Was erklärt ein Narrativ-Perspektiv? Die Deutungshegemonie im Diskurs

Ein Narrativ-Perspektiv fokussiert unsere Sicht auf die Welt. Fokussieren bedeutet den Blick sowohl zu schärfen als auch zu verengen. Das eine gibt es ohne das andere nicht. Was erklärt ein Narrativ-Perspektiv, wenn wir etwas über das Verstehen erfahren wollen? Dazu müssen wir es zunächst einmal definieren.

Definition von „Narrativ-Perspektiv“

Eine Definition in drei Schritten: 1.) Ein Perspektiv ist ein Fernrohr – genauer gesagt ein „Fernrohr aus mehreren Rohrstücken in handlicher Größe, die man ineinanderschieben kann“ („Spektiv“ [Kurzwort für „Perspektiv“] Duden-Online)

2.) Unter Narrativ versteht man eine mündlich oder schriftliche wiederkehrende Erzählung bzw. Aussageformation zu einem bestimmten Thema, die sich durch einen inhaltlichen Kern (Motiv) und eine in der sprachlichen Form leicht variierenden Darstellungsmodus auszeichnet (z.B. das Narrativ vom Wohlstand durch Wirtschaftswachstum). Die Zustimmung zu oder die Ablehnung von einem bestimmten Narrativ geht einher mit dem Bekenntnis zu einer sozialen oder weltanschaulichen Gruppierung, einer Ideengemeinde oder einer Bewegung – ob man sich dessen bewusst ist oder nicht.

3.) Ein Narrativ-Perspektiv ist eine Denkfigur, die verdeutlichen will, aus welchen Rohrstücken unsere Erzählung aufgebaut ist oder aus welchen weltanschaulichen Bestandteilen unser zusammengesetztes Fernrohr besteht.

Konsequenzen eines Narrativ-Perspektivs

Daraus folgt: Je nachdem, welche „Rohrstücke“ man in das Fernrohr einbaut, desto spezifischer oder unspezifischer wird der Blick auf die Welt. Welcher weltanschaulichen Art können die Rohrstücke sein? Religiös, spirituell, rational, abstrahierend, kontemplativ, naturverbunden, messend berechnend, mikroanalytisch, makroanalytisch, antirationalistisch, verallgemeinernd, konkretisierend, nüchtern, empfindend, emotionalisierend, einzelfallbezogen, kontextualisierend, dialektisch, logisch, widerspruchsfrei, wertfrei, wertebasiert, spekulativ, tatsachenbasiert, erfahrungsbasiert, theoretisch, subtil, idealistisch, abgeklärt, …!

Ein konkretes Beispiel für ein Narrativ-Perspektiv

Uns allen bekannt ist ein medizintechnisches Verfahren, das wir uns kaum vorstellen können: Bei diesem Verfahren „wird dem Patienten eine Zelle entnommen, deren Zellkern isoliert und in eine entkernte Eizelle eingepflanzt wird. Im Labor kann sich hieraus nun ein Embryo entwickeln. Zwischen dem vierten und dem sechsten Tag hat dieser das Stadium der Blastozyste (Blasenkeim) erreicht. ” (Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften (DRZE)) Für uns Laien ist diese Arbeitsweise schwer vorstellbar, wir sind daher in besonderem Maße der sprachlichen Darstellung, der Aussageformation, ausgeliefert.

Mit welcher Bezeichnung referieren wir nun angemessen auf dieses Verfahren – mit „therapeutischem Klonen“ oder „Forschungsklonen“? Welche Bezeichnung entspricht der Daten- und Faktenlage (siehe „Von Daten und Fakten auf der Suche nach Wahrheit“)?

René Zimmer illustriert den Problemzusammenhang am Beispiel der Bezeichnungskonkurrenz zwischen „therapeutischem Klonen“ und „Forschungsklonen“ als einem Paradebeispiel eines semantischen Kampfes um Durchsetzung einer Perspektive als Zentralperspektive. Er stellt heraus, dass – trotz identischem naturwissenschaftlichem Referenzobjekt bzw. ontischem Korrelat – in der Bezeichnung therapeutisches Klonen ein Versprechen impliziert wird (die Technik wird kontextuell in die Konzepte ›Heilung‹ und ›Therapie‹ eingebettet), während die Bezeichnung Forschungsklonen die Offenheit – also auch den Fehlschlag der Forschung – konzeptionell miterfasst. Diesbezügliche Schlüsselwörter sind „embryonenverbrauchende“ Forschung oder „ergebnisoffene“ Forschung. Kurz gesagt: Aus EINEM Referenzobjekt in der Welt werden ZWEI ähnliche Sachverhalte („Konstruktionen“) mit je eigener Perspektivennuancierung.

Was macht man sprachlich mit Embryonen, die … – äh, da fehlen mir die Worte?

Noch schwieriger wird es, wenn Sie, geneigte Leserin und geneigter Leser, bereit sind, bei dem folgenden Satz die markierten Wörter zu überprüfen, um dem von Silke Domasch dargelegten Problem nachzugehen: «Im Rahmen der Präimplantationsdiagnostik werden Embryonen auf genetische Dispositionen untersucht und ggf. als „gesund“ oder „passend“ bezeichnet, oder die Embryonen werden „nicht verpflanzt“, „verworfen“ oder man lässt sie „absterben“.»

Neutralität der Sprache im Narrativ-Perspektiv

Erwartungen und Hoffnungen auf sprachliche Neutralität bzw. Überindividualität sind erst einmal semiotisch zu erden: Wir können kommunikationsanalytisch viele narrativen Perspektiven herausarbeiten und diese in ein Konzept der Multiperspektivität überführen. Dieses geht davon aus, dass eine bestimmte Anzahl von Perspektiven in Form von sprachlichen Formulierungen, also Zugriffsweisen, explizierbar ist – und zwar immer im Hinblick auf identische oder ähnliche Sachverhalte in der Welt (Referenzobjekte). Die Vielzahl der Perspektiven gibt uns einen recht facettenreichen Eindruck von den Konstitutionsmöglichkeiten eines Sachverhaltes.

Was bedeutet das für uns Sprecher beim Reden?

Wie oben dargelegt, geht mit einer Entscheidung für eine Formulierungsvariante unvermeidbar eine spezifische Perspektivierung einher (ob Sprecherinnen und Sprecher sich dessen nun bewusst sind oder nicht). Anders formuliert bedeutet dies, dass die Entscheidung für eine Formulierungsvariante, sprich Perspektive, gleichermaßen eine Entscheidung gegen eine oder mehrere andere Formulierungsoptionen oder Perspektiven darstellt. Die Ausdrücke „passend“ und „gesund“ im Hinblick auf Embryonen und ihre genetische Disposition steht für ein Weltbild, in dem der Mensch Prozesse der Natur beeinflusst und für sich nutzbar macht. „Unpassende“ Embryonen (unabhängig vom Streit der Experten, wann das Leben genau beginnt) müssen „gehandhabt“ werden, in der Praxis und sprachlich: „Nicht verpflanzen“ –  „verwerfen“ –  „absterben lassen“ sind auf einer Skala von intransparent bis transparent angesiedelt; „nicht verpflanzen“ referiert nicht auf das ungewünschte Ergebnis der Untersuchung, „verwerfen“ beinhaltet intentional eine Entscheidung, „absterben lassen“ ist diesbezüglich am klarsten.

Dieser vermeintlich abstrakte Gedanke der Perspektivensetzungen in Narrativen (sich wiederholenden Erzählungen) lässt sich an einem weiteren Beispiel konkretisieren: ob wir das Lexem Genmanipulation – das fachsprachlich neutral, aber gemeinsprachlich negativ konnotativ verwendet wird – oder den Ausdruck Genveränderung verwenden, ist für das im Kopf des Hörers hervorgerufene Konzept von Relevanz, denn es entsteht ein je spezifisch nuancierter Sachverhalt bei identischem Referenzobjekt.

Interessantes zeigt René Zimmer auch am Beispiel des Diskurses über Nanotechnologie, der in Deutschland im Unterschied zum Gentechnikdiskurs überraschend unkritisch bis konformistisch geführt wird, obwohl „Nanotechnologie und Gentechnik strukturell vergleichbar sind und die Akzeptanz der Nanotechnologie im Wesentlichen von denselben Faktoren bestimmt werden dürfte“ (Zimmer 2009, S. 304). Wird dieses Narrativ-Perspektiv von Dauer sein?

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Ekkehard Felder ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Heidelberg. Er initiierte 2005 die Gründung des internationalen und interdisziplinären Forschungsnetzwerks Sprache und Wissen. Diese Forschungsgruppe untersucht diskurs- und gesellschaftskritisch die sprachliche Zugriffsweise auf Fachinhalte in zwölf gesellschaftlichen Handlungsfeldern – sog. Wissensdomänen (z.B. Recht, Wirtschaft, Medizin, Politik, Naturwissenschaft und Technik). Da Fachinhalte durch die Wahl der Worte geprägt werden und widerstreitende Positionen eine andere Wortwahl präferieren, ist ein Streit um die Sache auch ein Streit um Worte bzw. ein semantischer Kampf um die richtige Sichtweise. Deshalb heißt sein Blog bei SciLogs „Semantische Wettkämpfe – Wie die Sprache, so die Denkungsart“. Seine Forschungen beschäftigen sich mit der Fachkommunikation, der sozio-pragmatischen Diskursanalyse und der Untersuchung von Sprache als Indikator für Identität, Mentalität und Authentizität. 2010 gründete er mit den Kollegen Ludwig M. Eichinger und Jörg Riecke das Europäische Zentrum für Sprachwissenschaften (EZS). Als Fellow des Institute for Advanced Studies in Heidelberg (2008) und STIAS in Stellenbosch / Südafrika (2009) widmete er sich dem diskursiven Wettkampf um erkenntnisleitende Konzepte („agonale Zentren“). Felder ist Autor von fünf Monografien und (Mit-)Herausgeber diverser Sammelbände. Besonders bekannt ist die von ihm herausgegebene Reihe „Sprache und Wissen“ (SuW) bei de Gruyter und die dort mit Andreas Gardt herausgegebenen „Handbücher Sprachwissen“ (HSW).

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “… Genmanipulation … fachsprachlich neutral …”

    Inwiefern kann eine Manipulation neutral empfunden werden? Ich denke, “fachsprachlich” bevorzugt man das Wort Gentechnologie.

    • @Walter Orlov: Ihr Vorschlag Gentechnologie ist kein Alternative zum Wort Genmanipulation, wenn man ausdrücken will, dass man Gene verändert – weil zu allgemein. Gentechniker tun aber gut daran, die Worte Genmanipulation oder Genmodifikation nur im internen Kreise zu verwenden, denn in der Öffentlichkeit wurden diese Worte in der Tat diskreditiert (durch Greenpeace und Co.) und nicht wenige (sogar Akademiker, Politiker,Polizisten und Lehrer) glauben jede Genmodifikation sei mit einer Gefahr verbunden.

      • Selbstverständlich wird das Wort Manipulation stets gebraucht. Dadurch wird es aber nicht auf einmal neutral. Früher habe ich es auch oft verwendet, aber sah danach verzerrte Gesichter. Jetzt kommt bei mir das Wort Optimieren zum Einsatz und die Leute sind zufrieden 🙂

  2. Zu den “Rohrstücken”, die man in das fokussierende Fernrohr einbaut, würde ich auch die jeweils herrschende gesellschaftliche Ideologie bzw. ökonomische System zählen. So hatte die damalige DDR mit ihren “sozialistischen” Wertevorstellungen einen anderen Focus auf wirtschaftliche Zusammenhänge (Planwirtschaft) bzw. auf das Menschenbild (kollektive Denkweise) . Da alles fließt (Panta Rhei) ist auch nicht auszuschließen, dass künftige Generationen wiederum bei der Fokussierung andere und neue “Rohrstücke” hinzufügen werden …

  3. Ihnen, verehrter Herr Felder, geht es vermutlich darum, die unterschwellige Botschaft in Formulierungen zu entdecken. Eine ähnliche Situation gibt es im Bereich der Produktentwicklung bzw. allgemein der Problemlösung. Hier wird eine Aufgabe / ein Problem als Narrativ formuliert, wobei das Narrativ oftmals bereits den Lösungsweg angibt. Der Problemsteller weiß die Lösung jedoch tatsächlich noch nicht, sonst wäre das Problem ja bereits gelöst. Der Löser steht nun als Erstes vor der Herausforderung, das Narrativ zu verlassen, es zu analysieren und den abstrakten Kern lösungsneutral neu zu formulieren, denn das menschliche Gehirn blendet, wenn es eine Lösung kennt, alternative Lösungswege grundsätzlich aus. Wie kann man also ein Problem so formulieren, dass kein Lösungsweg impliziert wird? Das ist ein schwieriges Thema, denn allein schon die Formulierung eines Problems bedeutet eine Interpretation. Wahrscheinlich ist es für einen Problemsteller grundsätzlich unmöglich, diese Formulierung zu erstellen.

    Grüße, Kai Hiltmann
    PS: „gehandelt“ oben bedeutet nicht “verkauft”, sondern “gehandled”, also “gehandhabt”?

  4. Beim Narrativ-Perspektiv geht es letztlich um die affektive Färbung und die Werte, die einem Begriff oder Wort anhaften.
    Seltsam nur, dass Linguisten sich gerade jetzt damit beschäftigen, wo doch Werber dies schon mindestens seit den späten 1950er Jahren tun, also schon seit Vance Packard sein Buch “Die geheimen Verführer” geschrieben hat.
    Aber es ist tatsächlich so, dass das, was früher vor allem für professionelle Werber wichtig war – das wertmässig, affektmässig richtige Wort verwenden – heute für jeden öffentlichen Kommunikator wichtig geworden ist. Warum? Weil in der öffentlichen Diskussion heute weit emotionaler argumentiert wird als nur schon vor 20 Jahren. Heute sind sogar technische Lösungen wie die Erneuerbaren Energien, die Kern- oder Kohleenergie oder der Dieselantrieb emotional, affektiv aufgeladen. Ja das ganze Denken des heutigen Normalos und Durchschnitts-Bourgeois ist heute “boulvardisiert”. Jeder weiss heute besser welche Gefühle mit einer Technologie (wie dem Dieselantrieb oder der Solarenergie) verbunden sind als dass er die Technologie überhaupt kennt und versteht.

  5. Die google-Suche nach Narrativ-Perspektiv ergibt vor allem Fundstellen in Dänemark. Dort wird Narrativ-Perspektive allerdings weitgehend – anders als bei Ekkehard Felder – mit dem Narrativ als Methode der Weltbeschreibung gleichgesetzt. Ekkehard Felder meint ja mit Narrativ-Perspektiv etwas zusätzliches zum Narrativ (zur Erzählung), nämlich die Fokussierung auf die Welt mit einer impliziten Wertehaltung und einer emotionalen/affektiv gefärbten Beziehung zur Welt.
    Die dänischen Seiten zum Thema Narrativ-Perspektiv sehen bereits das Narrativ, ja jedes Narrativ als imprägniert mit einer Fokussierung, einer Wertehaltung und einer gefühlsmässigen Beziehung. Nun es könnte sein, dass ich Ekkehard Felder nur falsch interpretiert habe und auch er wie die Dänen davon ausgeht, dass jedes Narrativ eine Perspektive mit sich bringt. In Dänemark (in Kopenhagen) findet man sogar eine Narrativ-Konsulentin, die folgenden Text über ihre Tätigkeit ins Netz gestellt hat (übersetzt mit DeepL): Die narrative Perspektive: Die Beratungspraxis basiert auf der narrativen und poststrukturalistischen Perspektive sowie der Sprachphilosophie, die sich auf die Idee des “linguistischen Verkaufs” bezieht.

    Die Sprache wird als lebendige und schöpferische Kraft gesehen, was unter anderem bedeutet, dass Sie anders handeln können, wenn Sie sprachliche Konzepte haben, die die Situation anders verstehen können.

    Der Begriff “Narrativ” bedeutet Erzählung. In der narrativen Perspektive tritt die Schaffung von Bedeutung auf, wenn der Einzelne die Möglichkeit erhält, seine Lebenserfahrungen in Geschichten zu verwandeln. Die Perspektive ist ein Verständnis dafür, dass Leben durch Erzählungen Sinn macht und dass Erzählungen mit ihren impliziten Normen eine Grundbedingung für den Menschen darstellen.

    Jede Geschichte wird in einem Diskurs erzählt, der als eine sprachliche Ordnung definiert werden kann, eine Art zu sprechen, die die Menschen diszipliniert, die diesen Diskurs benutzen, um in diesem Diskurs nur zu sprechen und die Welt entsprechend zu definieren.

    Nüchtern arbeiten bedeutet, von der Wahrnehmung des Individuums auszugehen, die mit der Meinungsbildung der Organisation und der Kultur verbunden ist. Es geht darum zu arbeiten, wie man Ereignisse, Ereignisse, Handlungen und Sprechhandlungen verstehen kann und welche Auswirkungen es auf das Leben hinterher hat.
    Sidsel Arnfred

    Böse formuliert könnte das obige folgendes bedeuten: Mach die Welt wie sie dir gefällt indem du die “richtigen” Geschichten erfindest zu dem was dir zustösst.

  6. @Martin Holzherr: “Weil in der öffentlichen Diskussion heute weit emotionaler argumentiert wird als nur schon vor 20 Jahren.”

    Das glaube ich ja nicht. Nehmen Sie nur die Maschinenstürmer. Technikgegner gab es immer. Und emotional diskutiert wurde auch schon immer. Die medialen Kanäle ändern sich freilich, und damit vielleicht auch Kommunikations-Konventionen.

    • @Leonie Seng (Zitat): Nehmen Sie nur die Maschinenstürmer. ….
      Und emotional diskutiert wurde auch schon immer.

      Ja, das stimmt. Anstatt emotional, hätte ich vielleicht besser gesagt, heute haben die Menschen mehr Meinungen und Haltungen zu allen möglichen Dingen, aber diese Meinungen und Haltungen beruhen nicht auf tieferem Wissen, sondern sie basieren auf einer gefühlsmässigen, affektiv gefärbten Einstellung. Es geht dabei oft auch ins Moralische. Fleischesser sind für Veganer dann “Mörder” und Veganer sind für viele Fleischesser “Spinner”. Nun auch das gab es schon früher. Heute aber wird ist die affektive Färbung bei fast allen Diskussionsthemen dabei. Für die einen sind Windräder technische “Blumen”, für den andern Landschaftszerstörer und eine Gesundheitsgefahr. Mit der Emotionalisierung können auch Massen mobilisiert werden und sogar kurzfristig Massnahmen umgesetzt werden, die es sonst schwierig hätten. Nehmen wir den Dieselskandal. Erst die Emotionalisierung hat überhaupt ermöglicht, dass Städte und Länder an Fahrverbote denken. Rational betrachtet bedeutet der Dieselskandal lediglich, dass Diesel nicht das Versprechen erfüllt, das mit ihm verbunden war (schon dieses Versprechen war affektiv/emotional gefärbt im Sinne von “du tust der Umwelt etwas Gutes”) und dass Diesel wohl längerfristig keine Zukunft hat (was man eh schon weiss). Erst die Emotionalisierung ermöglicht aber eine Art Rachereaktionen.

  7. Liebe Leonie Song, vielen Dank für die aufgeworfene Frage. Die von Ihnen erwähnten Begriffe sind Schlüsselwörter der angesprochenen Narrative. Schlüsselwörter verdichten komplexe Sachverhalte und sind charakteristische Indikatoren für einen größeren Themenkomplex. Sie sind aber nicht mit den Narrativen selbst zu verwechseln. Die von mir erwähnten Schlüsselwörter sollen prägnant auf Narrative verweisen, die Narrative selbst zeigen sich in ausführlichen Darlegungen über mehrere Sätze und Texte hinweg. Oder wie ich in meinem Beitrag ausführe: “Unter Narrativ versteht man eine mündlich oder schriftliche wiederkehrende Erzählung bzw. Aussageformation zu einem bestimmten Thema, die sich durch einen inhaltlichen Kern (Motiv) und eine in der sprachlichen Form leicht variierenden Darstellungsmodus auszeichnet (z.B. das Narrativ vom Wohlstand durch Wirtschaftswachstum).”

  8. Alles, was wir haben sind Narrative. Die mathematische Geschichte der Unendlichkeit ist Thema meiner heurigen Lektüre. Mögliches und Wirkliches lassen viel Raum für Entdecker.

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