Pluto, der glückliche Zwergplanet

Vor 90 Jahren, am 18. Februar 1930 wurde ein neuer Körper unseres Sonnensystems gefunden (bekanntgegeben am 13. März 1930). Zwar war schnell klar, dass er sich seltsam “anders” verhält als die großen Planeten, aber in die Gruppe der Planetoide (grch. für Planetchen) passte er auch nicht … eigentlich gehörte er nirgends so richtig hin. Man steckte ihn also in die Kategorie “Planet”, denn er ist kugelrund (und nicht so kartoffelförmig wie die meisten Planetoiden) und gab ihm den Namen 

Pluto

Unter Fachleuten galt er seither immer als Exot: Er war der kleinste von allen damals bekannten Planeten und die Astronomen hackten dauernd auf ihm herum: “Pluto, du hast deine Bahn nicht aufgeräumt”, “Pluto, wen bringst du denn da mit: dein Mond ist ja halb so groß wie du selbst” (1978 wurde Charon entdeckt), “Pluto, du bist näher an der Sonne als Neptun – anständige Planeten machen das nicht, ihre Bahnen liegen berührungsfrei umeinander wie Matrjoschka-Puppen.” (1979-1999 war Pluto näher an der Sonne als Neptun)

Eine der Zeitungen, die man unaufgefordert in den Briefkasten bekommt:
Was soll bloß diese herzzerreißende Pluto-Mitleidsbekundung?

Im Tonfall solcher Medien wie oben:
Wie muss sich der arme Kleine da draußen gefühlt haben? Nicht nur ist es dort im äußeren Sonnensystem einsam und kalt, sondern über die Funkmedien aus dem inneren Sonnensystem (Lichtlaufzeit zu Pluto 4-7 Stunden) kommen solche Schimpf-Meldungen wie oben beschrieben. Immer meckern die Menschen herum: Der arme Pluto muss sich gedacht haben “was bin ich nur für ein häßliches Entlein“.    

Wie aber auch in der Geschichte vom häßlichen Entlein erfuhr auch Plutos Schicksal Anfang der 2000er eine glückliche Wende: Weil die Erdlingen da endlich klug genug geworden waren, Planeten auch außerhalb ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, also des Sonnensystems zu entdecken und auch innerhalb des SoSys weitere Kleinkörper fanden, mussten sie ihre Definitionen und Klassifikationen überdenken. 

Anm. 1: Das würde auch vielen Erdlingen untereinander gut tun. Etwas weniger Schubladendenken und Klischee-Pressen gegenüber andere Erdlingen würde so mancher Mikrogesellschaft und der Menschheit als Ganzes gut tun. Zurück zum Thema:

Im Jahre 2006 beschloss eine Versammlung von Fachwissenschaftlern der Erde (IAU) neue Definitionen von Himmelskörper-Kategorien. Pluto war inzwischen nicht mehr der einzige Exot im Sonnensystem und man konnte für diese Gruppe von Exoten eine neue Kategorie eröffnen. Das ist etwa so, als hätten Sie eine Gruppe von Kindern in der Grundschule willkürlich zusammengewürfelt und eines Tages erkennen Sie, dass es viel effizienter für die Lehrkräfte und viel angenehmer für die Kinder ist, wenn Sie die musisch Begabten und die mathematisch Begabten und die sprachlich Begabten jeweils zusammen und getrennt von den jeweils anderen unterrichten. Es wird dann immer noch ein paar “Verhaltsensauffällige” geben, ein paar doppelt begabte, und ein paar, die anders ticken als der Rest ihrer Gruppe – und es wird immer noch jedes ein Individuum bleiben, auch wenn Sie allen eine Schuluniform anziehen. Aber die Kleinen fühlen sich unter ihresgleichen und damit wohler. 

So ähnlich muss es Pluto damals (2006) ergangen sein: Erst lernte man Quaoar, Sedna, Eris, Orcus u.a. kennen, dann schloss man diese Gruppe zu einer “Gruppe der Exoten” bzw. der neuen Klasse der Zwergplaneten zusammen. Den Stein so richtig ins Rollen bachte wohl die Entdeckung, dass Eris ungefähr gleich groß wie Pluto ist, aber deutlich massereicher – also auf der Suche nach Objekten, die Bahnen anderer Objekte (Planeten) stören können etwas kräftiger. Dass Pluto darüber so richtig glücklich ist, dass er nicht mehr einsam ist, sondern Artgenossen hat und dass er mit ihnen in dieselbe Klasse gehen darf, sieht man daran, dass er uns ein Herz-Symbol zeigt (2015, New Horizons, siehe Bild oben in der Zeitung). Nun schimpft keiner mehr über ihn, sondern die Leute sagen “Pluto, der größte der Zwerge”, “ah, schau, der schöne Pluto mit dem großen Herz” oder “Pluto war der erste Zwergplanet, den wir im äußeren Sonnensystem entdeckt haben”.

Sieh da: Aus dem Häßlichen Entlein ist ein bewunderter schöner Schwan geworden!

Anm. 2: Der “erste Zwergplanet” wäre falsch zu sagen, denn auch Ceres, die zwischen Mars und Jupiter umläuft, gehört nach den neuen Definitionen zur Gruppe der Zwergplaneten. Sie wurde bereits 1801 entdeckt. Ceres, um die übrigens keiner jemals so einen Hype gemacht hat, war damals – 1801 – auch als Planet deklariert worden … bis man so viele Kleinkörper zwischen Mars und Jupiter gefunden hatte, dass es (bereits im 19. Jh.) sinnvoll war, eine neue Objektklasse aufzumachen. Ceres, benannt nach der römischen Göttin des Ackerbaus, wechselte also nun schon zum zweiten Mal die Objektklasse: von Planet zu Planetoid zu Zwergplanet. 

Darum, liebe Zeitungsredakteure und -autoren, kann ich einfach nicht verstehen, warum es immer noch solche Schlagzeilen wie oben (im Untertitel) gibt. Ich wünschte, dieser Quatsch würde endlich aufhören.  

Manche Amerikaner kommen in dieser Debatte dann gern mit der “kontinentalen Keule”: Die Planeten bis Saturn sind freiäugig sichtbar und waren allen Kulturen der Welt schon immer bekannt. Die Eisriesen Uranus und Neptun wurden beide in Europa und Pluto als erstes mal nicht in Europa (sondern von Clyde Tombaugh am Lowell-Observatory bei Flagstaff, Arizona, in Amerika) entdeckt wurde. Der erste in Amerika gefundene Planet soll nun also doch keiner mehr sein… (pöse,pöse).
Das halte ich für eine gefährliche Argumentation, denn als nächstes fängt dann jemand an, dass Uranus (entdeckt von den Geschwistern Herschel aus Hannover) und Neptun (entdeckt von J. Galle und H. d’Arrest an der Berliner Sternwarte) von Deutschen entdeckt seien (was nur die halbe Wahrheit wäre, denn die Geschwister Herschel lebten damals als Deserteure in Bath, England und die Berliner haben die Entdeckung nur gemacht, weil ein Franzose, U. LeVerrier, ein mathematischer Astronom, sie darum gebeten hatte) und daher Ceres etwas besonderes sei, weil sie von einem Italiener entdeckt wurde. Das ist hochgradig unwissenschaftlich, dient nicht der Sache und hat überhaupt nichts mit Astronomie zu tun: Die meisten Wissenschaftler wechseln wiederholt den Ort und sehen sich – wenn überhaupt – dann als Erdenbürger und Kosmopoliten; wissenschaftliches Denken ist viel zu groß, als dass es sich von so etwas Engem wie Nationalstaat-Grenzen einengen ließe. 

Anm. 3: Übrigens sind sowohl Uranus als auch Pluto von Amateurastronomen entdeckt worden: Clyde Tombaugh war zur Zeitpunkt der Entdeckung 24 Jahre alt und hatte gerade erst als Assistent am Lowell Observatory angefangen, wo man seit langem nach einem Körper suchte, der die Bahnunregelmäßigkeiten von Neptun und Uranus erklären hätte können. Pluto und seine Kameraden sind aber zu klein für diese Wirkung, d.h. die Suche war nicht erfolgreich. Tombaugh avancierte jedoch durch die Entdeckung zum professionellen Astronom. Die Geschwister Herschel waren Musiker: Wilhelm war Oboist, Violinspieler und Organist, Caroline war Sängerin. Nach Feierabend bauten sie zuhause kleine und große Teleskopspiegel und durchmusterten den Himmel. Nach der Entdeckung wurden Wilhelm als Königlicher Astronom angestellt und Caroline wurde als seine Assistentin ebenfalls vom König für Astronomie bezahlt (ein Novum für eine Frau!). Wir lernen: Solche Fleißarbeiten – sowohl von Tombaugh als auch von Herschel – führen nunmal bisweilen auch zu Entdeckungen und man kann Hobby- und Profi-Astronomen dazu nur ermutigen. 

Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

4 Kommentare

    • Tatsächlich hat W. Disney den Hund von Mickey Mouse so genannt, weil man damals gerade im (Zwerg)Planetenfieber war.

  1. Danke für diesen schönen Artikel. Und vorallem für die Ermutigung der Hobbyastronomen.
    Es bleibt der Hauch des Geheimnisvollen um diesen Planeten.
    Noch vor 50 Jahren gab es eine Comic-Reihe, bei der Menschen die fremden Planeten betraten, nur mit einer Sauerstoffmaske. Bei Pluto war die Landschaft im Halbdunkeln zu sehen. Leider weiß ich den Namen dier Reihe nicht mehr.

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