Rahmenbedingungen zurück, zum Beispiel schlechte Infrastruktur oder fehlende Technisierung.

Ernte

Direkt auf den Feld gehen Lebensmittel durch Erntemaschinen oder einfaches Verschütten verloren, aber auch weil im Prinzip verzehrbare Lebensmittel direkt nach der Ernte wieder aussortiert werden – sie entsprechen zum Beispiel nicht den Standards der Industrie oder gehen in die Biokraftstoff-Produktion. Marktmechanismen sorgen vor allem in den Industrieländern dafür, dass mehr Lebensmittel erzeugt werden als der Markt aufnimmt. Manche Bauern und Abnehmer vereinbaren zum Beispiel schon lange im Voraus Abnahmemengen und Preise (Contract Farming), um das Risiko zu reduzieren und langfristig planen zu können. Die Erzeuger bauen dann etwas mehr an, um natürliche Schwankungen im Ertrag auszugleichen – oft ist die Menge dann ein bisschen großer als vereinbart. Die Differenz verkaufen sie anderweitig, zum Beispiel als Tierfutter.

Bild: Lars Fischer

Bild: Lars Fischer

In weniger industrialisierten Ländern sind dagegen ungeplante Verluste während und nach der Ernte das größere Problem. Viel Getreide geht dadurch verloren, dass Dreschen, Trocknen und andere Arbeitsschritte in einigen Weltregionen „traditionell“ mit einfachen Werkzeugen und unter schlechten Bedingungen ablaufen.

Wie viel direkt hier verloren geht, schwankt sehr stark nach Produktgruppe und Region: In Europa gehen nur zwei Prozent des Getreides bei der Ernte verloren, aber je 20 Prozent Kartoffeln und Gemüse. Im subsaharischen Afrika verliert man zwar drei mal so viel Getreide, dafür aber nur halb so viel Obst und ein Drittel weniger Kartoffeln. Das liegt unter anderem daran, dass dort Lebensmittel in den Verzehr gelangen, die in Europa nicht ebenmäßig genug für den Handel wären.

Lagerung und Transport nach der Ernte

Typische Gründe für Nachernteverluste sind Verderb durch Feuchtigkeit, Wärme oder Verzögerungen beim Transport leicht verderblicher Waren: Getreide und besonders Obst und Gemüse sind bei falscher Lagerung anfällig für Schimmel und Schädlinge. In den Industrieländern sind diese Verluste wegen der industrialisierten Produktion und den hohen technischen Standards kein so großes Problem, in den weniger industrialisierten Ländern gehen auf diesem Wege erhebliche Teile der Produktion verloren. In Deutschland gehen durch Verderb und andere Ursachen zum Beispiel 3,3 Prozent des Weizens und 11 Prozent der Äpfel verloren.

Verarbeitung

Viele Lebensmittel werden industriell verarbeitet,dabei verursacht der Prozess selbst Verluste. Es lohnt sich oft finanziell nicht, bei Verarbeitung und Portionierung anfallende Reste – zum Beispiel beim Zuschnitt von Fleisch – einzusammeln und weiterzuverwenden: Wegwerfen ist meist billiger. Unwirtschaftlich ist das vor allem deswegen, weil der Anteil dieses Ausschusses so gering ist. In Deutschland sind das je nach Produktgrupe Zehntelprozent oder auch mal zwei, drei Prozent der Gesamtmenge der verarbeiteten Produkte. Die BmELV-Studie nennt eine Gesamtsumme von 1,85 Millionen Tonnen im Jahr.

Lebensmittelverluste in Handel und Verbrauch in Deutschland, Medianwerte der 2012 vorliegenden Studien. Aus: Ermittlung der weggeworfenen Lebensmittelmengen und Vorschläge zur Verminderung der Wegwerfrate bei Lebensmitteln in Deutschland, Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft, Stuttgart 2012

Lebensmittelverluste in Handel und Verbrauch in Deutschland, Medianwerte der 2012 vorliegenden Studien.
Aus: Ermittlung der weggeworfenen Lebensmittelmengen und Vorschläge zur Verminderung der Wegwerfrate bei Lebensmitteln in Deutschland, Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft, Stuttgart 2012

Genauso ist es mit Lebensmitteln, die durch Produktionsfehler falsch portioniert oder verpackt sind. Auch hier gilt, der zusätzliche Aufwand, diese ohne Probleme verwendbaren Nahrungsmittel noch zu verwerten, ist zu groß. Allein ein Drittel der Lebensmittelverluste in der deutschen Industrie geht allerdings darauf zurück, dass so genannte Rückstellmuster zur Qualitätssicherung gebildet werden. Das heißt, man hält einen Teil der Produktion zurück und guckt, ob sie den Standards entsprechen, ob sie bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum frisch bleiben und dergleichen.

In den weniger industrialisierten Ländern sind die Probleme anders gelagert, zum Beispiel kommt es vor, dass irgendwo in der Prozesskette die minimalen Sicherheits- und Hygienestandards nicht eingehalten werden – sei es durch Unwissenheit oder technische Probleme. Es kann auch passieren, dass zu bestimmten Stoßzeiten nicht genug verarbeitende Betriebe vorhanden sind, um die gesamte Ernte zu verarbeiten. Da helfen im Prinzip nur Investitionen in die Infrastruktur, entweder durch den Staat oder durch einen finanzkräftigen, gut organisierten Agrarsektor.

Anteil am Obst und Gemüse, der auf vor dem Verzehr verloren geht - aufgeschlüsselt nach Region und Abschnitt der Food Supply Chain. Bild aus: Global Food Losses and Food Waste; Food and Agriculture Organization of the United Nations, Rome 2011

Anteil am Obst und Gemüse, der vor dem Verzehr verloren geht – aufgeschlüsselt nach Region und Abschnitt der Food Supply Chain.
Bild aus: Global Food Losses and Food Waste; Food and Agriculture Organization of the United Nations, Rome 2011

Wie stark sich industrialisierte und nicht industrialisierte Länder hier unterscheiden, sieht man bei Obst und Gemüse einerseits und bei Milch andererseits in den Zahlen des FAO. In Europa geht auf dieser Stufe zehn mal so viel Milch verloren wie im subsaharischen Afrika, während bei Obst und Gemüse das Verhältnis genau umgekehrt ist.

Handel

Der Supermarkt um die Ecke wirft Lebensmittel aus verschiedenen Gründen weg, und keineswegs nur wegen Verderb. Die meisten von uns erwarten nicht nur, dass sie Lebensmittel in ihrer Nähe bekommen, sondern auch eine große Auswahl bei Brot und Obst. Die Waren müssen nicht nur zuverlässig frisch und lecker sein, sondern auch so aussehen, und nicht zuletzt wollen wir all das auch (aus vollen Regalen!) bekommen, wenn wir kurz vor Ladenschluss noch einkaufen gehen.

Das führt dazu, dass zum Beispiel bis zu sieben Prozent mehr Brot gebacken als verkauft wird, dass noch essbare Lebensmittel weggeschmissen werden, weil sie die Anforderungen ans Aussehen nicht mehr erfüllen und andersherum Lebensmittel überbestellt werden. In den industrialisierten Ländern machen Einzelhandel und Verbraucher, also wir und unsere Dealer, nahezu die Hälfte der Lebensmittelverluste aus.

Eigentlich sollte man erwarten, dass es zumindest in Deutschland relativ verlässliche Zahlen gibt, wie viele Lebensmittel im Einzelhandel weggeworfen werden. Das stimmt aber nicht. Die BmELV-Studie zitiert innerhalb von zwei Seiten drei Zahlen zwischen 300.000 und 800.000 Tonnen Lebensmittelabfälle im deutschen Einzelhandel pro Jahr. Das ist so grob im Bereich von fünf bis zehn Prozent der Menge, die Haushalte so wegwerfen. Etwa 40 Prozent davon sollen nach Angaben eines Brancheninstituts an Tafeln gehen.

Verbrauch

Laut FAO werfen Konsumentinnen und Konsumenten in Europa und Nordamerika jährlich pro Kopf etwa 95 bis 115 Kilogramm Lebensmittel weg. In Südamerika und dem subsaharischen Afrika sind es nur 6 bis 11 Kilogramm. Das ist der Unterschied zwischen zwei Scheiben Schinken und drei Packungen am Tag.

Anteil der Verbraucher an Lebensmittelverlusten - aufgeschlüsselt nach Region. Bild aus: Global Food Losses and Food Waste; Food and Agriculture Organization of the United Nations, Rome 2011

Anteil der Verbraucher an Lebensmittelverlusten – aufgeschlüsselt nach Region.
Aus: Global Food Losses and Food Waste; Food and Agriculture Organization of the United Nations, Rome 2011

Weshalb die Haushalte in den Industrieländern so viel mehr Lebensmittel wegwerfen (laut BmELV-Studie in Deutschland 7,6 Millionen Tonnen im Jahr), können wir ganz gut an uns selbst erforschen. Ein ganz wesentlicher Punkt ist das Haltbarkeitsdatum – „abgelaufene“ Lebensmittel fliegen bei vielen Leuten selbst originalverpackt aus dem Kühlschrank, obwohl sie noch gut wären. Ich wiederum werfe hauptsächlich Sachen weg, weil die gekauften Portionen für mich einfach zu groß waren, und auch damit bin ich in bester Gesellschaft. Ein anderer Punkt ist, dass Teile der zubereiteten Mahlzeiten in den Müll wandern – hier hängt es tatsächlich vom Lebensmittel ab, was ich (und andere Menschen) aufbewahre. Ein gebratenes Stück Fleisch isst man am nächsten Tag auf Brot, zu viel gekochten Reis oder so kippt man eher weg.

Ihr werdet ähnliche Geschichten erzählen können – in letzter Konsequenz sind den meisten Menschen hierzulande Sachen wie Flexibilität, Bequemlichkeit und Sicherheit viel wichtiger als möglichst effiziente Ressourcennutzung. Ökonomische Studien deuten darauf hin, dass wir dabei ziemlich rational vorgehen. Lebensmittelverschwendung auf Konsumentenebene hängt deswegen stark mit den Lebensmittelpreisen zusammen: Je teurer der Kram ist, desto weniger werfen wir weg.

Einige wichtige Muster zeichnen sich deutlich ab. So prägt sich in den Industrieländern die Präferenz von Kundinnen und Kunden für möglichst ebenmäßige Lebensmittel durch die gesamte Versorgungskette bis zur Ernte durch: Bereits dort werden Feldfrüchte, die nicht den vom Einzelhandel gesetzten Normen entsprechen, abgezweigt und an Tiere verfüttert. Als Konsequenz fällt hierzulande der hohe Anteil der Ernte an den Verlusten auf – das betrifft alle Produktgruppen außer Getreide und Fleisch, die sehr effektiv industriell produziert werden.

Gründe, aus denen Verbraucher bereits gekaufte Lebensmittel wegwerfen. Aus: Ermittlung der weggeworfenen Lebensmittelmengen und Vorschläge zur Verminderung der Wegwerfrate bei Lebensmitteln in Deutschland, Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft, Stuttgart 2012

Gründe, aus denen Verbraucher bereits gekaufte Lebensmittel wegwerfen. Aus: Ermittlung der weggeworfenen Lebensmittelmengen und Vorschläge zur Verminderung der Wegwerfrate bei Lebensmitteln in Deutschland, Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft, Stuttgart 2012

Was sagen die Zahlen wirklich über weggeworfene Lebensmittel?

Ein weiterer wesentlicher Posten beim Lebensmittelverlust auf Verbraucherebene ist auswärts essen. Ich habe das vor der Recherche ganz erheblich unterschätzt. Dabei geht es nämlich nicht um den gelegentlichen Besuch in Restaurants, sondern vor allem um Firmenkantinen, Krankenhäuser, Schulen… Eben alle Arten von Großküchen, und die werfen enorm viel weg. Mitarbeiter in solchen Einrichtungen können davon ein Lied singen, und die Zahlen aus der Forschung bestätigen das. Die vom Ministerium in Aufrag gegebene Studie zitiert aus Papers, die auf im Schnitt 151 Gramm und 175 Gramm Lebensmittelabfälle pro ausgegebener Portion kommen, im Jahr 1994 für alle Großküchen in Deutschland insgesamt 1,6 Millionen Tonnen.

Es ist praktisch unmöglich, aus den Daten ein schlüssiges Gesamtbild zu entwerfen. Ein beträchtlicher Teil der Daten ist aus Bruchstücken hochgerechnet, und selbst ganz grundlegende Zahlen kann man oft nicht miteinander vergleichen. Studien betrachten oft sehr unterschiedliche Dinge. Wie zum Beispiel definiert man Lebensmittelverlust? Meint man nur ungeplanten Schwund, oder fallen darunter auch potenzielle Lebensmittel, die aber zum Beispiel als Tierfutter oder Ausgangsmaterial für Bioethanol abgezweigt werden?

Das ist mehr als nur eine reine Definitionsfrage, sondern durchaus eine von politischer Relevanz. Nachfrage nach Mais für Bioethanol führte zum Beispiel in Mexiko zu den „Tortilla riots“. Im Bezug auf Nahrungssicherheit kann man diese Verwertung als Verlust rechnen – oder eben nicht. Die FAO tut das zum Beispiel.

Das wichtigste Problem ist, dass Lebensmittel nicht gleich Lebensmittel ist. Die verschiedenen Produktgruppen haben unterschiedliche Flächenerträge, verbrauchen unterschiedliche Wasser- und Energiemengen und enthalten unterschiedlich viele Kalorien. Entsprechend fehlen bei reinen Massenangaben sehr viele Informationen über das tatsächliche Ausmaß der Verluste.

Es gibt Studien, die das zu erfassen suchen, aber die kann man mit den anderen Daten dann wieder nicht einfach vergleichen. Zum Beispiel gibt es einerseits Veröffentlichungen, in denen Lebensmittelverluste einfach pauschal in Tonnen oder US-Dollar angegeben werden, andere Gruppen rechnen sowas in Kilokalorien, Wasserverbrauch oder Kohlendioxidausstoß. Viel Spaß beim Umrechnen.

Das Spaghetti-Problem

Auch von Produkt zu Produkt gibt immense Unterschiede. Die FAO zitiert als Beispiel Getreideprodukte und Kartoffeln in den Industrieländern. Bei ersteren werfen tatsächlich allein die Verbraucher die Hälfte weg, Kartoffeln dagegen verrotten vor allem auf dem Feld. Jedes Produkt hat seine eigenen Besonderheiten, die Verluste in Landwirtschaft, Industrie und Privathaushalt beeinflussen – und damit natürlich auch, wie man diese Verluste bewertet.

Und dann ist da das Spaghetti-Problem: Es ist praktisch unmöglich, eine einzelne Teilfrage für sich alleine aufzurollen. Man guckt sich die Ursachen für Lebensmittelverluste in den Landwirtschaft an und ist ganz schnell bei massenmedial vermittelten Normen und Idealen, oder man stellt fest, dass eine Bankenkrise in manchen Ländern Gemüse im Lager verderben lässt. Die Tomatensoße dabei ist die Globalisierung – überall mit dabei und jederzeit bereit, eine Sauerei auf der weißen Weste anzurichten. Wenn wir zum Beispiel nicht mehr die Hälfte des Essens wegwerfen, müssen wir nur noch halb so viel kaufen, und ruinieren womöglich ganze Regionen.

Andersherum können vernetztere Märkte dazu führen, dass lokale Ungleichgewichte zwischen Produktion, Verarbeitungskapazität und Nachfrage seltener zu Verlusten führen oder dass in weniger entwickelten Ländern mehr Geld für bessere Infrastruktur im Agrarsektor vorhanden ist. Lebensmittel betreffen alle Teile menschlicher Gesellschaften. Man kann in der heutigen Welt schlicht nicht vorhersehen, wohin die Soße spritzt, wenn man an einer Nudel zieht.

(Dank an Nadine Englhart, Frank Wunderlich-Pfeiffer, Barney vom Seewolf und 700Sachen)

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das mit den gewünscht vollen Brotregalen kurz vor Ladenschluß scheint mir ein Mythos zu sein , im Kaufland hauen sie die verbliebenen Reste am Schluß deutlich billiger raus, stören tuts niemand , im Gegenteil , manche gehen genau deshalb hin.
    „Verkrüppeltes“ Gemüse , Wurst u.ä. wird aber wohl wirklich vom Verbraucher nicht so gern gesehen , das hat mir mal eine Wurstverkäuferin bestätigt , die überrascht war , weil es mir egal war , wie die gekaufte Wurst aussah , was wiederum mich überraschte.
    Sowas ist eigentlich nur mit einer kollektiven Verhaltensstörung zu erklären , die eindeutig dem schlecht verteilten Wohlstand zuzuordnen ist.

    Seltsam auch , warum sich da nicht in großem Stil Händler finden , die z.B. Gemüse mit äußerem „Charakter“ vermarkten und zu Schleuderpreisen verticken , das ist ein Versagen des Marktes.

    • Ich vermute, weil schon bei normalem Gemüse die Margen relativ gering sind und nur durch economies of scale erreicht werden können. Dann hast du das Problem, dass du da nicht mehr auf die nötigen Mengen kommst, dass es sich lohnt.

      • Sind Sie sicher, dass die Margen bei Obst und Gemüse klein sind? Wenn ich höre, was die Obstbauern für 100 kg Ware erhalten und dann sehe, wieviel Äpfel im Supermarkt kosten, dann kann ich das kaum glauben.

  2. Das sind ja 1,5 kg pro Woche! Ich schätze, das kommt bei mir nicht im Jahr zusammen.

    Das aus der Putenkeule ausgetretene Fett, dass im Auffangbehälter verkohlt ist, das kommt weg, ansonsten verkommt bei mir fast nichts. Ich kaufe nicht über Bedarf, ich esse die Reste, ich trinke auch kalt gewordenen Kaffee, ich plane schon so dass nichts schlecht wird.

    Nun – Tomaten vom Markt, die schon angeschimmelt waren, da habe ich auch schon mal 2kg auf einmal weggeworfen, Seit dem pass ich besser auf.

  3. trick: wiegen, zählen, kompost.

    letztes jahr war ich bei gekauften nahrungsmitteln mit 2800g dabei.

    das eisfach und platzsparende verpackungen helfen sehr. meistens schmeiße ich gekauftes obst weg. selbst geerntetes findet seinen weg irgendwie besser in meinen bauch.

    liebstes resteessen: pizza. irgendwann machst du den teig im schlaf. mit einem viertel dinkelvollkorn schmeckt das blöde 405er richtig gut.

    quantify for the win – and for the fun of it!

    .~.

  4. „Warum …?“

    Weil die Profitler dieser heuchlerisch-verlogenen und manipulativ-schwankenden Welt- und „Werteordnung“ noch nicht genug Gentechnik in den Markt bringen konnten, damit sie mehr Zeit haben um den zu finden, der die Frage „Wer soll das bezahlen?“ gewinnbringend beantwortet, bis …!?

  5. Pingback: Lesestoff für Sonntag, 30. Oktober 2016 mit 32 Artikeln - Der Webanhalter

  6. Danke für diese Zeilen im Artikel. Mich hat diese Hysterie der Medien und Politiker auch schon genervt.
    Einige Anmerkungen zum Thema:
    1. In den Tests der Stiftung Warentest haben ausgewählte Lebensmittel immer wieder das Problem, dass sie zum Ende des MHD mikrobiologisch problematisch sind. Die dort aufgeführten Bakterien oder Schimmelpilze sind aber vom Verbrauchen nicht in allen Fällen einfach so zu erkennen.
    2. Wer schon mal Probleme mit Salmonellen hatte (ich kenne das von Bekannten), der wird mit dem Wegwerfen von Resten im Interesse seiner Gesundheit großzügiger)
    3. Bei uns in der Region gibt es Mülltrennung: Verpackungsmüll, Biomüll zur Kompostierung (seit diesem Jahr) und den Rest. Ich koche gerne, habe aber nicht immer die Zeit und Lust dazu. Meine Beobachtung ist: Wenn ich frische, unverarbeitete Lebensmittel kaufe und selbst zubereite, dann füllt sich meine Biotonne rasant mit den dabei entstehenden Abfällen. Wenn ich verarbeitete Lebensmittel kaufe, dann bleibt die Biotonne fast leer, wenn ich nicht auf das schon genannte Problem mit unpassender Verpackungsgröße stoße. Dafür füllt sich die Verpackungstonne.

    Ich denke nicht, dass bei diesen weggeworfenen Lebensmitteln tatsächlich ein großes Einsparpotential beim Verbraucher existiert. Dass die Folgen dieser Einsparung auch noch unklar sind, wurde ja schon im Artikel beschrieben.

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