„Nicht ohne Gehirn“ – philosophische Implikationen der Leitidee der kognitiven Neurowissenschaften

Die tagtägliche Arbeit mit hirnerkrankten Patienten in der Neurologie (oder Epileptologie) und wohl auch die Erfahrungen in der Psychiatrie bestätigen eine starke klinische Intuition: Die geistigen Vermögen eines Menschen einschließlich seiner Sprache, seines Gedächtnisses, seiner Wahrnehmungsfähigkeit und der Kontrolle seiner Bewegungen hängen vollständig von intakten Hirnfunktionen ab. Fehlen die hirnphysiologischen Voraussetzungen, so entfallen diese Fähigkeiten. In indirekter und im Hinblick auf die Kausalität der Befunde schwächerer Weise wird dieser Befund von der Psychophysiologie intakter kognitiver Funktionen sekundiert: Kognitive Prozesse induzieren spezifische Aktivierungsmuster im Gehirn; dies zeigen zum Beispiel funktionell-bildgebende Untersuchungen.

Der klinische und wissenschaftliche Gesamteindruck lässt sich – über die empirischen Daten hinausgehend – als Leitidee der Kognitiven Neurowissenschaften philosophisch in folgender Weise formulieren: Mentale Phänomene treten ausschließlich in Zusammenhang mit Hirnprozessen auf; dieser Zusammenhang ist nicht beliebig, sondern spezifisch (wenn auch heute noch weitgehend unbekannt). Im Umkehrschluss gilt: Ohne die spezifischen Hirnprozesse treten die mentalen Phänomene nicht auf.

Welche Eigenschaften hat diese philosophische These?

Sie ist, erstens, in hohem Maße konsensfähig. In verschiedenen Diskurszusammenhängen – „Neurodidaktik“, „Neurotheologie“, usw. – sind sich die Kombattanten in der Regel schnell einig, dass das Gehirn und seine Funktionen unverzichtbar sind: Lernprozesse in der Schule sind ohne hinreichend intakte Hirnphysiologie nicht möglich, und auch religiöse Erfahrungen haben unumstritten die intakte Biochemie unseres Zentralorgans zur Voraussetzung. Das schon zum geflügelten Wort gewordene „Ohne Hirn ist alles nichts“ dürfte Lesern von „Gehirn & Geist“ sowie der Brainlogs vermutlich ohnehin eine Selbstverständlichkeit sein.

Zweitens, ist die Leitidee der Kognitiven Neurowissenschaften philosophisch zurückhaltend in Bezug auf den Zusammenhang zwischen mentalen und hirnphysiologischen Entitäten. Vermutlich passt sie am ehesten zum psychophysischen Parallelismus. Jedenfalls ist die These nicht materialistisch oder mentalistisch, sie ist nicht reduktionistisch, und sie entspricht natürlich auch keiner Identitätstheorie.

Die Leitidee ist, drittens, eine wissenschaftliche Hypothese im Sinne Poppers, da man sich prinzipiell eine Falsifizierung vorstellen könnte: Man müsste zu ihrer Widerlegung lediglich experimentell und replizierbar mentale Phänomene nachweisen, die ohne Hirnprozesse auftreten, also z.B. außersinnliche oder besser noch außercerebrale nichttriviale, zeitlich exakt bestimmbare Wahrnehmungen. Im Kontext außerkörperlicher Erlebnisse erscheinen entsprechende Nachweise denkbar; in London hat der bekennende Dualist und Neuropsychiater Peter Fenwick ein experimentelles Set-up in einer Intensivstation realisiert. Bisher hat allerdings keiner der Patienten, die ein außerkörperliches Erlebnis berichteten (N=8), das experimentelle Material – das genau zwischen der außerkörperlichen Wahrnehmungsposition und den verlassenen Körpern platziert liegt – entdeckt.

In Richtung eines (religiösen) Dualismus bedeutet die These, viertens, über die Infragestellung der Existenz hirnunabhängiger Phänomene hinaus noch eine wesentlich ernstere Kritik. Denn im Grunde wird deutlich, dass wir mentale Phänomene außerhalb unserer Erfahrung, das heißt in ihrer verkörperten Form, weder kennen noch konsistent denken können. Was sollte ein „reiner Geist“, eine „übernatürliche Seele“ denn sein? Immer haftet diesen Vorstellungen ein ätherischer Rest von Körperlichkeit an – und ohne diesen metaphorischen Überhang wären die Konzepte gänzlich sinnentleert. Zweifelhaft wird insbesondere, wie eine entkörperte Seele Träger meiner eigenen Identität in einer zukünftigen Unsterblichkeit sein könnte. Wer bin ich und was ist meine Lebenswirklichkeit denn noch ohne diesen Körper, auf den ich zeige, wenn ich sage: „Das bin ich“?

Einschub: Die Ewigkeit des Lebens meint nicht eine bloße Fortsetzung des Lebens nach dem Tode. Eltern verstorbener Kinder stellen sich zum Beispiel ihr Kind im Himmel gerade nicht vor, wie es dort nun zur Schule geht, wie es einen himmlischen Tanzkurs besucht oder zum ersten Mal ein Mädchen küsst – sie trauern und leiden vielmehr, weil ihr Kind all dies nicht erleben durfte wie seine lebenden Geschwister. Das Bild von unseren Verstorbenen im Himmel sieht sie, wie sie waren über ihre Lebensspanne; es steht für ihr Angekommensein, für das Ganzsein ihres Lebens: sie sind nun ganz und gar wirklich. Das heißt aber auch: Sie haben keine Möglichkeit mehr, sie sind tot. Aber ihr Leben – ihr tatsächliches, wirkliches, leidvolles Leben, nicht unsere Vorstellungen davon – war vor aller Zeit möglich und kann in alle Ewigkeit nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Ihre Lebenswirklichkeit entzieht sich vollständig unserem Begreifen, es lässt sich auf keinen Begriff bringen. Es war, was es war; darüber befinden nicht wir oder unsere Erinnerung. Deswegen leben die Verstorbenen nicht einfach nur „in unseren Herzen“ weiter (dort jedoch hoffentlich auch).

Die These offenbart, fünftens, dass der Streit eigentlich immer über positive Verhältnisbestimmungen von Geist und Gehirn entbrennt, nicht über die negative These „Nicht ohne Gehirn“. Näherin: Immer dort, wo so getan wird, als sei der Geist im Grunde nichts, gibt es Ärger. Kritiker weisen dann zu Recht auf die Selbstwidersprüchlichkeit einer Philosophie hin, die so über die Wirklichkeit denkt, dass in ihr keine Philosophie möglich wäre.

Einschub: Man kann dem Naturalismus nur dankbar sein, dass er gegen einen stärker werdenden und intuitiv aufgeladenen religiös motivierten Dualismus an der Ur-Intuition jedes ernsthaften Denkens festhält: die Einheit der Wirklichkeit. Seine Schwäche liegt jedoch in der selbstwidersprüchlichen Gleichsetzung der Wirklichkeit mit der Gesamtheit aller physischen Objekte und ihrer Eigenschaften. Der Physiker setzt sich einfach naiv voraus, wenn er mit seiner Physik beginnt. Der Philosoph jedoch kommt mit dieser Gleichsetzung in Teufels Küche: Er betreibt dann weder Physik noch Philosophie, sondern so etwas wie Wissenschaftsbelletristik.

Die Leitidee der kognitiven Neurowissenschaften stellt der Philosophie, sechtens, eine klare Aufgabe: Es gilt nicht nur, den Geist materieller zu denken – es gilt auch von der Materie nicht mehr so zu denken, als handelte es sich dabei um nichts als ein gigantisches Bällchenbad mit vielen bunten blöden Bällchen. Irgendwie sind in der Welt, in der wir faktisch leben, Gedanken, Bewusstsein, Physik und Philosophie möglich. Es mag schwierig sein, aber es ist unbedingt notwendig zu denken, dass die Wirklichkeit irgendwie zu sich selbst hin, für sich offen ist, und sich als echtes Anderes begegnen kann; dass Begegnung möglich ist, impliziert, dass die Wirklichkeit nicht in zwei getrennte Teile auseinander fällt. Die „Selbstmitteilung“ von Wirklichkeit an Wirkliches und die Offenheit von einzelnem Wirklichem für die Wirklichkeit, welche wir Geist nennen, vollzieht sich faktisch im Menschen.

Der Mensch könnte sich entschließen, von nun an nur noch fühlloser, leidfreier Roboter, das heißt nur noch Wirkliches unter anderem Wirklichen ohne Offenheit für die Wirklichkeit zu sein – das Neue Paradies auf Erden: Niemand spürt mehr irgendetwas. Oder aber er ergreift sein Schicksal, er akzeptiert sein unergründliches geistiges Wesen, sein Ausgerichtetsein auf Wirklichkeit, die er nicht selber ist, damit auch: sein Leiden, seine sterbliche Existenz, seine Fähigkeit zum Bösen und seine Fähigkeit zu lieben – kurz: seine Wirklichkeit im Bewusstsein dieser Wirklichkeit.

Veröffentlicht von

Geboren 1967 in Emsdetten/Westfalen. Diplom kath. Theologie 1993, Psychologie 1997, beides an der Universität in Bonn. Nach einem Jahr am Leipziger Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung (1997-98) bin ich seit Oktober 1998 klinischer Neuropsychologe an der Universitätsklinik für Epileptologie in Bonn. Ich wurde an der Universität Bielefeld promoviert (2004) und habe mich 2015 an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn habilitiert (Venia legendi für das Fach Neuropsychologie). Klinisch bin ich seit vielen Jahren für den kinderneuropsychologischen Bereich unserer Klinik zuständig; mit erwachsenen Patientinnen und Patienten, die von einer schwerbehandelbaren Epilepsie oder von psychogenen nichtepileptischen Anfällen betroffen sind, führe ich häufig Gespräche zur Krankheitsbewältigung. Meine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in den Bereichen klinische Neuropsychologie (z.B. postoperativer kognitiver Outcome nach Epilepsiechirurgie im Kindesalter) und Verhaltensmedizin (z.B. Depression bei Epilepsie, Anfallsdokumentation). Ich habe mich immer wieder intensiv mit den philosophischen und theologischen Implikationen der modernen Hirnforschung beschäftigt (vgl. mein früheres Blog WIRKLICHKEIT Theologie & Hirnforschung), eine Thematik, die auch heute noch stark in meine Lehrveranstaltungen sowie meine öffentliche Vortragstätigkeit einfließt.

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  1. Peter Fenwick

    Die Experimente von Peter Fenwick zeigen die komplette Blamage der Medizin, Neurologie und auch der Philosophie.

    ´Mentale Phänomene treten ausschließlich im Zusammenhang mit Hirnprozessen auf´ – wie oben ganz richtig geschrieben steht.

    Von Fenwick wird versucht, außerkörperliche Wahrnehmungen nachzuweisen, welche ohne Hirnprozesse stattfinden können.
    Dabei ist der Nachweis von fehlenden Hirnprozessen im Zusammenhang mit Nahtod-Erlebnissen(NTEs) bzw. Außerkörperlichen Erlebnissen(OBEs) doch schon längst geglückt:
    Obwohl alle diese Erlebnisse eine gleichartige Struktur haben, und als selbstbeobachtbare Gehirnaktivität eines normal arbeitenden Gehirns beschreibbar sind – werden sie als das Ergebnis eines subjektiven Sterbeprozesses betrachtet.

    Hier fehlen eindeutig Hirnprozesse bei Medizinern, Neurologen und Philosophen: wieso betrachtet man diese Erlebnisse ausschließlich nur in eine Richtung? – wieso geht man nie davon aus, dass das Gehirn gerade in Krisensituationen nur mit lange bewähren Mechanismen arbeitet? – wo ist die wissenschaftliche Denkweise mit alternativen Denkmodellen?

  2. @ Hoppe

    Punkte 1-3:
    Konzidiert, selbstverständlich!

    Punkte 4-6:
    Aus dem Bauch heraus ein wohliges: “Ja”. Die Materialisierung des Geistes fordert eine Vergeistigung des Materiellen, schön symmetrisches Argument.

    Nur: wie verhält sich das zur gängigen Ansicht, dass der “Geist” ein emergentes (oder was-auch-immer: epiphänomenal-supervenient…) Phänomen an sich geistlosen materiellen Geschehens sei?

  3. @ Hoppe

    Ein Interessanter Artikel Herr Hoppe, allerdings gab es bei mir einige Unklarheiten.

    “Aber ihr Leben – ihr tatsächliches, wirkliches, leidvolles Leben, nicht unsere Vorstellungen davon – war vor aller Zeit möglich und kann in alle Ewigkeit nicht mehr ungeschehen gemacht werden.”

    Was hat das mit ewigem Leben zu tun? Die Beschreibung ist trivial und passt auf alles, das mal existiert hat, nicht nur auf Leben. (Es ist höchstwahrscheinlich auch nicht das, was die Mehrheit der Gläubigen unter ewigem Leben versteht, die eine klare Unterscheidung in Diesseits und Jenseits vornimmt.) Oder habe ich Sie missverstanden?

    “Näherin: Immer dort, wo so getan wird, als sei der Geist im Grunde nichts, gibt es Ärger. Kritiker weisen dann zu Recht auf die Selbstwidersprüchlichkeit einer Philosophie hin, die so über die Wirklichkeit denkt, dass in ihr keine Philosophie möglich wäre.”

    Es gibt kein Problem wenn man mit “der Geist ist im Grunde nichts” meint, dass der Geist keine wie auch immer geartete (evtl. übernatürliche) Substanz ist, sondern als Prozess oder Tätigkeit verstanden werden soll, für die es bessere Bezeichnungen gibt. Z. B. “Denken”, ein substantiviertes _Verb_. Hier wird auch das Problem vermieden, dass es beim nebulösem Begriff “Geist” leicht zu Missverständnissen kommt. Zum Beispiel dass keine Philosopie möglich sei, was afaik niemand behaupten will, der sagt, der Geist sei im Grunde nichts.

    “Seine Schwäche liegt jedoch in der selbstwidersprüchlichen Gleichsetzung der Wirklichkeit mit der Gesamtheit aller physischen Objekte und ihrer Eigenschaften. Der Physiker setzt sich einfach naiv voraus, wenn er mit seiner Physik beginnt. Der Philosoph jedoch kommt mit dieser Gleichsetzung in Teufels Küche”

    Ich verstehe nicht wo hier der Widerspruch bzw. das Problem ist. Und auch nicht warum “der Philosph” damit in Teufels Küche kommt. Könnten Sie das genauer erklären?

    “Oder aber er ergreift sein Schicksal, er akzeptiert sein unergründliches geistiges Wesen”

    Warum muss man sein geistiges Wesen als “unergründlich” akzeptieren, damit man kein fühlloser Roboter ist? Was haben “sein Leiden, seine sterbliche Existenz, seine Fähigkeit zum Bösen und seine Fähigkeit zu lieben – kurz: seine Wirklichkeit im Bewusstsein dieser Wirklichkeit” mit dieser Unergründlichkeit zu tun? Das eine hängt nicht vom anderen ab.

  4. @ Hoppe: zwei Bemerkungen

    Schöner Artikel!

    Kognitive Prozesse induzieren spezifische Aktivierungsmuster im Gehirn; dies zeigen zum Beispiel funktionell-bildgebende Untersuchungen.

    Also wie “spezifisch” die sind, das weiß doch noch keiner; und die gefundenen “Muster” sind doch noch sehr grobkörnig. Wenn der einzelne Gedanke eine Signatur im Gehirn hinterlässt, dann verschwindet sie meiner Einschätzung nach noch im Rauschen.

    Der Mensch könnte sich entschließen, von nun an nur noch fühlloser, leidfreier Roboter, das heißt nur noch Wirkliches unter anderem Wirklichen ohne Offenheit für die Wirklichkeit zu sein – das Neue Paradies auf Erden: Niemand spürt mehr irgendetwas.

    Wie meinen Sie das, dass der Mensch sich dazu entschließen könnte? Ein Leben ohne Hunger, Durst, Begierde usw.?

  5. Nachfrage und Antworten auf Nachfragen

    @Richard: “Dabei ist der Nachweis von fehlenden Hirnprozessen im Zusammenhang mit Nahtod-Erlebnissen(NTEs) bzw. Außerkörperlichen Erlebnissen(OBEs) doch schon längst geglückt …” – könnten Sie uns das noch einmal erläutern? Meinen Sie hirnunabhängig auftretende mentale Phänomene seien bereits nachgewiesen??

    @Wicht: Emergenz wäre bereits eine positive These, welche einen bestimmten “Herstellungsprozess” des Geistigen aus dem Materiellen behauptet, also eine mögliche Spezifikation der “negativ” formulierten Leitidee. Das mag zutreffen, bleibt derzeit aber noch ein wenig schwammig, und ist vielleicht mehr, als man heute zuverlässig sagen kann.

    @Schlederer I: Das ist die Frage, ob das nicht sehr viel mit dem ewigen Leben zu tun hat. Mein Beispiel sollte deutlich machen, dass die kulturell verankerten Bilder eigentlich nicht von einer zeitlich zu denkenden Fortsetzung ausgehen, sondern dass sie von Angekommensein, Ganzsein, in Ruhe sein sprechen. Haben Sie gewusst, dass die glückseligmachende Schau bei Thomas von Aquin keine Gotteserfahrung beinhaltet, weil Gott selbst in der Ewigkeit nicht Objekt unserer Erfahrung werden kann??

    @Schlederer/II: Geist ist nicht “nur” Denken, es sei denn, Sie wollen unter Denken mehr als Kognition und Rechnen verstehen. Phänomenales Bewusstsein, weniger Zugriffsbewusstsein, ist wohl das eigentliche Rätsel. Unsere Modelle des Denkens – kognitive Modelle, sprich Computermodelle – bilden dies nicht ab.

    @Schlederer/III: Der Naturalismus bleibt in Bezug auf das, was man gemeinhin Subjektivität nennt, ein wenig spröde, und zwar im Maße des ihm latent zugrundeliegenden Epiphänomenalismus. Der Physiker kann dies Problem weitgehend umschiffen; der Philosoph hat m.E. jedoch überhaupt keinen Gegenstand, wenn er Subjektivität übergeht. Die Verneinung von Existenzaussagen zu unsterblicher Seele und reinem Geist – geschenkt. Aber dann fängt die Arbeit doch erst an!

    @Schlederer IV/Schleim II: Ja, der fühllose Roboter ist wohl missverständlich. Man redet ja heute gerne von uns so, als seien wir nichts anderes als kognitive Systeme, evolutionär auf Überlegen programmiert usw. Das sind wir sicher alles auch – aber es fehlt eben Entscheidendes. Es ist eben diese unhintergehbare Gegenwärtigkeit unseres Bewusstseins, die dem Roboter fehlt. Wir könnten sie uns natürlich nicht abgewöhnen, offensichtlich sind die typisch menschlichen, komplexen Handlungen und soziale Interaktionen ohne Bewusstsein nicht möglich – sie erschöpfen sich also nicht in Kognition.

    @Schleim I: Ihr Punkt verdeutlicht, dass die Leitidee eine Idee, nicht Ergebnis empirischer Forschung ist. Man sucht die geforderten Spezifikationen etwa mit Bildgebung (im Rahmen der technisch möglichen Signal-Rausch-Verhältnisse), aber man hat sie noch nicht. Es ist ja sogar unklar, auf welcher funktionellen Ebene man sie denn suchen sollte. Zudem lassen sich Korrelationen nur auf der Basis von über viele Fälle zusammengeführten Mustern nachweisen – die Leitidee behauptet einen spezifischen Zusammenhang aber für jeden einzelnen mentalen und cerebralen Moment.

  6. @Hoppe

    ´der Nachweis fehlender Hirnprozesse´ war eindeutig ironisch gemeint – und bezieht sich darauf, dass im Zusammenhang mit dem Thema ´Nahtod-Erlebnisse´ (NTEs) die Wissenschaft komplett versagt hat. Und das seit über 30 Jahren – seit das Buch von Dr. Moody ´Leben nach dem Tod´ erschienen ist.

    Moody bringt z.B. ein Beispiel von einem LKW-Fahrer, der bei einem Beinaheunfall (ohne jede Verletzung) ein NTE hatte. Weil dieses NTE aber den Erlebnissen von Patienten entspricht, welche nach Herzstillstand wiederbelebt wurden -> so wurde daraus ein NAHTOD-Erlebnis und über den Buchtitel wurde sogar suggeriert, dass diese Erlebnisse nach dem Tod anzusiedeln wären.
    Peinlicher geht´s wohl nicht mehr: aus Erlebnissen von völlig gesunden Menschen werden so Jenseits-Erlebnisse.
    Die Wissenschaft hat diesen Denkfehler bis heute nicht korrigiert – die Experimente von Peter Fenwick zeigen dies ganz eindeutig.

    Wenn völlig gesunde Menschen (wie der LKW-fahrer) NTEs haben, dann deutet dies darauf hin, dass es sich bei diesen Erlebnissen nicht um irgendwelche Sterbeerlebnisse handelt – sondern dass nur bestimmte Schlüsselreize diese NTEs auslösen. Aber so etwas wurde/wird nicht untersucht – deshalb muss man hier von wissenschaftlichem Pfusch sprechen.

    Es reicht aus, das Buch von Moody durchzulesen, dann erkennt man, dass immer ein ganz bestimmter Schlüsselreiz der Auslöser für diese Erlebnisse ist: Der Patient hört, wie er von medizinischem Personal für tot erklärt wird oder meint selbst, sterben zu müssen.
    Das ein Schlüsselreiz die Ursache für die NTEs/OBEs ist, das wurde nicht beachtet obgleich dies für die Gehirnforschung von großem Interesse ist. Fehlt dieser Schlüsselreiz, dann gibt es auch keine solchen Erlebnisse.

  7. Schwammiger Sinn

    Emergent und reduktionalistisch, diese beiden Sichtweisen sollten sich ergänzen, wenn wir vom Gehirn und seinen Leistungen sprechen.

    Lieber Christian Hoppe, Sie verwenden den Begriff „schwammig“ ein wenig abwertend, verwerfend, wie jemand, der sich noch nicht mit der Chaostheorie und der Fraktalen Geometrie angefreundet hat. Diese Art von Mathematik findet nämlich auch im „Schwammigen“ interessante mathematische Grundlagen, sie beschreibt eine Geometrie der schwammigen, zerklüfteten, verästelten Natur.
    Aus dieser Blickrichtung ist das Gehirn vom „Schwammigen“ gar nicht so weit entfernt, und deshalb auch mit dieser Mathematik beschreibbar.

    Was nun das „Entscheidende“ angeht, das dem Roboter fehlt, dafür finde ich in Ihrem Text zwei unauffällige Hinweise. Sie schreiben über eine „wissenschaftliche Hypothese im Sinne Poppers,“ und benutzen das Wort „Sinn“ noch ein zweites Mal: „…..wären die Konzepte gänzlich sinnentleert…“

    Bei genauer Untersuchung des Gebrauchs von „Sinn“ haben wir es dabei mit einem sehr „schwammigen“ Begriff zu tun, der aber präzise den Unterschied von Mensch und Computer markiert. Den Computern mangelt es am „Sinn-Verstehen“ .

    Einen ersten Ansatz zum Verständnis des schwammigen Begriffes „Sinn“ habe ich bisher nur in der „Systemtheorie“ von Niklas Luhmann gefunden. Für die Verbindung von Philosophie und Hirnforschung erscheint mir darin ein orginelles Konzept zu stecken, das noch nicht ausgelotet ist.

    S.R.

  8. @Hoppe: wissenschaftlicher Pfusch

    Tipp: Im aktuellen Gehirn & Geist 12_2009, Seite 60 beschäftigt sich ein Beitrag mit dem Phänomen, welches man bisher als ´Außerkörperliche Erlebnisse´ bezeichnet hat.

    Die Behauptung von ´wissenschaftlichem Pfusch´ ist schwerwiegend, ich möchte deshalb eine Gegenthese zur Beschreibung von der sogenannten ´Nahtod-Erlebnisse´(NTEs) und ´Außerkörperlichen Erfahrungen´(OBE) vorstellen:

    1) Unser Gehirn erstellt dauernd vorausschauende Simulationen für die aktuelle Situation, damit wir schnell und passend reagieren können. Diese Hochrechnungsstrategie ist daher überlebenswichtig.
    2) Die Erfahrung ´Ich bin tot/ich sterbe´ ist ein Paradox für einen lebenden Organismus. Wenn diese Erfahrung das erste Mal auftritt, dann konzentriert sich das Gehirn so stark darauf, dazu passende Erfahrungen im episodischen Gedächtnis zu suchen oder die aktuelle Situation zu verstehen, dass andere Reize kaum oder gar nicht mehr wahr genommen werden: Als ´Unaufmerksamkeitsblindheit´ ist dies bereits nachgewiesen und beschrieben.
    3) es werden zwei Strategien erkennbar:
    A) das episodische Gedächtnis wird in zeitlich auf-/absteigender Reihenfolge und/oder Stichpunktartig durchsucht. Gefundene Erlebnisse werden mit dem aktuellen Selbstbild neu bewertet, bevor sie ins Bewusstsein kommen (=NTE).
    B) das Gehirn erstellt eine Simulation der als aktuell empfundenen Situation (=OBE).
    A+B) Weil andere Sinnesreize ausgeblendet sind, kann man das eigene Gehirn deshalb live bei der Arbeit beobachten. NTEs/OBEs sind selbstbeobachtbare Gehirnaktivitäten.
    4) Die persönlichen Erinnerungen eines Menschen beginnen zu dem Zeitpunkt, ab dem der Cortex in der Lage ist, eigene Erlebnisse zu speichern: d.h. ab dem 6. Schwangerschaftsmonat. D.h. die durchsuchten Erlebnisse (= Lebenslauf) stammen daher aus dem Zeitraum ab dem 6. Schwangerschaftsmonat, bis hin zum aktuellen Alter.
    5) Die erinnerten Erfahrungen eines Menschen hängen davon ab, wie er sich befunden hat, als er ein bestimmtes Erlebnis hatte (Einspeicherzustand: körperliche Entwicklung, Gefühlszustand) – und dann hängt die Erinnerung davon ab, wie man sich befindet, wenn diese gespeicherten Erlebnisse wieder aus dem Gedächtnis ausgelesen werden. D.h. bei den NTEs können Erfahrungen eines Fetus mit dem Selbstverständnis eines Erwachsenen beurteilt werden.
    6) Der Tod ist unumkehrbar. Wer von solchen Erlebnissen berichtet, war nicht tot.
    7) NTEs/OBEs enden wieder mit einem Schlüsselreiz (z.B. indem man denkt, ´ich will nicht sterben/ich werde noch gebraucht), wenn man sich an Erfahrungen erinnert, bei denen man gestoppt wurde(z.B. HALT!-Ruf), indem man einschläft oder Bewusstlos wird.

  9. @Hoppe: Universalität

    Ich vergaß, es hin zu schreiben:

    Das Modell meiner These ist selbstverständlich universal – weil auch die Menschen überall nach den gleichen biologischen ´Mechanismen´ funktionieren.

    Weil mit meinem Modell alle Phänomene als Gehirnfunktionen beschrieben werden können, ist eine Falsifisierung, wie Sie sie im 3. Punkt angesprochen haben, durch das Phänomen OBE nicht möglich.

  10. @ Hoppe

    “Das ist die Frage, ob das nicht sehr viel mit dem ewigen Leben zu tun hat. Mein Beispiel sollte deutlich machen, dass die kulturell verankerten Bilder eigentlich nicht von einer zeitlich zu denkenden Fortsetzung ausgehen, sondern dass sie von Angekommensein, Ganzsein, in Ruhe sein sprechen.”

    Die nachsilbe “-sein” suggeriert, dass etwas in der Gegenwart stattfindet oder in irgendeiner Weise existiert. Ein Verstorbener hat bereits in der Vergangenheit zu leben aufgehört IST in der Gegenwart weder vorhanden noch “Angekommen”, “Ganz” oder sonstwas, wenn man kein Jenseits annimmt. Selbst wenn man Ihre Definition verwenden möchte, hat das mit dem Wort Leben nichts mehr zu tun. Wie erwähnt ist dieses Konzept außer auf Leben auf alles beliebige ehemals Existierende anwendbar, die ausrangierte Kaffeemaschine zum Beispiel. Zu Thomas von Aquin: Offenbar nimmt er – anders als Sie – durchaus ein Jenseits an. Auch wenn dieses keine Gotteserfahrung beinhaltet hat das darauf keinen Einfluss.

    “Geist ist nicht “nur” Denken, es sei denn, Sie wollen unter Denken mehr als Kognition und Rechnen verstehen. Phänomenales Bewusstsein, weniger Zugriffsbewusstsein, ist wohl das eigentliche Rätsel. Unsere Modelle des Denkens – kognitive Modelle, sprich Computermodelle – bilden dies nicht ab.”

    “Denken” war nur ein Beispiel von vielen kognitiven Fähigkeiten und Prozessen. Bewusstsein hier auszuschließen und nicht wie andere Prozesse als Produkt unseres Gehirns zu sehen, halte ich nicht für gerechtfertigt. Dass es rätselhaft ist wie sich Bewusstsein bildet ist nichts besonderes: Man weiß auch nicht wie Motivation entsteht, und bei anderen kognitiven Prozessen weiß man ebenfalls kaum bis nicht wie sie zustande kommen. Angesichts der unglaublichen Komplexität des Gehirnes ist das für mich aber nicht besonders verwunderlich und vor allem kein Grund, Teile des “Geistes” als etwas anderes zu sehen als als Produkt dieses Organs. Das Bewusstsein als eine Art virtuelles Modell der Umwelt und vieler geistiger Prozesse ist evolutionär mehr als nützlich, da es Reflexion erlaubt. Bednarik hat das mal gut beschrieben:
    http://www.brainlogs.de/blogs/blog/wirklichkeit/2009-02-04/ein-stein-rollt-…2/page/3#comment-4178
    Ohne so ein (solche?) Modell(e) im Kopf könnten wir hier wohl nicht mal miteinander diskutieren.
    So kann man zumindest schonmal begründen warum Bewusstsein auf natürliche Weise entstanden sein sollte. Dass man das genaue Wie (z.B. “wie entsteht eine Farbwahrnehmung?”) noch nicht versteht, ist bei anderen kognitiven Vorgängen nicht anders.

    “Der Naturalismus bleibt in Bezug auf das, was man gemeinhin Subjektivität nennt, ein wenig spröde, und zwar im Maße des ihm latent zugrundeliegenden Epiphänomenalismus.”

    Ich gebe es auf zu verstehen wo hier ein Problem liegt. So weit ich den Begriff des Epiphänomenalismus verstanden habe, wird hier von seinen Befürwortern und Kritikern ein Problem erzeugt, das auf dem von mir kritisierten Materie/”Geist”-Dualismus gründet und ohne ihn gar nicht existiert. Letzterer ist aber nichtmal ein Merkmal des Naturalismus, also auch nicht der Epiphänomenalismus. Auch dass Naturalismus dazu zwingt, die Subjektivität in der Philosophie zu übergehen, erschließt sich mir nicht.

    “Ja, der fühllose Roboter ist wohl missverständlich. Man redet ja heute gerne von uns so, als seien wir nichts anderes als kognitive Systeme, evolutionär auf Überlegen programmiert usw. Das sind wir sicher alles auch – aber es fehlt eben Entscheidendes.”

    Dieses “fehlende Entscheidende” entstand also nicht durch die Selektion? Es wurde den Menschen von anderer Stelle gegeben? Damit sind wir beim “göttlichen Funken”. Und sehr in der Nähe der Begriffe “reiner Geist” und “übernatürliche Seele”, bei denen ich eigentlich aus Ihrem Artikel herauszulesen meinte, dass Sie diese ablehnen. Zum göttlichen Funken: Lassen wir beiseite dass dieser den bekannten Naturgesetzen widerspräche. Daneben aber ergibt sich eine weitere Frage: Wie kam er in den Menschen? Hat Gott ihn dem Homo Sapiens eingeimpft? Oder schon dem Homo Erectus? Überhaupt, wann genau? Die Übergänge waren ja immer fließend, sodass er um eine willkürliche Festlegung nicht herumkommen konnte. Oder kommt der Funke, das “fehlende Entscheidende” jedes mal neu vor jeder Geburt in den Menschen? Aber wann? Bei der Zeugnung? Ab der 5. Zellteilung der Zygote? Oder erst wenn der Embryo ein wenig einem Menschen ähnelt? Wenn er ein Nervensystem besitzt?
    Ich weiß, die Fragen scheinen albern. Man muss sie sich aber gefallen lassen wenn man von einem geheimnisvollen Zusätzlichem ausgehen will. Das aber ist gar nicht nötig (siehe unten).

    “Es ist eben diese unhintergehbare Gegenwärtigkeit unseres Bewusstseins, die dem Roboter fehlt.”

    Dem Roboter fehlt nicht nur unser tolles Bewusstsein, sondern auch eine ganze Menge anderer psychischer Fähigkeiten die uns zum Menschen machen. 😉 Daraus kann man aber noch lange nicht schließen (wie Sie das offenbar tun), dass dem Menschen all diese Eigenschaften ebenfalls fehlen würden, wenn es kein “fehlendes Entscheidendes” gibt sondern nur die natürliche Evolution.

    “Wir könnten sie uns natürlich nicht abgewöhnen, offensichtlich sind die typisch menschlichen, komplexen Handlungen und soziale Interaktionen ohne Bewusstsein nicht möglich – sie erschöpfen sich also nicht in Kognition.”

    Rechnen sie Bewusstsein nicht der Kognition zu, um anzudeuten dass Bewusstsein kein oder teilweise kein Produkt der Aktivität unserers Gehirns ist? Wie ich weiter oben dargestellt habe halte ich diese Unterscheidung nicht für begründbar. Zumal sich daraus die bekannten Probleme mit dem übernatürlichem Geist ergeben.

  11. Out of Body Experience (OBE)

    Unter http://www.infidels.org – library – modern library – author index – augustine keith findet man das Manuskript ´Hallucinatory Near Death Experiences´.

    Gleich am Anfang kann man die Geschichte eines Soldaten nachlesen, der bei Tiefflieger-Beschuss ein Nahtod-Erlebnis mit OBE hatte. Er ´sah´ dabei nur seinen eigenen Körper. Dies deutet darauf hin, dass es sich beim OBE nur um eine Körper-Simulation des eigenen Gehirns handelt. Denn die beiden Sudanesen, welche direkt neben ihm auf der Erde lagen und erschossen wurden, sah er nicht. D.h. das OBE entsprach nicht der Realität.

    Im übernächsten Kapitel ´Maria´s Shoe´ kann man eine Geschichte nachlesen, welche jahrzehntelang als ´Beweis´ für die Möglichkeit spirituellen Reisens galt. Bei einer Nachprüfung konnte sie als urban legend entlarvt werden.

    Zur Zeit läuft ´The AWARE study´ (AWAreness during REsuscitation), bei der u.a. auch Bilder im Operationssaal bereitgehalten werden, die man nur von oben sehen kann. Man kann sich jetzt schon ausrechnen, was dabei herauskommt.

  12. @Hoppe: EPOC-Artikel

    Im neuen EPOC 1/2010, Seite 56-57 vertritt der Mediävist Juhannes Fried die gleiche Meinung über das Erinnern, wie sie in meinem Beitrag vom 17.11.09, 05:29 zum Ausdruck kommt: Punkte 3A und 5.

    Zitat aus EPOC über schriftliche Geschichtsquellen: “… Nicht allein der Vorgang der Verschriftung bringt Abweichungen mit sich, die aktuelle Psychologie und Hirnforschung lehren uns vielmehr, dass unser episodisches Gedächtnis kein simpler Datenspeicher ist! Da werden Informationen schon beim Speichern mit altbekannten Inhalten verknüpft, und jedes Abrufen geht mit einem anschließenden Neuspeichern einher. Dabei moduliert beispielsweise die aktuelle Situation des Datenabrufs die ursprüngliche Information. …”

    Auf gut Deutsch, ist das Thema ´Nahtod-erlebnisse´ jetzt von Mediävisten zu lösen – weil Mediziner, Neurologen und Philosophen unfähig sind, ihre eigenen Erkenntnisse umzusetzen? 🙂

  13. Pflöcke einschlagen

    Vorgeburtliches Wissen und kindliches Farbensehen werden im Rahmen von Nahtod-Erlebnissen (NTEs) erinnert – dafür gibt es jetzt wissenschaftlich begründbare Hinweise:

    1) Im Gehirn&Geist 1-2/2010-Artikel ´Synapsen im Dornröschenschlaf´ stellt Prof. Hübener seine Forschungsergebnisse vor; wonach sich beim Lernen Dornfortsätze bilden; welche aber nie mehr vollständig abgebaut werden. D.h. einmal Gelerntes ist immer im Gedächtnis vorhanden.
    Weil Feten im 7. Monat bereits die Stimme der eigenen Mutter von anderen Stimmen unterscheiden können, so deutet dies darauf hin, dass hier ein Denkprozess unter Verwendung gespeicherten Wissens erfolgt
    => Wenn die Arbeiten von Prof. Hübener stimmen, dann müsste dieses Wissen das ganze Leben lang vorhanden sein.

    2) Die Psychologin Vanessa Simmering (Uni Wisconsin-Madison) konnte zeigen, dass Kinder unter 5 Jahren manchmal Probleme haben korrekte Verbindungen zwischen Dingen und Farben herzustellen – weil die zugehörigen Infos in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns abgespeichert sind (Literatur: P.M. Fragen & Antworten 1/2010 S. 41: Grüne Kühe, rote Hunde – sehen Kinder die Welt wirklich so bunt?)
    Im Rahmen von NTEs erinnert man sich manchmal auch an Landschaften in sehr hellen und irrealen Farben.
    => d.h. dies könnten Erinnerungen aus der Kindheit sein, als die Farbzuordnung nicht immer perfekt klappte. Beim Erinnern im Rahmen von NTEs werden diese Farben als irreal empfunden.
    Die Helligkeit ergibt sich aus den unterschiedlichen optischen Systemen in der Kindheit (Einspeichern, klare Linse) und beim Erinnern (eingetrübte Linse)

  14. @Schlederer

    Die nachsilbe “-sein” suggeriert, dass etwas in der Gegenwart stattfindet oder in irgendeiner Weise existiert.

    Genau: die Vergangenheit existiert als vergangene Wirklichkeit und was je wirklich war, kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Es ist eben nicht einfach weg, so wie es vor seiner Existenz nicht völlig inexistent war. Nach seiner Existenz ist alles, was wirklich war, durch seine Abwesenheit anwesend (die wir in manchen Fällen als Erinnerung spürbar und leidvoll erfahren). Vor seiner Existenz ist alles, was wirklich sein wird, als Möglichkeit da (die wir ebenfalls manchmal als Hoffnung oder Angst spüren und erleiden).

    Ein Verstorbener hat bereits in der Vergangenheit zu leben aufgehört IST in der Gegenwart weder vorhanden noch “Angekommen”, “Ganz” oder sonstwas, wenn man kein Jenseits annimmt.

    Das konkrete Leben eines Menschen kann durch dessen Ende nicht ungeschehen gemacht werden, wenn es denn je wirklich war; es ist mit dem Tod ganz da, ganz verwirklicht: als vergangene Wirklichkeit, aber als Wirlichkeit eines konkret und physisch (“fleischlich”) gelebeten Lebens – nicht als Idee davon. Dass es wirklich war und mit dem Tod verwirklicht (und nicht vernichtet) ist – ist die christliche Hoffnung auf “die Auferstehung des Fleisches” (sprich: antignostisch gegen die platonisierende Idee der Unsterblichkeit einer bloß vorgestellten, durch Abstraktion gewonnenen ideenhaften “Seele”).

    Selbst wenn man Ihre Definition verwenden möchte, hat das mit dem Wort Leben nichts mehr zu tun. Wie erwähnt ist dieses Konzept außer auf Leben auf alles beliebige ehemals Existierende anwendbar, die ausrangierte Kaffeemaschine zum Beispiel.

    Genau. So wie die Abstraktion von meiner Person auf eine bloß geistige, körperlose Seele inakzeptabel ist, so ist auch die Abstraktion von meiner lebensweltlichen Existenz auf das verkörperte Ich unzulässig. Ich bin ohne meine personale und dingliche Umwelt undenbkar; eine solche von allem losgelöste Person an und für sich ist ein Hirngespinst, entspricht aber nicht meiner Lebenswirklichkeit. Daher ist die christliche Eschatologie nicht nur auf Personen beschränkt; die ganze Schöpfung wartet auf Erlösung, heißt es biblisch. Sprich: die tatsächlich und wirklich gelebt Existenz (mit ausrangierten Kaffeemaschinen usw.) ist mit dem Tod nicht vernichtet, sondern ganz und gar für alle Zeit und Ewigkeit verwirklicht.

    Zu Thomas von Aquin: Offenbar nimmt er – anders als Sie – durchaus ein Jenseits an. Auch wenn dieses keine Gotteserfahrung beinhaltet hat das darauf keinen Einfluss.

    Aber wir sind nicht verpflichtet -und ich denke, dass auch Thomas das nicht so gesehen hat- und dieses Jenseits (letztlich Gott) als zeitlich nachgeordnet, dem irdischen Leben in einer Art Fortsetzung folgend, vorzustellen. In der Tat überführt das irdisch konkrete Wirklichwerden alles Wirkliche in die Wirlichkeit einer überzeitlichen Präsenz des für alle Zeit und Ewigkeit Wirklich-Seins – eine Art Jenseits, mitten im (Denken des) Diesseits. Theologisch landen wir hier bei einem Pan-en-theismus: alles ist in Gott (überhaupt und bleibend wirklich).

  15. @ KRichard

    “Weil mit meinem Modell alle Phänomene als Gehirnfunktionen beschrieben werden können, ist eine Falsifisierung, wie Sie sie im 3. Punkt angesprochen haben, durch das Phänomen OBE nicht möglich.”

    Ich möchte nur darauf hinweisen, dass eine Falsifizierung Ihres Modells durchaus möglich ist. Nämlich bei OBE-Ereignissen, in denen das erlebende Subjekt verifizierbare Informationen über Sachverhalte mit zurück bringt, die dieses Subjekt in der Zeitspanne seiner OBE niemals mittels ausschließlicher Gehirnvorgänge, so wie Sie sie annehmen, hätte zurück bringen können.

    Ihr Modell ist also prinzipiell durchaus falsifizierbar. Wieder eine andere Frage ist, ob eine solche Falsifikation in einem kontrollierten Experiment erfolgen kann, ob sie bereits irgendwo auf der Welt erfolgte und ob man diesen Schilderungen dann persönlich auch Glauben schenkt. Jedenfalls gibt es solche Schilderungen, und nicht nur den von Ihnen erwähnten Tennis-Schuh-Fall. Freilich besagt die bloße Tatsache, dass solche Schilderungen existieren, nicht automatisch, dass Ihr Modell falsch sein muss. Für mich ist aber entscheidend, dass es falsch sein könnte und wie plausibel diese letztgenannte Möglichkeit sein könnte.

  16. Hier fehlen eindeutig Hirnprozesse bei Medizinern, Neurologen und Philosophen: wieso betrachtet man diese Erlebnisse ausschließlich nur in eine Richtung? – wieso geht man nie davon aus, dass das Gehirn gerade in Krisensituationen nur mit lange bewähren Mechanismen arbeitet?

  17. Pingback:Hirnforschung oder Religion: Hirnscanner im Himmel? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs - Wissenschaftsblogs