Unter Moralaposteln

Psychologieblog

Das Wort "Moral" ist vom lateinischen Adjektiv „moralis“ (sittlich) bzw. vom Substantiv „mos“ (Sitte, aber auch Charakter) abgeleitet.

Wir sprechen von der Moral, wenn wir uns auf ethisch-sittliche Normen des Handelns beziehen. Sie beinhaltet soziale Werte, die das Zusammenleben der Menschen ermöglicht.

Eine Entscheidung der Moral

Ein führerloser Zug rast auf fünf Gleisarbeiter zu. Ihr Tod kann verhindert werden, in dem er in letzter Minute auf einen anderen Gleis umgeleitet wird, wo ein einzelner Mensch arbeitet und sterben würde. Oder aber man schubst den korpulenten Mann von der Brücke, der mit seinem Gewicht den Zug aufhalten und die fünf Gleisarbeiter ebenfalls retten würde.

Ist es moralisch die richtige Entscheidung ein Menschenleben zu opfern, um viele Menschen zu retten? Die erfolgreiche Serie „24“ um den Agenten Jack Bauer spielt oft mit dieser Zwangslage: sich, das Leben der Liebsten oder das von Unbeteiligten opfern, um Terroristen das Handwerk zu legen. Szenarien, die fernab der Realität liegen?

Forscher haben ca. 300 000 Menschen zum obigen Dilemma befragt und unabhängig von Religion, Geschlecht, sozialem Status, Kultur ergaben die Antworten ein Muster. Die meisten Befragten würden die Weiche zugunsten der fünf Gleisarbeiter umstellen. Doch nur 15 Prozent würden den Mann von der Brücke stoßen, um das Leben der fünf Gleisarbeiter zu retten.

Ist Moral angeboren?

Legen diese Ergebnisse nahe, dass wir einen „Moralinstikt entwickelt (haben); eine Eigenschaft, die von Natur aus in jedem Kind wächst.“, wie Marc Hauser vermutet? Hat sich über die Jahre der evolutionären Entwicklung eine allgemeingültige Moral im menschlichen Gehirn etabliert? Die Neuropsychologie untersucht bereits mit bildgebenden Verfahren die Vorgänge im Gehirn, während Personen sich mit moralischen Dilemmata auseinandersetzen.

Während bisher die Sicht dominierte, dass Moral und Recht eher auf „zweckrationale(n) Kulturschöpfungen“ basiert, wirft die Annahme eines angeborenen Moralinstikts ein neues Licht auf die Diskussion. Damit wären die Überlegungen von Nietzsche überholt, der annahm, dass sich das Prinzip der Glückseligkeit nicht mit dem Prinzip der Moral verträgt.

Quelle: Spiegel, Nr.51/18.12.2006 „Mit Anstand auf die Welt“

(kat)

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

2 Kommentare

  1. Wie entsteht Moral im Gehirn?

    Die Antwort lautet genau so wie Muttersprache mit allen Regeln der Grammatik. Jedes Kind lernt seine Muttersprache ohne Lehrer ohne spezielle Unterweisungen ohne grammatikalische Kenntnisse. Selbst künstlich geschaffene Verben eines Fünfjährigen “quangen” werden richtig konjugiert. Ich habe gequangt, wir quangen, du quangst. Wie geht das? Das eine ist das tausendfache hören von Sprache und Sprachmelodie. Unsere Muttersprache ist aus nur etwas über 40 Phonemen zusammengesetzt. Die ersten grammatikalischen unterschiede, die ein Baby lernt sind “ma la ma” oder “ma ma la”. “pa mu pa” oder “pa pa mu”. “Mu pa pa ist etwas anderes. Jetzt werden die bereits vohandenen Neuronen des Gehirns isoliert. Die Markscheiden werden myelinisiert, wodurch erst ein Gehrinteil nach dem anderen sozusagen Online geht. So baut sich Wissen, Sprache lernen immer nur auf bestehendem auf. Erzählen Sie einen Dreijährigen grammatikalische Regeln und er versteht nur plaplapla.
    Nach den selben Prinzipien entwickeln sich moralische oder sagen Sie ethische Wertvorstellungen in unseren Köpfen. Das tausendfache Beobachten von Beispielen des Zusammenlebens in der Familie, in der Clique, in der Gesellschaft prägen unsere Wertevorstellungen. Wir lernen die Grammatik der Ethik wie die der Sprache. Das ist ein Prozess, der sehr spät in der Gehirnentwicklung, in etwa mit der Pubertät, stattfindet. Deshalb hat das Predigen der Eltern zu einem 10 Jährigen das tut man, das nicht, keine Wirkung. Er versteht nur blablalbla. Aber das Vorbild der Eltern, der Cliquenmitglieder prägt sich ein, zieht Spuren im Gedächtnis. Diese Spuren werden zu Pfaden und diese zu fast unumstößigen Meinungen.
    Tolleranz zum Beispiel entwickelt sich beim Umgang mit Andersdenkenden. Wer in jungen Jahren viel reist, Umgang mit Menschen anderer Kulturkreise pflegt und sich mit Personengruppen auseinandersetzt die nicht zu seinem direkten Kreis zählen wird viel tolleranter als ein Mensch der nur in Grenzen enger Kontakte aufwächst.
    Die alten Philosophen spürten was die moderne Biochemie bestätigt. Wer seinen Blick offen und Fächerübergreifend schweifen lässt, gelassen von seinem Fachgebiet einen Schritt zurücktritt sieht mehr. Wir brauchen mehr Universalisten und weniger Superspezialisten. Die Tolleranz der Spezialisten und Lobbyisten, die unser Leben meist bestimmen ist ähnlich beschränkt wie die des Prinzipienreiters.
    Mehr: http://www.dpast.de
    Dieter Past

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