Geowissenschaften für Grundschüler – und der explodierende Anglerfisch

Vorletzte Woche habe ich mich einer neuen Herausforderung gestellt. Und zum ersten Mal vor Kindern einen wissenschaftlichen Vortrag gehalten. Was da zurückkam, war aus meiner bisherigen Erfahrung heraus ungewöhnlich. Und das, obwohl ich jetzt seit ungefähr 15 Jahren regelmäßig ins Internet schreibe. Obwohl ich seit fünf Jahren auch ins Radio spreche und für große Tageszeitungen schreibe. Aber ich war immer hinreichend weit entfernt von meiner Leserschaft. Klar gab es immer wieder Kommentare und Leserbriefe. Aber natürlich nur von einer Minderheit.

Gelegentlich habe ich auch schon Vorträge gehalten, zum Beispiel auf Konferenzen oder in Sternwarten. Aber seien wir ehrlich: Erwachsene sagen fast nie, was sie denken. Jedenfalls so lange sie mitten in einer großen Masse sitzen. Selten reagiert jemand sofort, wenn der Dozent (ich) eine Frage stellt. Oft traut sich niemand, weil sich niemand (vermeintlich) blamieren will. Und wenn sich doch jemand meldet, will er am liebsten selbst einen Vortrag halten. Und alle anderen rollen mit den Augen.

Ganz anders bei meiner Lesereise. Ich war fünf Tage lang in Baden unterwegs, zwischen Donaueschingen im Schwarzwald und Achern im Ortenaukreis. Eingeladen hatte mich das Regierungspräsidium Freiburg, um während der Frederickwoche in Bibliotheken zu lesen: einer jährlichen Veranstaltung, die mehr Heranwachsende ans Buch bringen soll. Meist werden da eher Autoren von Romanen eingeladen. Aber gelegentlich auch ein Sachbuchautor. Bei mir war es Band eins der neu aufgelegten Was ist Was-Reihe mit dem Thema: Unsere Erde.

Ich habe als Kind selbst gerne Sachbücher gelesen und war auch gelegentlich auf Vorträgen, die mich oft eher überfordert haben – was mich aber nie störte, im Gegenteil. Deshalb hatte ich vor, mit den Grundschülern (meist zwei Klassen, zwischen 3. und 6. Klasse) in 60 Minuten über alle wichtigen Aspekte der Erde zu sprechen. Über die Entstehung der Erde. Über die Einzigartigkeit des Lebens. Über Atmosphäre und Wasserkreislauf. Über inneren Schalenbau und Plattentektonik. Über Bevölkerungswachstum und Umweltprobleme. Und über coole Forscherberufe, die die Welt besser machen können.

Nun war mir klar, dass ich nicht 60 Minuten ununterbrochen reden kann. Ich baute meinen Vortrag also aus ein paar illustrierenden Beispielen auf – dem Sprung von Felix Baumgartner durch die halbe Atmosphäre. Einem hypothetischen Bohrloch bis zum Erdkern. Ein paar Eindrücken von meiner Islandreise und den letzten Vulkanausbrüchen dort. Vor allem aber bombardierte ich die Kinder mit Fragen: Wie lange brauchte Baumgartner aus 39 km Höhe zum Boden? Geht Wasser verloren, das wir trinken? Wieso erfriert der Eisbär nicht? Was ist die häufigste Tiergruppe im Amazonasregenwald? Wieso haben Polarfüchse kleinere Ohren als Wüstenfüchse? Kann man wirklich zum Erdkern bohren? Warum nicht? Welche Teile der inneren Erde sind überhaupt flüssig? – Einige Fragen waren leicht, die meisten aber durchaus über dem Horizont eines durchschnittlichen Drittklässlers. So dachte ich.

Tatsächlich überraschte mich zuerst die Aufmerksamkeit der Kinder. Alle waren die meiste Zeit ruhig (vielleicht bis auf die letzten Minuten). Man kommentierte Bilder und Videos mit echtem Erstaunen. Vor allem aber die Reaktion auf meine ständige Fragerei fand ich wohltuend. Auf jede Frage meldeten sich bestimmt zehn Kinder. Keines scheute sich, etwas Falsches zu sagen. Viele Gruppen wussten angenehm viel: Konnten die acht Planeten herunterbeten. Wussten, wie der letzte deutsche Astronaut im All hieß. Wussten, dass in Island mal ein Vulkan ausbrach, der so ähnlich wie Eyjfjablablaötl hieß (Eyjafjallajökull). Und nicht nur das: Es gab Gegenfragen und Anmerkungen. Warum sind bis heute nur drei Menschen in den Marianengraben getaucht? Wieso explodiert die Erde nicht, wenn sie im Innern so heiß ist? Stimmt es, dass ein Anglerfisch aus der Tiefsee an der Wasseroberfläche explodiert?

(Ja, nach Explosionen wurde häufiger gefragt.)

Die Lehre für mich, als Schreibtischtäter und -liebhaber, der nie den Lehrerberuf auch nur in Erwägung gezogen hat: Kinder sind ein dankbares Publikum. Man darf sie nicht unterschätzen oder gar unterfordern – im Gegenteil. Mit Fragen kann man sie kitzeln, auch mit schweren. Deswegen war ich fast traurig, als am Ende des letzten Vortrags, als ich nur noch eine letzte kurze Frage zuließ und ein Junge fragte, ob das Universum unendlich sei – als ich dann aus Zeitnot nur abblocken konnte. – Nun ja, ich komme sicher mal wieder.

Veröffentlicht von

www.pikarl.de

Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.

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