Eine kleine, große Kirche – Die Kirchgemeinde Boltenhagen auf der Paulshöhe

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Kinder sind längst rar in Mecklenburg-Vorpommern – sogar in den christlichen Gemeinden – und so kam die Pastorin nach dem schönen und besinnlichen Gottesdienst in der großen Kirche von Klütz auf uns zu und nahm sich etwas Zeit für uns Urlauber aus dem Südwesten. “Ach, Sie sind Religionswissenschaftler!? Kennen Sie denn schon unsere kleine Kirche auf der Paulshöhe in Boltenhagen? Wenige kennen sie, aber wer sie besucht hat, den berührt sie. Und sie geht auf die Anregung eines jüdischen Kaufmanns zurück – daher hat sie auch eine Menorah.” Nein, die kannten wir (noch) nicht. Aber das ließ sich ändern…

Boltenhagen ist ein gewachsenes Ostseebad und präsentiert sich als Ort mit Strand, Sonne, gepflegtem Ambiente und “Events”. Wie so oft verbirgt sich Eigentliches aber abseits des Trubels. Am Ende einer kleinen Düne – der sog. “Paulshöhe” – findet sich, halb verborgen zwischen schimmernden Bäumen, die evangelische Kirche, erbaut mit Backsteinen und im neugotischen Stil.

Dabei war deren Bau am Ende des 19. Jahrhunderts alles andere als selbstverständlich. Die Einwohner des lange eher armen Dorfes feierten “gottesdienstliche Erbauungsstunden” in Bauernwohnungen und dem Schulhaus, die Kurgäste in den Salons der wachsenden Hotels. An einem Sonntagabend im Sommer 1866 spazierten die Pastoren Meyer und Bauer am Strand, als sich ein Kurgast zu ihnen gesellte. “Es wäre mal schön, wenn hier ein Gotteshaus stünde.”, schrieb er den beiden Pastoren ins Stammbuch. Dieser Impulsgeber, Herr Kaufmann Scheu aus Berlin, war – wie Meyer (Pastor an der großen St. Georg in Wismar) festhielt – jüdischen Glaubens. Noch im gleichen Sommer begannen die Menschen – Einheimische und Gäste – zu sammeln und sich in einem “Committee” zusammen zu schließen. Der Großherzog hörte davon und stellte schließlich Bauland und eine Spende in Aussicht. Doch kurz vor dem Baubeginn brach der Deutsch-Französische Krieg aus und erst am 28. Juni 1872 konnte – in Anwesenheit des Fürsten – der Grundstein gelegt werden. Schon am 4. September 1872 wurde Richtfest gefeiert – doch dann brach eine Sturmflut über den Ort herein, zerstörte fast alle Häuser und überschwemmte den Ort mit feinem Sand.

Die Wellen reichten bis an das Fundament, die Gischt schlug durch die noch offenen Fenster – doch die entstehende Kirche hielt stand und blieb unversehrt. Am 3. August 1873 wurde sie – mit einer Festpredigt von Pastor Meyer – eingeweiht. Heute steht sie Besuchern von nah und fern offen.

Aber wie konnte die kleine Gemeinde bestehen? Nach dem zweiten Weltkrieg wuchs sie noch einmal, auch weil Vertriebene und Flüchtlinge im Ort aufgenommen wurden. Taufständer und Taufschale wurden 1948 erneuert, ein Dachreiter mit Glocke installiert und noch 1955 – unter beginnenden Repressionen – eine Orgel installiert. Doch das SED-Regime begann unter dem Banner von Sozialismus, Humanismus und Atheismus das Menschenrecht der Religionsfreiheit zu beschneiden. Eltern wurden gewarnt, dass Taufe und Teilnahme an der Christenlehre die späteren Chancen ihrer Kinder beeinträchtigen würden. Pastoren, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter wurden vorgeladen, aufgesucht, unter Druck gesetzt und – wenn sie sich nicht fügten oder gar Stasi-Anwerbeversuchen widerstanden – auch in der “Ostsee-Zeitung” (damals Bezirksorgan der SED) diffamiert.

Dass die Gemeinde überlebte, verdankte sie wohl am meisten Menschen wie – “Tante Wichi”, der Katechetin Sieglinde Wichmann, die nach dem Krieg mit ihren zwei Kindern in den Ort kam und blieb. Über alle Repressionen hinweg organisierte sie Christenlehre und Familiengottesdienste, Basteln, Malen, Flötenunterricht, Mütter- und Altenkreis, Krippenspiele, Kinderkirchentage, Rüstzeiten und Musikveranstaltungen. Wo immer ihr Fahrrad stand, wussten die Menschen: Hier bin ich willkommen. Dass die Kirchengemeinde nicht in erster Linie steifen Theologen, sondern “Tante Wichi” gedenkt, fand ich richtig und beeindruckend – sind es doch maßgeblich Frauen, die Religionsgemeinschaften tragen.

Wenden wir uns dem Portal zu.

 

Dass der ausgewählte Bibelvers das Durchhalten des Glaubens auch in schweren Zeiten betont, braucht wohl nicht weiter ausgeführt zu werden. Dass aber die von der antitheistischen Obrigkeit bedrängte und schrumpfende Kirchengemeinde auch tatsächlich ihre eigenen Traditionen pflegte und sich selbständig mit der Geschichte auseinandersetzte, unterstrich sie 1972: In Eigenleistung erneuerte sie den Altarraum, hin zu einem Tischaltar.

Dabei wagte sie – der israelfeindlichen SED-Doktrin trotzend – auch eine Erinnerung sowohl an die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens wie auch an den Kaufmann Scheu: Der Boltenhagener Schmiedemeister Lüth fertigte nicht nur einen Osterleuchter, sondern auch eine Menorah, den siebenarmigen Leuchter des Judentums. Taufbecken (von 1948) und Leuchter (von 1972) bilden so ein Ensemble von Religionsgeschichte & Interreligiosität – und dem Triumph über religions- und menschenverachtende Regime.

 

Heute ist fast die Hälfte der ca. 500 Mitglieder über 60 Jahre alt, an der wieder freien Christenlehre nahmen 2007 durchschnittlich 12 Kinder teil. Und dennoch strahlt die kleine Kirche auf der Düne eine Form des Lebenswillens aus, die an Zukunft denken lässt. Sicher, in Wismar, Lübeck und Schwerin bieten sich Besuchern große, eindrucksvolle Bauwerke, darunter dramatische Kathedralen. Doch dieses Kirchlein abseits des großen Trubels beeindruckt und berührt… anders.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

10 Kommentare

  1. @Michael Blume

    Jetzt wollte ich Dein Dorfkirchlein mal auf Wikipedia anschauen. Die Seite ist aber noch zu bearbeiten, da Du hier schon so ausführlich darüber geschrieben hast, könntest Du ja vielleicht einen neuen Wikipedia-Artikel verfassen. Deine Gastgeber würde es bestimmt freuen.

    http://de.wikipedia.org/…tion=edit&redlink=1

  2. Fraktur und langes s

    Da Yoav Sapir gerade die deutsche Frakturschrift thematisiert hat, sei darauf hingewiesen, daß dem restaurierenden Maler der biblischen Inschrift über dem Portal ein fetter Fehler passiert ist: das s in “Gottes Wort” muß ein rundes Schluß-s sein, kein Lang-s …

    – Ein wenig rührselig, Deine Geschichte. Aber sei’s drum: Die Ostsee ist auch sonst schön.

  3. @Claudia

    Vielen Dank! 🙂 Ich habe mir einfach vorgenommen, zwischen die großen, theoretischen Themen auch mal hin und wieder kleine Details vorzustellen. Sicher ziehen sie nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich, aber vielleicht regen sie die eine oder den anderen ja zu Beobachtungen im eigenen Umfeld an. Und wenn es nur in einem einzigen Fall – einem Anwohner, einer Urlauberin o.ä. – zu einem bewussten Besuch der Kirche beitrüge, hätte es sich m.E. schon gelohnt! 🙂

  4. @Ingo Bading

    Ja, es wäre interessant zu wissen, ob die Portalinschrift noch Original aus der Erstellungszeit ist. Wahrscheinlich könnte ein Historiker über dies Kirchlein gar trefflichst promovieren… (Multiversum wär schon eine tolle Sache…)

    Und natürlich freut es mich, wenn auch mal kleine Themen rühren und selig machen! Wird (nur) gelegentlich vorkommen! 🙂

  5. Gottesdienst am 24.12.2010

    Hallo, ich würde gerne am 24.12.2010 an einem Krippenspiel oder Gottesdienst teilnehmen.
    Zu welcher Zeit finden welche statt?
    Vielen dank und einen freundlichen Gruß Ilona Mork

  6. @ Mork

    Michael Blume war nur Gast dort in der Gemeinde und hat davon berichtet. Ich glaube nicht, daß er das aktuelle Programm kennt. Oftmals finden die Christvesper um 16 Uhr in den Gemeinden statt.

  7. @Ilona Mork

    Vielen Dank für Ihre Anfrage! Da versuche ich gerne zu helfen. Ich habe beim Kirchenkreis Wismar angefragt und hoffe, dass sie hier oder bei mir per Mail zeitnah antworten.

    Herzliche Grüße & eine schöne Adventszeit!

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