Aprilscherz aufgelöst

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Und hier die Auflösung der „Aprilscherze“ von gestern, in aufsteigender Reihenfolge der Anzahl von Kommentator/innen, die darauf hereingefallen sind.

Amerikanisch als Amtssprache

Die USA haben keine Amtssprache, aber viele Bundesstaaten haben inzwischen das Englische gesetzlich verankert. Einen Sonderweg ging dabei Illinois: Dort wurde Englisch 1923 verboten und statt dessen das „Amerikanische“ zur Amtssprache erklärt. Erst seit 1969 dürfen die Amtsgeschäfte dort wieder auf „Englisch“ geführt werden.

Diese Geschichte hielt kaum jemand für einen Aprilscherz, sie bekam nur drei Stimmen. Und tatsächlich ist sie wahr, der Gesetzestext wird zum Beispiel in Tatalovich [1995: 67f.] zitiert. Bei der Bezeichnung „Amerikanisch“ ging es nicht um Unterschiede zum britischen Englisch, wie einige Kommentator/innen vermuten, sondern um ein patriotisches Bekenntnis zur „Amerikanischen Republik“, die ein „Hafen der Freiheit und ein Ort der Möglichkeiten“ sei und deren Name sich, wie bei „anderen Ländern“ in der Bezeichnung für die Sprache wiederspiegeln sollte.

Afro-Amerikanisches Englisch als Fremdsprache

Das Afro-Amerikanische Englisch, das uns Deutschen hauptsächlich aus der Hip-Hop-Musik bekannt sein dürfte, stellt die Amerikaner scheinbar vor große Verständigungsprobleme: 1996 beschloss das Oakland School Board, dass das Afro-Amerikanisches Englisch „eine genetische Grundlage hat und kein Dialekt des Englischen ist“, und dass Afro-Amerikaner deshalb Englisch als Fremdsprache lernen sollen.

Immerhin fünf Kommentator/innen hielten diese Behauptung für einen Aprilscherz, aber einen solchen Beschluss gab es tatsächlich (der komplette Text findet sich z.B. hier). Das Oakland School Board handelte dabei übrigens in nobler Absicht: Man wollte auf diese Weise staatliche Mittel, die für den Englischunterricht für Einwanderer reserviert waren, auch für die schriftsprachliche Förderung unterprivilegierter afro-amerikanischer Schüler nutzen. Was die Formulierung mit der „genetischen Grundlage“ bedeuten sollte, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen; inhaltlich ist die Aussage des School Board auf jeden Fall falsch: Afro-Amerikanisches Englisch ist unzweideutig als Dialekt des amerikanischen Englisch zu klassifizieren, es unterscheidet sich in Vokabular, Grammatik und Aussprache nicht stärker vom amerikanischen Englisch der großen Fernsehnetzwerke als beispielsweise das Appalachian English oder das Southern White Vernacular English. Dort, wo es sich unterscheidet, lassen diese Unterschiede sich fast ausnahmslos zu regionalen Dialekten der Britischen Inseln zurückverfolgen.

Liberty Cabbage

Wir alle wissen, dass die Amerikaner nach der Weigerung Frankreichs, sich am zweiten Golfkrieg zu beteiligen, die French fries (Pommes frites) in „Freedom Fries“ umbenannten. Dieser kulinarische Patriotismus hat eine lange Tradition: Schon im Ersten Weltkrieg das Sauerkraut zu „liberty cabbage“ umbenannt, da man den Bürgern Wörter aus der Sprache des Kriegsgegners Deutschland nicht zumuten wollte.

Auch wenn es kaum zu glauben ist — und neun Kommentator/innen wollten es nicht glauben — auch diese Geschichte stimmt. Hier ist ein Beispiel für eine authentische Verwendung aus einem Jahresbericht des Staates Illinois aus dem Jahre 1918 (also fünf Jahre bevor man das „Amerikanische“ zur Amtssprache erklärte):

Der Patriotismus ging sogar noch weiter. Selbst die German Measles („Röteln“) mochte man sprachlich nicht dem Kriegsgegner gönnen und benannte sie völlig ironiefrei in Liberty Measles um, wie ein Handbuch des Amerikanischen Roten Kreuzes von 1918 zeigt:

Warum die Amerikaner weder beim Sauerkraut noch bei den Pommes Frites patriotisch genug waren, auf die Nahrungsmittel selbst zu verzichten, ist übrigens nie untersucht worden. Dass die Wortschöpfungen keinen nachhaltigen Erfolg zeigen, ist dagegen aus sprachwissenschaftlicher Sicht nicht weiter erstaunlich: Wörter lassen sich nun einmal nicht verordnen, weder von anglizismenjagenden Sprachnörglern, noch von patriotischen Schreihälsen.

Esperanto-Verbot

Die Intoleranz der Amerikaner gegenüber Fremdsprachen ist ja fast sprichwörtlich. Der Senator Vernon Goodwin aus Wisconsin ist aber ein extremes Beispiel: 1992 brachte er einen Gesetzesentwurf ein, der es verbieten sollte, auf dem Gebiet der USA Esperanto zu sprechen, zu schreiben oder zu lesen. Esperanto sein „unamerikanisch“ und verführe zu „internationalem Denken und Handeln“.

Ebenfalls neun Kommentator/innen hielten dies für einen Aprilscherz, und es ist tatsächlich einer, wenn auch mit einem ernsten Hintergrund: Esperanto war tatsächlich verboten, allerdings nicht in den USA, sondern in Deutschland unter Hitler und in der Sowjetunion unter Stalin, wie Ulrich Lins in seinem Buch „Die gefährliche Sprache“ beschreibt. Man hatte Angst, dass das Esperanto als internationales Kommunikationsmittel dazu dienen könnte, die totalitären Regime dieser Länder zu untergraben; für Hitler war das Esperanto außerdem die Sprache seiner eingebildeten jüdischen Weltherrschaft (vielleicht, weil der Erfinder des Esperanto, Ludwik Zamenhof, Jude war).

DELANO, Jane A. (1918) American Red Cross text-book on home hygiene and care of the sick. Philadelphia: P. Blakiston’s Son [Google Books Snippet View]

ILLINOIS STATE BOARD OF ADMINISTRATION (1918) The Institution Quarterly, Bd 9. [Google Books Snippet View]

LINS, Ulrich (1988) Die gefährliche Sprache. Die Verfolgung der Esperantisten unter Hitler und Stalin. Gerlingen: Bleicher.

TATALOVICH, Raymond (1995) Nativism reborn?: the official English language movement and the American states. Lexington, KY: University Press of Kentucky. [Google Books Voransicht]

© 2010, Anatol Stefanowitsch

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

9 Kommentare

  1. Auflösung

    Danke für das Rätsel und die Auflösung!

    Schon interessant, aus welchen Motiven heraus das Esperanto tatsächlich verboten wurde. Das eine Regime, die Sowjetunion, wollte auf dem totalitären Weg eine (pseudo-)rationale Weltanschauung durchsetzen und hielt sprachliche, politische und religiöse Freiheitsrechte schlicht für… Unfug.

    Und auch das andere Regime, NS-Deutschland, verbot die Sprache aufgrund absurder Verschwörungstheorien gegen eine religiösen Minderheit.

    Da scheint dann, inmitten allen deutsch-typischen Spotts über die USA, doch mal wieder der Wert von Freiheit und Menschenrechten auf, die sogar für Andersdenkende, -glaubende und -sprechende gelten müssen. Ein herzliches Danke für diesen Aprilscherz mit Tiefgang & frohe Feiertage! 🙂

  2. yeah

    Danke für das lustige, lehrreiche Rätsel. Liberty measles – darauf wär ich dann wohl auch reingefalen.

  3. @Michael Blume: Lesen lernen! Esperanto wurde nicht verboten, weil man „sprachliche Freiheitsrechte“ für Unfug hielt. Sondern, weil Kommunikation nach außen verhindern wollte. Und was hat das mit religiösen und politischen Freiheitsrechten zu tun? Zu den Nazis sollte man noch sagen, dass die Verschwörungstheorien gegen die genannte religiöse Minderheit ihrerseits religiös motiviert waren, eine direkte Fortführung einer antisemitischen Tradition, die sich mindestens bis zu Martin Luther zieht.

  4. Lesen lernen?

    @Frank Oswalt: Warum der feindselige Tonfall? Ich finde es nicht soooo weit hergeholt, zu unterstellen, dass jemand sprachliche Freiheitsrechte für Unfug hält, der Kommunikation nach außen verhindern will.
    Und ist es wirklich noch von “religiöse Motivation”, wenn eine Bande von skrupellosen selbsternannten Herrenmenschen die Religion als Vorwand für Verfolgung und Auslöschung der Juden nimmt?

  5. Die Beobachtung, dass totalitäre Regime Sprachen verbieten – aus welchen Gründen auch immer, meist wohl aber in grober Missachtung der Menschenrechte – ist so neu oder alt ja nicht. Da muss man auch nicht besonders weit in die Vergangenheit oder auf einen anderen Kontinent gehen: die Sprachpolitik unter Franco war mit Sicherheit nicht besonders menschrechtsverträglich. Und es passiert natürlich nach wie vor, unabhängig davon, welchem Zweck ein Sprachverbot (offiziell) dient.

    Ich muss zugeben, ich bin der Formulierung “unamerikanisch” auf den Leim gegangen. Das hat auch weniger mit “deutschtypischem Spott” gegenüber den USA zu tun (ich bin vermutlich einer der wenigen, die die USA stets verteidigen). Aber es gibt viele andere Beispiele, wo genau dieses “un-american” das Denken vieler Amerikaner (und auch die Politik) beeinflusst hat. Deshalb hielt ich die Möglichkeit, dass ein einzelner (!) Politiker ein(en) solche(n/s) Gesetz(entwurf) anstoßen könnte, für sehr plausibel.

  6. @ Frank Oswalt

    Freiheitsrechte sind miteinander verbunden: Wer totalitäre Vorstellungen hegt, wird Freiheit(en) der Sprache und Kultur ebenso einschränken wie jene der Meinung, Religion etc. Umgekehrt konnten z.B. religiöse Minderheiten wie orthodoxe Juden oder Amische in den (von uns Deutschen so gerne verspotteten) USA auch ihre eigenen Sprachen beibehalten, während sie in Europa brutal verfolgt wurden.

    Menschen- und Freiheitsrechte sind in ihrer Gesamtheit kostbar und bewahrenswert, das fand ich in diesem Aprilscherz gelungen aufgezeigt. 🙂

  7. Ahem…

    Darf ich kurz darauf hinweisen, daß die German Measles aber Röteln sind, nicht Windpocken (chicken pox)? 🙂

    [Ist korrigiert, danke! A.S.]

  8. Und ist es wirklich noch von “religiöse Motivation”, wenn eine Bande von skrupellosen selbsternannten Herrenmenschen die Religion als Vorwand für Verfolgung und Auslöschung der Juden nimmt?

    Das ist zwar jetzt sehr off topic, aber da besteht schon ein Unterschied. Der Antisemitismus als Staatsideologie im Dritten Reich war um einige Facetten reicher als der christlich motivierte Antisemitismus oder Antijudaismus. Es war zwar stets liebgewonnene europäische Tradition Juden als Verursacher allen Übels zu sehen, sie zu ghettoisieren, in selteneren Fällen zwangszutaufen oder einfach in Pogromen zu ermorden, aber der nationalsozialistische Rassenansatz ging da deutlich weiter. Ebenso seine Konsequenzen. Der Antisemitismus hat sich also in seiner langen Tradition in Deutschland (und anderen Ländern) sehr wandelbar gezeigt und gelangt ja auch heutzutage unter dem Codenamen Antizionismus wieder zu neuen Ehren. Er geht sozusagen “mit der Zeit”.