Gelassenheit im Alter

Das Alter wird einerseits als Hort allen Übels mit Endstation Pflegeheim verteufelt und andererseits als Quelle der Weisheit gepriesen. Wie gehen diese beiden Bilder zusammen?

In Schultagen übernahm ich als Praktikantin der Lokalredaktion einen Artikel über das örtliche Pflegeheim. Eine Aufgabe, um die sich kein Redakteur riß. Aber für mich schien es eine Reise an den Ort der gebündelten Weisheit. Und natürlich enttäuschten mich die endlosen Monologe der Bewohner, die Erinnerungsfetzen in Endlosschleife. Doch hier und da versteckten sich weise Bemerkungen, ein kleiner Kommentar, die Pointe einer Geschichte, die ich – ohne Erfolg – in meiner kleinen Reportage einzufangen versuchte.

Weisheit stellt den Menschen vor ein Paradox. Sie ist einfach und geheimnisvoll zugleich, leicht zu erkennen, aber schwer zu erringen. Man trifft sie in unterschiedlichem Gewand: mal poetisch in Mythen und Märchen, mal minimalistisch als Aphorismus, Sprichwort, mal wortlos, mal als Hymnus, mal als umfassender Kanon ethischer Gebote. (1)

Schon Kinder haben ab der vierten Klasse eine intuitive Vorstellung von Weisheit. Die Vorstellung, das hohe Alter im Schaukelstuhl zu verbringen und den gutmütigen Blick über die Kinderschar schweifen zu lassen, hat sicherlich um die Weihnachtszeit Hochkonjunktur. Ob es daran liegt, dass der Weihnachtsmann dem stereotypen Bild des weisen altern Mannes ähnelt oder weil das Weihnachtsfest im besinnlichen Kreise der Familie gefeiert wird, wer weiß.

Doch viele ältere Menschen fürchten die Unterbringung in einem Pflegeheim und – glaubt man den Zahlen der Brand Eins – zu Recht. 44 Prozent der Bundesbürger haben Angst bei Pflegebedürftigkeit zu vereinsamen.

Pauschales Entgelt für die Anfahrt eines ambulanten Pflegedienstes zu einem Patienten in Euro : 3,40.
Entgelt für die Anfahrt eines Handwerkers in München zu einem Kunden in Euro: 60.
Ungefährer Anteil der Personen, die in Deutschland 2006 von einem ambulanten Pflegedienst gepflegt wurden und deren Ernährung- und Flüssigkeitsversorgung unzureichend war, in Prozent: 30.“ (2)

Bei einer stationären Versorgung sind es sogar 34 Prozent. Ist man im Alter wirklich gelassener? Lassen wir doch zwei weise Frauen zu Wort kommen:

A Ich bin 73, das heißt, ich bin alt und Alter bedeutet Abbau! Ich versuche, meine Befindlichkeit relativ klar für mich zu formulieren und mir keine Illusionen zu machen. Ich weiß, dass das Leben vergänglich ist. Nach dem Alter folgt der Tod! Man kommt mit allem besser zu recht, wenn man den Status Quo akzeptiert und den Gedanken an den Tod nicht beiseite schiebt und sich langsam daran gewöhnt, dass das Leben endlich ist.
Ich merke, dass mein Aktionsradius sich ständig verkleinert. Dass man manches nicht mehr kann, dass man eingeschränkt ist. Aber bedeutet das Alter für mich auch zwangsläufig den totalen Verlust an Lebensqualität?
Natürlich ist es schwer, eine positive Haltung zum Älterwerden zu entwickeln, denn die Schattenseiten sind nicht zu übersehen. Die eigene Gesundheit ist der Dreh- und Angelpunkt meiner individuellen Befindlichkeit aber auch die Geborgenheit in der eigenen Familie trägt maßgeblich dazu bei, das Unvermeidliche mit einer gewissen Gelassenheit zu ertragen  und schöne Momente zu erleben. Gelassenheit ist für mich auch Anpassung an Situationen, die man nicht ändern kann.
Ich erfahre, dass sich im Alter vieles relativiert, an Gewicht verliert und es fällt nicht mehr so schwer, Verantwortung abzugeben. Jetzt sind andere dran!
In früheren Jahren hätte ich das als Aufgeben formuliert, aber jetzt ist es  selbstverständlich, dass man nicht immer nach mehr, besser, weiter strebt, sondern das Leben so nimmt, wie es kommt.
Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich viele Dinge weniger ernst nehmen und nicht so perfekt sein wollen – aber Gelassenheit ist nun mal keine Eigenschaft der Jugend.
Natürlich bleibt die Hoffnung, dass man einigermaßen selbst bestimmt den letzten Abschnitt gehen kann und Pflegebedürftigkeit schiebt man ganz weit weg. Irgendwie muss man sich schützen vor allzu großen Ängsten und Depressionen und bei aller verordneten Einsicht in das Unvermeidliche ist man ja auch bloß ein zweifelnder Mensch.

B Ich bin trotz meiner 77 Jahre in recht guter Verfassung, wenn auch nicht ganz ohne Wehwehchen. Aber mit dem, was ich zu tragen habe, komme ich ganz gut zurecht. Die Alterung hat bei mir eigentlich nur  im Körper stattgefunden. Der Geist ist unverändert. Ich hätte noch Spaß an jeder Dummheit, ginge noch gern zum tanzen. Aber wer will sich schon lächerlich machen? Also lasse ich es lieber.
Natürlich habe auch ich meine Höhen und Tiefen und manchmal auch Angst vor der Zukunft. Aber da man an seiner Situation nichts ändern kann, sollte man sich um eine positive Einstellung bemühen und die Zeit, in die einem noch vergönnt ist, nutzen; versuchen, die düsteren Gedanken zu verscheuchen, auch wenn das nicht immer gelingt.

Weisheit als das Wissen um die göttlichen und menschlichen Dinge, als die Kunst, an der eigenen Endlichkeit und Unvollkommenheit nicht zu verzweifeln. (1)

Quelle:
(1) Geo, 3/2006 „Teil 1: Die philosophischen Wurzeln der Weisheit“
(2) Brand Eins, Oktober 2007 „Die Welt in Zahlen“

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

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