Herzlichen Glückwunsch nachträglich, ADS!

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… aber nicht einfacher
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Wenn davon die Rede ist, wie das Internet die Wissenschaft verändert hat, steht meist Open Access im Vordergrund, und die Frage, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst weit zugänglich machen lassen. Mindestens ebenso wichtig ist es aber, Veröffentlichungen zu einem Thema überhaupt erst einmal zu finden. In der Astronomie hilft dabei der “ADS Abstract Service” – wahrscheinlich diejenige Datenbank, die Astronomen bei der täglichen Arbeit am häufigsten nutzen. Am 8. Mai 2013 hat der ADS seinen 20. Geburtstag gefeiert. Zeit, mit etwas Verspätung zu gratulieren!

ADS heißt mit vollem Namen “SAO/NASA Astrophysics Data System (ADS)”, und darin stecken schon die wichtigsten Informationen darüber, wer hinter dem Projekt steht: Das Smithsonian Astrophysical Observatory in Boston, das seinerseits Teil des Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics ist, hat das System aufgebaut und betreibt es auch, und zwar mit Finanzmitteln der US-amerikanischen Weltraumbehörde der NASA.

Die Vorfahren des ADS lassen sich weit zurückverfolgen. Das Problem “Soviel Information, so wenig Zeit”, im damaligen Sprachgebrauch “Ars longa, vita brevis”, gibt es in der Wissenschaft schließlich seit hunderten von Jahren. Wo sich der moderne Internetnutzer von Reddit oder über Twitter auf dem Laufenden halten lässt oder den Facebook-Empfehlungen seiner Freunde folgt, griff der Astronom des 18. oder 19. Jahrhunderts zu Bibliografien wie der Bibliographia Astronomica des Johann Friedrich Weidler (1755) oder der Bibliographie Astronomique von Jérôme Lalande (6. Jahr der Freiheit, außerhalb des revolutionären Frankreichs bekannt als 1803). Das waren freilich Aufstellungen der ganzen den Autoren bekannten wichtigen astronomischen Literatur. Lalandes Bücherschrift beginnt mit einer Abhandlung des Empedokles über die Kugeln, datiert auf das Jahr 480 vor unserer Zeitrechnung. Und die Bibliographie générale de l’Astronomie depuis l’Origine de l’Imprimerie Jusqu’en 1880 des belgischen Astronomen Jean-Charles Houzeau hatte den Anspruch, alle astronomischen Werke seit dem Beginn des Buchdruckes zu erfassen, gleich im Titel. 

Diese Vollständigkeit war mit zunehmender Publikationsfülle nicht mehr aufrecht zu erhalten und auch nicht mehr sinnvoll. Vorhang auf für den Astronomischen Jahresbericht, gegründet 1900 von dem Astronomen Walter Wislicenus. Der Jahresbericht enthielt die Literatur des jeweils vorangegangenen Jahres samt (kurzer) Zusammenfassung, nach Möglichkeit nicht wertend und unabhängig von der Veröffentlichungssprache: deutsch, englisch, französisch, russisch etc. Die Herausgeber machten sich außerdem die Mühe, Beobachtungsergebnisse zu Kometen, Veränderlichen Sternen und so weiter nach Objekten zu ordnen, so dass der Leser mit einem Blick alle relevanten Daten erfassen konnte.

Das muss zu jener Zeit etwas ganz Besonderes gewesen sein; eine Ankündigung des 6. Bandes 1905 im Journal of the British Astronomical Association schwärmt jedenfalls geradezu, kein Observatorium und kein privater Beobachter könne auf dieses unersetzliche Werk verzichten, das nicht nur eine Liste astronomischer Bücher und Artikel sei – selbst das sei schon wertvoll – sondern dem Leser résumés ihrer Inhalte biete.

Nach Wislicenus’ Tod ging der Jahresbericht 1905 in die Obhut verschiedener Astronomen des Astronomischen Rechen-Instituts in Berlin über und zog mit jenem nach Ende des zweiten Weltkriegs 1945 nach Heidelberg um. 1969 ging die Serie in die Astronomy and Astrophysics Abstracts über, die als Zeichen der gewandelten Wissenschaftssprache auf englisch und des zunehmenden Forschungstempos halbjährlich erschienen. Dass die AAA im Jahre 2000 eingestellt wurden, verdanken sie dem Geburtstagskind.

Das ADS kam 1993 auf eine Welt, in der das Internet noch weitgehend den Akademikern vorbehalten war. Gerade mal zwei Jahre zuvor war das WorldWideWeb (damalige Schreibweise) öffentlich nutzbar geworden. Das erste Webportal außerhalb Europas war SPIRES-HEP gewesen, das Vorabdrucke von Artikeln aus der Teilchenphysik zur Verfügung stellte. Astronomisch hatte sich insbesondere bald das Centre des Donnés astronomique de Strasbourg zu den wissenschaftlichen Angeboten dazugesellt, das zunächst Daten von Sternen, später dann aller Arten astronomischer Objekte abrufbar machte und auch heute noch macht.

Ebenfalls bereits 1991 kam das LANL preprint archive am Los Alamos National Laboratory dazu, erfunden von dem theoretischen Physiker Paul Ginsparg. Zyniker haben es angesichts von Ginspargs Forschungsthemen als einzigen nützlichen Beitrag bezeichnet hat, den die Stringtheorie jemals zur Physik geleistet hat. Heutzutage bietet es frei zugänglich elektronische Vorabdrucke von Artikeln aus einer Vielzahl von Fachgebieten an. Unter anderem, unter der Kennung arXiv:astro-ph/0002104, einen Überblick über Hintergründe und Wirkung des ADS.

Die ADS-Vorgeschichte, die dort beschrieben wird, dürfte repräsentativ für die Pionierzeit des frühen Internet sein: Wie Adorf und Busch 1987 auf einer Konferenz in Garching Pläne entwickelten, eine Schnittstelle zu astronomischen Zusammenfassungen in natürlicher Sprache zu entwickeln, Shaw im Anschluss eine Veröffentlichung von Kurtz mit bestimmten Klassifizierungsmethoden von Sternspektren sah und erkannte, dass diese einer anderen Methode zur Klassifikation menschlicher Sprache von Ossorio ähnelte; wie Squibb und Cheung auf der gleichen Konferenz die NASA-Pläne für ein astronomisches Datensystem vorstellten, das Shaw und Ossorio dann mit einer neu gegründeten Firma umzusetzen begannen und so weiter und so fort – so ähnlich dürfte sich die Geschichte vieler Online-Werkzeuge anhören, die wir heute nutzen.

Als das ADS dann 1993 an den Start ging, hatten die Beteiligten fast alle ihre damaligen Pläne umgesetzt – nur die maßgeschneiderte Netzwerk-Software war durch das WWW ersetzt worden. Hier ist der ADS-Eintrag für den Artikel, in dem Kurtz et al. das System damals der Fachwelt vorstellten.

Ein Jahr später hatte das System 160.000 Einträge und 6000 Artikel im Volltext, bei 200 Nutzern. Heute sind es 10 Millionen Einträge, 3 Millionen Volltextartikel insbesondere historischer Natur, bei 10 Millionen Benutzern – die Zahl der 55.000 Benutzer, die das System sehr häufig nutzen, dürfte der Zahl der aktiven Astronomen weltweit entsprechen.

Natürlich hat sich seither eine Menge getan. Nachrichten über neu erschienene Artikel gibt es personalisiert per E-Mail, über Twitter oder auf den ADS-Facebook-Seiten. Die Suchmöglichkeiten sind immer ausgefeilter geworden. Aber das Erfolgsrezept dürfte darin bestehen, dass man auch ohne großes Einarbeiten sehr schnell findet, was man sucht. Ein Kolloquiumsvortrag mit üblichem Kurzverweis Erstautor plus Erscheinungsjahr – ein paar Klicks, und man hat eine Zusammenfassung des Artikels elektronisch vor sich, oft gleich mit dem Volltext in frei zugänglicher Form.

Ich habe das ADS ganz selbstverständlich auch beim Verfassen dieses Beitrags genutzt. Um mehr über Wislicenus zu erfahren, half die Suche nach Namen und Todesjahr, und prompt hatte ich Zugriff auf drei Nachrufe – gescannt und direkt im ADS als PDF oder GIF verfügbar.

Die Informationen im ADS sind natürlich auch aus der Vogelschau interessant. So haben Kurz et al. in diesem Artikel hier 2009 anhand der ADS-Nutzerstatistik festgestellt, dass die Menge an Grundlagenforschung in einem Land proportional zum Quadrat des Bruttoinlandsprodukts ist, geteilt durch die Bevölkerungszahl.

Rob Simpson hat zur .astronomy 4-Konferenz (die hier im Haus der Astronomie in Heidelberg stattgefunden hat) einige Auswertungen vorgenommen und beispielsweise nachgeschaut, wie häufig die verschiedenen Bezeichnungen für Exoplaneten seit wann in der astronomischen Literatur auftreten:

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Das spiegelt eine interessante historische Entwicklung – inklusive von Kleinigkeiten wie dem Umstand, dass der Begriff “Exoplanet” den Ausdruck “extrasolar Planet” in der Fachliteratur erst 2006 überholt hat! Das Original der Grafik findet sich in diesem Blogeintrag von Rob; interaktive Versionen dieser und weiterer Grafiken hat Rob hier auf Dropbox hinterlegt. In einem weiteren Blogbeitrag hat Rob dann eine Matrix dazu gemacht, welche Molekülnamen zusammen in Artikeln auftreten, und in welchem Zusammenhang; die Matrix kann aber noch einiges an zukünftiger Auswertung vertragen. Auch zur Autorenschaft astronomischer Artikel – wieviele Autoren durchschnittlich? Welche Entwicklung der Paperzahl relativ zum Wachstum der astronomischen Community – hat Rob auf Basis der ADS-Daten einen interessanten Blogbeitrag geschrieben.

Aber das ist natürlich alles Kür. Am wichtigsten ist, dass das ADS den Alltag der astronomischen Forschung deutlich einfacher und stressfreier macht. Kurtz et al. hatten in ihrem Überblick im Jahre 2000 ausgerechnet, dass der Service der astronomischen Community jährlich 300 Personenjahre an Arbeit spart. Das meiste davon dürfte fruchtloses und langwieriges Herumsuchen in Bibliotheken sein. Darum zusätzlich zum herzlichen Glückwunsch ein ganz herzliches Dankeschön, ADS!

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

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