Mario Bunge – oder die Armseligkeit einer materialistischen “Philosophie”

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In diesem Post werde ich es mit einem der Stars des Naturalismus aufnehmen, dem argentinischen Philosophen Mario Bunge. Der Mann hat an die 50 Bücher und zahllose Aufsätze geschrieben, darunter sein achtbändiges Treatise on Basic Philosophy. Ich setze damit meine kleine Rezensionsreihe mit einem Buch fort, das zwar das Stichwort „Wirklichkeit“ nicht im Titel führt, sich aber explizit als metaphysisches Buch versteht: „Über die Natur der Dinge“ (Stuttgart: Hirzel, 2004). Das Buch entstand gemeinsam mit Martin Mahner, der bereits andere Werke Bunges herausgegeben hat.

Ich wurde hier übrigens in einem Kommentar von Thomas Rakow auf Mario Bunge aufmerksam gemacht, recht explizit nach dem Motto: „Wie, den kennen Sie nicht? Warum rede ich dann überhaupt noch mit Ihnen?“  (Ja ja, auf manchen Scilogs weht seit Wochen ein rauer Wind …) Rakow selbst wird in der Danksagung des Buches „Über die Natur der Dinge“ erwähnt, man kennt sich offensichtlich.

Ich fasse zunächst die Kerngedanken der Philosophie Bunges zusammen: Existenz meint dingliche Existenz. Somit existieren nur Dinge. Was es außerdem unbezweifelbar noch gibt, ohne ein Ding zu sein,  – beispielsweise die beiden vorangegangenen Gedanken –, sind Eigenschaften der tatsächlich existierenden Dinge. Hierzu gehören: Energie, Zeit, Raum, Information, Konzepte – alles Eigenschaften von Dingen. Dinge sind definiert durch ihre Veränderlichkeit bzw. dadurch, dass sie sich tatsächlich fortlaufend aus sich selbst heraus verändern; dies liefert Bunge auch die Definition von Materie. — Manche Dinge – nämlich Besitzer intakter Gehirne – weisen mentale Eigenschaften auf; da es sich dabei um emergente Phänomene, also komplexe Eigenschaften von zudem in sozialen Systemen eingebetteten physischen bzw. biologischen Systemen handelt, sind die mentalen Eigenschaften nicht vollständig auf die physischen Eigenschaften ebendieses Dinges zu reduzieren. Zuständig für die wissenschaftliche Erforschung dieser mentalen Eigenschaften von Dingen ist die Psychologie, welche sich folglich nicht vollständig auf Neurophysiologie reduzieren lässt. – Wohlgemerkt: Physische Systeme sezernieren nicht den Geist (als ein Anderes ihrer selbst), welcher dann mentale Eigenschaften aufweist,  und sie sind auch nicht Träger des Geistes, sondern: Dem physischen System als solchem kommen in der Welt, in der wir leben, nun einmal auch mentale Eigenschaften zu; das ist eine anzuerkennende Tatsache. Konzepte – z.B. die Zahl Pi – sind im Unterschied zum Ding unveränderlich bzw. sie können sich nicht aus sich heraus verändern.

Da ein Physikalismus, anders als der Materialismus, notwendig reduktionistisch ist – denn wirklich ist für ihn ja nur, was physisch (materiell) ist bzw. sich mit den Mitteln der Physik erschließen lässt – und ein nichtreduktionistischer Physikalismus (à la Gerhard Roth, Ansgar Beckermann u.a.) somit eine Art „lebendiger Leiche“ oder „schwarzer Schimmel“ ist, lese jeder, der noch an den Physikalismus glaubt, Mario Bunge, um sich eines Besseren belehren zu lassen. Der „Ursprung der Dinge“ ist natürlich auch ein antireligiöses Buch – ich komme später darauf (nur kurz); aber es ist dezidiert auch ein anti-physikalistisches Buch. — Also, Ihr Physikalisten da draußen, Ihr Roths und Singers und Beckermanns, gebt es endlich zu: Ihr seid „elende Materialisten“  ;o) , späte (liberale) Erben des sowjetischen DIAMAT, der auch keine andere als die materialistische Deutung wissenschaftlicher Erkenntnisse anerkennen wollte! Zeigt Euer Gesicht, auf dass die Gesellschaft Eure philosophischen Einlassungen und deren Geist mit der gebührenden kritischen Aufmerksamkeit prüfe! „Physikalismus“ – das ist Etikettenschwindel, zudem ohne Votum der scientific community.

Apropos Physik, ein Einschub: Leider bin ich nicht kompetent, Bunges vernichtende Kritik an der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik zu kommentieren; hört sich auf jeden Fall interessant an. Ziel dieser Kritik ist die Abwehr des damit einhergehenden Indeterminismus und Subjektivismus in der Physik – zugunsten der Autonomie des objektiven Dings. – Das gefällt mir im Ergebnis sehr gut, ich halte den Konstruktivismus ebenfalls für einen ausgemachten Blödsinn; die Unterscheidung zwischen Wissen (Denken) und der Wirklichkeit (dem Sein), worauf sich das Wissen fallibel bezieht, ist jedenfalls für die Naturwissenschaften essentiell. – Ende des Einschubs

Was also will Bunge uns denn nun so dringend und in immer neuen Variationen wortreich sagen? Dass es keine Seelen, Geister und Gespenster gibt und natürlich auch keine Götter und keinen Gott, wenn man darunter eine Art Gespenst versteht! Nur – und hier setzt meine Kritik ein – wer um Gottes willen hat das denn behauptet? Wer in der Philosophie vertritt die dualistische, animistische oder theistische These dermaßen plakativ und simpel, wie Bunge es uns glauben machen will? Und selbst wenn man in irgendeiner theologischen Literatur fündig würde: Sicher ist nicht die Theologie insgesamt dieser Meinung, schon gar nicht die akademisch ausgewiesene. (Zahlreiche angelsächsische theologische Autoren berichten über ihre eigenen Bekehrungserlebnisse, was ihr gutes Recht ist, was aber nicht mit Theologie verwechselt werden sollte.) Bunge wird hier sicher auch nicht ernsthaft religiöse Literatur oder gar die Bibel anführen wollen, da diese Texte offensichtlich metaphorisch-symbolisch funktionieren und sicher weder als naturwissenschaftlicher noch als philosophischer Traktat gelesen werden wollen und dürfen. (Dem, der Rilkes „Panther“ als zoologische Abhandlung liest, kann nicht geholfen werden.)

Ich bezweifle, dass Bunge mit seinem lapidar-emergentistischen Materialismus überhaupt schon im Vorhof zur Philosophie steht. So will er beispielsweise Naturwissenschaftler metaphysisch auf den Materialismus festlegen, weil dieser die dem naturwissenschaftlichen Denken implizite Metaphysik sei. Er will ihnen also einreden, dass sie immer und überall nichts anderes als Naturwissenschaftler zu sein haben und dass ihr gesamtes Denken und Leben sich an dieser einen, für den Umgang mit Dingen sicher adäquatesten Denkform zu orientieren habe. Er will also gerade nicht, dass sie das Philosophieren anfangen, sondern dass sie in allen Belangen Physiker bleiben – nur Bunge selbst wird eigenartigerweise nicht Physiker. Sein „physikalistischer Fehlschluss“ besteht darin, das naturwissenschaftliche Denken aufgrund seines Erfolgs in einigen Bereichen (nämlich den materiellen) zur einzig möglichen und einzig vernünftigen Denkform zu erheben – was die meisten Menschen, die praktisch als Naturwissenschaftler arbeiten, weder so handhaben noch so wollen: Sobald sie das Labor verlassen, mit Freunden einen trinken gehen oder ihr Kind zu Bett bringen, bedienen sie sich frei ganz anderer Denkformen und Diskurse.

Bunge kommt nicht auf die alternative Idee, dass sich der naturwissenschaftlich-technische Diskurs einzubinden hat in die ihn umfassende Lebenswelt – und nur dann kein Widerspruch zwischen Alltagserfahrung und naturwissenschaftlicher Erkenntnis resultiert. Naturwissenschaft verdankt sich dem lebensweltlichen Denken in all seinen grundlegenden Konzepten, insbesondere in seiner ethischen Anlage. Wenn Naturwissenschaft die geistige Bemühung kooperierender intelligenter Personen ist, die sich auf Wahrheit verpflichten und sich gegenseitig als Wahrheitssucher anerkennen, wie könnte dann eine philosophische Deutung der Naturwissenschaft am Ende zu einer Leugnung der menschlichen Person oder der Wahrheit führen, wie manche Physikalisten es uns glauben machen wollen? Wie gesagt, das ist Etikettenschwindel und in hohem Maße selbstwidersprüchlich.

Bunge ist ja nun im Unterschied zu manchen Physikalisten gerade kein Epiphänomenalist oder Reduktionist. Aber ihm kommt nicht einmal der Verdacht oder die Ahnung, dass die Tatsache der Existenz mentaler Eigenschaften unserer gesamten Weltsicht notwendig zugrunde und voraus liegt und eine Kenntnis der Natur dieser geistigen Eigenschaften entscheidend dafür wäre, unser Weltverhältnis angemessen beschreiben, also Metaphysik betreiben zu können. Er lässt es einfach damit auf sich bewenden, das Vorhandensein mentaler Phänomene zu konstatieren. Er konfrontiert das Sein nicht mit dem Denken, er degradiert das Denken zu etwas weiterem, das es kurioserweise auch noch gibt (außer Atomen, Kaffeetassen und Quasaren). Für mich heißt das: Er philosophiert überhaupt nicht, er tut nur so.

Hinsichtlich der mentalen Eigenschaften, erklärt Bunge die Psychologie für zuständig. Ich komme daher auf einen Aufsatz aus dem Jahre 1985 in dem Essay-Sammelband Scientific Realism zu sprechen, in dem Bunge seine Philosophie der Psychologie skizziert. Der Text ist leider – nach Lektüre vom „Ursprung der Dinge“ – ziemlich berechenbar und redundant. Recht peinlich wird es aber, wenn die Neuropsychologie – also meine Profession – zur wissenschaftlich besten und damit zur eigentlichen Psychologie der Zukunft erhoben wird, während Behaviorismus und Mentalismus angeblich ausgedient haben. Denn zum Ende des Aufsatzes heißt es zu Recht, die Neuropsychologie sei eine Verbindung von Biologie (bzw. Neurophysiologie/-anatomie) und Psychologie. Dem Autor fällt leider nicht auf, dass er sich damit wohl im Kreise gedreht hat; denn mit welcher Art Psychologie verbindet sich die Neurowissenschaft denn nun? Mit der Neuropsychologie? Wie das, wenn sie erst das Ergebnis einer solchen Verbindung ist? – Bunges Kritik des psychologischen Behaviorismus bleibt stereotyp-klischeehaft (wie sie es seit Chomsky immer schon war). Bunge versteht beispielsweise überhaupt nicht, dass Skinner mentale Phänomene gar nicht leugnet, sondern diese lediglich für subtiles Verhalten hält (z.B. Denken als inneres Sprechen), welches von außen nun einmal nicht beobachtet werden kann, aber vermutlich denselben Lerngesetzen unterliegt wie das sichtbare Verhalten. – In Bezug auf den Mentalismus – übrigens das Schimpfwort der Behavioristen für die kognitive Psychologie – versteht er den epistemischen Charakter dieses Forschungsansatzes nicht (wie leider auch manche „kognitiven Neurowissenschaftler“); denn selbstverständlich geht dieser psychologische Ansatz davon aus, dass entsprechende kognitive Strukturen und Prozesse Modelle darstellen und die modellierten Vorgänge derzeit ausschließlich in Primatengehirnen realisiert sind. Psychologen sind gemeinhin keine Dualisten. Ulric Neisser hat schon in „Cognitive Psychology“ (1967) darauf hingewiesen, dass Menschen selbstverständlich keine Computer sind, und zwar unter Angabe derselben Gründe, die auch Bunge anführt. – Bunges Skizze einer Philosophie der Psychologie kann also keinesfalls überzeugen, was umso schwerer wiegt, als der Psychologie ja die wissenschaftliche Aufklärung der mentalen Phänomene zufällt. Die Neuropsychologie hat wie der Behaviorismus und der „Mentalismus“ (die kognitive Psychologie) nur das Verhalten, woran sie sich orientieren kann; sie dringt mitnichten in das Innere des Erlebens und Denkens ein und löst auch nicht die drängenden Probleme einer Philosophie der Psychologie.

Immer wieder behauptet Bunge – und damit bin ich wieder beim „Ursprung der Dinge“ –, dass mentale Phänomene neurophysiologische Vorgänge seien; er identifiziert diese also, ich vermute im Rahmen seines emergentistischen Eigenschaftsdualismus und materialistischen Substanzmonismus. Nur ist mit dieser Art Identifikation zwar eine gewagte Behauptung aufgestellt, doch im eigentlichen Sinne noch gar nichts gesagt; denn er müsste angeben (können), in welcher Hinsicht physische Ereignisse und mentale Ereignisse identisch sind, insbesondere da diese Behauptung der grundlegenden Intuition einer völligen Verschiedenheit von geistigen Phänomenen und materiellen Entitäten diametral widerspricht. (So sind ja auch Abend- und Morgen“stern“ nicht schlechthin identisch, sondern es handelt sich um ein und denselben Planeten, nämlich die Venus, welche jedoch hinsichtlich des Zeitpunktes ihres Erscheinens eine Unterscheidung in Morgen- und Abend“stern“ rechtfertigt.)

Mentale Phänomene (im weitesten Sinne) sind darüber hinaus Eigenschaften lebendiger Tiere (einschließlich des Menschen) mit entsprechend hoch entwickelten Gehirnen, aber nicht Eigenschaften dieser Gehirne oder gar einzelner Teilprozesse im Gehirn, wie Bunge behauptet; bestimmte Hirnprozesse stellen lediglich die notwendige Bedingung dar. Bunges Cerebrozentrismus wird weder physiologisch der integrativen Rolle des Gehirns im Organismus noch biologisch der Stellung dieses Zentralorgans für die Interaktion zwischen dem Gesamtorganismus und seiner physischen und sozialen Umwelt gerecht. Mindestens müsste Bunge sagen, dass mentale Phänomene Eigenschaften intakter Nervensysteme sind – und dann reden wir vom Gesamtorganismus. – Man hat das übrigens alles ganz ähnlich, aber besser schon bei Aristoteles gelesen (Hylemorphismus, Geist als „zweite Natur“ des Menschen, u.ä.).

Ich habe hier gar keine Lust, auf die weltanschauliche Religionskritik Bunges einzugehen. Sie zielt genauso ins Leere wie die von Richard Dawkins, Edgar Dahl, Elmar Diederichs und wie die atheistischen Kommentatoren hier auf den Scilogs sonst noch heißen. Ich teile ja deren Kritik in großen Zügen, soweit sie sich auf ethisches Fehlverhalten der Kirchen oder anderer religiöser Gruppen beziehen; durch Ansprechen ihrer edelsten Motive und suggestiv-dissoziative Manipulation kann man (lassen sich) Menschen zu den abscheulichsten Taten verführen, ja das stimmt. – Mich treibt jedoch die Leibnizsche Frage um: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Warum gibt es Personen, leibhaftige Wesen, denen sich die Welt im geistigen Erkennen erschließt? Wie kann es in einem rein materiellen Universum etwas geben, dem die Eigenschaft wahr oder falsch zu sein, zukommen kann? Ich stelle fest, dass Atheisten sich diese Frage nicht stellen (möchten) und dafür verschiedene nachvollziehbare Gründe zu nennen wissen: Sie halten die Frage für belanglos, praktisch irrelevant, unverständlich, unbeantwortbar oder für ein Scheinproblem, oder sie interessiert sie einfach nicht. Aber damit ist die Diskussion mit ihnen dann auch schon zu Ende! Denn Religion und Theologie haben es nun einmal mit dieser Frage zu tun. Ich meine, dass die Frage nach dem Grund aller Wirklichkeit verständlich und berechtigt ist, und dass die Religionen und die Theologie hierzu Bedenkenswertes zu sagen haben (vgl. meine Beiträge in diesem Blog).

Einschub: Im Hinblick auf das Théodicée-Problem muss man sich entscheiden, ob man mit dieser Thematik in den metaphysischen Diskurs eintreten will (vgl. N. Kermanis, Der Schrecken Gottes, sowie die große Zahl von Klagepsalmen und das alttestamentliche Buch Ijob), oder ob man aufgrund der bisher vorgelegten unzureichenden Antworten die Frage nach dem Grund selbst für verfehlt hält (was doch ein wenig eigenartig wäre). — Zu glauben, man müsse die Religionen an die Existenz des Leidens erinnern, erscheint allerdings skurril; denn das Leiden ist das Zentralthema mindestens des Christentums (Kreuz) und des Buddhismus (Alles ist Leiden), und in diesen beiden sowie anderen Religionen werden anspruchsvolle „Antworten“ auf die Frage nach dem Leiden gelebt, auch dort wo das Leiden einem die Sprache verschlägt. Ende des Einschubs 

Bunge jedenfalls stellt sich weder die Frage nach dem Grund von alldem, noch die Frage nach der Möglichkeit des Seins (denn nichts müsste ja sein und nichts findet in sich selbst den Grund und die Möglichkeit zu sein) und der Möglichkeit des Erkennens (bevor faktisch jemand ist, der erkennt). Gerade wenn man so nah bei Aristoteles ist wie Bunge, sind diese Fragen aber unvermeidlich, da Wirklichkeit dynamisch als Verwirklichung einer (zuvor bestehenden, innewohnenden) Möglichkeit gedacht werden muss: was wirklich ist, muss immer schon möglich gewesen sein. Ebenfalls stellt Bunge sich nicht die Frage, in welchem Sinne die vergangene Wirklichkeit erforschbar wirklich bleibt, obwohl doch die seinerzeitige materielle Konstellation jetzt nicht mehr existiert. Wie lässt sich das Prinzip "Was jemals wirklich war, kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden" materialistisch denken?

Im Hinblick auf die Ethik – das letzte Kapitel im „Ursprung der Dinge“ – ist interessant, dass Bunge zu einer Ethik von Rechten und Pflichten findet. Mit Libertarismus oder Hedonismus kann er nichts anfangen; den Menschenrechten entsprechen seiner Meinung nach in gleichem Maße auch Menschenpflichten. Diese Position ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Bunge hier über bestimmte Dinge und deren kuriose Eigenschaften (u.a. mentale) spricht. Doch warum provozieren die farblichen Eigenschaften von Dingen keine Ethik, die mentalen Eigenschaften (welche identisch sind mit neurophysiologischen Prozessen) aber doch? Die Überlegungen Bunges zur Rechtfertigung der Ethik sind vielleicht gar nicht falsch, doch sie rekurrieren sämtlich auf die mentalen Eigenschaften derjenige Individuen, die erst Gemeinschaften konstituieren. Zu diesen geistigen Eigenschaften fällt Bunge aber leider nicht mehr ein, als ihre Existenz zu konstatieren und sie darüber hinaus der Philosophie zu entreißen, um sie der wissenschaftlich-empirischen Aufklärung durch die Neuropsychologie zu überlassen.

Nein, sehr verehrter Herr Prof. Bunge, so geht das alles nicht. Ethik lässt sich nur aus einem Wirklichkeitsverständnis heraus entwickeln, welches die Tatsache, dass sich mir, Dir und uns diese Wirklichkeit mittels geistiger Fähigkeiten überhaupt erst erschließt, zutiefst berücksichtigt und dies nicht als Marginalie abtut (vgl. hierzu R. Spaemann, Personen: Versuche über den Unterschied zwischen ‚etwas’ und ‚jemand’, oder auch: T. Nagel, Das letzte Wort).

Vielleicht kann ich meine Kritik mit einer realistischen, aber antimaterialistischen Feststellung zusammenfassen, nämlich mit dem Hinweis auf die Tatsache einer bedeutsamen Abwesenheit; für das Denken kann ja auch das Fehlende und Nichtvorhandene bedeutsam sein: Mario Bunge kommt im Band „Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen“ (Hrsg. Nida-Rümelin/Özmen) nicht vor. Vielleicht ist er ja auf Rang Nr. 114 und wäre als nächster dran gewesen, aber ehrlich gesagt (lieber Herr Rakow), halte ich es für ziemlich unwahrscheinlich, dass er eines Tages „der Philosoph aller Naturwissenschaftler“ sein wird, der er wohl gerne wäre. Die endlose Wiederholung der immergleichen These – „Nur Dinge existieren dinglich“ –, die am Ende darauf hinaus läuft, jegliche Konfrontation von Denken und Sein zu verweigern und das Denken zu marginalisieren, begründet erstens noch kein bedeutsames philosophisches Werk und verfehlt zweitens auch das Wesen derjenigen geistigen Unternehmung, die sich als Naturwissenschaft aus unserer Lebenswelt heraus entwickelt hat.

Über den Ursprung der Dinge

Christian Hoppe

Veröffentlicht von

Geboren 1967 in Emsdetten/Westfalen. Diplom kath. Theologie 1993, Psychologie 1997, beides an der Universität in Bonn. Nach einem Jahr am Leipziger Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung (1997-98) bin ich seit Oktober 1998 klinischer Neuropsychologe an der Universitätsklinik für Epileptologie in Bonn. Ich wurde an der Universität Bielefeld promoviert (2004) und habe mich 2015 an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn habilitiert (Venia legendi für das Fach Neuropsychologie). Klinisch bin ich seit vielen Jahren für den kinderneuropsychologischen Bereich unserer Klinik zuständig; mit erwachsenen Patientinnen und Patienten, die von einer schwerbehandelbaren Epilepsie oder von psychogenen nichtepileptischen Anfällen betroffen sind, führe ich häufig Gespräche zur Krankheitsbewältigung. Meine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in den Bereichen klinische Neuropsychologie (z.B. postoperativer kognitiver Outcome nach Epilepsiechirurgie im Kindesalter) und Verhaltensmedizin (z.B. Depression bei Epilepsie, Anfallsdokumentation). Ich habe mich immer wieder intensiv mit den philosophischen und theologischen Implikationen der modernen Hirnforschung beschäftigt (vgl. mein früheres Blog WIRKLICHKEIT Theologie & Hirnforschung), eine Thematik, die auch heute noch stark in meine Lehrveranstaltungen sowie meine öffentliche Vortragstätigkeit einfließt.

21 Kommentare

  1. @Hoppe: Eine Lanze für …

    … den Naturalismus brechen.

    Lieber Herr Hoppe, wir haben ja schon einmal intensiv diskutiert und ich werde versuchen, in kleinen Kommentaren unsere Diskussion fortzuführen, denn ich meine mich aus meiner eignen Lektüre zu erinnern, daß Bunge ein paar Dinge anders meinte.

    “Existenz meint dingliche Existenz. Somit existieren nur Dinge. Was es außerdem unbezweifelbar noch gibt, ohne ein Ding zu sein, – beispielsweise die beiden vorangegangenen Gedanken –, sind Eigenschaften der tatsächlich existierenden Dinge. Hierzu gehören: Energie, Zeit, Raum, Information, Konzepte – alles Eigenschaften von Dingen. Dinge sind definiert durch ihre Veränderlichkeit bzw. dadurch, dass sie sich tatsächlich fortlaufend aus sich selbst heraus verändern.”

    Die ersten beiden Sätze sind ganz klar Bunges Position. Der Rest scheint kein Referat, sondern ihr persönlicher Kommentar zu sein: Bunge würde sicher nie sagen, daß es Energie oder Information als Eigenschaften von Dingen gibt, weil er sie als abstrakte Konzepte ansieht, die nicht im selben Sinne existieren, wie Dinge es tun – nämlich unabhängig von einer Person, die Dinge oder Änderungen von Zuständen an Dingen zu verstehen versucht.

    Wie sehen Sie das?

  2. Information, Konzepte ?

    Als Eigenschaften von Dingen?
    Wo ist das her?
    Das klingt eher kreationistisch o.ä. und weniger nach Naturalismus.

  3. M. Bunge zu Energie & Information

    @ Elmar Diederichs

    Hierzu habe ich gerade einmal nachgeschaut: “Bunge würde sicher nie sagen, daß es Energie oder Information als Eigenschaften von Dingen gibt, …”

    Doch, Bunge sagt in der Tat dergleichen. Z.B. in [1] findet man in Sec. 4.1, p. 62:

    Is there a property common to all material objects, and such that no immaterial (ideal, imaginary, abstract) objects can posses? In other words: Which, if any, is the universal physical property, hence the one that individuates matter? Answer: Energy.

    Weiter heisst es dort in Sec. 4.2, p. 67:

    […], far from being self existing like matter, information is a property of very special material systems, such as nervous systems and TV networks, and as such inseparable from stuff and energy.

    [1] M. Bunge. Matter and Mind: A Philosphical Inquiry. Springer, 2010.

  4. Materialismus

    Lieber Christian Hoppe,

    ich stimme den Grundlinien Ihrer Kritik zu!

    Es wird immer wieder gern übersehen, dass „Materie“ schon ein außerordentlich abstraktes Konzept ist. Materie ist kein Gegenstand der Erfahrung als solcher im Sinne von Etwas, dem ein „Geist“ oder „Bewusstsein“ oder „die Lebenskraft“ innerhalb derselben Erfahrung gegenübersteht.
    Gegenstände der Erfahrung sind Tiere, Pflanzen, Wolken, Steine, Gestirne, Wasser, Wind, Feuer etc., d.h. Entitäten, die mit einer je eigenen Dynamik ausgestattet sind, und die einzig im extrem aufwendigen und abstrakt-theoretischen Projekt namens „westliche Naturwissenschaft“ reduziert werden auf das Spiel der beiden Kräfte „elektromagnetische Wechselwirkung“ und „Gravitation“ von gewissen unsichtbaren Grundeinheiten namens Atome. Von den verschiedenen Arten dieser Grundeinheiten wurde eine Tabelle (Das Periodensystem der Elemente) erstellt. Voilà Materie!

    Die Glaubwürdigkeit des Materialismus – welcher Couleur auch immer – steht und fällt mit den Antworten auf die Probleme, die er aufwirft, unter anderem:
    – Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie
    – Erklärung der Phänomene Wahrnehmung, Streben, Selbstsein
    – Entstehung und Erklärung des Bewußtseins und der Fähigkeit zur Erkenntnis, mithin der Möglichkeit, überhaupt diejenige Theorie mit begründetem Wahrheitsanspruch aufzustellen, welche hier infrage gestellt wird.

    Für diese Probleme hat der Materialismus allerdings keine Lösungen gefunden, sondern stattdessen ein paar Strategien des Umgangs damit entwickelt, als da wären:

    – Ankündigung zukünftiger Lösungen auf der Basis zu erwartender neuer Forschungergebnisse
    – Verpacken der Probleme in Schachteln und Beschriften derselben mit Namen, die wie eine Lösung klingen, wie zum Beispiel „Emergenz“ oder „Selbstorganisation“
    – Weglassen (Besonders beliebt)
    – Aggressives Weglassen bzw Verweigern der Diskussion, indem man alle, die Begriffe wie „Geist“, „Seele“, „Bewusstsein“ etc. ins Spiel bringen, für intellektuell nicht satisfaktionsfähig erklärt.

  5. Der Wunsch wie die Welt zu sein hätte

    @Christian Hoppe,fegalo
    Sowohl im Artikel von Christian Hoppe aber noch deutlicher im Kommentar von fegalo wird sichtbar, dass die Herren sich nicht mit einer materialistischen Sicht zufrieden geben wollen. Nein das genügt ihnen nicht denn es erklärt für sie zuwenig. Dabei vergessen die Herren ganz, dass die Wissenschaft zu Beginn vor einer Tabula rasa steht. Nur weil keine Welterklärung herum ist, kann man sich nicht einfach eine aussuchen und sich bei der Thelogie oder Philosophie seiner Wahl bedienen.

    Anders als Christian Hoppe das darstellt, ist die materialistische Richtung der Philosophie fast so alt wie die Philosophie selbst und hat zuerst einmal wenig mit dem dialektischen Materialismus zu tun. Es ist jedoch richtig, den Naturalismus und Materialismus in die Nähe des naturwissenschaftlich bestimmten Weltbildes zu stellen. Und ein Naturwissenschaftler weiss zuerst einmal nichts – ausser dem was er und seine Vorgänger über die Natur herausgefunden haben. Und ja – je erfolgreicher diese Art der Welterklärung, die über die Erforschung der Welt läuft – desto stärker wird das Vertrauen in eine Erklärung der Welt über ihre materiellen Grundlagen und als Naturwissenschaftler kommt man letztlich zur Frage : Wie kann ein Hirn den Geist hervorbringen und nicht umgekehrt wie kann der Geist sich materialisieren. Das sind für mich die grundlegenden Fragen hier und nicht Details von Bunge’s Erklärungen zu Teilwissenschaften.

    Christian Hoppe’s Artikel ist vor allem eine Kritik am Materialismus und an bestimmten Detailaussagen im Buch von Bunge, fegalos Kommentar enthält jedoch Gegenpositionen zu Bunge, die wohl auch Christian Hoppe vertritt und fegalo wirft dem Materialismus ein Versagen in der Klärung folgender Fragene vor: Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie
    – Erklärung der Phänomene Wahrnehmung, Streben, Selbstsein
    – Entstehung und Erklärung des Bewußtseins und der Fähigkeit zur Erkenntnis, mithin der Möglichkeit, überhaupt diejenige Theorie mit begründeteberhaupt diejenige Theorie mit begründetem Wahrheitsanspruch aufzustellen, welche hier infrage gestellt wird.

    Doch welche alternative Philosophie und Theorie klärt denn diese Fragen wirklich. Ist es nicht vielmehr so, dass Philosophien und Theorien, die vorgeben diese Fragen zu beantworten, reine Spekulationen sind. Der materialistische Ansatz, dass alles einen gemeinsamen Ursprung in der materiellen Welt hat und dass einem die Annahme von Wundern nicht weiter bringt und auch gar nicht nötig ist, ist letzlich auch der Ansatz des Naturwissenschaftlers. Wenn die materialistische und naturalistische Weltsicht Fragen wie die nach dem Ursprung des Lebens und der Welt an und für sich noch nicht restlos geklärt hat, so hat sich ihr Ansatz, alles mit Dingen von dieser Welt erklären zu wollen, als fruchtbar und konsistent erwiesen. Andere Ansätze, die das Wirken von Übersinnlichen Akteueren zu Hilfe nehmen sind dagegen willkürlich und sogar gefährlich für die geistige und seelische Gesundheit.

  6. Materialismus/Naturalismus als Weltsicht

    Die materialistische Weltsicht mag armselig sein, aber das ist immer noch besser als ein Weltbild dem jede Grundlage fehlt und das zwischen Gläubigen und Ungläubigen (Häretikern?) unterscheidet. Natürlich gibt es eine Wechselwirkung zwischen Weltsicht der Elite (wozu Philosophen und Naturwissenschaftler gehören) und Alttagskultur und beide wirken aufeinander ein. Christian Hoppe erwartet jedoch zu viel Entgegenkommen von den Naturwissenschafltern, wenn er schreibt:

    Bunge kommt nicht auf die alternative Idee, dass sich der naturwissenschaftlich-technische Diskurs einzubinden hat in die ihn umfassende Lebenswelt – und nur dann kein Widerspruch zwischen Alltagserfahrung und naturwissenschaftlicher Erkenntnis resultiert. Naturwissenschaft verdankt sich dem lebensweltlichen Denken in all seinen grundlegenden Konzepten, insbesondere in seiner ethischen Anlage.

    Wenn man Chrisian Hoppes Gedanken noch ein bisschen weitertreibt, könnte man formulieren: Auch die Erkenntnisse der Naturwissenschaft basieren letztlich auf soziokulturellen Übereinkünften . Doch genau das ist nicht der Fall. Die Wahrheiten der Naturwissenschaft übersteigen kulturell bedingte Annahmen und müssen gerade deswegen zu einem armseligen Weltbild führen, denn nur wenig ist wahr und vieles kann gar nicht oder jetzt noch nicht beantwortet werden.
    Andererseits befreit uns das naturwissenschaftliche Weltbild auch vom Aberglauben und von der Willkürherrschaft vieler Ideengebäude. Statt dessen begnügen wir uns mit einer armseligen Wirklichkeit, die noch vieles offenlässt, aber gerade deswegen viele Freiheiten bietet.

    Im Zweifel für die Freiheit.

  7. @ fegalo

    Für diese Probleme hat der Materialismus allerdings keine Lösungen gefunden, sondern stattdessen ein paar Strategien des Umgangs damit entwickelt, als da wären:

    – Ankündigung zukünftiger Lösungen auf der Basis zu erwartender neuer Forschungergebnisse
    – Verpacken der Probleme in Schachteln und Beschriften derselben mit Namen, die wie eine Lösung klingen, wie zum Beispiel „Emergenz“ oder „Selbstorganisation“ [ … ]

    Oft heißt es, der Mensch möchte sich die Welt erklären und alles was er nicht erklären konnte, das wurde in die Schachtel “Gott” gepackt. Heutzutage können wir die Welt erklären und deshalb ist diese Schachtel “Gott” überflüssig. Nun, dies sehr redukionitisch, denn für einen gläubigen Menschen ist Gott weit mehr als nur eine Erklärung. Und Ihr Punkt eins beschreibt den Glaubensinhalt der Atheisten. Der Glaube an die Zeit, an die Forschung und die Erkenntnis, die Kraft des menschlichen Geistes, welchem nichts verborgen bleiben kann. Wenn man es genau nimmt, darf man gar nicht mehr von Gläubigen/Nichtgläubigen sprechen, sondern von Andersgläubigen. Die einen glauben an Gott und die anderen glauben an den Menschen und seiner Schaffenskraft. Der Mensch wird zum Ersatz für Gott. Das ist aber alles nichts Neues, denn womit wurde der Mensch im Garten Eden verführt? “… ihr werdet sein wie Gott …” (1. Mose 3,5)

  8. @Chrys: Was Neues …

    Aha, ok … dann scheint er seine Position weiterentwickelt zu haben.

    Sehr freuen tue ich mich über die Richtung dieser Entwicklung nicht. Ich versuche, daß Buch wenigstens quer zu lesen: Schließlich könnte es noch weitere Überraschungen geben.

  9. fegalo

    “Die Glaubwürdigkeit des Materialismus – welcher Couleur auch immer – steht und fällt mit den Antworten auf die Probleme, die er aufwirft, unter anderem:
    – Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie
    – Erklärung der Phänomene Wahrnehmung, Streben, Selbstsein
    – Entstehung und Erklärung des Bewußtseins und der Fähigkeit zur Erkenntnis, mithin der Möglichkeit, überhaupt diejenige Theorie mit begründetem Wahrheitsanspruch aufzustellen, welche hier infrage gestellt wird.”

    Na welche _Antworten_ haben die anderen “Ismen”?
    Geister, Götter, rosa Einhörner oder Spaghetti?

    Für “weiss ich (noch) nicht” einfach Phantasiegestalten einzusetzen ist aus meiner Sicht eher die schlechtere Wahl.

    Genauso die Frage nach “Warum” … wegen dem unergründlichen Willen eines “Dings”?
    Was ist das anderes als “keine Ahnung” oder “muss es einen Grund haben?”
    Letztere “Antworten” erscheinen mit wenigstens ehrlich.

  10. @ Martin Holzherr

    Zitat: „Und ein Naturwissenschaftler weiss zuerst einmal nichts – ausser dem was er und seine Vorgänger über die Natur herausgefunden haben. Und ja – je erfolgreicher diese Art der Welterklärung, die über die Erforschung der Welt läuft – desto stärker wird das Vertrauen in eine Erklärung der Welt über ihre materiellen Grundlagen..“

    Der Erfolg der naturwissenschaftlichen Welterklärung beschränkt sich allerdings weitgehend auf die unbelebte Welt und auf gewisse materielle Aspekte des Lebendigen. Der Erfolg gründet dabei nicht vorrangig in der metaphysischen Richtigkeit der Annahmen, sondern in der Anwendbarkeit einer bestimmten Methode. Wo die Anwendbarkeit der Methode endet, ist es mit der Erkenntnis auch schnell vorbei. Ich denke da etwa an die Pädagogik. Diese Wissenschaft scheitert bislang vollkommen bei der Klärung einer Frage wie: „Auf welche Weise kann man Kindern am besten Lesen und Schreiben beibringen?“ Dergleichen gilt für viele andere Wissenschaften auch, die es mit Lebendigem oder mit dem Verhalten von Menschen zu tun haben.

    Wir können also einen echten Erfolg der Wissenschaft nur bei den sogenannten „exakten“ Wissenschaften feststellen, welche sich – wie gesagt – weitgehend mit der unbelebten Welt befassen.

    Zitat: „…und als Naturwissenschaftler kommt man letztlich zur Frage : Wie kann ein Hirn den Geist hervorbringen und nicht umgekehrt wie kann der Geist sich materialisieren. Das sind für mich die grundlegenden Fragen hier… „

    Nur: Woher wissen Sie, dass die Frage so herum richtig gestellt ist? Ausschließlich daher, dass eine bestimmte Methode auf GANZ ANDEREN Gebieten Erfolge zu verzeichnen hat? Gerade in der Fragen des Bewusstseins, allgemeiner des „Innenaspekts“ von Lebewesen scheitert materialistische Wissenschaft bislang komplett. In der Theorie führt sie in Aporien und logische Zirkel, und empirische Forschung bringt nichts zutage. Deswegen gibt es ja bekanntlich Theoretiker, die das Phänomen „Bewusstsein“ als solches bestreiten, um die Bahn frei zu haben für ihren materialistischen Monismus. Wie diese Leute es mit der Selbstwahrnehmung halten, bleibt für mich dabei ein Rätsel.

    Letztendlich helfen uns Erfolge in den exakten Wissenschaften überhaupt nicht bei der Beantwortung einer Frage in einem Bereich, in dem diese selben Wissenschaften notorisch erfolglos sind. Darum gibt es hier auch keine argumentative Stützung einer materialistischen Voreinstellung zum Beispiel ist der Frage nach dem Verhältnis von Bewusstsein und Materie.

    Zitat: „Doch welche alternative Philosophie und Theorie klärt denn diese Fragen wirklich. Ist es nicht vielmehr so, dass Philosophien und Theorien, die vorgeben diese Fragen zu beantworten, reine Spekulationen sind.“

    In der Tat, bislang kann keine Theorie alle auftretenden Fragen schlüssig und zufriedenstellend beantworten. Die Theorieentwicklung der letzten Jahrzehnte hat dabei Standards immer stärker an denen der exakten empirischen Wissenschaften orientiert. Die Folge ist, dass spekulative Entwürfe heutzutage von vornherein kaum noch Akzeptanz finden.

    Doch gibt es hier eine Ausnahme:

    Einzig die Vertreter eines metaphysischen Materialismus wagen sich mit spekulativen Entwürfen hervor. Dahinter steht allerdings kein tieferer Einblick in die Strukturen der Welt, sondern schlicht das stillschweigende Austauschen eines (allgemein anerkannten) methodischen Naturalismus mit einem (strittigen) metaphysischen. Das scheinen ihre Vertreter oftmals selbst nicht zu bemerken. Und wenn doch, so wird gerne das irrige Argument vorgebracht, die Naturwissenschaft liefere „Hinweise“ für die Richtigkeit des metaphysischen Naturalismus. Das ist natürlich Quatsch, denn die Ergebnisse einer Wissenschaft, die sämtliche Fragestellungen und möglichen Erklärungen nicht-naturalistischer Art von vornherein ausklammert und für nicht zulässig erklärt, können wohl nicht als Beweis dafür angeführt werden, dass der Naturalismus die wahre Sicht der Dinge verkörpere, selbst wenn ihre Ergebnisse in ausgesuchten Teilbereichen der Welterkundung noch so beeindruckend sind.

    Ich kritisiere dabei nicht die Vernünftigkeit des methodischen Naturalismus, sondern nur den vollkommen irrationalen Übergang zu einem BEKENNTNIS zum metaphysischen Naturalismus.

    Kant als „Zertrümmerer der Metaphysik“ hat ja der gebildeten Welt schon vor Augen geführt, dass sichere Erkenntnisse über komplexe Ideen, die jenseits der Erfahrung liegen, nicht möglich sind. Eine Ansicht, die für die – üblicherweise angelsächsischen – Empiristen nichts Neues war, sondern nur grundsätzlicher begründet wurde.

    Wenn man dies zugesteht, dann ist es doch umso verwunderlicher, wenn ein Vertreter der empirischen Naturwissenschaften dafür WIRBT, einen metaphysischen Materialismus anzunehmen, wie Christian Hoppe schreibt. (Ich muss zugeben, das Buch von Bunge noch nicht gelesen zu haben, aber der Besprechung von C.Hoppe entnehme ich, dass dessen theoretische materialistische „Alleinstellungsmerkmale“ nicht gerade bahnbrechend originell sind)

    Schließlich bleibt Metaphysik Metaphysik, ganz gleich ob sie ihre Inhalte aus den Naturwissenschaften speist oder aus irgendeinem Idealismus. Mit anderen Worten. Es gibt keinen logischen Übergang von empirischen Erkenntnissen zu metaphysischen Wahrheiten.

    Zitat: „Der materialistische Ansatz, dass alles einen gemeinsamen Ursprung in der materiellen Welt hat und dass einem die Annahme von Wundern nicht weiter bringt und auch gar nicht nötig ist, ist letzlich auch der Ansatz des Naturwissenschaftlers.“

    Wunder hat hier nur einen anderen Namen bekommen: ZUFALL (Ein außerordentlich metaphysisches Konzept übrigens)

    Zitat: „ Wenn die materialistische und naturalistische Weltsicht Fragen wie die nach dem Ursprung des Lebens und der Welt an und für sich noch nicht restlos geklärt hat…“

    „noch nicht restlos“ ist nicht mal mehr ein Euphemismus, sondern schlicht Selbstbetrug.

    Zitat: „Andere Ansätze, die das Wirken von Übersinnlichen Akteueren zu Hilfe nehmen sind dagegen willkürlich und sogar gefährlich für die geistige und seelische Gesundheit.“

    Ich übersetze: Für die Gesundheit der GESPENSTER „Geist“ und „Seele“. Tzz, dass Sie sich ausgerechnet darum Sorgen machen…

  11. @fegalo: Es gibt mehr als Wissenschaft

    Sie bemerken richtig, dass der Materialismus/Naturalismus keinen Anspruch auf wissenschaftliche Richtigkeit erheben kann, sondern eine Überzeugung bleibt.

    Genährt wird diese Überzeugung durch die Erfolge dieses Weltbildes innerhalb der naturwisschenaftlichen Arbeitsweise. Der Naturwissenschaftler kommt eben zum Schluss, dass es um die Welt besser stehen würde, wenn man auch im Nicht-naturwissenschaftlichen Bereich dieselbe Demut gegenüber der Wahrheit aufbringen würde. In der Naturwissenschaft wird die Qualität einer Arbeit eben nicht daran gemessen, dass es sich um ein Plagiat handelt oder nicht – denn viel entscheidender als die Selbstständigkiet des Gedankens – die in den Geisteswissenschaften oft schon als Qualitätsmerkmal genügt – ist es für den Naturwissenschaftler, etwas aufzudecken, was andere nicht nur geistig, sondern auch physisch nachvollziehen und reproduziern können.

    Wenn der Naturwissenschaftler liest (Zitat): Ich denke da etwa an die Pädagogik. Diese Wissenschaft scheitert bislang vollkommen bei der Klärung einer Frage wie: „Auf welche Weise kann man Kindern am besten Lesen und Schreiben beibringen?“ so denkt er sich: Klar hat sich der Lernprozess seit den alten Griechen nicht verbessert, denn nur ein tiefes Verständnis dieses Prozesses kann weiterhelfen und solange wir das Gehirn oder den Teil, der mit Lernen zu tun hat, noch zuwenig verstehen können sich Pädagogen noch so abmühen, sie werden keine weltbewegenden Erfolge erzielen, weil ihnen die wissenschaftlichen Grundlagen fehlen.
    Das ist eben der Unterschied zu den Geisteswissenschaften. Diese wollen Probleme jetzt lösen, obwohl ihnen die Grundlagen dazu fehlen. Folglich bleiben ihre Theorien letztlich Spekulation.

  12. @fegalo:

    » Der Erfolg der naturwissenschaftlichen Welterklärung beschränkt sich allerdings weitgehend auf die unbelebte Welt und auf gewisse materielle Aspekte des Lebendigen. «

    Mehr wird von den Naturwissenschaften auch gar nicht erwartet. Die wissenschaftliche Erforschung des Immateriellen bleibt anderen Disziplinen überlassen.

  13. @Martin Holzherr:

    » Wenn der Naturwissenschaftler liest (Zitat): Ich denke da etwa an die Pädagogik. Diese Wissenschaft scheitert bislang vollkommen bei der Klärung einer Frage wie: „Auf welche Weise kann man Kindern am besten Lesen und Schreiben beibringen?“ so denkt er sich: Klar hat sich der Lernprozess seit den alten Griechen nicht verbessert, denn nur ein tiefes Verständnis dieses Prozesses kann weiterhelfen und solange wir das Gehirn oder den Teil, der mit Lernen zu tun hat, noch zuwenig verstehen können sich Pädagogen noch so abmühen, sie werden keine weltbewegenden Erfolge erzielen, weil ihnen die wissenschaftlichen Grundlagen fehlen. «

    Alternativ könnte er auch denken, dass wissenschaftliche Methoden am besten zur Klärung der Frage, wie man am effektivsten etwas lehrt, geeignet sind. Allerdings gibt es hier ein entscheidendes Handikap: Versuche mit Menschen, Kindern zumal, sind aus ethischen Gründen nur sehr beschränkt möglich.

    (Im Übrigen bringen Kinder sich das Lesen und Schreiben selbst bei, Erwachsene können nur Hilfestellungen geben. Und wie man generell den Lernerfolg steigern kann, ist meines Wissens mittlerweile schon ganz gut untersucht, einige wissenschaftlichen Grundlagen sind bereits vorhanden)

  14. Rückmeldungen – diverse

    Sorry für meine späte Reaktion, war sehr knapp mit der Zeit … Aber jetzt:

    Erst einmal Danke für die anregenden Kommentare!!

    @Martin Huhn: Danke für den Hinweis auf frühere Rezensionen in den Scilogs.

    @Elmar Diederichs
    “Bunge würde sicher nie sagen, daß es Energie oder Information als Eigenschaften von Dingen gibt, weil er sie als abstrakte Konzepte ansieht, die nicht im selben Sinne existieren, wie Dinge es tun – nämlich unabhängig von einer Person, die Dinge oder Änderungen von Zuständen an Dingen zu verstehen versucht.”

    Bunge 2004, S.32f.
    – Energie = Veränderlichkeit (daher haben Konzepte keine Energie)
    – “Korollarium 2.2: Energie ist eine Eigenschaft (und keine Substanz, kein Ding, Zustand, oder Prozess).”

    @Bohnenkamp
    “Information, Konzepte ? Als Eigenschaften von Dingen? Wo ist das her?
    Das klingt eher kreationistisch o.ä. und weniger nach Naturalismus.”

    S. 38: “Ist Information im ontologischen Sinne nichts anders als Struktur, dann ist sie aber eine Eigenschaft von Dingen und nicht etwa selbst ein Ding oder eine Substanz.”
    @Alle:
    – Materialismus: Nur Dingen kommt Existenz zu, es gibt keine übernatürlichen und keine immateriellen Substanzen.
    – Physikalismus: Es gibt keine übernatürlichen Dinge, es könnte aber nichtdingliche natürliche Substanzen geben (z.B. Energie oder Information oder Geist)
    – Naturalismus: physis = natura, kommt ein bisschen romantischer daher, ist aber wohl synonym zu Physikalismus zu verwenden (würde ich sagen)

    Geist?
    – redunktionistisch: Geist ist nichts anders als ein materieller-physischer Prozess
    – non-reduktionistisch: Geist superveniert auf oder emergentiert aus physischen Prozessen, lässt sich aber nicht vollständig auf deren Eigenschaften reduzieren (er stellt eine eigene Qualität dar)

    Geist als Epiphänomen?
    – epiphänomenalistisch: mentale Akte und Phänomene können unberücksichtigt bleiben, da sie kausal nichts zur Sache tun (z.B. W. Singer)
    – non-epiphänomenalistisch: es gibt so etwas wie “mentale Verursachung” (schrappt immer nahe am Dualismus entlang)
    – meine Position hierzu: mentale Phänomene gehen notwendig mit bestimmten Hirnzuständen einher, die andere wären, wenn das mentale Phänomen nicht auftauchen würde – insofern sind mentale Phänomene/Akte nicht kausal irrelvant, ihr Fehlen würde einen physischen Unterschied machen bzw. anzeigen.

    Ich bin da weitgehend mit Bunge [bzw. Aristoteles/Thomas von Aquin] einig. Das Geistige mag ein Randphänomen in den Naturwissenschaften bleiben – aber m.E. nicht für die Philosophie (wie bei Bunge).

    @Chrys: Danke für den Hinweis aus einem aktuelleren Buch!

    @fegalo: Naturalismuskritik

    Mir ging es hier um Metaphysik, also die denknotwendigen Voraussetzungen am Grunde jeder Physik. Die von Ihnen genannten Fragen können sinnvoll nur naturwissenschaftlich gestellt und vielleicht einer Lösung zugeführt werden. Wenn ich den Materialismus kritisierte, dann gerade nicht, um die Naturwissenschaft herabzusetzen. Philosophie ist nicht Naturwissenschaft. Es gibt überhaupt keine Philosophie (und auch keine Theologie) mehr, die die Naturwissenschaften nicht ehrte!!! Das ist definitiv kein Alleinstellungsmerkmal des Physikalismus!

    @Martin Holzherr
    “Dabei vergessen die Herren ganz, dass die Wissenschaft zu Beginn vor einer Tabula rasa steht. Nur weil keine Welterklärung herum ist, kann man sich nicht einfach eine aussuchen und sich bei der Thelogie oder Philosophie seiner Wahl bedienen.”

    Sie scheinen nicht zwischen Naturwissenschaft und Philosophie (bzw. hier sogar Metaphysik) zu unterscheiden. Vielleicht haben Sie auch keine philosophischen Fragen, sondern interessieren sich eben nur für Naturwissenschaft. Kein Problem. – Der Materialismus überzeugt micht nicht als **Philosophie**!

    “Christian Hoppe erwartet jedoch zu viel Entgegenkommen von den Naturwissenschafltern, wenn er schreibt: Bunge kommt nicht auf die alternative Idee, dass sich der naturwissenschaftlich-technische Diskurs einzubinden hat in die ihn umfassende Lebenswelt … Wenn man … [den] Gedanken noch ein bisschen weitertreibt, könnte man formulieren: Auch die Erkenntnisse der Naturwissenschaft basieren letztlich auf soziokulturellen Übereinkünften. Doch genau das ist nicht der Fall.”

    Ich verlange nicht vom Naturwissenschaftler Zugeständnisse – und jeder Konstruktivismus ist mir zuwider, wie offensichtlich auch Ihnen -, sondern von dem Philosophen, der die Voraussetzungen naturwissenschaftlichen Denkens freilegen will und das auf eine Weise tut, die lebensweltlich in performative Selbstwidersprüche mündet. (Diese Kritik betrifft weniger Bunge, der sich einfach nur wenig zum Geistigen äußert, es aber ja gar nicht leugnet, sondern eher auf Epiphänomenalisten/Reduktionisten.)

    @Martin Huhn

    Mir ging es überhaupt nicht um Glaubensfragen, sondern um Philosophie.

    “… ihr werdet sein wie Gott …” (1. Mose 3,5)
    Bitte weiterlesen, dann heißt es dort, dass Gott feststellt, dass sie nun geworden sind wie er und es jetzt nur noch eines zu verhindern gilt: dass sie auch noch vom Baum des Lebens essen und dadurch unsterblich werden wie er. Erstens, bedeutet dies, dass die Menschen vom Genuss der Frucht des Baumes der Erkenntnis gar nicht notwendig sterben mussten, wie er es angedroht und wie die Schlange das völlig zurecht richtig gestellt hatte. Zweitens, kann es sich nicht um eine Sünde gehandelt haben, weil Adam und Eva erst *nach* dem Genuss der besagten Frucht in der Lage waren, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Drittens, bemüht sich die Geschichte erst gar nicht, Gottes irgendwie fiesen, eifersüchtigen Charakter zu verbergen, wenn sie ihn den Menschen aus Angst vor Konkurrenz aus dem Garten werfen lässt. Eine tolle Geschichte (vom [auch sexuellen] Erwachsenwerden) – die das ganze Abendland infolge eines unglaublichen Missverständnisses in absurde Schrecklichkeiten gezogen hat … Das fundamentalistisch-evangelikale Schema Adam-Christus, Erbsünde-Erlösung ist ein Murks – und wurde von Jesus m.W. auch nicht bemüht.

    @Sascha Bohnenkamp
    “Für “weiss ich (noch) nicht” einfach Phantasiegestalten einzusetzen ist aus meiner Sicht eher die schlechtere Wahl.

    Das Eingeständnis noch fehlenden Wissens ist meistens die einzig vernünftige Opition, sie motiviert ja zu weiterer Forschung. Fatal ist jedoch das vermeintliche Schließen solcher Lücken durch Glaube und Bekenntnis (je heftiger je weniger man weiß!). Ohne das hier ausführen zu können: ein derartiger Glaube (als weltanschauliche Meinung) wird im Neuen Testament von Jesus an keiner Stelle von irgendjemandem gefordert. Hier sind manche Christen (und nicht wenige Theologen) auf einem völlig falschen Dampfer, Glaube als Weltanschauung oder gar Religion, ppph …

    @fegalo @ Martin Holzherr

    Ich wollte hier nur sagen, dass Bunges Emergentismus eigenartig marginal bleibt und nicht zurückwirkt auf seine Philosophie, was ich erstaunlich bzw. unbefriedigend finde. Insofern in den mentalen Phänomenen, die wir erleben, der Reichtum unsrer Lebenserfahrung liegt, bleibt die materialistische Philosophie dann armselig (was die Naturwissenschaften ja mitnichten sind).

    „Der materialistische Ansatz, dass alles einen gemeinsamen Ursprung in der materiellen Welt hat und dass einem die Annahme von Wundern nicht weiter bringt und auch gar nicht nötig ist, ist letzlich auch der Ansatz des Naturwissenschaftlers.“

    Das würde in der Philosophie ja heute auch niemand (mehr) ernsthaft vertreten, auch wenn er deswegen noch nicht zum Materialisten wird.

    “Sie bemerken richtig, dass der Materialismus/Naturalismus keinen Anspruch auf wissenschaftliche Richtigkeit erheben kann, sondern eine Überzeugung bleibt.”

    Nein, hier geht es nicht um Glaube und Überzeugungen, hier geht es um Philosophie; das hieße Bunge nun wirklich Unrecht zu tun, sein Werk als bloßes Bekenntnis zu deuten.

    @Balanus, @Alle

    Ich finde es schwierig, Fortschritte in den Geisteswissenschaften generell zu leugnen, wie es hier manche tun. Umgekehrt könnte man auch in zentralen Fragen der Naturwissenschaften auf Stillstände und Redundanzen hinweisen – da ist auch nicht überall linearer Fortschritt erkennbar …

    Es gibt sicher Felder, in denen auch die Anwendung der experimentellen Methode aufschlussreich sein könnte – und Unterrichtsforschung existiert seit Jahrzehnten. Es liegt ja nicht an mangelnder Erkenntnis, sondern den Problemen der Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse in der Schule.

  15. @hoppe

    Spr 3:5,7 (GN) Verlaß dich nicht auf deinen Verstand, sondern setze dein Vertrauen ungeteilt auf den Herrn! Halte dich nicht selbst für klug und erfahren,…

    ok nur “AT” aber das liest scih schon so wie “der Herr wirds schon richten”, oder?

    2 Tim 3:16 ff liest auch so wie “was der Bibel widerspricht muss falsch sein”

    Korinther 1 ff geht ggf. auch in diese Richtung

    usw.

  16. Gemach, Herr Hoppe!

    Meines Erachtens schießen Sie mit Ihrem Verriss ein bisschen übers Ziel hinaus, und Sie haben zum Schluss ganz vergessen zu sagen, dass es sich – trotz allem – um ein für Philosophen jeder Couleur spannend zu lesendes und sehr anregendes Buch handelt. Da Bunge/Mahner ja schon im Titel von der „Natur der Dinge“ sprechen, ist es nicht verwunderlich, dass sie sich durchgehend auf eine Welt beziehen, die aus Dingen besteht. Die ontologische Kategorie realer und fiktiver Dinge trifft doch genau unsere Alltagswelt und die Phänomene der uns bekannten Natur – sie behaupten ja keinesfalls, das gesamte Universum bestünde nur aus Dingen. Doch sie haben schon recht, wenn sie die immer gern zitierten großen „Ideen“ und geistigen Leistungen von den realen Dingen der Welt ausschließen: das sind nun mal Fiktionen unserer Gehirne. Soviel Klartext muss sein.

  17. @Elsaesser

    Beim Nachlesen bestimmter Textabschnitte für meine Antwort auf die ersten Kommentare kam mir auch dieser Gedanke: Das Buch ist verdammt klar und sortiert geschrieben, also auch klar und sortiert gedacht; das ist wirklich beeindruckend!

    Auch wenn ich mit dem Gesamtergebnis unzufrieden bleibe und mir das Roll-back von den mentalen Eigenschaften auf die Gesamtsicht der Wirklichkeit fehlt, ist es ein Buch, das ich empfehlen kann, z.B. Naturwissenschaftlern als Einführung in einige Grundkonzepte der Philosophie.

    Im Grunde bieten Bunge/Mahner eine Einführung in den Aristotelismus und gar nicht so sehr in den Atomismus Leukipps, wenn ich das richtig sehe.

  18. Bunges Vorstellung von Materie scheint sich im Laufe der Zeit tatsächlich gewandelt zu haben, wenn man einmal seine “Foundations of Physics” (1967) mit den Aussagen in “Matter and Mind” (2010) vergleicht. Hat er beispielsweise 1967 noch zwischen pure field theories und material field theories deutlich unterschieden [1967, Ch. 4], so sieht er die Felder später grundsätzlich als von materieller Beschaffenheit [2010, p. 31]: “Michael Faraday introduced the idea of a radically new kind of matter: the field of force, in particular the electromagnetic field.” Als materiell bezeichnet er dann alles, was Energie hat, [2010, p. 63]. Dass diese Sicht der Dinge von Physikern wie Steven Weinberg nicht unbedingt geteilt wird, dessen ist er sich dabei absolut bewusst.

    N.B. Als recht oberflächlich erscheinen mir in [2010. Sec. 7.4] Bunges Bemerkungen über materialist logic and mathematics, wo er Saunders Mac Lane erwähnt. Abgesehen davon, dass dessen Namen hier durchgängig falsch geschrieben ist, wird leider nur auf ein überhaupt nicht zum philosophischen Thema passendes Buch verwiesen. Und die ihm von Bunge zugeschriebene Charakterisierung der Mathematik als “the science of patterns” stammt im Wortlaut sicherlich nicht von Mac Lane, auch wenn dieser das durchaus ganz ähnlich gesehen hat.

  19. @Christian Hoppe

    Was die Kopenhagener Interpretation genau sein soll, ist nie von den “Kopenhagenern” festgelegt worden. Viele (wie ich auch) zählen im Gegensatz zu Bunge die subjektivistische Sicht beim Messprozess nicht dazu, für sie ist dieser auch nur wie bei Bunge eine spezielle Mikro-Makro-Wechselwirkung. Bunge hat m.E. völlig recht mit seiner Philippika gegen diese “phänomenalistische These” im Zusammenhang mit der Kopenhagener Interpretation. Damit wird aber nicht die Kopenhagener Interpretation insgesamt zurückgewiesen (siehe auch meinen Post “Denkanstöße – Werner Heisenberg: “Physik und Philosophie” vom 5.8.2010).
    Im Übrigen stimme ich Ihrem Kommentar zu, wo Sie schreiben: “Das Buch ist verdammt klar und sortiert geschrieben, also auch klar und sortiert gedacht; das ist wirklich beeindruckend! ” – nicht aber Ihrem Urteil, dass die Bungesche Philosophie “armselig” oder noch “gar keine” ist (jedoch den Kommentaren von Martin Holzherr).

  20. @Honerkamp

    Vielen Dank für Ihren Kommentar – dank LifeType Benachrichtigungssystem entgeht einem hier ja nichts!

    Leider widerlegen Sie meine Argumente für die “Armseligkeitshypothese” nicht ;o) – vielleicht können Sie noch einige kritische Punkte anmerken?

    Martin Holzherr liegt völlig falsch, wenn er mir einen Konstruktivismus unterstellen will, nur weil ich das naturwissenschaftliche Denken eingebunden in die Lebenswelt verstehen will. Das naturwissenschaftliche Denken kann selbstverständlich (methodisch) auf Bereiche z.B. der Psychologie und der Pädagogik ausgedehnt werden; aber das betrifft noch immer nicht die unvertretbare einmalige und einzigartige Lebenssituation, in der ich mich hier und jetzt als Subjekt wiederfinde. Wenn alle Probleme der Wissenschaft gelöst sind, sind die Probleme des Lebens noch nicht einmal berührt. Das weiß auch jeder Wissenschaftler, dafür brauchts keinen Wittgenstein.

    Nicht die Naturwissenschaft ist armselig, aber eine Philosophie, die dieser Dimension unserer Existenz ausweicht – wie die Bungesche, wie der Materialismus überhaupt. Auch die idealistische Philosophie weicht aus: nämlich der Materialität und Dinglichkeit unseres Daseins.

    Vorläufig kann eine Philosophie nur versuchen, diese Spannung zu denken – vermeiden, sie denkend vermeintlich (auf) zu lösen. Das gelingt Bunge nicht. Ich sehe das am ehesten in personalistischen Ansätzen der phil. Anthropologie realisiert.

    Dass der Personbegriff wie auch der Wirklichkeitsbegriff anschlussfähig sind für christlich-theologische Überlegungen spricht nicht gegen diesen Ansatz und ist im Hinblick auf die ethische Dimension auch von Forschung und Wissenschaft zu begrüßen.