Rätselhaftes Gedächtnisphänomen

Psychologieblog

Das Licht des Monitors erleuchtet den dunklen Raum. Schön warm ist es hier drinnen, während draußen dicke, weiche Schneeflocken jedes Geräusch verschlucken. Nur die Sirene eines Krankenwagens zerreißt abrupt die abendliche Stille. Den Geruch von dampfend heißem Tee in der Nase beschleicht Sie plötzlich ein merkwürdiges Gefühl. Die Szenerie kommt Ihnen bekannt vor. Wie Sie hier sitzen, Nachrichten lesen, gedankenverloren aus dem Fenster schauen, das alarmierende Martinshorn. Die belanglose Situation wird auf einmal bedeutungsschwanger. Sie sind doch früher schon mal über die drei „ä“ in der Überschrift gestolpert, obwohl Sie diesen Text doch eben erst aus dem Feed gefischt haben. Seltsam. Ein kurzes Aufflackern von Zweifeln an der Wirklichkeit. Alles scheint schon mal da gewesen zu sein.

Genauso plötzlich wie das déjà-vu einen überfällt, lässt es auch wieder von einem ab. Ein kurze Irritation, und weiter im Text. Hartgesottene Science-Fiction-Fans glauben, dass das déjà-vu durch Fehler in der Matrix ausgelöst wird. Eine unwahrscheinliche, aber kreative Variante der Vielzahl von Theorien über das Phänomen des déjà-vus. Es muss traditionell auch als Beweis für ein früheres Leben herhalten. Wissenschaftler nehmen an, dass falsches Erinnern dem déjà-vu zugrunde liegt. „Many parallels between explanations of déjà-vu and theories of human recognition memory exist“, sagt die Psychologin Anne M. Cleary von der Colorado State University und nimmt an, dass déjà-vus auf Wiedererkennen durch Vertrautheit basieren. Ein einzelnes Fragment einer vertrauten Situation, zum Beispiel ein bestimmter Geruch, kann in einer neuen unbekannten Umgebung ein unangemessenes Gefühl der Vertrautheit auslösen.

Ich brauche mehr Information und tippe den Begriff "déjà-vu" in die Suchmaske von Google ein. Ein Treffer. Da steht: "Haben Sie nicht schon einmal nach diesem Begriff gesucht?"

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

6 Kommentare

  1. Rückkopplungsschleifen

    Das déjà-vu ist meist kein falsches Erinnern, sondern man kann dabei selbstbeobachtbar sehen, wie das eigene Gehirn immer funktioniert:
    Es durchsucht dauernd anhand aktueller Sinneseindrücke seine gespeicherten Erinnerungen nach vergleichbaren Erlebnissen – und mischt dieses Erfahrungswissen mit dem aktuellen Sinneseindruck zusammen => = neues aktuelles Erleben.
    Manchmal(déjà-vu) stimmen soviele Schlüsselreize überein, dass das hervorgeholte Erlebnis stärker wirkt, als der aktuelle Sinneseindruck.
    (Man sagt ja, dies sei der Grund, wieso Männer nie merken, wenn die eigene Frau eine neue Frisur hat. Wenn sie nicht bewusst auf die Haare achten, reicht ihnen das aus aktuellem Sinneseindruck und hervorgeholten Erinnerungen bestehende Bild der Frau, um sie zu erkennen)

  2. Gammelfleischskandal

    Das ist ja das drollige am Gedächtnis und am Bewusstsein: Dass ihre Zeit nur aus “Etiketten” besteht (“war schon”/”ist”/”wird sein”), die auf die momentanen Bewusstseinsinhalte draufgepappt werden, wie die Aufkleber mit den Verfallsdaten auf das apgepackte Schweinehack im Supermarkt.

    Das Deja-Vu – ein Etikettierungsfehler, ein Gammelfleischskanadal des Bewusstseins.

  3. @ Helmut Wicht:: Skandal

    Das raffinierte am Gehirn ist es doch: aus wenigen Zutaten (aktueller Sinneseindruck) macht es mit den vorhandenen Vorräten (gespeicherte Erfahrungen/Wissen) mit Hilfe des aktuellen Bewusstseins ein perfektes Menü ( => neuer aktueller Sinneseindruck = aktuelles Erleben).

    Ist das nun, trotz alter Zutaten, ein Skandal oder höchste Kunst?

  4. Interessante Ideen

    Das hört sich interessant an mit der Theorie der Matrix. Ich bin manchmal ganz erstaunt was für déja-vu’s man manhcmal hat. Ich denke das dürfte noch ein paar Jahre dauern bis sich das Phänomen vll irgendwann einmal gelöst hat.

  5. Unterschiede beachten

    Ich finde die Erklärungsversuche zu ungenau. Wenn ich mal von der Idee der Matrix absehe und am meine selbst erlebten dv’s denke, so stelle ich fest, dass es Unterschiede gibt. In meiner Vergangenheit hatte ich schon mal ein DV, in dem ich dachte, die selbe Situation schon mal erlebt zu haben, aber ich hatte auch schon mal eine Situation, wo ich dachte, genau das selbe ein paar Jahre früher geträumt zu haben. Daher differenziere ich hier generell. Ob eine gute Verbindung zur rechten Gehirnhälfte hier Einfluss genommen hat, bleibt noch zu klären. Auf jeden Fall glaube ich nicht, dass sich jede Art von DV durch eine “Sinnestäuschung” ala Gehirnfehler erklären lässt…

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