Populärastronomische Irrtümer

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

Der Polarstern ist der hellste Stern des Himmels.

Falsch, denn der hellste Stern des Himmels ist die Sonne. Am Nachthimmel ist der hellste Stern Sirius im Großen Hund.  Schon sechs der sieben Sterne im Großen Wagen sind heller als der Polarstern … was ihn hingegen auszeichnet, ist, dass er innerhalb von ca 25.000 Jahren derjenige hellere Stern ist, der dem Himmelsnordpol am nächsten kommt. 

Der Polarstern steht in der Liste der hellsten Sterne an 47ster Stelle. 

Der arme Pluto ist kein Planet mehr

In dieser Form ist der Satz falsch: Pluto hat sich nicht verändert. Er war schon immer ein Exot, aber man wusste nicht so recht, wo man ihn hinstecken sollte. Das war übrigens mit Ceres auch seit ihrer Entdeckung in der Neujahrsnacht 1801 so. 

Als man nun um 2000 herum ihre Artgenossen fand (weil sich nichts am Himmel, aber die Beobachtungsmethoden der Menschen sich verändert haben), hatten die Menschen endlich verstanden, dass man für diese Objektsorte eine eigene Gruppe braucht. 

Seitdem ist Pluto glücklich: Er zeigt uns sein Herz! 
(hatte darüber bereits ausführlich geschrieben)

Sternzeichen und Sternbilder sind das gleiche

Nein, Sternzeichen sind genau 30° lange Abschnitte des Großkreises am Himmel, auf dem sich die Sonne scheinbar im Jahreslauf bewegt. Sie sind Bestandteil eines Koordinatensystems, reine Geometrie.

Sternbilder sind hingegen Figuren, die von jeder Kultur anders an den Himmel projiziert werden. Jede Kultur macht ihre eigenen Sternbilder, denn es werden oft Gottheiten oder Kulturtechniken an den Himmel versetzt. Wer noch nie einen Elephant gesehen hat, kann sich auch so eine Figur nicht am Himmel vorstellen.  

Der Tierkreis besteht aus 12 Sternbildern 

Das ist falsch, denn bei der Erfindung des Tierkreises wurde die scheinbare Bahn der Sonne in 12 gleichmäßige Abschnitte unterteilt: die sog. Sternzeichen. Der Begriff Sternzeichen (Dodekatemoria) wird übrigens bereits antik von Sternbild unterschieden. 

Die Bahn des Sonnenmittelpunktes ist eine mathematisch abstrakte Linie, die – schon immer – durch 13 Sternbildfiguren verläuft. Das hat seit 2500 Jahren keinen Astronomen gestört und wird es auch künftig nicht, denn die Bahn des Sonnenmittelpunktes ist nur die Basis von einem der Koordinatensysteme. 

Der Tierkreis ist aber nicht nur eine Linie, sondern ein Band aus Sternbildern um diese Linie herum – genauer gesagt: das Band, in dem die Planeten und der Mond umlaufen. Die Mondbahn ist um 5° geneigt, so dass der Tierkreis mindestens 10° um die Bahn des Sonnenmittelpunktes herum reicht, plusminus 5° um sie. In diesem 10° breiten Streifen liegen mehr als 12 und sogar mehr als 13 Sternbilder. Das hat sich auch nicht geändert, als die IAU 1930 die Sternbildgrenzen international festlegte. Planeten und Mond können also auch in anderen als den 12 Sternbildern stehen, die so heißen wie die Sternzeichen. 

Seeungeheuer Ketos, Auriga, Orion und Sextant sind die Sternbilder, in denen der Mond auch stehen kann, die Sonne aber nicht. 

Der Mond bestimmt, wann man sich die Haare schneiden muss. 

Der Mond hat tatsächlich viele Einflüsse auf die Erde – am eindrucksvollsten sind Ebbe und Flut, ein Phänomen der Schwerkraft. Bei Voll- und Neumond, wenn sich die Schwerkräfte von Sonne und Mond konstruktiv addieren, sind Fluten höher. Also ja: Das hängt auch mit der Mondphase zusammen. Aber die Mondphase macht nicht die Flut, sondern der Beleuchtungsgrad und die Fluthöhe haben eine gemeinsame Ursache. 

Es gibt auch viele weitere Einflüsse, die tatsächlich auf den Mond zurückgehen, z.B. vllt. bestimmte Schlafstörungen (nicht alle!), sich nachts öffnende Blüten, Tieraktivitäten etc. … das alles wunderbar zusammengefasst im Buch “Die Biologie des Mondes” von Klaus-Peter Endres und Wolfgang Schad

Aber: der Beleuchtungsgrad des Mondes oder seine Stellung im Tierkreis hat keine “Zauber”wirkung. So manches, das in Mondkalendern steht, ist schlichtweg Aberglaube. 

Die Figuren des Tierkreises wirken sich auf menschliches Schicksal aus

Die Horoskope, die jetzt ja gerade wieder Hochkonjunktur haben, betrachten 12 Sternbilder – d.h. eigentlich betrachten sie SternZEICHEN, aber ein Kreisbogenabschnitt ist nunmal nicht so hübsch wie ein Muster aus Sternen, in die ein Bildchen gezeichnet wird. Darum illustrieren große beBILDerte Zeitschriften die Horoskope gern mit etwas, das astronomisch aussieht, obwohl es mit Astronomie eigentlich nichts mehr zu tun hat. 

Ich habe ja oben bereits klargestellt, dass alles, es mehr als die zwölf bekannten Figuren gibt, in denen sich Sonne, Mond und Planeten aufhalten können. Aber hat schon mal in irgendeinem Horoskop gestanden “Sonne im Schlangenträger” und/ oder “Mond im Sextanten”? 

Die bei uns genutzte Astrologie kommt aus dem alten Babylon und war in deren Pantheon und Weltbild verstehbar. In allen anderen Religionen wirkt sie wie mystisches Wissen: Figuren wie der Steinbock mit einem Fischschwanz sind schon im alten Griechenland unverständlich gewesen. Man kann diesen Figuren natürlich irgendwelche Eigenschaften zusprechen: z.B. dass Steinböcke (die echten, ohne Fischschwanz) auf Bergen leben oder Skorpione in wärmeren Gefilden. Aber warum sollte sich das auf Menschen übertragen lassen? 

Zumal: in China ist das, was bei uns Skorpion heißt, der Rumpf und Schwanz des Blauen Drachens, unser Steinbock entspricht dort z.B. den Sternbildchen Ochse, Zwölf Staaten, Himmelsflur und Bollwerkslinie… Was soll all das mit den Eigenschaften einer Bergziege zu tun haben? 

Und wenn die Stellung der Planeten zur Geburt eines Menschen wichtig wäre für dessen Schicksal: Warum dann nicht die Stellung von Exoplaneten? Es gab dazu 2016 ein amüsantes Paper auf dem Abstract-Server: Astrology in the Era of Exoplanets. 

Wenn es wichtig sein soll, dass der Mond im siebten Haus steht (wie im Hair-Song “Aquarius”), warum ist es dann nicht relevant, in welchem Haus der Planet von 51 Peg, für den es den Nobelpreis 2019 gab, steht?

Der Weihnachtsstern war ein Himmelsphänomen 

Das ist falsch. Es ist längst bekannt, dass das Fest der Wintersonnenwende (römisch: Sol Invictus, die unbesiegte Sonne) mit Bräuchen aus dem Mithras-Kult verschmolzen wurde und mit römischen Festen um die Ankunft des Divius Julius zusammengelegt wurde (siehe Geschichte des Epiphanias Festes).
Die Jungfrauen-Geburt – der übrigens eine lange Kultur in Ägypten u.a. vorausgeht (und wieviele Gottessöhne hat nicht auch Zeus mit sterblichen Damen???), der Stern sowie die drei Weisen und Hirten, die zur Anbetung kommen, sogar die Krippe … das alles sind Symbole. Sie müssen nicht der Realität entsprechen, sondern sie stehen bildlich für das, woran Christen glauben. 

Wer dennoch die Weihnachtsgeschichte unbedingt historisch wörtlich lesen möchte, sollte sich ganz genau am Himmel umschauen. Natürlich kann es Kometen zu Weihnachten geben – z.B. den eindrucksvollen Weihnachtskometen Lovejoy 2011 – oder Novae oder Supernovae oder Planetenkonjunktionen (wie die Jupiter-Venus-Konjunktion Januar 2016 oder die Jupiter-Saturn-Konjuktion Dezember 2020)… aber wenn wir all das in den Kontext der Zeit rücken, in der die Geschichte kanonisch wurde, ergibt nichts davon ein Omen oder einen Glauben an die Geburt eines Erlösers oder Gottkönigs. 

So. 

Wenn aller Raketenspuk verweht,
der hoch ergötzte die lieben Kleinen,
dann werden in stiller Majestät 
die alten ewigen Sterne erscheinen. 

Nun lassen wir alle Irrtümer, falschen Vorurteile, Besessenheit, Klatsch und Tratsch im alten Jahr … mit all seinen Verrücktheiten … und gehen aufgeklärt und offen in ein neues, das ganz sicher besser wird als das alte, denn so sind wir Menschen nunmal, dass wir uns stetig verbessern wollen. 

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

7 Kommentare

  1. Dass der Mond einen Einfluss auf den Schlaf haben sollte, kam mir suspekt vor und nach kurzer Suche bin ich auf einen Beitrag der Max Plank Gesellschaft gestoßen, der dies ebenfalls verneint und Gründe aufzeigt, warum es trotzdem lange als Konsens galt.

    • weniger der Mond als vielmehr die Lichtmenge, meinte ich; es gibt wohl Menschen, die das merken – nicht alle gleichermaßen (betrifft wohl eher ältere bzw. solche, die eh unruhiger schlafen – ich selbst nicht) und ich vermute, heutzutage unter städtischer Dauerbeleuchtung, merken es weniger als in freier Natur.

      Dass es einen ganz erheblichen Unterschied macht (solange man nicht schläft), kann ich als Naturmensch aus Erfahrung garantieren: Wanderungen bei Vollmond sind problemlos möglich, bei Neumond ist es in europäischen Wäldern doch arg dunkel und in afrikanischen Wüsten sogar gefährlich, wenn man nicht sieht, ob man evtl auf ein Tier – einen Skorpion oder eine Schlange – tritt.

  2. “Aber: der Beleuchtungsgrad des Mondes oder seine Stellung im Tierkreis hat keine “Zauber”wirkung.”

    Dazu wäre interessant zu fragen, was “Zauber” ist und ob es ihn gibt? Haben Sie dazu eine Meinung, liebe Frau Hoffmann? Zauber – nehme ich an – ist in Ihren Augen Unsinn – allenfalls etwas, das noch nicht geklärt ist? Wäre der Zauber geklärt, wäre er ja keiner mehr.

    Unerklärliche physikalische Phänomene treten im Zusammenhang mit dem Mondlicht insbesondere bei Vollmond aber durchaus auf, man kann sie leicht fotografieren:

    https://markustermin.com/2016/11/14/mondkreis/

    Frohes Neues Jahr!

      • Dachte ich zunächst auch, Herr Bauer, aber das übersieht – wie ich meine – die Tatsache, dass es sich nicht um einen Lichtkreis allein handelt, sondern das Loch ganz real aus der Nebeldecke “herausgestanzt” ist. Das bemerkt man eben daran, dass hinter der unteren, sehr tiefen Nebeldecke, wie es sie oft in der Nähe des Inns in den niederbayerischen Auen entstehen, eine zweite Schlierwolkenschicht ist. Man kann das im Bild sehen – das übrigens unbearbeitet ist.

        Das bedeutet, über das Lichtphänomen hinaus – Halo – gibt es ein Materie/Nebel lösendes Phänomen – dessen Eigenschaft absolut lokal ist, denn dieses “ausgestanzte” Loch in der unteren Nebeldecke ist kein Phänomen, welches sich auf die gesamte Umgebung bezieht (logischerweise), sondern nur auf diesen relativ kleinen, sehr genau abgezirkelten (im wahrsten Wortsinn) Bereich, während drumherum die Nebeldecke dicht bleibt. Mit freundlichen Grüßen!

  3. Populärastronomische Irrtümer
    31. Dez 2020 Von Susanne M. Hoffmann Lesedauer ca. 5 Minuten
    Zitat 1:
    Die Jungfrauen-Geburt – der übrigens eine lange Kultur in Ägypten u.a. vorausgeht, der Stern
    sowie die drei Weisen und Hirten, die zur Anbetung kommen, sogar die Krippe … das alles
    sind Symbole. Sie müssen nicht der Realität entsprechen, sondern sie stehen bildlich für das,
    woran Christen glauben.
    = = =
    Frage Frau Hoffmann:
    Was hat die biblische Weihnachts-Botschaft, für die es ja Zeugen gibt, mit Ihrer Überschrift
    “Populärastronomische Irrtümer“ zu tun?
    Das einzige symbolhafte ist, dass Jesus Christus – Sohn Gottes – in einem Stall zur Welt kam,
    umgeben von Ochs und Esel, ganz menschliche Eigenschaften, zu finden in menschlichen
    Herzen = Stall.

    Zitat 2:
    Wer dennoch die Weihnachtsgeschichte unbedingt historisch wörtlich lesen möchte, sollte
    sich ganz genau am Himmel umschauen.
    = = =
    Hierzu schreiben Sie: Der Weihnachtsstern war ein Himmelsphänomen
    Bekanntlich handelt es sich hier um eine Pflanze.
    Wenn Sie den Stern meinen, der bei der Geburt Jesu senkrecht über dem Stall in
    Bethlehem zu sehen war, müsste es doch für Sie als Astronomin möglich sein zu
    recherchieren, welcher Stern es zu dem Zeitpunkt (ca.4 – 5 Jahre v. Chr.) gewesen sein
    könnte. Das wäre doch eine reizvolle Arbeit mit Aussicht auf eine Preisverleihung.
    M. f. G.
    W. Bülten

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