Anglizismus des Jahres 2011

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Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus
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Zugegeben, der „Anglizismus des Jahres“, den wir 2010 erstmalig gekürt haben, ist nicht auf einhellige Begeisterung gestoßen. Der Redaktionsleiter des „wochenkurier Ennepe-Ruhr“, zum Beispiel, reagierte auf die Pressemeldung, in der die Jury ihre Entscheidung für das Wort leaken bekanntgab, mit der „herzlichen“ Bitte, „künftig von solchen Zusendungen abzusehen“. Seine Zeitung, ließ er uns wissen „versucht aus Überzeugung, Anglizismen weitestgehend aus dem Blatt herauszuhalten.“ Außerdem wisse er nicht, was „Leaken“ überhaupt bedeuten solle.

Auch in der Politik stießen wir auf vereinzelte Unmutsäußerungen. Hans-Peter Fantini, Stadtverordneter der FDP in Neuss am Rhein, beschuldigte uns per E-Mail, mit der Wahl des Wortes leaken „einen weiteren Beitrag zur Verunsicherung derer geleistet [zu haben], die versuchen sich in die Feinheiten der deutschen Sprache einzuarbeiten.“

Wir wollen hier nicht nachhaken, ob der „wochenkurier Ennepe-Ruhr“ grundsätzlich nur über Dinge berichtet, die man auch im eigenen Hause praktiziert — plausibel wäre die Annahme. Wir wollen auch nicht darauf bestehen, dass unsere damalige Presserklärung selbstverständlich erklärt hat, was leaken bedeutet. Ebensowenig, wie wir darauf hinweisen wollen, dass es nicht die Jury des „Anglizismus des Jahres“, sondern die deutsche Sprachgemeinschaft war, die das Wort leaken in den Sprachgebrauch eingeführt hat, und dass wir uns für die Verwirrung möglicher feinheitlich orientierter Sich-in-die-Sprache-einarbeitender Mitmenschen nicht verantwortlich fühlen.

Stattdessen interpretieren wir diese (und ähnliche) Reaktionen als Signal für den großen Aufklärungsbedarf, den es bezüglich der Rolle und Funktion englischer Lehnwörter im Deutschen noch gibt, und eröffnen heute die Wahl zum „Anglizismus des Jahres 2011“.

„Wir“, das ist wie schon im letzten Jahr eine von mir ernannte Jury aus bloggenden Sprachwissenschaftler/innen, die ich in den nächsten Wochen ausführlicher vorstellen werde. Wie beim letzten Mal sind Kristin Kopf (Schplock), Susanne Flach (decaf – coffee and linguistics) und Michael Mann (lexikographieblog) dabei, neu dazu kommt Lehnwortexperte Jan Wohlgemuth (linguisten.de).

Wir hoffen auch in diesem Jahr nicht vorrangig auf Unwillen und Abwehrreflexe, sondern auf spannende Nominierungen, auf Spaß an der Sprache und ihrer Veränderung und auf Freude an der Diskussion über die Bedeutung und den Gebrauch neuer Lehnwörter — und gerne auch über deren Sinn und Unsinn.

Denn tatsächlich stieß die Wahl von leaken seinerzeit überwiegend auf ein positives Echo. Bernd Matthies lobte im Tagesspiegel den „ganz neuen Aspekt“, den die Wahl in die Debatte um Anglizismen gebracht habe, die ja ansonsten häufig für „Angst und Schrecken“ sorgten und „deshalb von engagierten Sprachschützern gern mit dem Flammenschwert bekämpft“ würden. Leaken hielt er für eine „gute Wahl“, eine Einschätzung, der sich im Großen und Ganzen auch Alexander Dick in der Badischen Zeitung anschloss und zu Bedenken gab, dass die „Sprachbegabten“ unter uns spürten, „dass alle Übersetzungs- und Eindeutschungs-Versuche einer gewissen Hilflosigkeit nicht entbehren: Wikileck, Wikienthüllung – nee, nä?“.

Sogar der Guardian berichtete seinerzeit über die Wahl und das Siegerwort, und merkte an, dass die Liste der nominierten Wörter, „perhaps inevitably“, stark durch Wikileaks, Facebook und andere Netzphänomene inspiriert war.

Wird das auch in diesem Jahr der Fall sein? Nominierungen werden ab sofort entgegengenommen, und zwar auf der Nominierungsseite der Aktion Anglizismus des Jahres.

Nach Umwegen über Politologie und Volkswirtschaftslehre habe ich Englische Sprachwissenschaft und Sprachlehrforschung an der Universität Hamburg studiert und danach an der Rice University in Houston, Texas in Allgemeiner Sprachwissenschaft promoviert. Von 2002 bis 2010 war ich Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Bremen, im August 2010 habe ich einen Ruf auf eine Professur für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg angenommen. Mein wichtigstes Forschungsgebiet ist die korpuslinguistische Untersuchung der Grammatik des Englischen und Deutschen aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik.

6 Kommentare

  1. Technologische Erneuerung

    Was viele Sprachschützer nicht verstehen, ist die Notwendigkeit, für neue Technologien auch neue Wörter zu schaffen.

    Bestimmt hat auch jemand früher einmal sinngemäß gesagt: “Was soll die Rederei von einem Faustkeil? Ich kann doch auch jemanden mit einem Holzknüppel erschlagen!”

    Wer die Technolgie nicht versteht, kann auch nicht einschätzen, in wieweit ein vorhandenes Wort die Funktion erfüllen kann.

  2. Warum ich die 2010er-Auswahl nicht optimal fand:
    ‘Leaken‘ erfüllt viele Vergehen anderer Lehnworte an deren Ursprungssprache nicht. Das wort wird in konkreten Fällen angewandt, für die es kein exakt passendes prägnantes Wort gab und wird kaum in die Alltagssprache eingehen, da der Anwendungsfall sehr speziell ist. Weiters wird kein Missbrauch des Vokabels an sich begangen wie es bsp bei gewissermaßen ‘Handy’ der Fall ist.

    Circeln habe ich nie wahrgenommen, hoffe auf Frienden doer ein Wirtschafts-blah-Wort

  3. Knosrevativismus und Technik

    Da die Sprachbewahrer von konservativenm Geist getrieben werden, sind sie bestimmt auch keine Early Adopters. Ergo sehen sie bestimmt nicht die Notwendigkeit, für technische Neuerungen Ausdrücke zu finden, bevor diese von diversen Sprachschutzkommitees in jahrelanger Beratung abgesegnet sind.

  4. Und was bedeutet “leaken” I.E. genau?

    Leider habe ich die Pressemitteilung von 2010 auf der Anglizismus-des-Jahres-Website nicht mehr gefunden. Und im Netz gibt sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, was leaken bedeutet. *Gehört* habe ich das Wort noch nie.

  5. Vorschläge

    Mein Favorit:
    – adden
    Begriff, um jemanden irgendwo hinzuzufügen, etwa Skype, ICQ oder Steam. “Jemanden adden”, “adde mich”

    Weitere:
    – Frienden
    – Liquid Democracy
    – Haircut
    – Occupy