“Runter vom Gas”

Update: Der “Preis für Spitzenleistung in der gesellschaftlich relevanten Kommunikation” aus dem diesjährigen Effie Award (Social Effie) geht an die Kampagne "Runter vom Gas" von Scholz & Friends (Gold).

Bestimmt ist sie Ihnen auch aufgefallen, die fröhlich von einer Plakatwand lachende Familie in schwarz weiß. „Gabi, Frank, Mia und Max T. wollten schnell nach Hause“ steht unter einem schwarzen Kreuz neben dem glücklichen Familienbild. Das Design der Anti-Raser-Kampagne erinnert an Todesanzeigen, die im Widerspruch zum Lachen verstörend wirken. Oder das Foto vom frisch verliebten Paar „Marc und Anja“. Makaber wie das junge Paar neben der eigenen Todesnachricht die Passanten anstrahlt. Kritiker sehen in der Kampagne des Bundesverkehrsministeriums eine Überschreitung der Grenzen des guten Geschmacks. Die Plakate schüren unnötig Ängste und „erinnern am laufenden Meter an den Tod“. Die „Schockplakate“ erreichen nicht die Zielgruppe. Setzen, sechs.

Wenn ich eines dieser Plakate sehe, veranlasst es mich innezuhalten während die Autos weiter vorbeirauschen. Ein kurzer Augenblick. Eine kleine Irritation. Das Motiv erzielt eine wohldosierte Aktivierung durch Überraschung. Unweigerlich fragt man sich, ob die Plakate auf realen Unfällen beruhen. Und damit erreicht das Motiv genau das, was im besten Falle einer Plakatwerbung erreicht werden kann: Aufmerksamkeit und Verarbeitungstiefe. Eigentlich würde ich mich nicht in die Zielgruppe der Raser einordnen, und doch lässt mich das Motiv nicht kalt und erinnert mich an die Zerbrechlichkeit des Lebens. Ein Moment der Stille. Memento mori. Ich heiße diese kurze Unterbrechung im alltäglichen Rauschen willkommen und pflichte meinem Kollegen Steve Ayan bei: „Endlich mal ein gelungenes Konzept.“

Wie sehen Sie das?

Quellen:
(1) Gehirn und Geist: „Eine Kampagne und ihre Folgen
(2) Steve Ayan bloggt auch nebenan

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zwiegespalten.

    Hallo Katja,

    ja, das ist eine “Gänsehautkampagne”, die vermutlich schon die gewünschte Aufmerksamkeit und Nachdenklichkeit zum Thema hergibt.

    Ich habe mich nur gefragt, ob es wirklich sinnvoll ist, derartige Plakate mitten im Geschehen – nämlich auf der Straße – zu platzieren. Fordert der Schockmoment nicht gerade die Aufmerksamkeit ein, die man im Straßenverkehr so sehr benötigt?

    Die arme Familie….bäng!

    Nachdenkliche Grüße aus den KOSMOlogs,
    Andreas

  2. @ Andreas

    Als ich mal wieder mit über 200 Richtung Gelsenkirchen zum Schalke Spiel fuhr hat mich das Plakat sehr abgelenkt. Ich fragte mich auch, ob das eine echte Familie ist oder was das soll. Aber solche Gedanken sind natürlich nicht gut, wo “volle konzentrier” angesagt ist.

    Die sollen doch besser wieder so Plakate bringen, wo diese Hippe drauf ist und zeigt wie klein doch Raser sind. So etwas interessiert mich eh nicht. 😉

  3. …bah

    ..ah, bah.

    Halten Friedhöfe die Leute davon ab, Kinder zu zeugen?

    Auch nicht.

    Im übrigen vermiss’ ich in dieser Debatte ein einfaches Experiment: die Messung der mittleren Geschwindigkeiten VOR und HINTER den Schildern.

  4. @Helmut. Auswertung des Experiments.

    Was könnte uns ein solches Experiment sagen, Helmut?

    Geschwindigkeit NACH Schild (deutlich) KLEINER:
    Vollbremsung wegen Schockzustand

    Geschwindigkeit NACH Schild GLEICH:
    Fußstarre am Pedal wegen Schockzustand

    Geschwindigkeit NACH Schild GRÖSSER:
    Ich muss hier weg!

    Is ja en dolles Experiment!
    😉

  5. @ Andreas

    Verschanz’ ich mich doch hinter’m Behaviorismus:

    Is’ mir doch wurscht, warum’s wirkt. Die Frage ist doch, ob’s wirkt.

    Ja, ok, ok, manche Effekte sind schwer messbar:

    Nachdem der Raser drei schlaflose Nächte lang über die Bilder gegrübelt hatte, die am Rande der Autobahn das Schicksal, das ihm drohte, auf drastischste illustrierten, beschloss er nach der vierten durchwachten Nacht, fürderhin nie wieder zu rasen. Wie gerädert erhob er sich mit Augen, die noch vom Anblick der wieder und wieder geträumten Schreckensbilder verquollen waren, von seiner Bettstatt und wankte dem Bade zu, wobei er seinen schlafenden Hund übersah, über welchen er stolperte und sich den Hals brach, worauf er verschied.

    Ein Raser weniger!
    Sieg!

  6. Helmut, Helmut…

    LOL

    Et wirket, det Schildl!

    Der Hund, geweckt von laut’ Getöse
    Juckt’s gewaltig im Gekröse

    Das Ganze ist ihm nicht geheuer
    Doch spart es nun die Hundesteuer

    Denkt, was macht denn da das Herrchen
    Bin ich denn ich im Hunde-Märchen

    Er liegt schlaff da in seinem Blute
    Denn Raser gibt’s ein auf die Schnute

    So. Muss jetzt heim rasen. Zu Fuß.

  7. @ Helmut & Andreas

    Halten wir uns bei der Annäherung an den Gegenstand doch am ehesten an das Kernelement eines Fragebogens, immer eine beliebte Methode, die Frage.

    Haben Euch die Plakate tatsächlich in einen Schockzustand versetzt? Die Frage, wie’s wirkt, finde ich viel interessanter … aber ist, zugegeben, ein Nebenschauplatz.

    Ich fasse mal zusammen. Die Frage ist:
    warum’s wirkt
    ob’s wirkt
    wie’s wirkt 🙂

  8. ..wie’s geht.

    Ich bin Motorradfahrer. Einer von der eiligen Sorte, vor allem, wenn’s kurvt. An vielen dieser Strecken stehen Schilder, die dramatisch aus Kurven fliegende Kräder zeigen.

    Ist mir wurscht.

    Es gibt nur drei Schilder, die mich nennenswert einbremsen:

    1) “Rollsplit”
    Aber auch nur, wenn wirklich welcher kommt.
    2) “60”
    Aber auch nur, wenn ich mit Kontrollen rechnen muss.
    3) Bei Schotten, an der Strasse nach Nordwesten, Richtung Laubach (archetypisches Motorradrevier), steht ein recht verwittertes, grosses Schild. Darauf steht:
    “Seit 2002 auf dieser Strecke 87 tote Motorradfahrer.”
    Die Buchstaben sind etwas verblichen. Nur die Zahlen sind stets ganz frisch, denn sie sind (wie bei einer altmodischen Anzeigetafel) auf separate Täfelchen gedruckt und einzeln davorgehängt. Und die Einerstelle wirkt stets am frischesten.

    Ehrlich, das wirkt! Man sieht die frische “7” und denkt: “Oha! Soll die “8” deine sein?”

    Und dann fahr’ ich ein wenig langsamer.

  9. Wirkung

    Ich frage mich auch, ob das überhaupt wirkt. Bei mir nicht. Wahrscheinlich ist das nur so eine Alibi Kampagne, nach dem Motto, wir haben alles getan, was wir tuen konnten. Oder für die Leute, die gerne andere ermahnen. Die beziehen sich dann darauf und erheben den moralischen Zeigefinger.

  10. runter vom Gas

    Ich kann einer Sensibilisierung nur beipflichten, jedoch, bevor ich den Text beim Autofahren fertiggelesen habe und gesehen habe was denn da auf dem Plakat steht, bin ich lange und wichtige Sekunden vom Fahren abgelenkt und kann so einen Unfall verursachen. Das gilt nicht nur für diese Kampagne, sondern für alles was an Schilderwald auf den Fahrbahnen anzutreffen ist. Deshalb sind diese Kampagnen für mich leider noch eine zusätzliche Gefahr für die Autofahrer, denn Raser lesen sicher nicht was da steht, sondern sowieso nur diejenigen die langsam genug fahren.
    Ausserdem lenkt eine schmerzliche Erinnerung meine Konzentration vom Fahren ab, ich habe nämlich Familienmitglieder im Verkehr verloren. Erziehung beginnt meiner Meinung nach im Kleinkindalter, und wer nicht hören will muss fühlen, ist noch immer gültig, deshalb vertrete ich die Ansicht, dass eine verschärfte Geschwindigkeitskontrolle mit hohen Bussstrafen viel effektiver ist.
    Ich hoffe auf eine Weiterentwicklung des menschlichen Bewusstseins durch Bildung und Kultur und grüsse Sie recht herzlich.
    Marianne Mangen

  11. Haarscharf daneben

    Diese Schilder an Autobahnen und Landstraßen sind schlicht Unsinn. Die schrift ist so klein, daß den Text kaum aufnehmen kann, wenn man auf das Verkehrsgeschehen achtet. Zuviel Text und zu klein geschrieben. Die Initiatoren der Kampagne sollten sich mal selber ans Steuer setzen und versuchen den Sinn dieser Schilder mitzubekommen. Na, dämmert’s? – Eine wirklich gute Kampagne war das Bild mit der untergehenden Titanic und dem lakonischen Text (schön groß geschrieben): Auch zu schnell? Das saß und hat mich motiviert langsamer zu fahren. Aber dieser Todesanzeigen-Blödsinn? Daneben.

  12. das Vorbeifahren bewirkte bei mir nur zwei wesentliche Emotionen: peinliche Berührung und Ärger. Wären die Darsteller ‘echt’, wäre es eine unglaubliche Pietätlosigkeit, wären sie Models, könnte ich mir nicht vorstellen, dass die eigene Todesanzeige für eine Kariere förderlich ist und ich würde mir ziemlich reingelegt vorkommen.
    Also: diese Kampagne ist für das eigentlich hehre Ziel völlig nutzlos.
    @Helmut eine (ernstgemeinte) Frage: würde es Dich bremsen, wenn Du daran denkst, dass die Menschheit mit Dir ein brilliantes Gehirn verliert und Du vielleicht ein zweites mit ins Grab nimmst, nur wegen eines Kicks von wenigen Minuten, um nicht zu sagen Sekunden?

  13. Runter vom Gas

    Die Anti-Raser Kampagne ist sinnvoll, aber das Rasen ist eine Folge von was, ja von was eigentlich?
    Wenn man ins Auto steigt sollte man glücklich sein: Wenn die Tür von Innen geschlossen ist, ab jetzt hat man keinen Termin mehr! Jetzt braucht man nur ohne Hetze gesund von A nach B zu kommen.
    Ja, diese Parole: ES GIBT KEINEN TERMIN IM AUTO! sollten die Fahrschulen in jeder Stunde ausgeben. Ja, aber ich muss doch pünktlich zum wichtigen Geschäftstermin kommen-richtig, da gibt es nur die Möglichkeit: Früher losfahren oder wenn das nicht geht und droht zu spät zu kommen, den Partner informieren, vielleicht eine charmante Entschuldigung (während man vielleicht im Stau steht) ausdenken.
    Es gibt wirklich keinen Termin der das Rasen rechtfertigt! Das hieße ja sonst das Leben anderer Menschen und sich selbst zu gefährden!
    Also, allen Autofahrern in diesem Sinne eine gute Fahrt!

  14. Die Schrift ist so klein, dass die Raser sie nicht lesen können.
    Was schon er erste Effekt ist…..
    Der zweite ist der: die Beifahrerin kann es lesen, gruselt sich und sagt, “fahr langsamer”.

  15. @ Katja Schwab

    Ich bin ganz Ihrer Meinung. Die Raserei und die gesamte Auto-Kultur (vor allem in Deutschland blüht sie) ist ein Thema, das mich seit langem beschäftigt. Zumindest seit damals der Fall eines Mercedes-Testfahrers in die Öffentlichkeit gelangte, der eine junge Mutter und ihr Kind in den Tod gerast hatte.
    Gibt es zur Psychologie des Rasers Forschungen? Gibt es eine Sozialpsychologie des Autoverkehrs? Meine Hypothese: Im Straßenverkehr verlieren viele Menschen (vor allem Männer) ihre Sitten, der rücksichtslose, unhöfliche Homo Hominis Lupo tritt hervor. Bei Männern geht es auch schlicht um – mit Verlaub -Schw…verlängerung

    Meine Lösung für das Problem ist recht simpel: Nicht nur Geschwindigkeitsbeschränkungen, nein, warum werden den Herstellern nicht PS- oder Höchstgeschwindigkeitsgrenzen vorgeschrieben? Bei Mopeds macht man das ja schon. Drosselungen kann man einfach einbauen.
    Als ich bei der “Financial Times Deutschland” damals einen entsprechenden Kommentar schreiben wollte, stieß ich auf eine Mauer der Ablehnung bei den Vorgesetzten. Das vierrädrige PS-Monster ist in Deutschland eine heilige Kuh.
    Sie gehört endlich geschlachtet!
    Nicht nur wegen des Klimaschutzes, sondern auch zum Schutze Unschuldiger vor der Raserei!

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