Slow down

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Das menschliche Miteinander auf der Couch
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Das Faxgerät spuckt im Minutentakt Unterlagen aus, das Telefon klingelt, der Posteingang zeigt drei neue Nachrichten und ein Kollege platzt ständig mit mehr oder weniger wichtigen Fragen ins Büro. Im Auto auf dem Weg in den Feierabend wird zwischen den Radiosendern hin- und hergezappt, beim Einkauf werden SMS geschrieben, beim Abendbrot klingelt das Telefon, die Fernsehsender wechseln noch schneller als die Radiosender im Auto, beim Blick in die Internet-Nachrichten wird fleißig gechattet.

Die Welt scheint sich immer schneller zu drehen. Alles passiert zur selben Zeit. Wer nicht von anderen unterbrochen wird, unterbricht sich selbst.

Der alltägliche Wahnsinn in Zahlen

Elf Minuten hat ein Büroarbeiter im Durchschnitt bis zur nächsten Unterbrechung durch eMails & Co. Um sich danach wieder in die Aufgabe einzudenken, braucht er acht Minuten. Es bleiben ihm also ganze drei Minuten um effektiv weiterzuarbeiten.

Der amerikanischen Volkswirtschaft gehen jährlich 588 Milliarden Dollar flöten. Denn sogar bekifft ist man leistungsfähiger als vor einem Bildschirm, der ständig neue eMails anzeigt (wenn auch sehr viel weniger erfolgreich als nüchtern & ungestört), so eine Studie von Gloria Mark (2005).

„Vor lauter Anrufen, Emails und Internet kommen viele nicht mehr zum Arbeiten. Psychologen und Programmierer suchen verzweifelt nach Gegenmitteln.“

Grenzen ziehen und Zeit zum Nachdenken geben, rät der Psychiater Edward Hellowell.
Und wenns der Mensch selbst nicht schafft, dann kann ihm vielleicht der eigene PC behilflich sein: Microsoft tüftelt an einem ausgefeilten Betriebssystem, das die Ansprechbarkeit des Arbeitenden erkennen soll. Per Kamera oder durch die Analyse von Tastaturbefehlen soll ermittelt werden, wann der richtige Moment für die nächste Unterbrechung ist.

Andere schwören auf Low-Tech. Zwar nicht ganz back to the roots zu Schreibmaschine und Briefverkehr, sondern in Form des Schüler erprobten AlphaSmart Neo: eine Tastatur mit eingebautem Kleinstbildschirm, die vor Informationsüberlastung schützen soll. Denn mehr als schreiben kann man auf dem Gerät nicht.

Dan Russel, ein Forschungsmanager bei IBM, beendet jede seiner Nachrichten mit: "Read your mail just twice each day. Recapture your life's time and relearn to dream. Join the slow email movement!"

Viele Wege führen nach Rom. Wir können nur hoffen, dass nicht wieder was dazwischen kommt bei der Wiederentdeckung von Ruhe und Langsamkeit.

Quelle: DIE ZEIT, 09.11.2006 Nr. 46, „Der Fluch der Unterbrechung

(irm)

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

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