Publizieren oder Forschen?

Wie viel Interdisziplinarität braucht Forschung? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Paneldiskussion am Montag Nachmittag der 65. Lindauer Nobelpreisträgertagung. Doch sowohl die Moderatorin Sibylle Anderl – selbst promovierte Astrophysikerin, die gegenwärtig als Postdoc in Grenoble forscht und nebenbei für die FAZ bloggt – als auch anwesende Nachwuchsforscher rückten am Ende damit heraus, wo der Schuh sie wirklich drückt:

Unsichere Kurzzeitverträge, Publikationsdruck und oft nicht mehr genug Zeit, um sich in die eigene Forschung wirklich vertiefen zu können.

Dass sich hier etwas ändern müsse, darin waren sich die anwesenden Nobelpreisträger Eric Betzig, Stefan W. Hell, William E. Moerner, Martin Chalfie und Steven Chu einig. Doch wie die Misere der Kurzzeitverträge aktuell gelöst werden könne, dafür hatten sie zumindest an diesem Nachmittag noch keinen echten Rat.

Immerhin mahnte Steven Chu an, dass Forschungsinstitute, welche ihren Nachwuchs über deren Publikationsliste und Impact Faktor auswählten, einen Fehler machten. Dies müsse sich schlicht ändern.

Martin Chalfie führte eine Analyse der Nobelpreise in den Naturwissenschaften an. Diese untersuchte, in welchen Zeitschriften die Arbeiten, für welche Nobelpreise vergeben wurden, denn zuerst veröffentlicht worden waren. Bei etlichen Arbeiten seien dies in der Tat Zeitschriften mit hohem sogenannten Impact Factor wie Cell, Nature oder Science gewesen. Doch das Gros der Nobel-Arbeiten hatten die Forscher breit gestreut auch in vielen kleinen Zeitschriften zuerst veröffentlicht. „Es kommt also auf die Forschungsergebnisse an und nicht auf die Zeitschrift“, betonte der Nobelpreisträger für Chemie (GFP).

Chalfie verwies zudem darauf, dass der Impact Faktor falsch verwendet werde. Er wurde von Eugene Garfield erfunden. Aber laut Chalfie nicht, um Forschung zu bewerten, sondern um Bibliothekaren einen Hinweis zu geben, welche Zeitschriften besonders häufig zitiert und somit auch gelesen werden.

Und Moerner verwies darauf, dass es durchaus bereits Bewegung im Umgang mit Publikationslisten gebe, die bisher noch so eine entscheidende Rolle bei Bewerbungen spielen. Er verwies in diesem Zusammenhang auf DORA, eine internationale Deklaration von über 150 Wissenschaftlern und 75 Forschungsinstituten, die explizit den Impact Faktor in Frage stellt.
Nun, die Deklaration ist bereits zwei Jahr alt. Die Bewegung braucht offenbar noch mehr Zeit.

Ach ja und die Interdisziplinarität. Erstens haben praktisch alle Laureaten auf dem Podium einen Werdegang, der sie mit mehreren Disziplinen verbunden hat. So kommt es, dass etwa die ursprünglichen Physiker Eric Betzig und Stefan Hell im vergangenen Jahr mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurden.

Zweitens forschen zumindest unter den Nachwuchsforschern im Saal weit über die Hälfte selbstverständlich in interdisziplinären Projekten – wie die gehobenen Hände zeigten. Interdisziplinarität ist offenkundig absolute Normalität im Forscheralltag der Naturwissenschaftler. Dies bleibt zumindest mein Eindruck nach dieser Runde.

Noch ein Top-Tipp der Laureaten: Der beste Ort für den interdisziplinären Austausch sei die Teeküche.

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Beatrice Lugger ist Diplom-Chemikerin mit Schwerpunkt Ökologische Chemie. Neugierde und die Freude daran, Wissen zu vermitteln, machten aus ihr eine Wissenschaftsjournalistin. Sie absolvierte Praktika bei der ,Süddeutschen Zeitung' und ,Natur', volontierte bei der ,Politischen Ökologie' und blieb dort ein paar Jahre als Redakteurin. Seither ist sie freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt für diverse deutsche Medien. Sie war am Aufbau von netdoktor.de beteiligt, hat die deutschen ScienceBlogs.de als Managing Editor gestartet und war viele Jahre Associated Social Media Manager der Lindauer Nobelpreisträgertagung, des Nobel Week Dialogue in 2012/2013 und seit 2013 berät sie das Heidelberg Laureate Forum. Kommunikation über Wissenschaft, deren neue Erkenntnisse, Wert und Rolle in der Gesellschaft, kann aus ihrer Sicht über viele Wege gefördert werden, von Open Access bis hin zu Dialogen von Forschern mit Bürgern auf Augenhöhe. Seit 2012 ist sie am Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, NaWik - und seit 2015 dessen Wissenschaftliche Direktorin. Sie twittert als @BLugger.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Unsichere Kurzzeitverträge, Publikationsdruck und oft nicht mehr genug Zeit, um sich in die eigene Forschung wirklich vertiefen zu können.“

    Ich kenne mich mit dem Thema nicht allzu gut aus, höre aber immer wieder Ähnliches wie im Zitat oben. Von DoktorandInnen/Postdocs, Blogs wie diesem und Onlinezeitschriften.

    Da die Problematik so ziemlich allen klar zu sein scheint (und das seit einiger Zeit?), verstehe ich nicht ganz, was es so schwierig macht etwas zu ändern. Ist die Politik zu träge (bzgl. Kurzzeitverträgen)? Setzen sich die Betroffenen nicht genug für eine Änderung ein?

    Das Ganze scheint der Wissenschaft in Deutschland doch sehr zu schaden…

    Danke für den Post & LG

    • Üblicherweise haben Betroffen nicht genügend Macht, Misstände zu beheben, während die Verantwortlichen oft nicht darunter leiden, bisweilen sogar davon profitieren.

  2. Mein Tip: Wenn einem nichts einfällt: Auf jeden Fall publizieren.

    Leute kennenlernen, Kontakte knüpfen, Interesse vorgeben. Vielleicht zusätzlich einen Blog aufmachen, accounts bei twitter & co. einrichten, netzwerken, dranbleiben, nerven.

    Nicht zuviel Nachdenken. Mitmachen. Damit kommt man ganz gut durch, so meine Erfahrung.

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