“Das Leben in einem Tag” und Astronomie

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… aber nicht einfacher
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Gleich vorausgeschickt: Ich habe noch nie vorher auf Online-Werbeanzeigen Dinge entdeckt, die mich der Absicht der Macher folgend bewogen haben, genauer hinzuschauen. Das hat sich gerade geändert. Als ich eben auf YouTube ging, begrüßte mich Werbung für ein Filmprojekt namens Life in a Day, deutsch: Das Leben in einem Tag — mein erster Gedanke: Mensch, das ist ja die reinste Astronomie!

Worum geht es? YouTube fordert alle seine Nutzer auf, Filmclips hochzuladen, die an einem bestimmten Tag, nämlich am 24. Juli 2010, Ausschnitte aus dem täglichen (oder auch nicht so alltäglichen) Leben zeigen. Daraus soll ein Dokumentarfilm entstehen, der eine Art Schnappschuss des weltweiten Lebens an diesem Tag zeigt.

Produziert wird der Film von Ridley Scott (“Blade Runner”, “Alien”), die Regie hat Kevin Macdonald (“Der letzte König von Schottland”, “Ein Tag im September” — OK, daher also). alt

Ich weiß natürlich auch nicht, wie der Film werden wird. Doch wenn er seiner Grundidee treu bleibt, dann ist er auch astronomisch von großem Interesse. Der oben verlinkte Trailer jedenfalls zeigt verschiedenste Stufen des menschlichen Lebens: ein Ultraschallbild eines ungeborenen Kinders, viele Menschen unterschiedlichen Alters, und am Ende auch kurz einen Sarg, der in der Krematoriumsklappe verschwindet.

Ob tatsächlich YouTube-Benutzer Videos von Geburt und Sterben hochladen werden, was ja doch eine, sagen wir mal: sehr schonungslose Auffassung von der Privatsphäre verrät, weiss ich nicht. Mir geht es hier nicht um die ethischen Fragen, sondern um etwas  anderes: Ein wirklich vollständiger Film würde in der Tat Empfängnisse, Geburten, alle verschiedenen Lebensphasen, Spiel und Lernen, Entwicklung, Berufsalltag, Krankheit, Tod und Begräbnis zeigen. Nicht für ein und denselben Menschen, sondern im allgemeinen für ganz verschiedene Menschen, die wir an diesem einen Tag eben in den verschiedensten Lebensstadien antreffen. Und das heißt: Aus diesem Film, der einen einzigen Tag zeigt, lassen sich langfristige Entwicklungen rekonstruieren, die deutlich länger dauern als ein einziger Tag, im Falle eines westlich-durchschnittlichen Menschenlebens knapp 30.000 Mal länger.

Das ist Astronomie in Reinkultur, denn genau darum geht es in weiten Teilen dieser Wissenschaft: Wir können beispielsweise die Entwicklung von Sternen nicht über Milliarden Jahre hinweg verfolgen. Aber Astronomen haben so etwas wie eben dieses Filmprojekt: Jetzt, am Nachthimmel, sehen wir Milliarden von Sternen in den verschiedensten Lebensphasen. Die längeren Lebensphasen, etwa das ruhige Fusionsbrennen, wie es unsere Sonne seit rund 4,6 Milliarden Jahren praktiziert, sind dabei natürlich sehr gut vertreten. Ebenso würde ein realistischer “Das Leben in einem Tag”-Film unzählige Filmminuten von Menschen haben, die essen, oder gehen, oder fernsehen. Von Menschen, die sich die Zähne putzen, hätten wir schon etwas weniger Material, denn das dauert, verglichen mit essen oder fernsehen, nicht allzu lange. Andere Ereignisse sind noch deutlich seltener: Auf die Welt kommen oder sterben werden an diesem Tag nur wenige der anwesenden Menschen. Und eine Nobelpreisverleihung wird auf “Das Leben in einem Tag” aufgrund der Seltenheit (und des dafür ungünstig gewählten Datums) nicht zu sehen sein. Analog in der Astronomie: In Lebensphasen, die nur einige Millionen Jahre dauern, treffen wir nur deutlich wenigere Sterne an. Und wenn Astronomen zu einem gegebenen Zeitpunkt an den Himmel schauen, dann müssen sie schon großes Glück haben, um irgendwo eine gewaltige Supernova zu sehen, mit der massereiche Sterne ihr Leben vollenden.

Ich habe diese Analogie erstmals im Februar in einem öffentlichen Vortrag in Jena benutzt, und seither steht bei mir auf der “Noch zu tun”-Liste ein Eintrag, doch mal etwas näher auszuarbeiten, wie die irdische Entsprechung solcher astronomischen Schlussweisen aussähe. Mein ursprüngliches Konzept war dabei etwas anders: Bei mir waren es tatsächlich Außerirdische, die eine vollständige Momentaufnahme von allem, was auf der Erdoberfläche vor sich geht, erstellen. Die Aufnahme umfasst dabei nicht einen ganzen Tag, sondern war wirklich eine Momentaufnahme mit kurzer Belichtungszeit. Insofern gab es bei mir noch etwas andere Fragestellungen, etwa, wieweit man aus dieser Momentaufnahme, die Milliarden von Menschen in den unterschiedlichsten Posen zeigt, auf den Ablauf des menschlichen Gehens schließen kann.

Jedenfalls freue ich mich darauf, mit dem YouTube-Film direktes Anschauungsmaterial dazu in die Hand zu bekommen, wie solche “irdische Astronomie” funktionieren kann — für den Einsatz bei öffentlichen Vorträgen, aber z.B. auch in Schülerworkshops wie geschaffen. Und bin schon am überlegen, was ich denn selbst so am 24. Juli alles aufnehmen möchte…

Nachtrag: Wie es so ist mit guten Ideen — oft hat die jemand anders schon vorher gehabt. In diesem Falle Rudolf Kippenhahn, der eine Eintagsfliege den Lebenslauf der Menschen ergründen ließ [dazu gefunden, aber noch nicht gelesen: R. Kippenhahn, “Vom Lebenslauf der Sterne”, Nova Acta Leopoldina 260, 57]. Dank an meinen Kollegen Olaf Fischer für den Hinweis!

 

Markus Pössel

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

2 Kommentare

  1. xytrblk meint: Nicht das erste Mal

    Eines der ambitioniertesten literarischen Projekte ist “Ulysses” von James Joyce. Der irische Autor lässt auf rund 800 Seiten seine Hauptfigur Leopold Bloom am 16. Juni des Jahres 1904 durch Dublin wandern und macht diesen Tag in unzähligen Facetten zu einem erstaunlich umfassenden Portrait menschlichen Lebens. Die Fans feiern diesen “16. Juni” seither als den “Bloomsday”.
    Ich vermute, dass dies der erste Versuch in der von Ihnen angedeuteten Richtung war (der auch Kippenhahn nachgeht). Allemal geht es dabei um so etwas wie eine “Alien View”: Wie würde jemand, der “von ganz außen” kommt (naheliegenderweise ein Alien) uns Menschlein und unsere Welt betrachten. Beeindruckend, wie Sie dies auf den gesamten Kosmos übertragen.
    Darf ich Sie mit dieser meiner “Persönlichen Visite” in Ihrem Blog zu einem Gegenbesuch in den Labyrinth-Blog bei den Chronologs einladen? Dort habe ich am 16. Juni vergangenen Jahres über den den “Bloomsday” geschrieben – und was für Bezüge es da zum Labyrinth-Mythos gibt.

  2. Wann geht das erde runter
    Ich möchte das wissen und
    Wieviel sterne gibt das ich
    Möchte das wissen und wan
    Gehe ich tod ich möchte das
    Wissen und wann geht das jede
    Leben wessen tod ich möchte das
    Wissen und wan gehe ich tod ich
    Möchte es wissen.

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