Recherchetagebuch aus Island (Teil 1)

Erdwärmekraftwerke auf Reykjanes (CC-BY-SA Karl Urban)

CC-BY-SA 4.0 Karl Urban

Es ist still geworden in diesem Blog. Dafür gab es familiäre Gründe, aber auch einen beruflichen. Denn derzeit bereite ich mich auf eine Recherchereise in den Norden vor, die ich seit über zwei Jahren plane. Am kommenden Sonntag geht es los: zehn Tage Island. Dies ist der Vorspann meines Recherchetagebuchs von dort.

Eigentlich fing es schon etwas früher an: Während meines Auslandssemesters in Reykjavík vor acht Jahren nämlich. Damals sah ich Erdwärmekraftwerke eher aus der Ferne. Am Spaltenvulkan Krafla im nordöstlichen Hochland fuhr ich damals während einer Rundreise vorbei. Tatsächlich hatten Geologen damals genau dort erstmals versucht, sehr nahe an eine Magmakammer zu bohren. Das Ziel war es, über 375 °C heißes Gestein zu erbohren. Denn bei dieser Temperatur wird Wasserdampf überkritisch. Das bedeutet, der Dampf geht in eine Art Aggregatzustand über, bei dem er deutlich mehr Energie aufnehmen und transportieren kann.

Das Problem: Wirklich handhaben lassen sich solche Bedingungen nicht. Gewöhnliche Erdwärmekraftwerke (auch die auf Island) erschlossen bisher deutlich kühlere Gesteinsschichten weit unterhalb des kritischen Punktes. Auch bei der Krafla-Bohrung von 2008 lief nicht alles glatt: Die Bohrkrone traf nicht das heiße Gestein nahe der Magmakammer. Sondern es bohrte sich unerwartet direkt in die Magma. Und das macht die Bohrkrone kaputt – isländisches Magma ist gerne 1000 °C heiß.

Jetzt geht es wieder los: Ein Bohrmeißel arbeitet sich seit August 2016 auf der Reykjanes-Halbinsel südlich von Reykjavik in die Tiefe vor. Das Bohrgerät heißt Thor – geschleuderte Blitze dürften aber wohl kein Magmareservoir besänftigen. Tatsächlich ist diese Bohrung ein größeres internationales Forschungsprojekt – Geologen aus Europa und den USA sind mit dabei. Die Ziele sind die gleichen wie damals – nur möglichst dieses Mal ohne direkten Magmakontakt.

Ausgestattet mit einem Recherchestipendium der European Geoscience Union werde ich mir also ansehen, was dort gerade passiert. Ich werde auch ein paar Institute rund um Reykjavík ansehen und vielleicht sogar einen Vulkan besteigen können.

Sorgen bereitet mir in diesem Zusammenhang die Katla: Die nämlich ist einer der größten isländischen Vulkane und brach in der Geschichte grob alle 13-95 Jahre aus – das letzte mal aber 1918. Die Katla ist also überfällig. Und seit wenigen Wochen nun ereignen sich unter Katla immer wieder Erdbebenschwärme – mit den stärksten Erschütterungen in dieser Region seit 40 Jahren. Auch wenn die Geophysiker vom Erdbebendienst beschwichtigen – Vulkane machen so etwas auch ohne auszubrechen; dazu erzeugt der Gletscher auf dem Gipfel am Sommerende besonders viel Schmelzwasser, was auch Erschütterungen hervorruft. Aber man weiß nie.

Einer der Geologen, die ich kontaktiert haben, schrieb ganz treffend:

„Things are difficult to plan in Iceland.“

Challenge accepted. Und bis zum nächsten Eintrag: Dann aus Reykjavík!

Veröffentlicht von

www.pikarl.de

Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein möglicher Katla-Ausbruch erscheint mir eher ein guter Grund für einen Islandbesuch zu sein als ein Grund zur Sorge, denn so etwas Spektakuläres wie einen Katla-Ausbruch mit den zugehörigen Gletscherläufen (Sturzfluten wegen Gletscherschmelze) kriegt man selten geboten. Es gab ja seit Besiedlung Islands schon 20 Katla-Ausbrüche – und keiner davon war vergleichbar etwa mit dem Vesuvausbruch im Jahre 79, der mit seinen pyroklastischen Strömen weit herum den Tod brachte. Wer nicht gerade in unmittelbarer Katlanähe oder in einem möglichen Abflussgebiet eines Katla-Gletscherlaus ist, scheint von einem Ausbruch wenig zu befürchten zu müssen – ausser dass er eventuell für längere Zeit nicht mehr von der Insel wegkäme, denn der Flug- und vielleicht sogar der Schiffsverkehr könnte dann ausfallen. Die Katla wird zudem rund um die Uhr überwacht und das Schmelzen des Gletschereises durch Magma scheint doch einige Stunden zu dauern, so dass selbst Leute in der Nähe der Katla noch Chancen auf ein Entkommen haben.
    Das jedenfalls darf man erwarten. Dass nämlich der nächste Katla- Ausbruch sich an das Drehbuch hält an das sich auch die 20 vorherigen Ausbrüche gehalten haben. Ausser die rekordlange Katla-Ausbruchspause von 98 Jahren deute auf eine Charakteränderung der Katla hin.

    • Berichtigung: der Vesuv ist wohl nicht nur oder nicht vor allem wegen seiner Ausbruchsart gefährlicher als die Katla, sondern weil viele Leute in seiner Nähe wohnen:

      In der roten Zone rings um den Vulkan bei Neapel leben 700 000 Menschen.

      Eigentlich unverantwortlich – wie vieles in Italien in Bezug auf Naturgefahren.

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