Vom Labor ins echte Leben: Den Alltag vermessen

Laborexperimente in der Psychologie galten lange als weltfremd, ihre Ergebnisse nur bedingt auf das echte Leben übertragbar. Mit alltagsbegleitenden Studien wiederum untersuchen Forschende, wie Menschen in ihrer natürlichen Umwelt ticken. Meist genügt ein Handy, um Denken, Fühlen oder Verhalten im Alltag zu erfassen. Welche Erkenntnisse liefern sogenannte Experience-Sampling Studien tatsächlich, wo liegen ihre Grenzen? Ein Überblick über eine aufstrebende Forschungsmethode.

Von Roman Linz

Was heute gemeinhin als die Geburtsstunde der Psychologie bezeichnet wird, begann im Jahr 1879 in Leipzig mit Gründung des ersten experimental-psychologischen Laboratoriums durch Wilhelm Wundt. Sein zunächst mit der eigenen Sammlung an Instrumentarien und Apparaten ausgestattetes Labor diente Wundt zur Erforschung allgemeiner Gesetze der menschlichen Wahrnehmung. Und das mit einigem Erfolg. Damals trat nicht nur die Psychologie ihren Siegeszug als eigenständige Wissenschaft an. Auch das Experiment etablierte sich als prototypische, unverzichtbare Methode der Psychologie. Seine Grundidee: Unter standardisierten, wiederholbaren Bedingungen werden einzelne Variablen im Versuchsaufbau systematisch variiert und anschließend ihr Einfluss aufeinander quantifiziert.

So alt wie das Laborexperiment selbst ist allerdings auch die Kritik daran: „Von Katzen, die man in einen engen Käfig sperrt“ könne man doch auch „nicht erwarten, dass sie sich natürlich verhalten“ wurde etwa dem einflussreichen Wegbereiter des Behaviorismus, Edward Thorndike, schon 1899 entgegnet. Bis heute beklagen gleichlautende Einwände, der Versuchsaufbau eines Experiments sei artifiziell, dessen Bedingungen lebensfern und die Befunde daher wenig brauchbar, um ‚echtes‘ Verhalten unter ‚realen‘ Bedingungen abzubilden. Unbestritten ist, dass der Kontext einer Untersuchung das Resultat beeinflussen kann und somit in Interpretation und Diskussion der Ergebnisse berücksichtigt werden sollte.

Menschliches Verhalten, Gedanken oder Gefühle entstehen in ständigem Zusammenspiel mit der Umwelt, deren Komplexität sich im Experiment nur bedingt simulieren lässt. Hier setzen alltagsbegleitende Studien an: Statt unter möglichst gleichbleibenden Laborbedingungen untersuchen sie Menschen in ihrem ‚natürlichen Habitat’. Der für jede und jeden unterschiedliche und nie gänzlich wiederholbare Versuchsaufbau ist der individuelle Alltag – das Handy das zentrale Messinstrument.

Alltagsbegleitende Studien mit der Experience-Sampling Methode

Doch wie genau sehen Experience-Sampling Studien (ESM) aus?

Klassischerweise werden Teilnehmende während ihrer täglichen Routinen wiederholt von ihrem Handy aufgefordert, einige Fragen zu ihrem momentanen Befinden zu beantworten. Je nach Studienfokus kann dies etwa momentane Affekte, Gedanken, Gefühle oder Verhalten betreffen; und oft wird zusätzlich erfasst, was Teilnehmende gerade tun und in welchem (sozialen) Kontext sie sich befinden. So erhalten Forschende einen wiederholten Einblick in die momentane Welt der Teilnehmenden, ein Echtzeit-Zoom in deren individuelles Erleben in Interaktion mit ihrer sich stets wandelnden Umwelt. Die Variation im jeweiligen Kontext ist hier gewünscht, wird bestmöglich miterfasst und ist damit an sich Untersuchungsgegenstand – im Gegensatz zum Experiment, wo der (soziale) Kontext und andere Begleitumstände möglichst kontrolliert werden.

Subjektives Erleben in Echtzeit abzufragen hat verschiedene Vorteile zu anderen Methoden der Selbstauskunft. Früher etwa nutzte man häufig die Tagebuchmethode, die rückblickend, meist abends, festhält, wie ein Tag verlaufen ist. Beispielsweise, wieviel Stress eine Person am vergangenen Tag hatte. Solche retrospektive Fragebögen sind jedoch anfällig für verschiedene Arten der (kognitiven) Verzerrung. Der Prozess des Erinnerns und Abrufens ist oft stark beeinflusst vom momentanen Befinden. Wie stressig etwa der vergangene Tag oder noch länger zurückliegende Zeiträume eingeschätzt werden, wird entscheidend vom aktuellen Stresslevel beeinflusst.

Wiederholte Echtzeit-Abfragen sind also nicht nur genauer. Sie zeichnen die Prozesse auch in ihrer zeitlichen Abfolge auf, wodurch Dynamiken über einen Tag hinweg erkennbar werden – statt rückblickend bestenfalls einen Durchschnittswert wiederzugeben.

Der realistische (‚naturalistische‘) Kontext bleibt der größte Vorzug dieser Methode – gerade die Komplexität sozialer Prozesse lässt sich oft nur unzureichend in Experimenten simulieren. Besonders gut lässt sich das im Falle von Stress beobachten.

Das Erforschen von Stress im Alltag

Verspätet zu einer Verabredung sein, negatives Feedback vom Chef, Streits, Missgeschicke und andere Ärgernisse – die meisten stressauslösenden Situationen (Stressoren) sind sozialer Natur und begegnen uns im Alltag. Diese „daily hassles“ tragen ebenso wie chronische Stressoren (z.B. ökonomische Unsicherheit) oder kritische Lebensereignisse (wie ein naher Todesfall) entscheidend zu unserer biologischen Stresslast bei.

Nicht nur wann und wo diese Situationen entstehen, erforschen alltagsbegleitende Stress-Studien. Auch welche Gedanken und Gefühle mit erfolgreicher Stress-Bewältigung (Coping) einhergehen lässt sich im Alltag nachzeichnen. Beeinflusst der soziale Kontext, ob wir Stress empfinden und wie wir damit umgehen? Und kann etwa Meditation alltäglichen Stress reduzieren?

In einer aktuellen Studie haben wir die Effekte verschiedener Meditationsarten auf alltäglichen Stress untersucht. Über mehrere Monate hinweg berichteten Teilnehmende wiederholt über tägliche Stressoren, ihr subjektives Stresslevel und ihren Umgang damit. Das Interessante dabei: Im Gegensatz zu vielen anderen, oft retrospektiven Studien zeigen unsere Daten, weder die Anzahl an Stressoren noch das subjektive Stressempfinden verringert sich durch Meditation. Allerdings berichten Teilnehmende von erfolgreicherem Coping, also einem gelingenderen Umgang mit ihren daily hassles. Während retrospektiv also häufig geringerer Stress nach Meditation berichtet wird, legen wiederholte Echtzeit-Messungen nahe, dass dieser Befund stark mit der Art des Copings zusammenhängen könnte und im Nachhinein möglicherweise zu der Erinnerung an geringeren Stress führt.

Ähnliches gilt für die Konzentration des Stresshormons Kortisol. Bisherige Studien hatten gezeigt: über vergangene, negative Ereignisse zu grübeln geht mit einem erhöhten biologischen Kortisollevel einher. Unsere Alltagsbefunde ergaben jedoch, mehr Kortisol zirkuliert im Körper vor allem bei negativen Gedanken an die Zukunft, und zwar vor allem dann, wenn Personen zuvor bereits Stress erfahren hatten. Mehr negative Gedanken bedeuten dabei aber nicht automatisch mehr Stress – es kommt auf den Kontext an: Hat man schon Stress, dann kann ein erhöhter Kortisolspiegel helfen, die nötigen Energieressourcen bereitzustellen, um aktuellen wie zukünftigen Anforderungen besser begegnen zu können. Das beobachtete Muster könnte also durchaus adaptiv sein, im Sinne eines proaktiven, gelingenden Umgangs mit individuellen Herausforderungen.

Die wenigen Beispiele illustrieren, wie alltagsbegleitende Studie gerade für dieses stark kontextabhängige und so subjektive wie soziale Phänomen Stress die Möglichkeit neuer Erkenntnisse bieten. Werden psychologische Experimente im Labor damit überflüssig?

Experiment und Alltagsbeobachtung ergänzen sich

Nein. Viele Erkenntnisse (insbesondere der Neurowissenschaften) lassen sich nur im Experiment, im Labor erbringen. Und nicht nur dann, wenn sie auf bildgebende Verfahren wie den Kernspintomographen zurückgreifen. Experimente sind besonders deswegen weiterhin unverzichtbar, weil sie systematisch Ursache und Wirkung erforschen. In alltagsbegleitenden Studien lassen sich Zusammenhänge unter maximal realistischen Bedingungen beobachten. Ob mehr Stress aber die Folge negativer Gedanken ist oder die Ursache können sie nicht klären.

Beide Ansätze können sich also gegenseitig ergänzen und informieren, aber nicht ersetzen. Bestenfalls erschließen Alltagsstudien neue, bisher wenig beachtete Zusammenhänge, die dann experimentell auf ihre Kausalität hin untersucht werden können.

Inwiefern experimentelle Befunde allerdings überhaupt valide Rückschlüsse aufs ‚echte Leben‘ zulassen war und bleibt eine zentrale Frage, die sich Forschende gerade auch ihrer eigenen Befunde gegenüber kritisch stellen sollten.

Ausblick: ‘Digitale Gesundheit’ zwischen Chance und Geschäft

Neue Erkenntnisse durch Einblicke in den Alltag verspricht sich auch die klinische Forschung. Weiß man mehr über das Zusammenspiel von Bewegung, Schlaf, Aktivität, Stimme sowie weiteren digitalen Markern, so die Hoffnung, lassen sich klinische Symptome und deren Begleitumstände, sowie mögliche Resilienzfaktoren besser bestimmen.

Viele dieser Gesundheitsdaten sammeln große Digitaldienstleister längst routinemäßig. Oft ohne explizites Wissen oder zumindest ohne große Sorge darüber werden Menschen damit zu Datenproduzenten für den längst milliardenschweren „E-Health“-Markt. Erst kürzlich behauptete Apple-Chef Tim Cook, sein Unternehmen werde den „größter Dienst an der Menschheit“ im Bereich der Gesundheit liefern. Wie gewinnbringend diese Datenmengen tatsächlich auch für die Förderung menschlicher Gesundheit eingesetzt werden steht zu bezweifeln.

Ein besseres Verständnis von der Welt und uns Menschen darin bleibt ja weiterhin das Kerngeschäft der Wissenschaft. Und hierfür lohnt oft auch ein Blick in den individuellen Alltag.

Veröffentlicht von

Roman Linz hat Psychologie in Marburg und Leipzig studiert und an der HU Berlin zum Zusammenspiel von Gehirn, Körper und Psyche bei Stress promoviert. Als Postdoc am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig erforscht er psychosoziale, körperliche und neuronale Aspekte des Phänomens "Stress" in Laborexperimenten und alltagsbegleitenden Studien. Außerdem interessiert er sich für Mindwandering und weitere Facetten unseres täglichen subjektiven Erlebens.

4 Kommentare

  1. Danke für diesen Beitrag. Er passt gut zu meiner Überzeugung, dass wir Menschen heute weniger über uns selbst wissen als wir über Elementarteilchen wissen. Doch das kann sich ändern wie dieser Beitrag zeigt.

    Zitat: „Subjektives Erleben in Echtzeit abzufragen hat verschiedene Vorteile zu anderen Methoden der Selbstauskunft.„

    Ja, das scheint mir offensichtlich. Doch ich würde noch einen Schritt weitergehen und sagen: Was man in Worte fasst ist immer das Resultat eines Verbalisierungsprozesses und bedeutet etwas Erlebtem eine Form zu geben.
    Im obigen Text wird sogar deutlich, dass es beim Erleben von Stress und der Stressreaktion auch Elemente gibt, die sich gar nicht in Worte fassen lassen, weil sie bewusster Erfahrung nicht zugänglich sind. Dazu gehört etwa die Aussage:

    Ähnliches gilt für die Konzentration des Stresshormons Kortisol. Bisherige Studien hatten gezeigt: über vergangene, negative Ereignisse zu grübeln geht mit einem erhöhten biologischen Kortisollevel einher. Unsere Alltagsbefunde ergaben jedoch, mehr Kortisol zirkuliert im Körper vor allem bei negativen Gedanken an die Zukunft, und zwar vor allem dann, wenn Personen zuvor bereits Stress erfahren hatten.

    Niemand erlebt seinen Kortisonspiegel und selbst ein schneller schlagendes Herz (eine Tachykardie) nehmen die wenigsten wahr. Auch kann niemand sagen wie weit seine Pupillen geöffnet sind – ausser er schaut in den Spiegel.

    Ich denke, aktuelle physiologische Parameter können in vielen Fällen mehr über eine Stressreaktion aussagen als das, was eine Person zu Protokoll gibt. Wobei gewisse Personen gute Stress-Berichte abliefern, andere aber schlechte. Das hängt unter anderem vom Grad der Selbstwahrnehmung ab, aber auch von den eigenen roten Linien, die darüber entscheiden, was man als Stress bezeichnet und was nicht.

    Kurzum: SMS-Stressmeldungen sind besser als Stresstagebücher, noch besser aber wäre ein „Stress-Kardiogramm“ (im übertragenen Sinne gemeint).

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie beschreiben einen zentralen (Kritik)Punkt, der generell auf alle Selbstauskunfts-Fragebögen zutrifft: Menschen können nur ihnen bewusste Phänomene beschreiben. Ebenfalls wichtig ist, dass Selbstauskünfte oft noch von anderen Antworttendenzen ‘verfälscht’ werden können. Zum Beispiel spielt die Tendenz, nach angenommener sozialer Erwünschtheit zu antworten, eine große Rolle. Und sicher hängt die Güte der Selbstauskunft auch von der Fähigkeit ab, sich selbst einschätzen zu können. Solche introspektiven oder meta-kognitiven Fähigkeiten sind individuell unterschiedlich stark ausgeprägt.
      Sich allerdings gänzlich auf vermeintlich ‘objektive’ physiologische Parameter (Kortisol/Herzrate,…) zu verlassen sicher verkürzt. Denn immerhin ist Stress ja auch individuell und situativ höchst unterschiedlich (also nicht alle empfinden die gleiche Situation als (gleich) stressig und eine Person kann von der gleichen Sache mal mehr und mal weniger gestresst sein).
      Kortisol wird in vielen Stress-Studien mittels Speichelproben parallel zum Experience-Sampling miterhoben und bietet eher ein zweites, zusätzliches Maß zum subjektiven Stress.
      Kortisol alleine wäre wenig aussagekräftig, denn schon ein Kaffee oder Sport würden das Level erhöhen. Beides würde subjektiv wohl nicht als Stress beschrieben werden – was zeigt, dass der Zusammenhang von subjektiven und physiologischen Stress-Markern nicht ganz so trivial ist.

  2. Den Stress im Griff. Wenn man den Blutzuckerspiegel bestimmen kann, könnte man auch den Cortisolspiegel mit einem Sensor messen.
    Die Elektronikindustrie ist gefordert, dafür einen Sensor zu entwickeln.

    Sehr gut. Jetzt müssen aber auch Forderungen an die Politik, an die Gesellschaft und die Wirtschaft folgen.
    1. Keine Nachtarbeit mehr
    2. Senkung der Ladenöffnungszeiten
    3. Flugverbot in der Nacht
    4. Keine Sportveranstaltungen mehr in den Abendstunden
    5. Keine Stressauslösenden Filme mehr während der Nacht.

    • Danke für Ihren Kommentar. Den Kortisolspiegel kann man wie erwähnt einfacher und weniger invasiv als über Blutabnahme im Speichel bestimmen – allerdings erst nachträglich im Labor. Ein Sensor, der dies in Echtzeit leistet käme da sicher gelegen, vermutlich muss dafür aber noch etwas Entwicklungsarbeit passieren.

      Da subjektives Stressempfinden etwas sehr individuelles ist und sich nicht eins-zu-eins mit dem Kortisolspiegel gleichsetzen lässt, lese ich die Forderungen mit gemischten Gefühlen: auf jeden Fall tragen Faktoren wie hohe Arbeitslast, insbesondere in der (Nacht)Schichtarbeit oder Fluglärm zur chronischen Stresslast bei, was wiederum eine Reihe von Folgeerkrankungen nach sich ziehen kann (aber nicht immer muss).
      Und sicher wäre hier politischer Wille nötig, diese Last und andere sozio-ökonomische Stressoren zu reduzieren.
      Ob Menschen ihren Abend mit Sport oder Horrorfilmen verbringen scheint mir da das kleinste Übel.

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