Actualitas omnium actuum

BLOG: WIRKLICHKEIT

Hirnforschung & Theologie
WIRKLICHKEIT

(Bitte zunächst den Beitrag "Wirklichkeit: Wortherkunft und alltäglicher Gebrauch" lesen!)

Es ist nun keinesfalls so, dass das Konzept der Wirklichkeit philosophisch entwickelt und erst im Nachhinein theologisch vereinnahmt wurde. Vielmehr wird der Begriff genuin in der Theologie entwickelt; der entsprechende Begriff für actualitas taucht bei Aristoteles und in den Aristoteles-Kommentaren des Thomas von Aquin zum Beispiel nicht auf. Im Mittelalter war die Theologie die zeitgenössische Weise dessen, was wir heute Philosophie nennen, während der Begriff "Philosophie" damals nur historisch für die antike Philosophie (besonders die Griechen) verwendet wurde. Heutige Theologen gestehen der Philosophie meistens zu, der Theologie ihre logische, erkenntnistheoretische und letztlich auch metaphysische Grundlegung zu geben. Das wäre im Mittelalter undenkbar gewesen; denn hier ist es die Theologie, die der Philosophie ihre Grundlegung gibt. Wie das?

Der entscheidende und zentrale Gedanke aller Beiträge dieses Blogs besteht in der Gleichsetzung von Gott und actualitas – Wirklichkeit – bei Thomas von Aquin. Für Thomas ist Gott nicht ein Seiendes unter Seiendem, sondern das Sein selbst. Aber unter dem Sein versteht er nicht bloße Existenz, leeres statisches Dasein, sondern – dynamischer – das Wirklichsein alles Wirklichen: "Hoc quod dico esse est actualitas omnium actuum, et propter hoc est perfectio perfectionum." (De potentia, qu. 7, art. 2) Die Konsequenzen dieser Gleichsetzung sind kaum zu unterschätzen – und ich vermute, sie sind heute für Gläubige wie für Ungläubige gleichermaßen überraschend und herausfordernd. (Vielleicht ist dies ein guter Zeitpunkt, um daran zu erinnern, dass Thomas bis heute für das katholische Lehramt der maßgebliche Kirchenlehrer und für die katholische Theologie einer der wichtigsten Autoritäten ist.)

Halten wir zunächst einige naheliegende Schlussfolgerungen aus der "Gottesdefinition" des Thomas fest:

1. Gott ist kein Wirkliches neben, über, hinter oder unter anderem Wirklichen, weder ein konkret Wirkliches noch ein abstrakt Wirkliches (z.B. die Liebe). Er ist auch weder ein höchstes Wirkliches noch die Gesamtheit alles Wirklichen. In der alltagsüblichen Weise kann man von Gott daher nicht sagen, dass es ihn gibt. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer schrieb einmal: "Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht." Und der späte Heidegger sah in der Fehlinterpretation von Gott als höchstem Seienden (und eben nicht als dem Sein) den Grundirrtum fast der gesamten abendländischen Philosophie.

2. Gott ist kein Wirkliches und daher als eine Wirklichkeit unter anderen immer verborgen, unsichtbar, ja: nicht existent. Manche behaupten außergewöhnliche Erfahrungen, Gotteserfahrungen, gemacht zu haben, in denen sich ihnen Gott ausnahmsweise gezeigt hat. Die Verborgenheit Gottes (deus absconditus) ist jedoch völlig missverstanden, wenn Gott als lediglich meistens verborgenes Wirkliches verstanden wird, das sich ab und zu in Offenbarungen oder Wundern bemerkbar macht. Atheistische Philosophien richten sich gegen die Idee, dass Gott existiert. Sicher treffen diese Kritiken weit verbreitete Glaubensvorstellungen. Aber "Es gibt keinen Gott"-Atheismen verfehlen nicht nur den Kern der Theologie des Thomas, sie haben sogar dieselbe Stoßrichtung: nichts Wirkliches zu vergöttlichen, weder konkrete Dinge noch abstrakte Ideen. Gott ist nicht eine Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit.

3. Wirklichkeit ist uns unmittelbar nahe. An allem Wirklichen wird Wirklichkeit miterfahren. Wirklichkeit kann gar nicht nicht erfahren werden – daher macht es wenig Sinn zu sagen: "Du, ich habe letzte Woche Wirklichkeit erfahren." Mit Thomas können wir sagen: Gott ist nicht verborgen, sondern er wird als Grund und Ziel in unserem Wirklichkeitsbezug jederzeit und notwendig an allem Wirklichen miterfahren. Gotteserfahrung – "Du, ich habe letzte Woche Gott erfahren" – ist daher weder nötig noch gibt es sie so wie andere alltägliche Erfahrungen (z.B. erster Kuss etc.); hier liegen irrtümliche Identifikationen von Gott und Wirklichem (statt der Wirklichkeit) vor, die Gott aus der Taghelle ins Obskure und Esoterische und nicht selten auch ins Pathologische hineinziehen. Gott ist Grund und Ziel jeder menschlichen Erfahrung, aber nicht Objekt einzelner menschlicher Erfahrungen.

4. Jede Wahrheitssuche, sei es im persönlichen Leben oder in der Wissenschaft, zielt auf Wirklichkeit und damit, nach Thomas, auf Gott. Der denknotwendige Glaube an Wirklichkeit als Grund und Ziel der Wahrheitssuche ist bei Thomas von Aquin der Glaube an Gott. Jede Wahrheitssuche ist implizit Vollzug des christlichen Glaubens, der die Grundstruktur dieser Wahrheitssuche explizit macht. Umgekehrt gibt es keinen christlichen Glauben, der sich von der Wahrheitssuche dispensieren lassen oder gar gegen erkannte Wahrheit geglaubt werden könnte.

5. Theologie ist die Lehre von den "göttlichen Dingen" als der wissenschaftlichen Analyse der unserem Denken und Suchen zugrundeliegenden Grundstruktur: der Ausrichtung auf Wirklichkeit. Sie expliziert den jedem Denken impliziten Fundamentalglauben, dass Wirklichkeit ist. Sie fragt, ob es denkbar ist, dass die menschliche Wahrheitssuche letztlich ihr Ziel verfehlt – und ob es denkbar ist, dass sie ihr Ziel findet. Der Realitätsbezug der Theologie besteht nicht darin, dass sie sich auf dieses oder jenes Wirkliche richtet, sondern sie richtet sich auf alles und jedes Wirkliche unter dem Aspekt seines Wirklichseins. Sie erschließt auch der Philosophie Grund und Ziel, welche sich die Philosophie nicht selbst ausdenken kann. Insofern sich die Theologie gegen magisches Denken, sprich: die Vergöttlichung von Wirklichem oder der Gesamtheit alles Wirklichen wendet, sie gleichzeitig jedoch die Hinwendung zum Wirklichen und die Suche nach Wahrheit als Glaubensvollzug aufweist und "heiligt", eröffnet sie die Möglichkeit zu aufgeklärtem Denken und zur naturwissenschaftlichen Erforschung alles Wirklichen. Nicht Aristoteles alleine, sondern erst die spezifisch christliche Rezeption des von den Arabern tradierten Aristoteles hat in Europa den Boden für die Entwicklung von Wissenschaft bereitet; der Islam hat letztlich keine Aristoteles-Rezeption vollzogen. Christliche Theologie befreit auch heute noch die Welt und das Denken von irrtümlich vergöttlichten Personen, Objekten und Ideen und gibt dem Menschen auch in seiner persönlichen Wahrheitssuche Grund und Ziel.

Säkularisierung, das Austreiben der Götter aus der Welt, ist mithin ein urchristliches Programm.

Christian Hoppe

Veröffentlicht von

Geboren 1967 in Emsdetten/Westfalen. Diplom kath. Theologie 1993, Psychologie 1997, beides an der Universität in Bonn. Nach einem Jahr am Leipziger Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung (1997-98) bin ich seit Oktober 1998 klinischer Neuropsychologe an der Universitätsklinik für Epileptologie in Bonn. Ich wurde an der Universität Bielefeld promoviert (2004) und habe mich 2015 an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn habilitiert (Venia legendi für das Fach Neuropsychologie). Klinisch bin ich seit vielen Jahren für den kinderneuropsychologischen Bereich unserer Klinik zuständig; mit erwachsenen Patientinnen und Patienten, die von einer schwerbehandelbaren Epilepsie oder von psychogenen nichtepileptischen Anfällen betroffen sind, führe ich häufig Gespräche zur Krankheitsbewältigung. Meine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in den Bereichen klinische Neuropsychologie (z.B. postoperativer kognitiver Outcome nach Epilepsiechirurgie im Kindesalter) und Verhaltensmedizin (z.B. Depression bei Epilepsie, Anfallsdokumentation). Ich habe mich immer wieder intensiv mit den philosophischen und theologischen Implikationen der modernen Hirnforschung beschäftigt (vgl. mein früheres Blog WIRKLICHKEIT Theologie & Hirnforschung), eine Thematik, die auch heute noch stark in meine Lehrveranstaltungen sowie meine öffentliche Vortragstätigkeit einfließt.

7 Kommentare

  1. Actualitas

    Fein, das war “Inhalt satt” – danke.

    Wenn dem so sei – was hindert mich nun daran, “Gott” mit den vier Causae des Aristoteles, oder beliebigen anderen Kausationsschemata, oder gar mit der “ratio” in “nulla est sine ratione” gleichzusetzen?

  2. Kommentar H. Wicht

    Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Ihre Frage richtig verstehe. Stört Sie, dass hier “irgendeine” philosophische Größe einfach mit Gott identifiziert wird – und man daher doch auch alle möglichen anderen philosophischen Begriffe heranziehen könnte? Hierzu wäre zu sagen, dass ich – im Rahmen eines Blogs zur Hirnforschung! – beim Wirklichkeitsbegriff ansetzen wollte und ich hier die etymologische Entdeckung der theologischen Herkunft des Begriffs sowie der theologischen Struktur seiner alltäglichen Verwendung in doppelter Bedeutung (viele Wirklichkeiten vs. die Wirklichkeit) bemerkenswert und aufschlussreich finde – und zwar für Glaubende wie auch für Naturwissenschaftler, die gerne auf den Begriff “Wirklichkeit” rekurrieren.

    Oder meinten Sie wirklich den Causa-Begriff? Also z.B. Gott als “causa sui” (Ursache seiner selbst) oder in Bezug auf Bewegungsverursachung Gott als “primus movens immotus” (erster unbewegter Beweger)? Hierzu muss ich Sie leider wieder etwas vertrösten. Im Zusammenhang mit den klassischen Gottesbeweisen möchte ich später eine neue Interpretation der genannten Begriffe vorschlagen.

  3. Guten Tag Herr Hoppe,

    erstmal die Bitte: könnten Sie bitte lateinische Zitate stets übersetzen?

    Ihr Artikel erheitert mich. Sie (und anscheinend Ihr heiliger Thomas) clamieren Dinge für sich, wie Säkularisation, die naturwissenschaftliche Erforschung alles Wirklichen, über die christliche Kleriker der letzten tausend Jahre des Öfteren in Unmut und auf Autodafes verfielen.

    Sei’s drum. Wenn Sie auf den Einfall kommen, ein jegliche “Suche nach Wahrheit” als Glaubensvollzug zu heiligen, kann ich sie zwar auslachen, rechtliche Schritte gegen derolei Vereinnahmung gibt es aber wohl nicht.

    Deswegen sei weiter am “Gott” entlang diskutiert, mit dem sie ja anscheinend in gut christlicher Ignoranz den des alten Testaments meinen. (Sollten Sie Brahma oder Quatzalcoalt im Hinterkopf haben, nehme ich diesen Abschnitt zurück.) Meine Frage ist nun, um speziell zu bleiben: Was bringt Sie zu der Vermutung, Sie argumentierten in irgendeiner Weise christlich? Zugespitzter, was bringt sie zu der Vermutung, der Gott des Thomas sei ein christlicher?

    Da Sie auf so heitere Weise Gleichsetzungen betreiben, steig ich mal in das Spiel ein, und sage, der heilige Thomas ist ein ungläubiger Thomas.

    Mit freundlichen Grüße,

    Serge Großner

  4. @ Großner

    Sehr geehrter Herr Großner,
    danke für Ihren kritischen Kommentar. Die lateinischen Zitate entsprechen entweder dem jeweils vorangegangenen deutschen Satz oder erklären sich durch den Blog-Text “Wirklichkeit: Wortherkunft und alltäglicher Gebrauch”, dessen vorherige Lektüre hilfreich wäre.

    Ich habe noch eine Bitte: Könnten Sie auf den ironischen Unterton verzichten? Ich vermute einmal, dass Sie mir nicht ernsthaft vorwerfen möchten, ich verteidigte Autodafés und dergleichen; damit sollten wir m.E. keine Zeit verlieren. Das Thema “Religion und Gewalt” hätte allerdings später einmal eine ausführlichere Würdigung verdient.

    Ich habe leider in dieser Woche extrem wenig Zeit und kann daher nur kurz reagieren. Ich hatte bereits angedeutet, dass die Position des Thomas nicht nur für Religionskritiker, sondern auch für Gläubige überraschend sein könnte, vielleicht sogar eine Zumutung darstellt. Nach meiner derzeitigen Einschätzung vollzieht Thomas eine zutiefst christliche und neutestamentliche Einsicht begrifflich-theologisch nach: die Hineinnahme der menschlichen Natur in das göttliche Leben und somit die Überwindung einer monolithisch-dualistischen Trennung von Gott und Welt. Was bei Thomas “Gott” genannt wird – nämlich das Sein – (und was alles nicht mehr so heißt), ist m.E. sehr radikal und bis heute nicht wirklich in der Theologie und im Alltagsglauben nachvollzogen.

    Thomas als ungläubig zu bezeichnen, wäre einigermaßen erstaunlich; worauf würden Sie dieses Urteil gründen, Herr Großner? Auf die derzeit für christlich gehaltene dualistisch-platonische Weltanschauung, die doch auch nicht gerade biblisch ist?

    Thomas ist immerhin Kirchenlehrer und bestimmt seit Jahrhunderten die theologische Auseinandersetzung. Er galt auch als Person als integer; es liegen eindrucksvolle Schilderungen vor. Ich wäre hier sehr zurückhaltend.

    Warum schreckt Sie die Vorstellung, das moderne, naturwissenschaftlich-technische Denken könnte doch mit den Wurzeln der abendländischen Geistegeschichte, die eben unter anderem christliche Wurzeln sind, verbunden werden? Warum fasziniert Sie die Dramatik eines absoluten Bruchs mit der Vergangenheit, welcher doch immer eher theatralisch und gerne auch einmal etwas hysterisch wirkt (vgl. Dawkins)? Wenn Sie einmal die Konnotation “Gott” in meinem Text weglassen: Teilen Sie denn die Überlegungen im Sinne eines “philosophischen Glaubens”?

  5. Guten Tag Herr Hoppe,

    zufürderst, nein, Ironie, wenigstens im Sinne Rortys, des Bewusstseins der Kontingenz der eigenen Sichtweisen, ist mir nicht verzichbar. Ansonsten geht es mir allerdings nicht darum, Sie zu ärgern, sondern darum, zu erklären, warum ich Ihre Argumentationsweise für ungeschickt halte. (Klerikale Gewalt hatte ich übrigens an einer Stelle meiner Mail erwähnt, in der ich darauf hinwies, dass sie gegen Menschen eingesetzt wurde, deren Meinung Sie gut zu heißen scheinen: Säkularisation, die naturwissenschaftliche Erforschung alles Wirklichen. Was mich irritiert, ist, dass Sie sich in christlicher Tradition wähnen.)

    Dann, gewissermaßen Organisatorisches: Lassen Sie sich gern Zeit beim Antworten, meine Mail-Zeit ist für diese Woche schon deutlich überzogen.

    Zum Thema. Worauf ich hinweisen will, ist, dass Sie einen Begriff “Gott” skizzieren, der mit keinem der gebräuchlichen übereinstimmt.

    * Weder mit dem in den letzten tausen Jahren von 99,9% der Christen gebrauchten (Die statistische Angabe habe ich natürlich frei erfunden. Nehmen Sie’s metaphorisch für fast alle.),

    * noch dem urchristlichen (das Wort wird von Ihnen am Ende des Artikels benutzt,
    in einem ebenfalls sehr sehr unüblichen Sinne),

    * noch einem der irgend einen anderen Gott als Ihren im Singular befindlichen
    zulässt (ebenfalls letzter Satz Ihres Artikels).

    Hätten Sie Ihren Artikel etwa eingeführt mit (Zitate aus Ihrer Antwort auf meine
    Mail): ‘Ich möchte hier ein “sehr radikal” neues Gottesbild vorstellen, das ich auf TvA zurückführe, das aber “bis heute nicht wirklich in der Theologie und im Alltagsglauben nachvollzogen” wurde.’, so erweckten Sie nicht den Eindruck von Kontinuität. (Und ich hätte mich nicht bemüßigt gefühlt, gegen diesen anzugehn.)

    Dass ich Ihren Thomas als einen Ungläubigen deklarierte, war recht explizit als Provokation markiert. Es geht mir genau wie eben um die Relativierung einer Kontinuitätsbehauptung, wo jemand Neues geschaffen hat. Sie bestätigen in Ihrer
    Antwort ja, dass seine Meinung (also Ihre Interpretation, die ich dafür nehme) nicht die des Alltagsglaubens, ja nicht einmal die der Theologie sei.

    Na, wenn das nicht ungläubig ist.

    Aber entschuldigen Sie bitte, ich provoziere wohl schon wieder.

    Ich bin dabei kein Befürworter “eines absoluten Bruchs mit der Vergangenheit” (Dawkins ist übrigens wohl eher verzweifelt als hysterisch.), man wird
    Veränderungen kaum verstehen, wenn man den Hintergrund nicht kennt, auf dem sie
    geschehen sind. Sensibilisiert bin ich aber auf Vereinnahmungen: Sie identifizieren einen “jedem Denken impliziten Fundamentalglauben”, und nennen dessen Objekt kurz Wirklichkeit, dann kurzerhand Gott, den christlichen
    natürlich, und damit implizit jeden der denkt einen Christen. Sollte Sie
    Sich fehlinterpretiert fühlen, sagen Sie bitte, wo die genannte Kette Ihrer Meinung nach abbricht.

    “Philosophischer Glauben”? Hm. Vielleicht reagier ich ja deshalb so leicht irritiert, weil ich mir davon etwas, und dann offenbar anderes, erhofft hatte.

    Dass Sie mit Begriffen wie Wirklichkeit und Wahrheit beginnen, also grade solchen, die Ende des 20. Jahrhunderts allmählich relativiert wurden,
    Wirklichkeit als entweder konstruiert oder unerkennbar (letztere dürfte die
    sein, die Sie interessiert), Wahrheit als kontextgebunden und jedenfalls
    konstruiert; das betrübt mich ein wenig. Wenn Sie unter “Wirklichkeit”
    schreiben: “Denken bezieht sich notwendig auf Wirklichkeit und sucht Wahrheit” benutzen Sie Begriffe von “Bezug” wie auch von “Wahrheit”, den Sie hier undefiniert lassen, die aber zu den umstritteneren der Philosophiegeschichte gehören.

    Und so definieren Sie denn einen umstrittenen Begriff durch den anderen, ohne irgendwo einen Fuß auf die Erde zu setzen, der Sie ankern könnte. Dies garnieren Sie mit Behauptungen (zB, dass “logische bzw. algorithmische Systeme keinerlei Semantik, keinerlei Wirklichkeitsbezug aufweisen” – was man Ihnen mangels Definitionen wieder nicht widerlegen kann), und halten dies für, ja für was eigentlich.

    Als Theologie ließ ich’s durchgehen. Wenn Sie es aber als Philosophie durchschmuggeln wollen, habe ich halt Einwände.

    Mit freundlichen Grüßen,

    S. Großner

  6. @Herrn Großner

    Guten Morgen, Herr Großner,
    jetzt also endlich eine Reaktion.
    Ich arbeite mich – Ihrem Beispiel folgend – Schritt für Schritt Ihrem letzten Kommentar (5.2.2008) entlang.

    Ich liefere zunächst einige Argumente für den Kontinuitätsaspekt des von Thomas von Aquin formulierten Gottesbegriffs:
    – Der alttestamentliche Gottesname ist JHWH, üblicherweise übersetzt als “Ich bin der ich bin” oder als “Ich bin hier” im Sinne von “Ich bin für Dich da”. Im Unterschied zu lokalen Gottheiten zieht JHWH mit seinem Volk, schließlich auch mit jedem einzelnen (vgl. Psalm 139). Es ist daher nicht mehr nötig, an einen bestimmten Ort zu gehen, um JHWH zu verehren; er ist vielmehr ein “Gott mit uns” (Immanuel). Das Gebet kann daher nicht nur im Tempel, sondern auch in der Synagoge und privat zuhause oder in der Natur verrichtet werden.
    – In der göttlichen Namenskundgebung (Dornbusch-Szene) liegt zugleich eine eigenartige Verweigerung eines konkreten Namens: Ich bin der ich bin. Unzweifelhaft steht hier der Anspruch im Raum, dieser Gott ist der eine Gott über allen anderen Göttern, und gerade nicht ein weiterer Gott neben anderen Göttern. Das Verhältnis “Gott”-“Götter” spiegelt sich im Verhältnis der Begriffe “die Wirklichkeit” und “verschiedene Wirklichkeiten”, das auch die Alltagssprache noch kennt.
    – Das Gottesverhältnis Jesu spielt sich in der Vertrautheit einer Beziehung zu seinem gegenwärtig geglaubten bzw. erfahrenen Vater ab. Dies spiegelt sich in der Gebetspraxis Jesu, der sich immer wieder in die Einsamkeit zum Gebet zurückzieht. Ferner fordert er seine Jünger zu Gebet “im stillen Kämmerlein” auf. Vertrauensvoll im Gebet sprechen kann man jedoch nur zu einem gegenwärtig, nahe geglaubten Gott.
    – Die gesamte Predigt Jesu wird zusammengefasst in dem Satz “Das Königreich der Himmel ist unmittelbar nahe”, kurz: Gott ist unmittelbar nahe, gegenwärtig. Im apokryphen Thomas-Evangelium heißt es: Gott ist “inwendig in Euch und um Euch herum” – wie “die Wirklichkeit”.
    – In der berühmten Rede in Athen vor dem Areopag identifiziert Paulus den Gott Jesu mit dem “unbekannten Gott”, dem die Athener einen Tempel gebaut hatten. Dies ist nach Paulus der Gott, in dem wir atmen, weben und sind (Apg 17) – offensichtlich kein etwas, kein einzelnes Seiendes neben anderem Seienden, sondern eben das Sein selbst (philosophisch gefasst). Besonders hier ist deutlich erkennbar, dass der jüdische Gott einerseits konkret gegenwärtig ist, andererseits aber doch keine feste Gestalt als ein Seiendes unter anderen annimmt, sondern eine Ganzheit und Einheit bezeichnet, die philosophisch mit dem Begriff Sein, Wirklichsein, Gegenwärtigsein (actualitas) gut getroffen wird.
    – Von Anfang an zeichnet sich die christliche Religion durch die Bereitschaft aus, von der Hoffnung Rechenschaft abzulegen, die den Glaubenden trägt (1 Petr). Die vernunftbasierte Auseinandersetzung mit dem Wissen der Zeit und mit der Philosophie ist inhärenter Bestandteil des christlichen Glaubens; die Theologie gehört gleichsam zu diesem Glauben. Die westliche Philosophie ist in ihrer Begriffsbildung entscheidend durch die Theologie geprägt worden. Die Theologie und der Glaube haben in sich selbst auch die Quellen für eine Kritik an inquisitorischen Zwangsmaßnahmen; sie können das offensichtliche Versagen der Kirche in der Kirchengeschichte selbst erkennen und als solches benennen und bekennen. Es ist – trotz historischer Verfehlungen – unumstritten, dass die vernünftige, argumentative Auseinandersetzung ein zentrales Anliegen der Theologie ist (vgl. auch die argumentative Strenge scholastischer Dispute).
    – Selbst wenn es nicht so radikal gedacht gewesen sein mag wie später bei Thomas von Aquin, zieht sich die folgende Einsicht durch die gesamte Theologiegeschichte: Gott ist stets das absolute, höchste, unerreichbare, unbegreifbare und undenkbare Wesen und daher in jeglicher Hinsicht gänzlich unvergleichbar mit allem anderem Seienden. Die Unbegreifbarkeit Gottes ist auch eine wesentliche Intuition auch theologisch ungebildeter Gläubiger. Der in der modernen angelsächsischen Theologie recht verbreitete Theismus, der Gott konkretistisch zu einem quasi- natürlichen Agenten in der Welt und damit zu einer Wirklichkeit neben anderen Wirklichkeiten macht, steht m.E. in krasser Diskontinuität zur orthodoxen christlichen Theologie – und befremdet mich auch regelmäßig.
    – Bei Karl Rahner und bei fast allen anderen modernen Theologen kommt gerade der Unbestimmtheit des Wortes “Gott” – wie schon dem JHWH-Namen – eine theologische Bedeutung zu; denn nur ein solch offenes Wort, das sich einer Definition entzieht, kann uns vor das Ganze unserer Existenz stellen (wie das Wort “die Wirklichkeit”).
    Ich bin der Meinung, dass auch theologisch ungebildete Gläubige von diesem umfassenden Gottesbegriff ausgehen. Wenn ich in einem früheren Beitrag bezweifelt habe, dass die Theologie im alltäglichen Glaubensvollzug angekommen sei, dann meinte ich damit ausschließlich eine begrifflich-explizite Ebene: Gläubige sprechen manchmal auf eine Weise über ihren Glauben, die von außen (und auch theologisch von innen) leicht kritisierbar ist – wenn man sich nicht bemüht zu verstehen, was sie eigentlich auszudrücken versuchen.
    Ich gebe Ihnen ein Beispiel:
    Jemand spricht von seinen Erfahrungen und verwendet dabei immer wieder einmal das Wort “ich”. Da fragt ihn sein Gegenüber, ob er denn eigentlich gar nicht mitbekommen habe, dass die Hirnforschung längst festgestellt habe, dass es überhaupt kein “Ich” gebe; die Philosophie habe darüber hinaus gezeigt, dass der Begriff “ich” nicht konsistent verwendet werden kann. Seine Rede sei also ziemlich sinnlos und er möge auf das Wort “ich” doch in Zukunft besser verzichten, wenn er denn überhaupt etwas von Wahrheit halte. Der Kritisierte mag nun der Behauptung des Kritikers “Es gibt kein Ich” irgendwie nicht zustimmen – aber umgekehrt hatte er doch eigentlich auch nie behauptet, dass es “ein Ich gibt”. Durch die Kritik könnte er nun verleitet werden, dies zu behaupten: “Es gibt doch ein Ich” – und tappt damit in eine schöne Falle. Er hatte das Wort bisher eben in einer üblichen Weise verwendet. Macht man aus “ich” (1. Person) ein Objekt (“ein Ich”, 3. Person) stellt sich die Sache anders da, als sie ursprünglich im Sprachvollzug gemeint war. Meines Erachtens wird dem Kritisierten eine unhaltbare Anschauung als angeblich implizit enthalten untergeschoben, eine Auffassung, die er nicht vertreten hat.

    Und mehr noch der gute Kritiker mag sich noch so bemühen, das Wort “ich” in Zukunft zu vermeiden. Er bleibt eben doch in einer ich-haften Relation zur Wirklichkeit. Auch die Struktur seiner Sprache wird sich nicht dadurch vom Konzept des Ich lösen, dass er das Wort “ich” ab jetzt nicht mehr verwendet. Dies könnte ihm der Kritisierte vorhalten; er könnte ihm aufzeigen, dass der Ich-Bezug unhintergehbar, primär, ist und jedem Sprechen zugrunde liegt. Dann mag sich der Kritiker vereinnahmt fühlen oder nicht – aber recht verstanden teilt er eben den ich-haften Wirklichkeitsbezug des Kritisierten.

    Wenn jemand von seinem Gottesglauben, von seinem Gottvertrauen und von seinen Zweifeln spricht, scheint dies notwendig den Satz “Es gibt Gott” zu implizieren – selbst wenn er nicht ausgesprochen wurde und z.B. auch in der Bibel nicht vorkommt. Unter etwas, das “es gibt”, verstehen wir aber notwendig ein Etwas, ein Seiendes neben anderem Seienden. Wenn wir ein “Es gibt”-Urteil fällen, dann stehen wir in einer übergeordneten Perspektive, überschauen das, was es gibt und was es nicht gibt. Dies werden jedoch viele Gläubige gerade ablehnen: Der Mensch steht gerade nicht über Gott, und wenn Gott alles ins Sein gerufen hat, was es gibt, dann kann man von ihm nicht in gleicher Weise sagen, dass “es ihn gibt”. Vielleicht sagen Gläubige: Gott ist allgegenwärtig und doch verborgen. Natürlich schütteln Sie, Herr Großner, dann den Kopf. Aber genau dies könnte man z.B. auch über “die Wirklichkeit” sagen: Sie erschließt sich in voranschreitender Gegenwart, wir sind sogar dieses Erschließungsereignis, und doch entzieht sie sich, wir kriegen sie nicht zu fassen, begreifen sie nicht wirklich.

    Sie unterstellen mir, Herr Großner, ich hätte die Kritik des Wahrheitsbegriffs und des Wirklichkeitsbegriffs Mitte/Ende des 20. Jahrhunderts verschlafen und operiere daher in meiner “ungeschickten” Argumentation mit philosophisch sehr unsicheren Begriffen. Das Gegenteil ist der Fall: die angeblich moderne Philosophie hat verschlafen, dass die Kritik dieser Begriffe bereits in der Scholastik einmal geleistet worden war. Denn die Schlüsselerkenntnis bei Thomas besteht ja gerade darin, dass man die Wirklichkeit nicht als Objekt besitzen kann (und ebenso die Wahrheit) – aber dass sie notwendig Grund und Ziel jeder Denkbewegung sind; ein Ziel ist etwas ganz anderes als ein Objekt. Die “Unsicherheit” des Wirklichkeitsbegriffs, seine Unbestimmtheit, die Sie als “moderne Erkenntnis” gegen die von mir vorgetragene “veraltete Theologie” anführen, ist ja genau seine theologische Dimension! Thomas von Aquin hat den Begriff “Wirklichkeit” immerhin erfunden, und ich glaube, er hat auch schon einiges davon verstanden!

    Sie werfen mir vor, dass meine Überlegungen nicht, wie es von einer Philosophie zu erwarten wäre, eine klare Argumentation, ausgehend von klar definierten Begriffen, bieten. Diese Vorstellung von Philosophie ist jedoch utopisch, um nicht zu sagen modern-illusionär. Denn es gibt eine solche Philosophie nicht, hat sie nie gegeben und es kann sie auch gar nicht geben, weil die Wirklichkeit, auf welche die Philosophie reflektiert, notwendig unbestimmt bleibt (was eine theologische Einsicht ist). Denken setzt notwendig etwas Undenkbares voraus, es beginnt niemals bei Null, es hat daher notwendig eine Struktur des Glaubens, des über sich hinaus Gehens. Jedes ernsthafte Denken (selbst die Ironie) setzt notwendig auf Sinn, und zwar auf einen Sinn des Ganzen, da nichts Einzelnes sinnvoll sein kann, wenn das Ganze absurd wäre. Man kann daher gar nicht genau sagen, ob das eigentlich noch Philosophie oder schon Theologie ist, wenn man über die Wirklichkeit nachdenkt.

    Der christliche Glaube nennt den Grund und das Ziel jeder Wahrheits- und Sinnsuche Gott (der – ich wiederhole mich – niemals, nicht einmal im ewigen Leben, zum Objekt unserer Erkenntnis und Erfahrung werden kann). Sie können das Wort “Gott” vermeiden, Herr Großner – aber nicht die theologische Grundstruktur Ihres Denkens. Ihre subjektiven Ängste vor christlicher Vereinnahmung haben keinen argumentativen Wert. Als Christ erkenne ich, dass alle Menschen guten Willens in dieser grundlegenden Glaubensstruktur stehen und in dieser Weise auf Wirklichkeit, auf Gott hin ausgerichtet und in ihm gegründet sind, ob sie dies wissen oder nicht, ob sie dies wahrhaben wollen oder nicht, ob sie dies bewusst bejahen und anerkennen oder nicht.

    Der theistische, dualistische Lückenbüßer-Gott, der von Religionskritikern erst erfunden und dann (völlig zurecht) verneint wird, ist nicht der christliche Gott. Er wird theologisch wenig gebildeten Gläubigen manchmal in den Mund gelegt; die hitzige Diskussion zwingt diese in gleichsam naturwissenschaftlich-mechanistische Konkretionen ihrer Glaubensvorstellungen, die an ihrem eigentlichen persönlichen Glauben völlig vorbei gehen. Am Ende streitet man pseudoakademisch über eine Art Physikotheologie – ein angesichts des Reflexionsniveaus der Theologiegeschichte und auch angesichts eigentlicher persönlicher Glaubensintuitionen vieler Menschen in jeder Hinsicht nutzloses Unterfangen.

    In dem Satz “Es gibt X” ist Gott niemals das Objekt “X”. Mit Bonhoeffer: “Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.” (Ja, Theologen sollten Gläubigen Mut machen, so explizit zu werden und nicht in die “Es gibt Gott”-Falle zu trappen.) Gott ist in Existenzaussagen niemals das Objekt “X”, sondern das prinzipiell unbestimmte Satzsubjekt “Es”: “Es gibt X”, bedeutet: Gott “gibt” X, setzt X ins Sein, denn Gott ist das Sein.

  7. Gott

    Hallo, Herr Dr. Hoppe,
    ich war heute Teilnehmerin der Philosophietruppe aus Köln und konnte Ihren Gottesbeweis während Ihres Vortrages nicht so schnell nachvollziehen. Sie haben Ihre PPP unter dem Stichwort “Hirnforschung & Theologie” subsumiert, aber die Verbindung konnte ich dort und auch hier in Ihrem Artikel nicht erkennen. Impliziert Ihr Vortrag und Artikel, dass – um Gott erleben zu können – wir auch leben müssen, also der Glaube an Materie gebunden ist? Kann es dieser Theorie nach eine Vorstellung vom ewigen Leben bzw. Himmel oder Hölle geben? Meines Wissens kommt der christliche Glaube ohne diese Vorstellungen nicht aus. Darf ich weiterhin folgern, dass Sie der Meinung sind, dass die Kirche als Institution den christlichen Glauben verfälscht hat? Wenn das so wäre, würden Millionen von Menschen Gott in ihrem jetzigen Erleben verkennen und auf die wunderbare Erscheinung des Göttlichen nach dem Tod hoffen. Das wäre, zugegeben sehr profan, eine Erklärung für den jämmerlichen Umgang des Menschen mit seinen Mitmenschen und seiner Umwelt, denn die Wirklichkeit mit Gott gleichzusetzen, geböte doch Achtsamkeit im Hier und Jetzt.

    Herzlichen Gruß aus Köln-Merheim
    Gabi Eichfeld