Im Sonnenfinsternis-Fieber

Der Countdown läuft: Am 22. Juli, in nichteinmal mehr drei Wochen wird sie stattfinden, die längste totale Sonnenfinsternis des 21. Jahrhunderts. Wenn alles gutgeht und das Wetter mitspielt, dann wird es auch die erste totale Sonnenfinsternis sein, die ich erlebe. Und langsam aber sicher wird aus freudiger Erwartung Nervosität. Wird alles klappen?

Ich betreibe Astronomie zwar nun schon seit 15 Jahren, aber mit totalen Sonnenfinsternissen hatte ich bisher kein Glück: Die Finsternis über Deutschland am 11. August 1999 – ja, fast 10 Jahre ist das nun schon her – wollte ich gemeinsam mit Freunden vom Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck mit einem Kurzurlaub im Chiemgau verbinden und die Finsternis dann zusammen mit den Kollegen von Astronomie im Chiemgau e.V. (AIC) am Nordufer des Chiemsees beobachten. Doch am Tag zuvor begann es in Strömen zu regnen und uns ergriff die Panik. Für den Westen Deutschlands waren die Wetterprognosen für den nächsten Tag besser, und so teilte sich unsere Gruppe. Einige wollten am Chiemsee ausharren, aber ich schloß mich den Leuten an, die überstürzt in Richtung Karlsruhe aufbrachen, wo ein weiterer Vereinskollege Quartier bezogen hatte. In Karlsruhe angekommen, war für uns keine Unterkunft mehr zu finden. Wir beschlossen deshalb, noch etwas näher an die Zentrallinie heranzurücken und kamen schließlich in dem kleinen Städtchen Durmersheim unter, etwa 15 km südlich.

Sonnenfinsternisequipment 1999: Zwei Yashica-Spiegelreflexkameras jeweils an einem Vixen NP 80L (Fraunhofer-Refraktor 80 mm f/15) und einem Soligor Zoomobjektiv 35-140mm mit 2x Telekonverter.
 

Am nächsten Morgen bauten wir unter skeptischen Blicken außerhalb des Ortes unsere Teleskope und die Kameraausrüstung auf, denn die Wolkenlücken wurden zusehends kleiner. Und so kam es dann auch, daß die schmale Sonnensichel etwa zwei Minuten vor der Totalität von einer undurchdringlichen Wolke bedeckt wurde – und erst dann und für uns unsichtbar vom Mond. Ein Telefonat mit den Zurückgebliebenen am Chiemsee zeigte uns immerhin, daß wir mit dem Erlebten nicht alleine waren. Auch dort war es im entscheidenden Augenblick zugezogen. Wie sich später aber herausstellte, hatten andere Kameraden am Südufer des Chiemsees ein glücklicheres Händchen bei der Wahl des Standortes bewiesen, dort war die Finsternis zu sehen gewesen. Unsere Enttäuschung war allerdings groß, als der Kollege, der sich im Karlsruher Schloßpark aufgestellt hatte, eine erfolgreiche Beobachtung vermelden konnte. Für uns hieß es dagegen nur, schnellstens unsere Teleskope vor einem dicken Regenschauer in Sicherheit bringen und uns durch unzählige Kilometer Stau auf der Autobahn heimwärts zu kämpfen.

Das letze Sonnenphoto vor der Wolken-Bedeckung
 
Läßt man teure Sonnenfinsternisreisen an entlegene Orte mal außen vor, hätte sich die nächstbeste Gelegenheit wohl vor drei Jahren,am 29. März 2006, geboten. Im Rahmen von günstigen Pauschalreisen sind viele Sternfreunde damals in die Türkei oder auch nach Afrika gereist und erlebten dort fast ausnahmslos eine absolut wolkenfreie Totalität. Meine Freunde, die 1999 scheiterten, brachten allesamt Unmengen von Finsternisbildern heim. Ich selber konnte mir während der fraglichen Tage nicht freinehmen und durfte nur die partielle Phase von Hamburg aus unter ebenfalls klarem Himmel beobachten. Sonnenfinsternis-Begeisterte reisten dann im letzten Jahr nach Rußland und China, zu weit weg und deshalb zu teuer und zu aufwendig für jemanden wie mich mit einem einfachen Doktorandengehalt.
 
Aus demselben Grund würde die bevorstehende Finsternis eigentlich für mich auch nicht in Frage kommen. Als Reiseleiterin einer Sonnenfinsternisreisegruppe bekomme ich nun aber doch noch meine Chance auf mehr als sechs Minuten Totalität. So ganz nebenbei werde ich dann auch noch ein wenig von China zu sehen bekommen, von wo aus wir die Finsternis beobachten wollen. Ich bin noch nie zuvor in Asien gewesen, allein die zugehörige kleine China-Rundreise wird eine völlig neue Erfahrung für mich.

Einiges hat sich geändert seit ich mich vor 10 Jahren das letzte Mal auf die Beobachtung einer Sonnenfinsternis vorbereitet habe. Photographiert wurde damals ja noch überwiegend analog, und ich kaufte Unmengen Diafilmmaterial für meine alte schwere Spiegelreflexkamera. Die Kamera kam an meinen Refraktor, den 1,20 m langen Vixen 80L auf der New Polaris Montierung. Dazu ein Drahtauslöser, fertig. Ich hätte die 2 1/2 Minuten Totalität wohl mit emsigem Auslöserdrücken, Belichtungszeitverändern und Filmwechseln verbracht ohne die Finsternis richtig genießen zu können, wenn die böse Wolke nicht die Oberhand gewonnen hätte. Inzwischen sind Spiegelreflexkameras digital und voll über Computer fernsteuer- und programmierbar. Sie sind auch mit einem Chip kleiner als das Kleinbildformat ausgestattet (zumindest in der Preisklasse die ich mir zu leisten gewillt bin), so daß meine Refraktoren mit 1000 und 1200 mm Brennweite nicht mehr die idealen Aufnahmeoptiken darstellen.

 
Test
Sonnenfinsternisequipment 2009: Ein 90 mm f/5.6 Maksutov auf Photostativ fürs Visuelle, ein parallaktisch montiertes 500 mm Linsentele zur Photographie.

Diesesmal wird meine Sonnenfinsternis-Ausrüstung also ganz anders ausfallen, alleine schon deshalb, weil ich kein großes, sperriges Teleskop mit nach China nehmen möchte. Aber rollen wir das ganze mal von hinten auf: Auch wenn die Totalität ganze vier Minuten länger dauert als damals in Deutschland, möchte ich so wenig Zeit wie möglich mit der Kamera verbringen. Erstens weil ich als Reiseleiter dann doch das eine oder andere Auge auf die anderen Teilnehmer werfen muß, zweitens weil ich die Finsternis auch selber wirklich genießen möchte. Ein kleines Teleskop, in diesem Falle ein 90 mm Maksutov, kommt daher zum rein visuellen Beobachten bei kleinen Vergrößerungen mit.

Die Kamera soll nebenbei vollautomatisch arbeiten. Dazu gibt es Programme wie den Eclipse Orchestrator, die anhand der GPS-Position die Kontaktzeiten auf den Sekundenbruchteil genau berechnen und über vorher angefertigte Skripte passende Aufnahmeserien der Kamera steuern. Eclipse Orchestrator wurde einst für Canon-Kameras entwickelt, inzwischen können auch Nikon-Modelle angesteuert werden. Nun habe ich aber eine Pentax K10D, für die es zwar ein einfaches Remote-Control über den PC gibt, aber keinen vollwertigen Ersatz für Eclipse Orchestrator. Meine Programmierkenntnisse sind zu beschränkt um aus dem offenen Source Code für die Pentax-Steuerung selber etwas passendes zu entwickeln, also mußte eine andere Kamera her.

Dankenswerterweise leiht mir Vereinskollege Hartwig Lüthen seine Canon EOS 350D für die Finsternis. Ein passendes 500 mm Linsentele hat er auch, dieselbe Kombination hat ihn im letzten Jahr erfolgreich zur Sonnenfinsternis nach Novosibirsk begleitet. Die Pentax wird damit zur Zweitkamera für Landschafts- und Übersichtsaufnahmen degradiert. Damit man Kamera und Teleobjektiv wirklich über Minuten lang alleine lassen kann, muß das ganze auf eine parallaktische Montierung. Die New Polaris – meine leichteste Montierung – wird also ihre zweite Sonnenfinsternis erleben. Dazu eine einfache Einachs-Steuerung zur Nachführung, und es kann losgehen.

Vollautomatisch: Ein Netbook mit angeschlossenem GPS-Empfänger steuert die Kamera mithilfe des Programms "Eclipse Orchestrator"
 
Ein wenig gebastelt werden mußte allerdings noch. Die Montierung hat eigentlich einen zusätzlichen Deklinationsmotor, den ich aus Gewichtsersparnisgründen für die Reise wieder abgenommen habe. Wer die New Polaris kennt, der weiß, daß es nicht so einfach zu realisieren ist, sie beidachsig zu motorisieren. Dazu brauchte ich einen Zwischenring zwischen Rektaszensions- und Deklinationsblock, damit die beiden Motoren sich nicht berühren. Auch diesen Ring habe ich entfernt, dadurch wird die Montierung nochmal kompakter. Hartwig Lüthen leiht mir außerdem kurze Newton-Stativbeine, die sich im Gegensatz zum langen Refraktorstativ problemlos in der Reisetasche verstauen lassen.

Auch bei der restlichen Technik lasse ich mir gerne von ihm noch ein wenig unter die Arme greifen. Eclipse Orchestrator wird mit von ihm programmierten Skripten laufen und auch das notwendige GPS stellt er mir zur Verfügung. In einem Testdurchlauf funktionierte alles einwandfrei. Die Finsternis kann kommen…

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Astronomin in vielerlei Hinsicht, so könnte man mich mit wenigen Worten beschreiben. Da ist zunächst einmal die Astrophysikerin, die an der Hamburger Sternwarte über die Aktivität von Sternen promoviert und dabei hauptsächlich mit den Röntgensatelliten Chandra und XMM-Newton gearbeitet hat, aber auch schon am Very Large Telescope in Chile beobachten durfte. Auslöser ihres beruflichen Werdegangs war ein engagierter Lehrer, dessen Astronomie-AG sie ab der 7. Klasse besuchte. Ungefähr zur selben Zeit erwachte auch die Hobbyastronomin, die anläßlich des Einschlags des Kometen Shoemaker-Levi 9 auf den Jupiter begann, mit einem russischen Feldstecher vom Flohmarkt den Tanz der Jupitermonde zu verfolgen. Heutzutage freut sie sich über jede Gelegenheit, mit ihrem 16-zölligen Dobson tief im Odenwald fernab der Lichter der Rheinebene auf die Jagd nach Deep-Sky-Objekten zu gehen. Und da Amateurastronomen gesellige Wesen sind, treffe ich mich gerne mit Gleichgesinnten, zum Beispiel zum gemeinsamen Beobachten. Auch nach meinem Umzug von der Großstadt Hamburg in das schöne Universitätsstädtchen Heidelberg halte ich engen Kontakt zu meinen Vereinskameraden von der Hamburger Gesellschaft für volkstümliche Astronomie und dem Astronomieverein meiner Jugend, dem Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck. Seit einigen Jahren bin ich außerdem in dem Internetforum Astrotreff aktiv, wo ich Teil des Moderatorenteams bin. Um meine Faszination an der Astronomie an andere weitergeben zu können, besonders an Kinder und Jugendliche, habe ich mich seit Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert, habe populärwissenschaftliche Vorträge gehalten und Schülergruppen betreut, die in Hamburg das Institut besucht haben. Diese Leidenschaft habe ich nun zu meinem Beruf gemacht. Hier in Heidelberg arbeite ich in einem kleinen aber feinen Team am Haus der Astronomie. Hiermit lade ich Sie ein, lieber Leser, an all diesen Facetten meines Astronomendaseins teilzuhaben. Mal witzig, mal spannend oder nachdenklich, manchmal auch persönlich oder mit Aha-Effekt. Carolin Liefke

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. dann drücken ich die Daumen 🙂

    Liebe Caroline Liefke,

    dann drücke ich die Daumen und wünsche keine Wolken und ganz viel schöne neue Eindrücke auf diesem Trip!

    lg
    Martina Grüter

  2. Adalbert Stifter

    Falls Du es noch nicht kennst, hier ein schöner Text von Adalbert Stifter, wie er die Sonnenfinsternis am 18. Juli 1842 in Wien erlebte:http://www.strickling.net/stifter_sofi.htm
    Mein Vater hat es mir damals 1999 zu lesen gegeben und ich hatte tatsächlich das Riesenglück, die Finsternis in voller Schönheit ohne Wolken zu sehen. Vielleicht bringt es Dir ja auch Glück 😉

  3. Viel Glück!

    Dann wünsch ich dir gute Reise, bestes Wetter und toitoitoi dass die Technik so will wie sie soll…

    Muss leider daheim bleben. 2006 habe ich die SoFi in der Türkei gesehen…es war überwältigend!

  4. Sofi in China

    Hallo Caro,

    ich wünsche dir gute Reise, gutes Gelingen
    und viel Glück zur Sofi in China. Freue
    mich schon auf die Fotos.

    Gruß
    Arthur

  5. An die Finsternis ’99 erinnere ich mich gerne zurück. Damals war ich elf 🙂

    Meine Eltern hatten mir zu Liebe den Jahresurlaub nach München organisiert, weil ich ihnen schon seit drei Jahren oder so mit dem Finsterniskalender angekommen war.

    In Oberschleißheim brach die Bewölkung im Laufe der Verfinsterung zusammen, so dass wir die Totalität bei klarem Himmel bewundern konnten. Wünsche dir diesmal dasselbe Glück, dass ich damals hatte.

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