Albrecht Rüdiger (1929–2018): Solche Menschen braucht gute Wissenschaft

Ich habe den Gravitationswellenforscher Albrecht Rüdiger soweit ich erinnere nie persönlich getroffen. Trotzdem war ich einigermaßen bestürzt, als ich jüngst per Tweet mitbekommen habe, dass er gestorben ist:

Ich habe erstmals 2004 mit Herrn Rüdiger zu tun gehabt, als ich mein Buch Das Einstein-Fenster über Gravitationswellen schrieb und nach Menschen suchte, die einzelne Kapitel davon fachlich kompetent gegenlesen konnten. Ich weiß auch gar nicht mehr, wer von den Kollegen vom Albert-Einstein-Institut in Potsdam-Golm mich damals auf Rüdiger brachte. Aber ich erinnere, dass die Empfehlung wie aus der Pistole geschossen kam, weil Rüdiger genau der richtige Mensch für diese Aufgabe sei.

Ungewöhnlich sorgfältige Anmerkungen

Als Rüdigers Anmerkungen zu meinen Kapiteln über den Gravitationswellennachweis mich dann erreichten, wusste ich, warum. Die Anmerkungen waren detailliert, extrem wertvoll, und gnadenlos. Dazu muss man sich einige Dinge klarmachen. Erst einmal, das weiß ich inzwischen auch aus eigener Erfahrung, ist es ein beachtlicher Arbeitsaufwand, einen Text derart genau zu lesen und Verbesserungsmöglichkeiten herauszuarbeiten. Dass jemand die entsprechende Zeit investiert, ist ein beachtliches Geschenk.

Zweitens waren die Anmerkungen sehr, sehr sorgfältig. War eine Formulierung aus physikalischen Gründen auch nur etwas missverständlich, wurde das angemerkt. Konnte eine bestimmte Wortwahl eventuell bedeuten, dass ich als Autor einen bestimmten physikalischen Sachverhalt nicht ganz richtig verstanden hatte, wurde ich vorsorglich darauf hingewiesen. Analogien wurden abgeklopft, bei Vereinfachungen wurde auf potenzielle Probleme hingewiesen. Auch zu sprachlichen Aspekten gab es Anmerkungen und Vorschläge. Das ganze in freundlichem Ton, aber in der Sache komplett kompromisslos. Ich habe im Laufe meiner Arbeit bislang nur einen weiteren Menschen kennengelernt, der populärwissenschaftliche Texte derart akribisch abklopfte, und das war Jürgen Ehlers.

Eine derartig schonungslose Rückmeldung zu bekommen – nach dem Buch hatte ich Rüdiger dann noch für einige Texte auf Einstein Online um entsprechende Hilfe gebeten – war zwar durchaus auch einschüchternd, aber im Ganzen sehr, sehr wertvoll.

Webers widerlegte Nachweise

Die Geschichte der Gravitationswellenforschung, um die es auch in einem meiner Buchkapitel ging, kannte Albrecht Rüdiger aus erster Hand. Die Gruppe von Heinz Billing, zu der er 1957 am Max-Planck-Institut für Physik in Göttingen stieß, beschäftigte sich zwar hauptsächlich mit elektronischen Rechenanlagen, aber begann dann ein paar Jahre später, sich für den angeblichen ersten direkten Nachweis von Gravitationswellen zu interessieren, den Joseph Weber als Pionier der Gravitationswellenforschung mit seinen resonanten Detektoren – schwingenden Metallzylindern – ab Ende der 1960er Jahre behauptet hatte.

Am Telefon erzählte mir Rüdiger damals ausführlich davon, wie die Gruppe, die inzwischen längst ans Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching umgezogen war, versucht hatte, Webers Ergebnisse zu reproduzieren und nachzuvollziehen. Dazu konstruierte die Gruppe erst ihren eigenen resonanten Detektor, mit einem Gegenstück in Italien, den Detektoren von Weber möglichst ähnlich, aber an entscheidenden Stellen empfindlicher. In der längsten entsprechenden Koinzidenzmessung zweier Detektoren – das soll verhindern, dass Störungen des Detektors fälschlich als Signal gewertet werden – kamen sie zu dem Schluss, dass Webers Ergebnisse nicht stimmen konnten. Ein wichtiger Teil des Problems lag dabei offenbar bei Webers Datenauswertung – jedenfalls konnte die Garchinger Gruppe selbst dann, als sie Webers eigene auf Magnetband gespeicherte Daten auswertete, im Gegensatz zu Weber kein Signal darin feststellen.

Interferometer-Pioniere

Die Garchinger Gruppe sattelte dann auf interferometrische Gravitationswellendetektoren um, wie sie von Robert Forward und Rai Weiss vorgeschlagen worden waren. (Forward starb 2002; Weiss teilte sich für seine entsprechenden Arbeiten 2016 den Physik-Nobelpreis mit Kip Thorne und Barry Barish.) Liest man die Beschreibungen heutiger Detektoren, etwa den LIGO-Detektoren, denen vor fast genau 3 Jahren der erste direkte Nachweis von Gravitationswellen gelang, dann lassen sich eine Reihe von Schlüsseltechniken direkt auf die damalige Arbeit der Garchinger Gruppe zurückführen. Rüdiger selbst war maßgeblich an der Erfindung der “mode cleaner” beteiligt. Das sind resonante Anordnungen von Spiegeln, die heute in jedem interferometrischem Detektor eingesetzt werden und die helfen, bestimmte Störungen des Laserlichts sowohl vor Einschuss in das Michelson-Interferometer als auch bei dem Laserlichtsignal herauszufiltern, welches das Interferometer verlässt.

Auch organisatorisch und personell führen direkte Wege von der damaligen Garchinger Gruppe zu dem nobelpreiswürdigen ersten Nachweis. Die Arbeit der Gruppe wurde ab Mitte 1994 im Teilinstitut Hannover unter der Leitung von Karsten Danzmann fortgesetzt, wo der deutsch-britische Gravitationswellendetektor GEO 600 entstand. Ab 2002 wurde daraus das Teilinstitut Hannover des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut). Dort wurden mehrere Schlüsseltechniken für den Nachweis von Gravitationswellen mit interferometrischen Detektoren entwickelt und getestet, die später von den LIGO-Detektoren übernommen wurden und eine wichtige Rolle beim ersten direkten Gravitationswellennachweis spielten. Selbstverständlich war Rüdiger, der auch nach seiner Pensionierung in seinem Forschungsgebiet aktiv blieb, einer der vielen Koautoren des entscheidenden Entdeckungs-Fachartikels (und vieler, vieler weiterer Artikel zu LIGO und den diversen Aspekten des Gravitationswellen-Nachweises).

Albrecht Rüdiger in der Autorenliste des Entdeckungs-Papiers für GW150914

Gute Wissenschaft braucht Menschen wie Albrecht Rüdiger

Meinen eigenen beschränkten Erfahrungen nach hat mich nicht überrascht, wie Rüdiger in dem oben verlinkten Nachruf von seinen Kollegen David Shoemaker, Andreas Weidner und Walter Winkler beschrieben wird. Ähnlich freundlich-bestimmte, gnadenlose Rückmeldung bis ins Detail haben offenbar viele Kollegen von Albrecht Rüdiger bekommen, für alle Arten von Texten und insbesondere für Fachartikel. Die Reaktionen der Betreffenden reichten von freudigem Erstaunen bis Zähneknirschen. Ja, das kommt hin.

Und genau solche Menschen braucht gute Wissenschaft: Forscher, die alles, was sie anpacken, selbst zu verstehen suchen. Die in konstruktiver Weise alles in ihrem Fachgebiet hinterfragen. Denen man Fachartikel und andere Texte zu lesen gibt und die einem dann gnadenlose, unter Anlegung sehr strenger Kriterien, alle Schwachstellen und potenzielle Schwachstellen zurückmelden.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das mit den Zylindern kommt mir bekannt vor. Auf welcher Frequenz warn diese denn resonant? Ich kann mich dunkel an 400 Hz erinnern.

  2. Herr Pössel,
    mit fast 90 Jahren ist Herr Rüdiger überdurchschnittlich alt geworden. Was beschreibt Ihr Gefühl in Gestalt der Worte „einigermaßen bestürzt“?

    Ich frage mich hin und wieder, was das Ziel eines Blog-Beitrages sein soll?

    Keine Angst, ich habe wenig Motivation über das Kommentarfeld mit Ihnen über Gravitationswellen oder deren indirekte Nachweise im Rahmen des vorliegenden Artikels zu diskutieren.

    Das Sie über eine beachtliche (Kommentarerwiderungs-)Ausdauer verfügen, kann man exemplarisch aus Ihrem Blog-Beitrag Gleichzeitigkeit ist relativ vom 8.April 2018 mit über 2000 Kommentaren entnehmen, von denen nicht wenige von Ihnen selbst stammen.

    Auch wenn ich Ihre Systemmeinungen nicht teile und mir viele Gründe bekannt sind, die das ΛCDM-Modell aus theoretischer und „praktischer“ Sicht in Frage stellen, so habe ich wenig Verständnis für Ihre Geduld, die Sie mit Kommentatoren ausleben.

    Warum diskutieren Sie beispielsweise in epischer Breite über die Definition eines Inertialsystems? Der Begriff und die Bedeutung eines Inertialsystems stammen nicht von Ihnen. Sie reproduzieren diesen Begriff. Sie respektive die Kommentarfelder, die Sie bereitstellen, sind die falsche „Adresse“ für diese unfruchtbare Diskussion.

    Ich habe konkrete Vorschläge für eine konstruktive (Blog-)Diskussionsgrundlage in zukünftigen Blog-Artikeln.

    Formulieren Sie doch selbst einmal mögliche Gründe für die Infragestellung des ΛCDM-Modells und versuchen Sie selbstdenkend (nicht literaturbasierend vorgefertigt) diese Gründe zu entkräften. Oder stellen Sie Arbeiten Ihrer Kollegen vor, die das Thema Gravitationswellen und deren Detektionsmöglichkeiten kritisch sehen und kommentieren Sie diese in einem Blog-Beitrag.

    Anregungen

    Da Albert Einstein offensichtlich als wesentlicher Initiator der ART gilt, erkläre Sie doch einmal, warum er selbst Gravitationswellen in Frage stellte.

    …”Around 1936, Einstein wrote to his close friend Max Born telling him that, together with Nathan Rosen, he had arrived at the interesting result that gravitational waves did not exist, though they had been assumed a certainty to the first approximation. He finally had found a mistake in his 1936 paper with Rosen and believed that gravitational waves do exist. However, in 1938, Einstein again obtained the result that there could be no gravitational waves!…” Quelle: Einstein and Gravitational Waves 1936-1938 Galina Weinstein 2016

    Dr. Hao Liu hat am 7.September 2017 am Albert-Einstein-Institut in Hannover einen Vortrag mit dem Titel Abnormal correlations in the LIGO data gehalten. Warum hegen er und weitere Kollegen des Niels Bohr Instituts der Universität von Kopenhagen starke Zweifel, daß es sich bei den Gravitationswellenmessungen um echte Meß-Signale handelt?

    Oder erörtern Sie, warum es keine assoziierten Neutrino-Detektionen zu den vermeintlichen Gravitationswellenemitterereignissen respektive Gravitationswellenmessungen gab.

    In einem »paper« aus 2003 von S. Rosswog & M. Liebendörfer mit dem Titel High-resolution calculations of merging neutron stars – II. Neutrino emission heißt es (noch), daß in diesem Fall eine große Menge Neutrinos entstehen… „The remnant resulting from the merger of two neutron stars produces neutrinos in copious amounts.”…

    Oder fragen Sie allgemeiner…
    Interessant ist beispielsweise die Tatsache, daß ein Mitgestalter der Theorie des inflationären Urknalls, der Theoretische Physiker Paul Steinhardt, zu einem leidenschaftlichen Gegner dieser wurde. Teilen Sie Ihrem Blog-Publikum mit, was Herrn Steinhardt zum Umdenken animierte.

  3. Ich frage mich hin und wieder, was das Ziel eines Blog-Beitrages sein soll?</blockquote

    Zum Beispiel jemanden wie mir näher zu bringen wer Albrecht Rüdiger war und warum er für die Erforschung von Gravitationswellen wichtig war. Eine schöne Würdigung! Danke Herr Pössel.

    Keine Angst, ich habe wenig Motivation[..]

    Ja, klar….

  4. Herr Freyling hat viele Vorschläge, wo er vorher vergessen hat zu lesen, daß er ein Blog machen könnte.
    Bei den “Menschen-Bildern” hat er OT fast seine komplette Webseite abgeladen, die keinen interessiert.
    Dr. Pössel beteiligt sich wenigstens geduldig bei solchen Abwegigkeiten, drüben ist nur Chaos-Club.

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