Viel Bock auf gute Laune

Ziegen bevorzugen fröhliche Gesichter – diese amüsante Meldung ging im Sommer durch so ziemlich alle Medien. Dabei hatte ich den Eindruck, dass hier ein gewisses Erstaunen mitschwebte, schließlich sind Ziegen eher Nutz- als Haustiere. Bei Hunden erscheint es für die meisten plausibel, dass sie die Körper-Sprache der Menschen deuten können. Die Tatsache, dass Mensch und Hund eine lange Geschichte des gemeinsamen Zusammenlebens und -arbeitens haben, stützt das Argument. Bei Ziegen ist das anders. Natürlich wurden auch Ziegen domestiziert, aber hier lag der Schwerpunkt bei der Zucht auf der Produktion von Gütern. Es gibt weder Jagd- noch Schäferziegen. Auch Blindenziegen konnten sich bisher nicht durchsetzen.

Spaß beiseite. Ihr wisst ja, dass ich auf dem Gebiet der Mensch-Tier-Interaktionen ziemlich old school unterwegs bin. Schwierig im Umgang, sehr introvertiert, aber selbstbewusst im Auftreten – so bevorzugen Kühe jene Menschen, mit denen sie täglich zu tun haben. Das war das Ergebnis mehrerer Studien. Angefangen hat das alles in den 1970er Jahren durch Martin F. Seabrook. Paul Hemsworth und Kollege Coleman griffen diese Ansätze später noch öfter auf. Diese Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sind deshalb interessant, weil sie nicht neu waren. Sie bestätigten im Wesentlichen jene auf praktischen Erfahrungen basierenden Empfehlungen, die ich bei Recherchen bis in die 1880er Jahre zurückverfolgen konnte.

Introvertierte Wissenschaft trifft auf extrovertierte Ziegen

Ich habe bisher weder im Zoo noch in der Landwirtschaft erlebt, dass ich gebeten wurde mich auffällig albern zu benehmen, sobald wir einen Stall, ein Gehege oder Behandlungszimmer betraten. Gutes Animal Handling zeichnet sich immer durch möglichst geringe Irritationen über einen möglichst kurzen Zeitraum für die Tiere aus. Gut, jetzt muss ich vielleicht ergänzen, dass ich dabei nie in der Rolle des Tierhalters oder Pflegers war, sondern in der Regel in Begleitung angerauscht kam, worauf seltsame Dinge folgten und wir wieder verschwanden. Das hatte aus Sicht der Tiere sicherlich viel von einem Überfall. Jetzt haben wir hier aber noch eine zweite Situation: Ziegen gehören in der Welt der Nutztiere sicherlich zu den extrovertiertesten, die es gibt. Ziegen sind ständig auf der Suche nach Späßen. Das werden Euch so ziemlich alle Ziegen-Halter bestätigen. Klar, es gibt auch Kühe, die mal Unsinn machen. Bei Ziegen gehört das aber zum alltäglichen Repertoire.

Christian Nawroth, der die Studie zusammen mit Natalia Albuquerque , Carine Savalli, Marie-Sophie Single und Alan G. McElligott durchführte, war so freundlich mir ebenfalls zur medialen Hochzeit im Sommer das Paper zu schicken – und klar, ich hätte dann ebenfalls pünktlich eine launige Meldung draus machen können. Allerdings glaube ich, dass diese Studie sehr viel weiter reicht. Natürlich macht eine Studie noch keine zementierte Erkenntnis, allerdings sehe ich hier schon das Potenzial, um zukünftige Leitfäden bzgl. Animal Handling – ja, doch – zu revolutionieren.

Tierhaltung ist mehr als Durchwischen

Zu hoch gegriffen? Keineswegs! Menschen in der Tierhaltung fallen meist dadurch auf, dass sie genau das nicht tun. Und es wird ja auch in allen Leitfäden genau so empfohlen. Wer Tiere hält, ist Manager, Beobachter – jemand, die/der mit Daten arbeitet, um alle Probleme noch schneller erkennen zu können. Emotionen, die auch während der professionellen Arbeit mit Tieren entstehen, sind PR-Filmchen vorbehalten. Es würde mich daher sehr freuen, wenn diese Studie Anlass dazu gäbe, die sehr technisch distanzierte Sichtweise der Fachwelt auf die Tierhaltung ein Stück weit zu überdenken. Gute Tierhaltung bedeutet eben nicht nur, dass Tiere ständig genügend Futter und Wasser haben, die Ventilation funktioniert und die Alarm-Anlage für alle Fälle eingeschaltet ist. Gute Tierhaltung bedeutet auch, dass die Menschen eine Beziehung zu den Tieren aufbauen, die sie halten, schließlich ist ohne vertraute Atmosphäre auch keine Tierbeobachtung möglich.

Zeit für neue Leitfäden

Gegen Ende des Papers geben die Autorinnen und jene, die ihnen nachlaufen, noch zu bedenken, dass es auch andersherum sein könne – Ziegen also nicht unbedingt fröhliche Gesichter bevorzugen, sondern lediglich die böse dreinschauenden daneben meiden möchten. Da gäbe es im weiteren noch Klärungsbedarf. Unabhängig davon welche Antwort sich zukünftig bestätigen sollte, ist es sicherlich nicht verkehrt, wenn Ziegen haltende Menschen gut gelaunt in den Tag starten. Alle anderen können mal überlegen, ob es nicht an der Zeit für Leitfäden wäre, die empfehlen, was verantwortungsvolle Menschen für die Tierhaltung mitbringen müssen statt nur aufzulisten, was sie besser alles nicht tun, um Stress zu vermeiden.

Jetzt würde mich ja schon noch interessieren, ob sich das Ergebnis der Studie auf die Haltung und den täglichen Umgang jener Ziegen auswirkt, die an der Studie teilgenommen haben.

Hallo Christian, weißt Du da Genaueres?

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Quelle

Nawroth C, Albuquerque N, Savalli C, Single M-S, McElligott AG. 2018 Goats prefer positive human emotional facial expressions. R. Soc. open sci. 5: 180491. http://dx.doi.org/10.1098/rsos.180491

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

16 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Sören,

    zu allererst ein dickes “Danke schoen” fuer diesen tollen Artikel! Die Ziegen, welche an der Studie teilnahmen, leben im Buttercups Sanctuary in Kent (UK):

    http://www.buttercups.org.uk/

    Es ist ein grossartiger Ort fuer die Tiere – viel Auslauf und Entertainment inklusive. Zudem sehen die Ziegen dort tagtaeglich dutzende Besucher mit laechelnden Gesichtern. Am Management hat sich durch die Ergebnisse sicher nichts veraendert (da dieses eh schon exzellent war) – jedoch sind es nach dem Medienecho der Studie vielleicht ein paar mehr (laechelnde) Besucher, die vorbei kommen. 😉

    (Eben jene haeufige Erfahrung mit positiven menschlichen Gesichtsausdruecken laesst die Frage offen: Wie wuerden Ziegen ohne solch eine intensive Mensch-Tier-Beziehung in unserem Versuchsdesign abschneiden? Das wird dann wohl Untersuchungsgegenstand weiterer Forschung.)

    • Grüß Dich Christian,

      ich hatte keine Zweifel, dass es den Ziegen verdammt gut geht. In der Studie hattet Ihr ja auch schon erwähnt, wo die Tiere untergebracht waren. Dass die Tiere dort regelmäßig oder gar täglich fröhliche Menschen sehen, hatte ich dabei gar nicht bedacht. Ist aber ein schönes Detail. Vielleicht haben die Ziegen dadurch auch gelernt, dass sie sich vor fröhlichen Menschen nicht fürchten müssen.

      Wie Ziegen auf den Versuch reagieren, die eben nicht regelmäßig mit (gut gelaunten) Menschen zu tun haben, würde mich in der Tat auch interessieren. Wenn Du oder jemand aus Deinem Netzwerk da mehr weiß, würde ich mich über einen Hinweis freuen. Schreibe dann auch drüber – früher oder später 😉

  2. Früher war die Ziege die Kuh des Kleinen Mannes. Mit einer Ziege konnte man gut zusammenleben.
    Und es war auch üblich, dass junge Ziegen geschlachtet wurden. Das musste der Ziegenhalter selbst tun.
    Die Kinder, die dabei zugeschaut haben , die hatten danach ein Trauma und haben sich dann auch geweigert, das Ziegenfleisch zu essen, wenn sie den Zusammenhang kapiert hatten.

    Unser Sohn hatte eine negative Erfahrung mit einem Ziegenbock, der ihn mit einem Kopfstoß fast K.O. stieß. Seitdem hat mein Sohn keine positiven Gefühle für Ziegen.

    • Die Situation gibt es so auch heute noch. Natürlich nicht hier, aber zB. auf den Philippinen. Hatte vor Jahren mal eine Studie gefunden, in der erläutert wurde, wie die Gesundheit und das Wohlergehen durch einfache Verbesserungen in der Haltung der Tiere deutlich verbessert werden können. Über 90% der Ziegen leben dort in Familien.

  3. Nach all diesen Ausführungen wäre ich für eine eigene ZIEGEN -TV-SHOW im Fernsehen,damit da endlich mal Stimmung aufkommt.
    Aber sachlich: Tiere haben für mich Instinkte und soetwas wie einen “sechsten Sinn”. Sie spüren einfach in bestimmten Situationen Zusammenhänge,die uns rational denkenden Menschen abhanden gekommen sind. Ich sehe soetwas auch bei Katzen.Die Instinkte bestimmen auch-unbewusst- menschliche Verhaltensweisen und sind eigentlich noch zuwenig erforscht…

    • Das ist ein verdammt schwieriges Feld. Auf der einen Seite sollten wir nie den Fehler machen Tieren mehr Fähigkeiten zuzusprechen als sie tatsächlich haben. Ebenso problematisch ist die Vermenschlichung tierischer Verhaltensweisen. Um das Dreieck der Probleme zu komplettieren, haben wir noch den Bereich der Fähigkeiten, zu denen manche Tiere zwar in der Lage sind, die ihnen aber nur widerwillig zugesprochen werden, weil es nun mal Tiere sind.

      In diesem Dreieck bewegen wir uns, wenn wir Tierverhalten sowie unser eigenes Verhalten gegenüber Tieren erforschen und verstehen wollen. Immerhin ist es mittlerweile unstrittig, dass Pferde und Hunde mehr von unserer Körpersprache verstehen können als lange angenommen, schließlich verbindet uns mit diesen Tieren eine lange Geschichte des gemeinsamen Zusammenlebens und -arbeitens. Ziegen zählten nicht wirklich dazu. Katzen übrigens auch nur bedingt. Sie lebten zwar näher mit uns zusammen als eben Ziegen, waren aber immer auch selbstständiger unterwegs als Hunde oder Pferde.

  4. Ideal untergebracht

    „Ich habe mir eine Ziege gekauft.“

    „Eine Ziege? Wo willst du die denn unterbringen?“

    „Im Schlafzimmer.“

    „Und der Gestank?“

    „Daran wird sich das Tier gewöhnen müssen!“

  5. Gute Tierhaltung bedeutet auch, dass die Menschen eine Beziehung zu den Tieren aufbauen, die sie halten, schließlich ist ohne vertraute Atmosphäre auch keine Tierbeobachtung möglich.

    Dafür müssten die gehaltenen Tiere aber Menschen erkennen können, was nicht immer der Fall zu sein scheint, viele gehaltene Tiere schauen bspw. nicht in die Augen, in das Gesicht ihrer Halter.

    Denkbar wäre auch, dass Halter bei Tieren Stress auslösen, sie diese gar nicht bemerken wollen, so dass diesbezügliches Nicht-Können für das tierische Wohlbefinden auch günstig sein könnte.

    Oder ist es in praxi regelmäßig so, dass gehaltene Tiere ihre Halter (nicht als solche, aber vielleicht als Futterquelle oder eine Art “Partner”) erkennen?

    MFG
    Dr. Webbaer

    • Über diesen Kommentar sind schon ganze Bücher geschrieben worden. Ganz kurzer Ausflug: Augenkontakt wird in der Tierwelt sehr unterschiedlich interpretiert. Hunde bspw. vermeiden tatsächlich direkten Augenkontakt, sie verstehen das als Provokation. Wenn man im Zoo vor einem Gorilla-Gehege steht, sollte man es tunlichst vermeiden derart zu grinsen, dass die Zähne zu sehen sind. Was wir als Freue/Freundlichkeit verstehen, bedeutet unter Menschen-Affen das Gegenteil.

      Bzgl. der in der Landwirtschaft gehaltenen Tiere gibt es natürlich auch Besonderheiten, die Du als regelmäßiger Leser dieses Blogs auch kennst, Stichwort Fluchtzone bei Rindern. Das Konzept funktioniert schlicht deshalb, weil die Tiere den Menschen als Jäger ansehen. In der Milchvieh-Haltung, wo die Tiere täglich mit Menschen zu tun haben, ist das etwas entspannter, funktioniert aber auch hier. Selbstverständlich erkennen die Tiere, wer ihnen da begegnet. Da kein Landwirt für jeden Tag des Jahres ein anderes extrovertiertes Kostüm plus 365 verschiedene Duftwässerchen zur Verfügung hat, klappt das recht gut.

  6. (Heiterkeit als Daseinsrüstzeug)

    Von Ziegen lernen, heisst Siegen lernen.

    Gibt’s irgenwelche belastbaren Studien über “Ziegenintelligenz”? Denn gemeinhin gelten Paarhufer ja nun nicht gerade als die Geistesriesen unter den Säugetieren.

    • Grüß Dich Helmut,

      ich leite die Frage mal an Christian weiter, der ist bei Ziegen weitaus besser über ihre kognitiven Fähigkeiten informiert als ich…

  7. Sören Schiewe
    “Augenkontakt wird in der Tierwelt unterschiedlich interpretiert…”
    Tiere nehmen,wie Menschen,über ihre 5 Sinne die Umwelt wahr. Scheinbar ist der Sehsinn bzw. deren Kombination mit angeborenen Verhaltensmustern bei Ziegen besonders ausgeprägt,was ja bei Herdentieren evolutionär erklärbar ist.Über Blicke werden Emotionen oder andere Informationen wie Unterordnung oder Dominanz transportiert (Also sinnvolle Verhaltensmuster für das Bestehen und Überleben einer funktionierenden Herde). In der freien Natur scheint so etwas Sinn zu machen, da es eine blitzschnelle nonverbale Kommunikation erlaubt, was im Flucht-und Kampfsystem lebenserhaltend sein kann.Den Sehsinn bzw. das Erkennen von unbewussten Informationen in Blicken hat diese Tierart im Laufe der Evolution wahrscheinlich besonders sensibilisiert, zum Zweck der Erhaltung der Art.

  8. @ Herr Sören Schewe und hierzu :

    Selbstverständlich erkennen die Tiere, wer ihnen da begegnet.

    Nö, viele (wilde) Tiere erkennen bestenfalls volatile Fremdheit, also sozusagen ein anderes Tier womöglich, womöglich aber auch nur terrestrische Bewegung, der es sich womöglich fern zu halten gilt, womöglich basierend auf primitiven Risk-Reward-Überlegungen, die ganz ohne besondere Entitätenbildung auskommen.
    Karnickel und wilde Katzen bspw. erkennen, wie Dr. W meint zu wissen, nicht sonderlich viel, sie wittern womöglich nur Bewegung, die Gefahr meinen kann, aber auch “Fressie”.

    Bär- oder Mensch-Tier Kontakt, der vom Tier verstanden zu sein scheint, ergibt sich in der Natur eher selten, der Hund hier als sozusagen bester Freund des Menschen benannt, auch Katzen können verhältnismäßig schlau und nett sein, nach Gewöhnung, aber “so generell formuliert” weiß das Tier nichts über Bär und Mensch, es hat dafür keine Sensorik und keine Konzepte entwickelt, im kleinen Hirn.
    Über Sprachlichkeit kann es idT verfügen, zumindest sieht es (einigen) so aus, aber das Tier ist schon recht dull.

    Vielleicht kann hierzu – ‘Gute Tierhaltung bedeutet auch, dass die Menschen eine Beziehung zu den Tieren aufbauen, die sie halten, schließlich ist ohne vertraute Atmosphäre auch keine Tierbeobachtung möglich.’ – im Negativen formuliert werden, dass Bären oder Menschen keine Zähne oder sonstigen direkt möglichen Anspruch auf Vertilgung zeigen sollten, damit es auch mit dem tierischen Nachbarn klappt.

    Tierhaltung ganz ohne Bären und Menschen, ganz ohne deren Zeigung, scheint Dr. W OK zu sein.

    MFG + schönes Wochenende noch,
    Dr. Webbaer (der “schwules” Geduze nicht benötigt, wenn doch die wundervolle Möglichkeit im Raum steht sich d-sprachig in der Dritten (!) Person Plural (!) auszutauschen)

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