Der Nutzen des Unglaubens – Wer forscht mit?

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Seit einigen Jahren arbeite ich nun schon zur Evolution von Religiosität und Religionen und erlebe mit Freude und Faszination, wie sich die empirischen Befunde zu einer adaptiven Entwicklung des Glaubens (“Homo religiosus“) immer weiter verfeinern und durchsetzen. Es vergeht keine Woche mehr, in dem nicht ein neues Buch, eine Vortrags- oder Artikelanfrage zum Thema hier eingeht. Evolution & Glauben sind in den Wilden Netzen des Web 2.0 längst ebenso Thema wie nächste Woche auf dem katholischen Kirchentag in Mannheim. Und doch bin ich seit einiger Zeit der Meinung, dass zum entstehenden Gesamtbild noch etwas Entscheidendes fehlt – die interdisziplinäre Erforschung des Unglaubens.

Michael Schmidt-Salomon brachte es auf den Punkt, als er für Psychologie heute “Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität” rezensierte.

Gott, Gene und Gehirn (GGG) von Rüdiger Vaas & Michael Blume

Am Ende einer zustimmend-empfehlenden Rezension schrieb Schmidt-Salomon:

Das einzige Manko dieses verdienstvollen Buches ist, dass es nicht erklärt, warum sich heute so viele Menschen von der Religion abwenden. Immerhin gibt es in Deutschland mittlerweile mehr Konfessionsfreie als Katholiken oder Protestanten. Und selbst in den USA stellen die Konfessionsfreien inzwischen die drittgrößte weltanschauliche Gruppierung. Wie kann man diese Entwicklung angesichts der Selektionsvorteile des Glaubens nachvollziehen? Vielleicht ließe sich Hayeks These umdrehen:„Religionsfreie Überzeugungen überleben, nicht weil sie Kinder zeugen, sondern weil sie wahr sind.“ Zwar lässt sich „Wahrheit“ schwerer operationalisieren als Fortpflanzungsquoten. Fakt ist aber, dass sich viele Kinder religiöser Eltern aus Vernunftgründen von ihrem Herkunftsglauben verabschieden. Ein Nachfolgeband zum Thema „Die Evolution der Rationalität – warum Unglaube nützt“ wäre ein spannendes Projekt.

Könnte es den Nutzen des Glaubens ohne den Unglauben geben?

Inzwischen bin ich der Auffassung, dass Schmidt-Salomon nicht nur Recht hatte, sondern dass Begriffsarbeit und empirische Forschungen rund um den Unglauben – in den USA vereinzelt als “Secular Studies” oder “Atheist Studies” bezeichnet – unverzichtbar sind.

Nehmen wir als Beispiel die Old Order Amish, über die ich aus evolutionärer Perspektive einiges veröffentlicht habe: Ganz ohne Zweifel bilden sie eine religiöse Tradition, deren Gemeinschafen und Mitglieder sich außerordentlich erfolgreich vermehren und ausbreiten, wogegen nichtreligiöse Populationen bislang ausnahmslos unter zwei Geburten pro Frau fallen. Nur halte ich das nicht für “die ganze Story”. Denn könnten sich die Amish denn wirklich weiter ausbreiten, wenn sie nicht von einem säkularen Rechtsstaat und einer wirtschaftlich erfolgreichen, kinderärmeren Gesellschaft umgeben wären? Gehört zum Erfolg dieser Glaubenstradition also nicht zwingend auch eine Umgebung des Anders- und Nichtglaubens?

Immer wieder wird im englischen Sprachraum auch ein Satz von mir (aus dieser Publikation) zitiert: Evolutionisten bringen weit mehr wissenschaftliche Argumente hervor, aber Religiöse weit mehr Kinder.

Zur empirischen Haltbarkeit dieses Satzes stehe ich nach wie vor. Allerdings möchte ich gerne weiter fragen: Könnten die Religiösen denn weiterhin mehr Kindern das Leben schenken, wenn nicht auch Anders- und Nichtglaubende an den wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und medizinischen Grundlagen dafür gearbeitet hätten? Und hätten religiöse Traditionen überhaupt soviel adaptives Potential erschließen können, wenn sie nicht auch durch Unglauben und Kritik immer wieder herausgefordert worden wären? Wenn auch Psychologen inzwischen anerkennen, dass Religion kognitiv “natürlicher” sei als Atheismus – ist dann dieser vielleicht gerade auch als kulturelle Errungenschaft zu würdigen? Lässt sich – wie MSS oben schrieb – auch der Nutzen des Unglaubens empirisch aufzeigen?

Plädoyer für eine interdisziplinäre Erforschung des Unglaubens

Sehr gerne würde ich in den kommenden Jahren in diesem Bereich forschen. Allerdings mangelt es bisher am Unverzichtbarsten dazu: An Kolleginnen und Kollegen für Austausch, empirische Erhebungen und auch kritisch-konstruktive Debatten. So scheint es mir gar noch an geeigneten Begriffen – inklusive der evolutionären Fitness über den Fortpflanzungserfolg hinaus – zu fehlen. Während ich im deutschsprachigen Raum immerhin schon einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rund um die Evolution der Religion benennen könnte und deren Zahl weiter wächst, fiele mir zur (evolutionären & empirischen) Forschung zur Evolution des Unglaubens noch kein einziger Name, keine Tagung und ein einziger, empirisch ausgerichteter Sammelband (“Ohne Gott leben” von Sebastian Murken, 2008) ein.

Also möchte ich mich mit diesem Blogpost auf die Suche machen. Es wäre doch eine tolle Sache, wenn es gelänge, auch im deutschsprachigen Raum ein Netzwerk, eine Tagung o.ä. zur Erforschung des Unglaubens auf die Beine zu stellen. Über Hinweise im Kommentarbereich oder auch Kontaktaufnahmen via Homepage würde ich mich sehr freuen!

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

52 Kommentare

  1. Beispiel Buddha @Michael Blume

    Da hast Du Dir wirklich ein interessantes Forschungsthema ausgesucht. Im Unglauben könnte man auch wirklich einige Vorteile für die Menschheit sehen, besonders in Bezug auf ein friedlicheres Zusammenleben. Wobei bestimmten Gläubigen in der Regel nicht ihr bloßer Glaube vorgeworfen wird, sondern die Gewalt und Intoleranz mit der sie ihn vertreten und versuchen weiterzuverbreiten.

    Menschen die den Glauben an Gott ablehnten gibt es auch nicht erst seit heute. Schon Buddha klammerte das Thema aus, weil er meinte, dass es nur böses Blut schüren würde, wenn man an Dinge glauben müsse, die sich nicht beweisen ließen. Buddha entwickelte deshalb eine Lehre, die Anleitungen gibt, wie die Menschen leben sollen ohne sich selbst oder anderen zu schaden. Bei seiner Verbreitung traf Buddhas Lehre natürlich auch auf ältere Religionen, die von den Buddhisten aber akzeptiert wurden und so hat man vielerorts den, für viele oft unverständlichen, Synkretismus, wenn sich der Buddhismus mit einer anderen Religion vereinigt. Wahrscheinlich gibt es den Buddhismus in reiner Form gar nicht, weil Buddhas Lehre von einer universellen Offenheit ausgeht. Die Menschen sollen sich geistig weiterentwickeln, denn nicht das aufgesetzte Dogma ist die Wahrheit, sondern die Weisheit die man aus der Erkenntnis gewinnt.

  2. Unglauben ist keiner

    Es sollte nicht vergessen werden, dass das Leben abseits religiöser Praxis nicht durch Unglauben dominiert wird, sondern ähnlich viel geglaubt werden muß. Das fängt für jeden schon früh in er Schule an – oder eben noch früher. Ich muß dem Lehrer seine Aussagen glauben…kann sie nicht überprüfen – geschweige denn überhaupt eine Idee von der Möglichkeit der kritischen Bertachtung zu haben.

    Das also der Atheist “ungläubig” sei, ist ein Irrtum. Und Unglauben würde ich mal sagen…. ist nur schwer zu realisieren.

  3. @chris glaube ..

    “glaube” wie “für wahr halten” und
    “glaube” wie “nicht hinterfragen einfach vertrauen”

    ist nicht dasselbe.

    Natürlich muss man vieles glauben, aber man sollte alles ggf. hinterfragen _wollen_ und _dürfen_.

    Das ist bei religiösem “Glauben” in der Regel gerade nicht der Fall und wird von den entsprechenden Organisationen auch nicht gefordert oder ggf. drakonisch bestraft.

    Der nicht-religiöse Glaube ist “Neugier”, “wissenschaftliches Denken” etc. sozusagen die Triebfeder für Fortschritt.

  4. @ einer @chris glaube ..
    10.05.2012, 12:04

    “glaube” wie “für wahr halten” und
    “glaube” wie “nicht hinterfragen einfach vertrauen”

    -> Es ist doch das selbe. Es unterscheidet sich erst, wenn ich kritisch hinterfragt habe und sich eine Differenz dabei herrausstellt.

    Und religiöser Glaube war auch Triebfeder für Fortschritt. Er hat in seiner Entwicklung und Ausbreitung erst der Wissenschaft und seiner Entwicklung über Grenzen hinweg den Weg bereitet. Ich mutmaße hier jetzt, dass es ohne die Entstehung der Religion womöglich keine derartige Zivilisationsentwicklungn hätte gegeben, wie wir sie heute uns aus der Geschichte rekonstruieren. Ohne die in der Religion unumstößlichen “Tatsachen” hätte der Mensch sich wohl nicht derart organisieren können, dass nebenher sozusagen die empirischen Wissenschaften sich hätten gescheit entwickeln können.

    Es braucht im Kern des Lebens eines/der Menschen ein verlässliches und strukturiertes Weltbild, damit Organisation überhaupt möglich wird.

    Freilich aber wissen wir heute, dass diese Weltbilder damals auch viel Entwicklung haben verhindert. Aber ein Weltbild ist zwingend notwendig für das Bewusstsein und seine Bandbreite.

  5. @Chris

    Natürlich muss man bestimmte Sachen in der Schule einfach glauben, für diese gibt es in der Regel aber zumindest eine plausible Erklärung. M.E. muss man auch ein gewisses Vertrauen in die Welt und zu den Menschen haben, sonst würde man ja verrückt werden. in dieser Diskussion geht es aber eher um Ungläubige aus religiöser Sicht.
    Siehe dazu auch: http://www.zeit.de/2007/13/Unglaube-Kasten

  6. Eine Frage der Definition

    Zwar geht es um Unglaube in religiöser Sicht, doch scheint mir die Definion zu eng:

    Aus meiner Sicht ist Glaube universell. Und auch Unglaube ist insofern ein Glaube, aber eben nicht an eine offizielle Religion. Obgleich ja auch die Religionen nicht immer offiziell waren und sich mit ihren Gesellschaften entwickelt haben – und gerade da liegt aus meiner Sicht das Bindeglied: Glaube (in diesem weiten Sinn) ist der Kitt einer Gesellschaft, jene sinnstiftende Einheit von und für eine Gruppe von Menschen. Wobei das jeweils erfolgreichere Modell auch von der Umwelt abhängt, Umwelt zu der natürlich auch die anderen Glaubensgemeinschaften gehören.

    Insofern ist die Vermehrung ein Vorteil, soweit die schiere Menge der Gruppe vorteilhaft ist. In entwickelten Volkswirtschaften gilt das aber nicht mehr unbedingt. Dann werden andere Modelle sinnvoller und können auch mehr Menschen überzeugen. Max Weber hat ja insofern dargelegt, dass der Protestantismus ein entscheidender Schub hin zur Arbeit war und damit gerade in Regionen mit karger, kalter Natur einen Vorteil bot. Aber auch die Idee der französischen Revolution könnte man insofern als recht erfolgreichen Glauben bezeichnen – jedenfalls in Frankreich kommt diesem Aspekt als Bindeglied weit mehr Bedeutung zu als dem Katholizismus (und auch der dortige relative Kinderreichtum geht eher auf die Republik zurück). Und wenn man sich in den letzten zwanzig Jahren so umschaut, dann kommt dem Kapitalismus wohl andernorts quasi die Stellung eines Glaubens zu, des Glaubens ans alles erfüllende Geld. Ich glaube Deutschmann hat mal geschrieben, dass die Banken die Kathedralen des Geldes seien (Vmtl in Christoph Deutschmann, Die Verheißung des absoluten Reichtums: zur religiösen Natur des Kapitalismus).

    Ich finde Ihren Ansatz daher sehr interessant, aber vielleicht könnte man ihm um die anderen Formen des Glaubens erweitern? Das Hauptproblem scheint mir zu sein, wie man Selektionsvorteile definiert. Sie haben das implizit mit Fortpflanzungserfolg gemacht, aber schon das scheint mir problematisch (unabhängig davon, ob die Geburtenrate denn nicht wenigstens um die Sterberate im Kindesalter korrigiert werden müsste). Die Amish etwa schotten sich komplett ab – da hilft die Religion weiterhin als einziges Merkmal des Selektionsvorteils. Aber sobald eine Glaubensgemeinschaft offen ist, scheint mir das weniger zwingend: Dann orientieren sich die Mitglieder doch zumindest auch an den Werten der größeren Gemeinschaft in der sie leben. Und wenn es nicht mehr (nur) die eigenen Kinder sind, die den Wohlstand erwirtschaften, dann braucht es derer nicht gleichermaßen viele. Ja vielleicht ist teilweise sogar eine Geburtenrate unter der Erhaltungsgrenze sinnvoll, gerade wenn man an die ökologischen Folgen denkt und dazu gibt es ja auch die neue “Religion” der Wachtstumsrücknahme.

  7. Statistische Bemerkung

    “…Immerhin gibt es in Deutschland mittlerweile mehr Konfessionsfreie als Katholiken oder Protestanten….”

    Wikipedia[“Religionen in Deutschland”, 10.5.2012, 14:25]: Konfessionslos: 37,2%, Römisch-Katholisch: 29,2%, Evangelische Landeskirchen: 29,3%.

    Ich möchte Herrn Schmidt-Salomon keineswegs an den Karren der guten Absicht fahren, bin aber doch enttäuscht wie er durch ein geschickt gesetztes “oder” den Eindruck erweckt, der Anteil der Konfessionsfreien in Deutschland sei höher als der der Konfessionsgebundenen.

  8. Fakt ist aber, dass sich viele Kinder religiöser Eltern aus Vernunftgründen von ihrem Herkunftsglauben verabschieden.

    Ach, ist das so? Für mich das ist nur wieder einer der typischen Behauptungen von Schmidt-Salomon. Viele Kinder im Osten beispielsweise hatten gar nicht die Möglichkeit sich gegen das Christentum zu entscheiden. Die haben es gar nicht kennengelernt.
    Und ich kenne sehr viele gute vernünftige Gründen für den Glauben.

    Auch wenn ich mir hier den Kommentar von einer durchlese.

    Natürlich muss man vieles glauben, aber man sollte alles ggf. hinterfragen _wollen_ und _dürfen_.

    Das ist bei religiösem “Glauben” in der Regel gerade nicht der Fall und wird von den entsprechenden Organisationen auch nicht gefordert oder ggf. drakonisch bestraft.

    Zweifel gehören zum Glaubensleben dazu. Glaube wird auch geprüft. Ich als Christ weiß auch nicht, wer mich womit bestraft (auch noch drakonisch) haben sollte, als ich hinterfragte.

    Daß man von so vielen Atheisten als dämlicher gefühlsduseliger Typ hingestellt werden will. Naja, irgendwas braucht ja der Mensch, irgendeinen “Untermenschen”, um sich daran hochzuziehen und sich besser zu fühlen. So gesehen tue ich ja einigen Menschen viel Gutes allein schon durch meine Präsenz. Da kann man mal sehen, wie wichtig Christen für die Gesellschaft sind. 😀

    Naja, eigentlich geht es hier bei diesem Blogbeitrag um etwas anderes.

  9. Buddhismus

    Die Philosophie des Buddhismus in seiner Urform wäre ein typischer ´Unglaube´.
    (Allerdings ist der Buddhismus in der Realität mit vielen ortsüblichen Brauchtümern und Kulten verschmolzen.)

  10. Wir glauben alle

    @Volker Homann
    Wenn man die Zahlen aber darauf zurückführt, wer wirklich glaubt (siehe Link von Mona), dann ergibt sich ein ganz anderes Bild: 61,6 % Ungläubige; 19,5 % Römisch-Katholisch; 14,7 % Evangelische Landeskirchen – und dann stimmt die Ansicht von Herrn Schmidt-Salomon wieder (ohne dass ich diese damit rechtfertigen wollte)…

    @Martin Huhn & @einer
    Sind die Gründe denn entscheidend? Und kommt es auf das Vorhandensein oder die Zulässigkeit von Zweifeln überhaupt an?

    Letztlich hängt doch alles mit der Mächtigkeit des jeweiligen Glaubens zusammen. Je mächtiger ein Glaube ist, desto weniger wird er hinterfragt, desto weniger Gründe muss er liefern und desto weniger muss seine Kirche strafen. Und insofern ist das alternativlose Aufleben mit einem Glauben natürlich ein gewichtiges Machtfaktum, denn warum sollte er diesen hinterfragen, wenn er ihn doch immer begleitet hat und auch die erlittenen Nachteile erklären konnte? Spätestens wenn man zur Gewalt greifen muss, dann ist die Macht (auch die eines Glaubens) doch immer schon schwach (siehe Han, Was ist Macht?). Ja selbst wer in Begründungszwang gelangt, der ist nicht mehr gleichermaßen mächtig.

    Insofern nehmen auch Sozialismus/Stalinismus, liberaler/sozialer Kapitalismus oder die Republik die Form des Glaubens an, wenn sie es denn sind die den Menschen in erster Linie sinnstiftend erscheinen, wenn sie deren Probleme adequat lösen – ggf. auch weil sie damit aufgewachsen sind, also entsprechend sozialisiert wurden. Und wenn sie deren Prinzipien folgen, ob nun ohne oder mit Zweifel, ob ohne oder mit potentieller Gewalt.

  11. @ Noït Atiga Wir glauben alle …

    … an Zahlen.

    Nicht jeder Konfessionslose und auch nicht jeder, der sich nicht zu Gott bekennt, ist ein Ungläubiger. (Womit ich Michael Schmidt-Salomons Formulierung weder rechtfertigen noch widerlegen möchte)

  12. @Joker

    Weder … noch – Schöne Bemerkung, ganz allgemein gesehen. “Glaube” scheint recht vielfältig “definiert” worden zu sein. Da lässt sich wohl jedwede Statistik erstellen… und denen soll man ja nur glauben, wenn man sie selbst erstellt hat, sagt man.

    “Glauben(Nomen)/glauben(Verb)” scheinen wohl beide da anzufangen, wo “Weder … [z.B. beweisbar] noch … [z.B. wiederlegbar]” beginnt zu greifen.

  13. Diese Forschung ist mir wichtig

    Anders als es hier scheinbar ankommt – denke ich über diese Fragen schon recht lange nach, aus sehr persönlichen wie auch aus wissenschaftlichen Gründen. Daher hier eine vielleicht noch pointiertere Fundierung meiner Gedanken, auch weil sie traditionell nicht ins Raster passen.

    Demnach entsteht der Glauben an überempirische Akteure (nach McCauley: supernatural oder kontraintuitive CI-agents) durch die Kombination menschlicher Kognitionen etwa bei der Überwahrnehmung von Wesenheiten (Hyper-Agency Detection, HAD), der auch empathisch-emotionalen Mentalisierung (Theory of Mind, TOM) und des entsprechenden Verhaltens (wie Reputation Management). So entstünden aus natürlich-angeborenen Veranlagungen immer wieder Mythen und Rituale “populärer Religiosität” (popular religion).
    Aus: Warum Religion natürlich ist und Wissenschaft nicht…

    Was ist denn dann der Markt anderes als eine ebensolche Religion? Was anderes als jener übernatürliche Akteur, dem all das zugetraut wird, was der einzelne Marktteilnehmer nicht kann? Was sind denn die prinzipiellen Unterschiede in den Rechtfertigungen von Gelingen oder Misslingen? Was in den Vorschriften an die Gläubigen?

    Der Markt belohnt die Erfolgreichen. Er fordert: Sei erfolgreich, sei Unternehmer. Wenn Du unternehmer bist, wenn Du mir nützliche Qualifikaitonen erwirbst, dann bist du gut. Wenn du gut bist, dann werde ICH Dich erhören. Wenn ICH Dich erhöre, dann hast Du keine Sorgen mehr. Dann schwimmst Du im Geld.

    Und dieser Glaube durchzieht mittlerweile nicht einmal mehr nur Individuen oder Unternehmen, sondern auch Staaten. Er ist damit weit erfolgreicher als alle bisherigen Religionen (zumindest heute). Denn welche klassische Religion könnte sich noch als Weltreligion bezeichnen – der Markt kann es (noch).

  14. Interessantes Thema

    Ich glaube, wie Sie schon sagten, hier gibt es Wechselwirkungen. Nehmen wir die Old Order Amish mal her. Könnten diese überhaupt soviele Kinder kriegen, die auch das Erwachsenenalter erreichen, wenn sie nicht auch auf gewisse Erkenntnisse (bspw. medizinischer Natur) und auf die ihnen umgebende Infrastruktur, ja den Staat insgesamt und alles was damit zusammenhängt, in bestimmten Bereichen zurückgreifen könnten? Sie leben zwar abgeschottet, aber nicht völlig. Das hab ich mir auch gedacht, als ich von ultraorthodoxen Juden hörte, die eigene Handys haben, die in gewisser Weise eingeschränkt sind und bspw. nur bestimmte Personengruppen erreicht werden können. Dh., man bedient sich durchaus auch Mittel aus der modernen, säkularen, wissenschaftlichen und tlw. atheistischen Welt, passt diese aber an, um diese zweckmäßig für die eigene Gruppe zu optimieren.
    Was ich damit sagen will, ist, wie würden wohl diese religiösen Gemeinschaften leben, wären diese auf einer einsamen Insel ausgesetzt und hätten von der Moderne und alles was damit zusammenhängt nie etwas gehört und gesehen. Ich glaube, im Laufe der Zeit würden sich aus dieser Gruppe selbst heraus Entwicklungen ergeben, die zu Fragen, Infragestellen, Erkenntnisfortschritte usw., führen würde. Wahrscheinlich, aber wohl auch nicht immer?

  15. Forschung zu Religiosität in der “Modern

    Weil Anthropologen von Evolutionstheorien (im Bezug auf Sozialstrukturen und Kultur und Glauben ect.) traditionell nichts halten ist es ihnen möglich offen nach Religionspraktiken und Glaubensüberzeugungen zu forschen. Entgegen dem auch scheinbar hier vertretenen Klischee, mit der Moderene oder Postmoderne sei das Glauben wissenschaftlich abgeschafft, liefern empirische Befunde in den Kultur- und Sozialwissenschaften ganz andere Beweise. So boomt in Asien mit der “Moderne” auch die Religiosität. Wer jetzt behauptet “dia Asiaten seien noch nicht so weit wie wir” ist kläglich an einer Kolonialgeschichte hängen geblieben die so “irrational” engstirnig ist, wie es die Kreuzzüge waren.

    Das Beispiel eines vorbildlichen Forschungsprojektes… vorbildlich deswegen weil es nicht versucht etwas zu beweisen was sich eine Wissenschaftsgemeinschaft wünscht und erträumt beweisen zu können, sondern weil es sensibel und offen auf zu beobachtende Entwicklungen reagiert.

    http://www.dorisea.de

    “Das komplexe Neben- und Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen ist in Südostasien besonders ausgeprägt. Religionen entwickeln hier eine besondere Dynamik und gestalten Modernisierungsvorgänge ganz wesentlich. Zu beobachten ist nicht das Schwinden von Religion, sondern ihre Intensivierung. Die Forschungen des Kompetenznetzes konzentrieren sich auf drei Dimensionen religiöser Dynamiken: Praktiken des Religiösen, Politisierung von Religion und Kollisionen moralischer Ordnungen.”

  16. DieUngläubigen sind die wahren Gläubigen

    , denn sie glauben an den Menschen und nehmen dafür in Kauf von den sich gläubig fühlenden Häretiker genannt zu werden.

    Das Gute kommt von oben, das Schlechte von Unten – unten wo Luzifer oder die wilde Natur herrscht – das sagen die Gläubigen.

    Das was von oben kommt, kommt von denenen die euch beherrschen und kontrollieren wollen – das sagen die Ungläubigen, womit ich die meine, die an den Menschen glauben. Das was von unten kommt, das kommt von eurem Herzen und von euren Bedürfnissen, auch wenn die Gläubigen behaupten es komme von Luzifer.

    Ungläubige Menschen, die ihr andere Menschen und das Menschsein liebt, lasst euch nicht beeindrucken vom Atompilz der Gläubigen-Populationsexplosion!

    Auch viele Gläubige werden später von ihrem Glauben abfallen und Menschen werden – Menschen genau wie ihr.

  17. “Evolution des Unglaubens”

    Der “Unglaube” durfte wohl nur langsam entstehen, als sich etwa mit der industriellen Revolution im Kern andere Sozialstrukturen und Existenzmöglichkeiten herausbildeten/bilden konnten. Vorher war religiöser Unglaube einfach nicht vorgesehen und wurde aus Mangel an Visionen geächtet und verachtet – die Ungläubigen also diskrimminiert und ausgestoßen.
    Und innerhalb der veränderungen muß sich m.E. dann auch ein Ersatz zum religiösen Glauben befinden – eine Ersatzfunktion. Geld und Wirtschaft etwa oder die Konsumidee. Es muß den Alltag der Menschen im Kern bestimmend strukturieren und einen Grund zur aktiven Existenz verfügbar machen.

    Man ist versucht zu erklären, es wurde das Leben ohne Religion und Glauben “erkämpft”, erstritten und zielstrebig verfolgt (vom Einzelnen). Aber dem scheint nicht so zu sein. In der neuen Lebenssituation scheint der religiöse Glauben zur der Zeit des Umbruchs eher hinderlich gewesen zu sein, sodass er einfach weggelassen wurde oder eben ausgetauscht durch die neue Leitstruktur.

  18. Wir sind alle Ungläubige

    Sind wir nicht alle Ungläubige, zumindest was die anderen religiösen Glaubensinhalte angeht.

    Welcher Erwachsene glaubt denn an die über-empirischen Akteure, wie den Osterhasen oder den Weihnachtsmann? Welcher Katholik glaubt an Odin oder Thor?
    Jeder Gläubige weiß doch, welche Inhalte er als Mumpitz ablehnt. Wir sind alle Ungläubige, was die anderen Millionen von Religionen angeht.

    Insofern ist die Erforschung von „Unglauben“ ein Feld, zu dem alle etwas beisteuern können. Diese Forschung hat bereits lange Tradition in der Theologie und Missionarsausbildung.

  19. Unglaube vs. Glaube

    Plädoyer für eine interdisziplinäre Erforschung des Unglaubens

    Kann man machen, aber der Unglaube ist erst einmal der fehlende Glaube (der oft einer näheren Beschäftigung mit einer bestimmten Glaubensform folgt, aber nicht muss).

    Atheismus oder Liberalismus beispielsweise wären Glaube (oder: “Glaube”). Da könnte man ran, tut man ja auch, manche erkennen bspw. im Liberalismus ‘kulturellen Rassismus’, also ein wenig wird da schon geforscht (wenn man jene Forschung ernst nehmen möchte). Der Atheismus (im Sinne eines Antitheismus) ist dagegen philosophisch höchst angreifbar.

    Tja, ansonsten, bei bloßem Nichtglauben, gäbe es da viel zu forschen? – Oder wäre das eher was für ‘Psychologen, die inzwischen anerkennen, dass Religion kognitiv “natürlicher” sei als Atheismus’? Für diejenigen, die meinen, dass das Nichtvorliegen eines bestimmten Sachverhalts wissenschaftlich näher bestimmbar ist?

    MFG
    Dr. Webbaer

  20. @Mona

    Natürlich muss man bestimmte Sachen in der Schule einfach glauben, für diese gibt es in der Regel aber zumindest eine plausible Erklärung. M.E. muss man auch ein gewisses Vertrauen in die Welt und zu den Menschen haben, sonst würde man ja verrückt werden (…)

    Ein wichtiger Punkt dieses Vertrauen! – Aber ist es Glaube, wird in den Bildungssystemen wirklich der Glaube im Sinne von Vertrauen vermittelt oder nicht doch eher der (gerne auch: richtig verstandene) Skeptizismus?

    Die Moderne Wissenschaftlichkeit, also die Naturwissenschaften, arbeiten nicht (mehr, die Verifikation und entsprechendes Bemühen haben ein Ende gefunden) mit Glaubenskonzepten sondern versuchen angemessene Theoretisierung zu konstruieren – und diese, gerne bspw. auch sog. Naturgesetze, als Provisorien zu behandeln.

    Der Unglaube als Antiglaube ist sicherlich erforschbar, nicht aber Konzepte wie die oben Genannten. Jedenfalls ganz sicher nicht mit den Mitteln der Religionswissenschaften.

    MFG
    Dr. Webbaer

  21. Unglauben? – Glauben?

    Ich glaube nicht, dass das so richtig ist und vergleiche: Unkraut – Kraut. Eigentlich verkörpert die Silbe „Un-“ eher eine negative Besetzung: Unmoral, Unsinn… Pauschal bezeichnen manchmal Muslime alle nicht Muslime als Ungläubige – das ist mehr als eine glatte Lüge. Dabei vergessen sie im einfachsten Fall die Verwandtschaft der Religionen, die u. a. Jesus in ihrer Schrift haben.
    Atheist – Theist scheint mir da eindeutig, http://de.wikipedia.org/wiki/Atheismus bringt auch „Antitheismus“.

    Um die Menschen zum Glauben zu bringen und zu halten ist ein hoher Aufwand notwendig, der dann auch zeitweise ein Selbstläufer sein kann. Als in Jugoslawien Muslime und Christen heirateten – gab es keine Probleme. Zum Ende des Staates, als man versuchte den Leuten die „wahre“ Religion zu erklären, kam es zum Gau und die Ehepartner wurden sogar Feinde durch ihren Glauben. Da geht selbst das Anliegen der Religion baden…
    Es geht im Endergebnis um Macht, das ist auch im Irak zwischen Sunniten und Schiiten so. Religionskriege gibt es auch nicht – es sind einfach Machtkämpfe!

  22. @Deistung: Glaube: wir versus ihr

    Ein Glaubensbekenntnis macht alle anderen zu Ungläubigen. Je “wörtlicher” man einen Glauben nehmen muss, desto stärker die Abgrenzung gegen die Ungläubigen. Moslems glauben mehrheitlich, dass jedes Wort im Koran ohne grossen Interpretationsbedarf geglaubt werden muss. Deshalb gibt es im Islam wenig Raum für “Abweichler” und wer vom Glauben abfällt verdient und bekommt die Todesstrafe – auch heute noch im Iran und in Afghanistan. Andere islamische Länder haben Personen, die zum Christentum übertraten auch schon in psychiatrischen Anstalten versorgt. Der Koran selbst fordert die Todesstrafe zwar nicht, er propehzeit den Apostaten nur ewige Verdammnis. Der Fatwa-Ausschuss der Azhar (Aegypten) hat dageben 1978 die Tötung von Apostaten gefordert.

    Es geht bei den monotheistischen Religionen, bei Islam und Christentum und warhscheinlich auch Judentum, wie sie richtig schreiben
    (Zitat)
    im Endergebnis um Macht, das ist auch im Irak zwischen Sunniten und Schiiten so. Religionskriege gibt es auch nicht – es sind einfach Machtkämpfe!

    Starke Macht üben natürlich Todesdrohungen aus. Deshalb genügt dem praktizierten Islam nicht die Verdammnis erst im Jenseits. Es muss die Verdammnis und der Tod im Diesseits sein.

  23. @Klaus Deistung

    Der meiste Unglaube ist halt Antiglaube.

    Aber den “agnostischen” und in der Modernen Wissenschaftlichkeit mittlerweile konsensuell geübten Unglauben gibt es auch, der ist nicht wie angestrebt fassbar.

    Auch der Unglaube per Unkenntnis ist nicht fassbar. – Vielleicht wäre dieser Schreiber bspw. vom Hinduismus ganz begeistert, allein!, er kennt ihn nicht.

    MFG
    Dr. Webbaer (dem der Islam und einige Konzepte desselben hier auch immer auf der Zunge liegen, aber der zum Artikel keinen Zusammenhang sieht – wenn nicht das ganz große META bedient werden soll, auch das ginge natürlich irgendwie, vielleicht wird hier ja irgendwie vorgebaut, wer weiß das schon)

  24. Skeptizismus

    Weil dieser Begriff im Artikel nicht auftauchte und auch nur einmal in der Kommentatorik vorkam, aber verdient hervorgehoben zu werden:

    SKEPTIZISMUS

    Eigentlich könnte dieser Begriff bzw. das zugrunde liegende Konzept die meisten Fragen beantworten, die im Artikel gestellt worden sind.

    Prognosis:
    Eine Beforschung des Skeptizismus aus einer sozialwissenschaftlich-religionswissenschaftlichen Ecke heraus wird ungünstig ausfallen.

    HTH
    Dr. Webbaer

  25. @ Michael Blume: Unglaublich

    @Webbaer schrieb:

    “SKEPTIZISMUS
    Eigentlich könnte dieser Begriff bzw. das zugrunde liegende Konzept die meisten Fragen beantworten, die im Artikel gestellt worden sind.”

    Michael, du siehst, es gibt anscheinend nichts zu erforschen über den Unglauben. Wir wissen bereits alles; oder glauben alles zu wissen; oder glauben alles; oder wissen, dass wir alle glauben. Dabei bleibt die Frage, was nutzt es?

    Ganz ungläubig,
    Joker

    PS. @Noït Atiga

    Der Glaube an den Markt verspricht ein glückliches Leben vor dem Tod, der Glaube an übersinnliche Wesen verspricht eines nach dem Tod.

  26. @Holzherr – Glaube an den Menschen

    Auch ich glaube an diesen Glauben an den Menschen.

    Allerdings setzt dieser Glaube eine lange und intensive Auseinandersetzung mit den Menschen voraus. Insofern haben die Psychologen recht, die behaupten Glaube sei natürlicher als Unglaube: Wir Menschen suchen Erklärungen für alles, was wir erleben. Und die leichteste Erklärung ist nun einmal der Glaube an eine (oder mehrere) übernatürliche Entität(en), an einen Gott (oder mehrere Götter). Wie dieses Übernatürliche konkret gestaltet ist, das ist eine Frage der Erfahrung – und zwar sowohl der unbewusst kindlichen als auch der bewusst erwachsenen, und denen dazwischen.

    Aber welche und wieviele Menschen können (heute) wirklich alle Gebiete des Lebens hinterfragen? Und hilft dazu wirklich die gewöhnliche Schule – wenn sie wie heute üblich doch eher dem Abfragen von Gelerntem dient? Und kann unsere heutige Wissenschaft dem wirklich abhelfen? Sind wir nicht gerade ob der immer größeren Spezialisierung und des durch das Peer rewiew erzeugten Druckes zunehmend auf Glauben angewiesen – auf Glauben an die “Entdeckungen” anderer? Wird derart denn nicht implizit auch ein gewisser Glaube gefordert?

    Ist es nicht doch so, wie schon geschrieben, dass es überall nur um Macht geht? Wobei Macht keineswegs mit Gewalt gleichzusetzen ist – denn die größte Macht ist doch die ohne jede Gewalt, die wo der Mächtige es versteht, seine Ansichten den Anderen als deren Ansichten erscheinen zu lassen.

    Aber kann der Skeptizismus – wie von Dr. Webbaer vorgeschlagen – wirklich die Lösung sein. Kann denn der Zweifel wirklich eine Gesellschaft vereinen? Ich meine nicht, und ziehe den Glauben an den Menschen vor – denn der Glaube an den Menschen ermöglicht eine Gesellschaft, die mit den existierenden Strukturen als vom Menschen geschaffene beginnt. Eine Gesellschaft, die von allen ihren Mitgliedern als Provisorium gesehen werden – als Fluss im Fließen. Und gemäß dieser Anlehnung an Wittgenstein können wir als Menschen nicht alles auf einmal in Frage stellen – aber alles kann verändert werden. Jedes Dogma ob nun des Glaubens oder Unglaubens erscheint dann als unhaltbar. Einziges Bindeglied ist der Glaube an die Kraft des Menschen, seine Probleme (jedenfalls mit der Zeit) angemessen zu lösen…

  27. @Joker: Markt oder Religon-GlaubensFrage

    Der Glaube an den Markt verspricht ein glückliches Leben vor dem Tod, der Glaube an übersinnliche Wesen verspricht eines nach dem Tod.

    Ja – aber wofür man sich entscheidet hängt erneut vom Glauben ab: an ein Leben nach dem Tod…

    Darum auch ist mir der Glauben an den Menschen der liebste: Glaubt man lebend an ihn, so kann man auch im Tode daran glauben, soweit es dort denn Leben gibt. Und er verhindert die Konstitution von Macht, die doch in fast allen Kirchen auch mit nicht (jedenfalls nicht immer) gerechtfertigten Privilegien einhergeht.

  28. Noït Atiga: Glaube an Menschen als Agens

    Warum der zunehmende Unglaube in der modernen Welt? Weil der Glaube an übersinnliche Akteure doch meist ein Hoffen auf Hilfe von oben/ von aussen ist. Der Glaube an den Menschen ist dagegen der Glaube, dass wir Menschen unser Schicksal selber in die Hand nehmen können. Technik und Wissenschaft beweisen dem modernen Menschen immer wieder, dass wir unsere Welt verstehen und selber gestalten können.

    Es gibt aber auch das Paradox, dass ein Überhandnehmen von Technik selber wieder das Gefühl des Ausgeliefertseins aufkommen lässt. Die Welt wird dann zwar von Menschen gestaltet, nur nicht von einem selbst, sondern von Inhabern der Hohepriesterkaste der Technokraten und Kapitalbesitzer, die ihr Geld arbeiten lassen.

    Dieses Paradox lässt sich wohl nicht völlig auflösen. Wohl am ehesten durch eine Beschränkung der Macht, die einzelnen oder Systemen zufällt. Offensichtlich sind wir auf andere angewiesen, leben in einer arbeitsteiligen Welt. Doch dieses Angewiesensein darf nicht zum Ausgeliefertsein verkommen.

  29. @Holzherr: Dem Ausgeliefertsein begegnen

    Dieses Paradox lässt sich wohl nicht völlig auflösen. Wohl am ehesten durch eine Beschränkung der Macht, die einzelnen oder Systemen zufällt. Offensichtlich sind wir auf andere angewiesen, leben in einer arbeitsteiligen Welt. Doch dieses Angewiesensein darf nicht zum Ausgeliefertsein verkommen.

    Völlig wohl nicht – doch worauf beruht deise Macht des Einzelnen oder der Systeme? Liegt sie nicht darin, dass man heute vom Fach sein muss, um für voll genommen zu werden? Darin, dass man ohne wissenschaftlichen Abschluss mit seinen Einwänden nicht einmal einer Antwort für Wert befunden wird? Also ließe sich ihm nicht einfach dadurch begegnen, dass alle Einwände (zumindest potentiell) als wertvoll betrachtet würden. Denn warum sollte es (wie heute) wissenschaftlicher Qualifikation bedürfen, um an einer Diskussion teilzuhaben?

    Jeder Einwand ist doch fundiert soweit er nicht auf fehlendem Verständnis beruht. Und das fehlende Verständnis offen zu legen, das sollte doch eigentlich jedem Wissenschaftler ein Leichtes sein, oder? Wenn nicht, dann scheint mir nämlich, dass es unhinterfragte Annahmen gibt – Annahmen, an die zu glauben als Grundvoraussetzung aller Diskussionsbeteiligung angesehen wird. Und der Glaube daran wird in der Wissenschaft ganz leicht dadurch garantiert, dass man im entsprechenden Fach studiert und promoviert haben muss. Und die Zahl derer, die nach 5-10 Jahren (je nach Fachrichtung) den Glauben nicht verinnerlicht haben, die dürfte gering sein…

  30. @Joker

    SKEPTIZISMUS
    Eigentlich könnte dieser Begriff bzw. das zugrunde liegende Konzept die meisten Fragen beantworten, die im Artikel gestellt worden sind. (Dr. Webbaer)

    Michael, du siehst, es gibt anscheinend nichts zu erforschen über den Unglauben. Wir wissen bereits alles; oder glauben alles zu wissen; oder glauben alles; oder wissen, dass wir alle glauben.

    Was hat denn das Geschriebene mit dem Zitierten zu tun?

    Der Skeptizismus rät übrigens keineswegs vom Glauben ab, sondern bildet einen Rahmen in dem geglaubt werden kann (skeptizistische Sicht anlegend selbstverständlich).

    Was Herr Blume hier intoniert hat, ist nicht ganz klar, er wird so jedenfalls nicht ohne Weiteres begründete Skepsis oder Unglaube nicht in die religiöse Ecke packen können.

    MFG
    Dr. Webbaer

  31. @ Martin Holzherr

    Sie haben das sehr gut formuliert und entwickelt. Die heilige Schrift ist oft die eine Seite – was die Religionsführer und die, die es gerne werden möchten daraus machen – ist eigentlich gegen die Menschen gerichtet (die Geschichte ist voll an Beispielen) zur eigenen „Kühlung des Gemütes“. Nur sie nutzen den „Knüppel Gott“!
    Man möchte gern, dass die Menschen glauben, dass sich „Religion von unten entwickelt“. Hier wurde auch mal ein Prof. aus München mit solchen Aussagen im Video eingeführt – dem kann ich absolut nicht folgen. Die Praxis beweist etwas anderes – was nicht so angenehm klingt.

  32. @ Dr. Webbaer

    „Der meiste Unglaube ist halt Antiglaube.“ – ? Was ist dann der Atheismus?
    „Vielleicht wäre dieser Schreiber bspw. vom Hinduismus ganz begeistert, allein!, er kennt ihn nicht.“ – Hier kann ich dem Prinzip zustimmen. Typisch für so etwas – stellvertretend – würde ich hier die Konvertierung zum Buddhismus anführen. Es konvertieren auch welche zum Islam. Warum man keine Konvertierung vom Islam in eine andere Religion zulässt – da haben wir wieder das Machtproblem! Jeder Konvertit ist auf der anderen Seite wieder ein Mitglied weniger – und wenn das Schule macht!? Aus dem gleichen Grund hat wohl der Vatikan das Kondomverbot erlassen!

  33. @Klaus

    „Der meiste Unglaube ist halt Antiglaube.“ – ? Was ist dann der Atheismus?

    Grundsätzlich ist der A(nti)theismus der Glaube daran, dass der Glaube anderer falsch ist, lol. – Die Nicht-Wissenden umgehen dieses Problem indem sie hier indifferent bleiben und schauen und dieses oder jenes gut finden oder auch nicht – oder gar nicht schauen und gar nichts irgendwie finden (was auch gehen müsste).

    Warum man keine Konvertierung vom Islam in eine andere Religion zulässt – da haben wir wieder das Machtproblem!

    Religionen sind soziale Konzepte beachtlicher Bündelungskraft und zivilisationsbildend, oft auch kulturell bestimmend. Der Islam – wenn diese Bemerkung an dieser Stelle erlaubt sein darf – wirkt wie auf dem Reißbrett entworfen, bestimmte Standards setzend, Dynastien unterstützend – und wie die Implementation des Eskalationsprinzips.

    Aus dem gleichen Grund hat wohl der Vatikan das Kondomverbot erlassen!

    Das deckt sich nicht mit dem Kenntnisstand dieses Schreibers, kann aber irgendwie oder indirekt richtig sein.

    Was halt abnervt ist die Idee den “Ungläubigen”, der ja nicht immer eine Gegenmeinung haben muss, sondern agnostisch unterwegs sein kann, vielleicht auch bezogen auf bestimmte Inhalte im Known Unknown oder gar Unknown Unknown schwebt, interdisziplinär zu unterwerfen, so wie den Gnostiker. Der Skeptizismus (die Grundlage Moderner Wissenschaftlichkeit) ist so aber nicht zu packen, btw: Kennen Sie die sogenannte Vorurteilsforschung?

    LG, Wb

  34. @Joker: Glauben & Unglauben

    Ja, da zeigt sich wohl eine echte Ironie: Gerade wir formal Gebildeten glauben (!) allzu schnell, über Glauben und Unglauben Bescheid zu wissen. So versperren wir uns dem Weiterdenken und -forschen. Manchmal denke ich, dagegen sei kaum etwas auszurichten. Dann aber wieder verfolge ich Kommentare und Diskussionen wie diese hier und schöpfe wieder Hoffnung. 🙂

  35. @Blume

    Wenn man überhaupt über etwas Bescheid weiß, dann über Glauben, Wissen oder “Wahrheitswissen”, expliziten Unglauben oder “Antiglauben” und das anthropogene (vs. bärige) Konstrukt, oder?

    Weil all dies nämlich auf Seite des Erkenntnissubjekts stattfindet, also ähnlich wie die Mathematik oder Teile der Physik umfänglich bestimmbar sind.

    Hofft der Webbaer jedenfalls,
    LG
    Dr. Webbaer

  36. Grundsätzliches

    Eigentlich könnten doch die Religionen zufrieden sein, wenn die Menschen glauben. Manchmal frage ich: Worin liegt der Unterschied zwischen der katholischen und evangelischen Bibel, dem Glauben? In Bayern hat man mir mal gesagt – man muss sich abgrenzen…?
    Viele Leute sagen auch „Religionskriege“? – Das hat doch mit Religion nichts zu tun. Da muss ich nicht rein!
    Unglauben – wenn die Religionen ihre Arbeit machen, für die Menschen auch da sind, Seelsorger sind und nicht z. B. zu Selbstmordattentaten aufrufen und sie würdigen – dann kann es eigentlich keinen „Un-“glauben geben!?

  37. Religionen

    Unglauben – wenn die Religionen ihre Arbeit machen, für die Menschen auch da sind, Seelsorger sind und nicht z. B. zu Selbstmordattentaten aufrufen und sie würdigen – dann kann es eigentlich keinen „Un-“glauben geben!?

    … sind eine feine Sache. Die Europäische Aufklärung ist christlich, manche meinen auch jüdisch (Spinoza), grundiert, und glauben tut man sowieso. An den FC Bayern München, an “Jupp”, an die Ehefrau oder die imagesteigernde Funktion der Armbanduhr. Auch die Moderne Wissenschaftlichkeit darf vom Konzept her geglaubt werden (wobei epistemologisch oder die Innenwelt des Erkenntnissubjekts betreffend auch ein wenig mehr möglich wäre ;).

    Insofern wäre alles paletti und Humanisten (oder gar “Humanisten”) könnten mit ihren antireligiösen Einstellungen weggegähnt werden, hier, also in dieser Inhalteinheit, scheint diesbezüglich ein gewisser Konsens gegeben.

    Leider sind Glaubensmengen nicht immer esoterisch und auf ihre natürlichen Biotope bezogen sozusagen gekapselt, sondern drängen auch nach außen, springen einem manchmal auch ins Gesicht. Forderungen, Sonderregelungen und Besserstellungen aller Art können hier angefordert sein, was aber erkennbar nicht in die moderne gesellschaftliche Systematik passt.

    Hier kann man dann reagieren und “eindämmen”. Stattdessen oder additiv dazu den diesbezüglichen Unglauben oder das diesbezügliche Eindämmen zum Forschungsobjekt zu machen, bietet sich nicht direkt an, wie der Schreiber dieser Zeilen findet.

    MFG
    Dr. Webbaer

  38. @ Dr. Webbaer

    „… dass der Glaube anderer falsch ist…“ Kling recht allgemeinverständlich.
    „Der Islam… wirkt wie auf dem Reißbrett entworfen…“ Der Blick „von Außen“ macht manchmal „Dinge“ sichtbar, die den Meisten verborgen bleiben. Mein Koran-Buch, Goldmann, München 3/91 schreibt in der Einführung: „Während dreiundzwanzig Jahren erhielt Mohammed diese Offenbarungen, Allahs „unverfälschtes“ Wort…“ – „Der Koran… „alljährlich von Mohammed und dem Engel Gabriel mit der Urtextfassung im Himmel verglichen wurde“…
    H. v. Glasenapp, Heyne, München 1992 schreibt über Mohammed: „Auf der Höhe des Mannesalters naht sich ihm Gott durch den Propheten Gabriel… Er macht eine wunderbare nächtliche Reise auf einem Wundertier… in den Himmel, wo er mit Gott über die religiösen Verpflichtungen der Gläubigen verhandelt…“
    „Kennen Sie die sogenannte Vorurteilsforschung?“ So gefragt – nein. Vorurteile gibt es eine ganze Menge. Ein Wundertier? – Andere Transportmittel als Pferde kannte man nicht – und so konnte es, Buraq genannt, auch mit Mohammed in den Himmel fliegen, und es gibt weitere Varianten: http://de.wikipedia.org/wiki/Himmelfahrt_Mohammeds es klingt nach Hochtechnologie-Lösung.

  39. @ Noït Atiga

    „Der Glaube an den Markt verspricht ein glückliches Leben vor dem Tod, der Glaube an übersinnliche Wesen verspricht eines nach dem Tod.“ Nun haben wir seit Jahrzehnten die sich mit anfänglich „starkem Gegenwind“ befasste Nahtodforschung (Prof. Kübler-Ross, Dr. Moody…).
    Aus ihr ergibt sich – Leserbewertung Deistung: „Neue Forschungen zur Nahtodes-Erfahrung belegen eindeutig, dass es Himmel und Hölle – so wie sie die Kirche lehrt – nicht gibt.“
    http://www.science-shop.de/…2d-9821-3654a1fae101

  40. Dann

    (…) Leserbewertung Deistung: „Neue Forschungen zur Nahtodes-Erfahrung belegen eindeutig, dass es Himmel und Hölle – so wie sie die Kirche lehrt – nicht gibt.“

    … wäre das zum Glück auch geklärt.

    MFG + GN8
    Dr. Webbaer (der zuvor noch ein wenig Angst hatte in einen ewig währenden Kreislauf aus scheinbarem Sich-Wohlfühlen, Musik von Bob Dylan und gay porn zu geraten)

  41. @ Martin Holzherr

    „Warum der zunehmende Unglaube in der modernen Welt? Weil der Glaube an übersinnliche Akteure doch meist ein Hoffen auf Hilfe von oben/ von aussen ist.“
    Glaube an übersinnliche Akteure – in den Heiligen Schriften treten sie als sprechende und handelnde Personen auf. Koran Einführung, Kampf bei Bedr im März 624: „Gegen bedeutende Übermacht der Mekkaner war dieser Erfolg, ‘mit Hilfe himmlischer Heerscharen’, errungen worden.“
    Jesus in Matthäus 26,53: „Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte? (nach röm. Legionen um 75.000 Mann)
    Auch Ezechiel spricht in der Ich-Form Ez 1, 4-28… Hierzu passt auch wieder der Begriff Vorurteil. http://www.hiddenmysteries.org/…/vol4/ezek.shtml
    Sehr konkret wird es auch in Ez 40,3:
    „Und als er mich dorthin gebracht hatte, siehe, da war ein Mann, der war anzuschauen wie Erz. Er hatte eine leinene Schnur und eine Messrute in seiner Hand und stand unter dem Tor.“
    Für das Buch Mormon siehe z. B. am Ende: https://scilogs.spektrum.de/…-religion-born-in-the-usa Klaus Deistung Hight-Tech Buch Mormon 05.05.2009, 16:18 .

    Sie waren da und haben den Aufbau der Religionen konkret gefördert und beeinflusst! Und so gibt es viele High-Tech-Informationen in den Heiligen Schriften.
    1531 wurde das Bild der Madonna in Guadalupe übergeben – keine irdische Technologie. Es gibt ein Buch, das dieses und viele andere Ereignisse über zwei Jahrtausende schildert: Hierzenberger, G., Nedomansky, O.: Erscheinungen und Botschaften der Gottesmutter Maria. Pattloch, Augsburg 1993
    Manche sehen so etwas auch als eine Form des “Un-“Glaubens… aber es ist High-Tech!
    Diese Akteure haben auch im Gilgamesch Epos konkrete Namen, der Bearbeiter ist Prof. Maul, St. M.: Das Gilgamesch-Epos. Beck, München 2005

  42. Die Überwindung der Religion

    “Der Gebrauch der Vernunft ist für die Menschheit noch zu neu und zu unvollkommen, um die Gesetze des Unbewußten enthüllen zu können und besonders, um es zu ersetzen. Der Anteil des Unbewußten an unseren Handlungen ist ungeheuer und der Anteil der Vernunft sehr klein.”

    Gustave Le Bon (Psychologie der Massen)

    Die Arbeitsteilung erhob den Menschen über den Tierzustand und die Qualität der makroökonomischen Grundordnung bestimmt den Grad der Zivilisiertheit, die der Kulturmensch erreichen kann. Ist die Makroökonomie noch fehlerhaft, bedarf es der Religion (künstliche Programmierung des kollektiv Unbewussten), um diese Fehler aus dem Begriffsvermögen des arbeitenden Volkes auszublenden.

    Die Religion birgt wiederum die Gefahr, sich zu verselbständigen (Cargo-Kult), wenn es niemanden mehr gibt, der ihre wahre Bedeutung noch kennt. Die Fehler der Makroökonomie können dann solange nicht behoben werden, wie der Cargo-Kult andauert, selbt wenn das Wissen längst zur Verfügung steht, um die ideale Makroökonomie und damit allgemeinen Wohlstand und den Weltfrieden zu verwirklichen:

    http://www.deweles.de/…ncel-program-genesis.html

  43. @Stefan Wehmeier: Gebrauch der Vernunft

    Natürlich freue ich mich stets, wenn ein makroökonomisch Erleuchteter diesen Blog besucht. Würdet Ihr mir eine klitzekleine Nachfrage erlauben? Was genau ist denn unter “Vernunft” zu verstehen? Wie lautet Eure Definition, Meister?

  44. @ deweles

    DErWEisheitLEtzterSchluß,

    von welcher anderen Plattform kenne ich Sie? unternimm-die-zukunft? FDP-Forum, Grünes Forum, Piraten Forum?

    Zum Thema:
    Unglaube dürfte immer dann zum Vorteil werden, wenn eine Religion ein regionales Monopol etabliert hat – weil die “kostspieligen Signale” in dem Moment keinen Nutzen mehr bringen, wo sie nicht mehr zur Abgrenzung gegen die Mehrheitsgesellschaft taugen.

    Religionen können wie jedes kulturelle Merkmal nur dann adaptiv sein, wenn es einen Wettbewerb unterschiedlicher Ausprägungen gibt. Dort, wo es keinen Unterschied macht, ob jemand “aus Glauben” an bestimmten Ritualen teilnimmt, oder nur “weil man es halt so macht”, kann eine gesunde Skepsis gegenüber der Tradition helfen, Veränderungen früher als andere wahrzunehmen und sich schneller an diese anzupassen.

    Zudem gibt es in jeder Säugetierpopulation irgendwo “Trittbrettfahrer” und “Abstauber”, die versuchen, ihre Gene durch “unkonventionelle” Verhaltensweisen weiterzugeben – beispielsweise der kleinere Stier, der eben nicht den Leitbullen einer Herde zum Zweikampf fordert, sondern nach Kühen Ausschau hält, denen der Leitbulle gerade den Rücken zudreht.

    Die Möglichkeit, daß das eigene Handeln vielleicht doch nicht von einem allwissenden Gott beurteilt wird, eröffnet eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle, die gerade dort am rentabelsten sind, wo die potentiellen Geschäftspartner am wenigsten damit rechnen, über’s Ohr gehauen und über den Tisch gezogen zu werden.

    Deswegen kann ein Atheist jederzeit Bankchef werden, aber niemals US-Präsident. (-;

  45. Nutzen des Unglaubens: Zum Projekt

    Vielleicht nach diesen vielen tiefschürfenden Gedanken einen eher flachen Feedback zum Aufruf dieses Posts. Ich selbst bin leider kein professioneller Wissenschaftler und potenzieller Mitforscher, aber ein paar Gedanken zum Projekt hätte ich schon.

    Das zu erforschende Phänomen ist am einfachsten im westlichen Kulturraum zu isolieren. Hier ist Glauben = Glauben an Gott und demgemäß Unglauben = nicht Glauben an Gott. Dass es andere, nahe verwandte Phänomene wie den Glauben an den Markt usw. gibt, sollte Gegenstand späterer Forschung sein.

    Das Phänomen ist, ziemlich sicher, im Unterschied zum Glauben oder zur Religiosität, nicht genetisch bedingt, weil zu jung. Seit der Aufklärung sind erst einige hundert Jahre vergangen und in der Fläche ist sie wohl erst seit etwa hundert Jahren durchgeschlagen. Das ist zu kurz ist für eine so grundlegende Veränderung im Genpool der Gesamtbevölkerung.

    Es ist also anzunehmen, dass die Religiosität, die grundsätzliche Neigung zu der kulturellen Ausprägung als Religion, in etwa gleich geblieben ist. Allerdings kommt sie weniger zur Ausprägung.

    Eine unproblematische Ausgangsthese: Die Gründe für diesen Rückgang können eingeteilt werden in abnehmende Vorteile und zunehmende Nachteile, vor allem aber in primäre Auslöser und sekundäre Verstärker. So ist der größte Treiber des Rückgangs sicher zu finden in dem Rückgang einer demensprechenden Sozialisation (das christliche Elternhaus). Dies kann aber kein primärer Auslöser sein, da vor nicht allzu langer Zeit eine solche Sozialisation noch flächendeckend war.

    Für eine solche Untersuchung nach primären/sekundären Faktoren ist eine diachronische Betrachtungsweise unerlässlich. Viele der Auslöser (z.B. die antidemokratische Einheit von Thron und Altar) sind inzwischen (hier mangels Thronen) verschwunden, die von ihnen ausgelöste Dynamik dauert aber an
    .
    Meine Spekulation: Beim Gegenüber von abnehmenden Vorteilen / zunehmenden Nachteilen sind die abnehmenden Vorteile eher im Sozialen, die zunehmenden Nachteile eher im Persönlichen zu finden. Vorteile des Glaubens finden sich eher in einem vom Glauben geprägten Milieu und entfallen bei der Auflösung dieser Milieus durch die gesellschaftliche Dynamik der Jetztzeit. Ein zunehmender Nachteil liegt in den immer höheren kognitiven Kosten, die für die Unterbringung des Glaubens im allgemeinen Weltbild anfallen. (Dass das nicht so sein muss, demonstriere ich im Übrigen gerade auf meinem Blog im Basisdiskurs Religion)

  46. Glaube an “irgendwas anderes als Gott”

    Zunächst einmal möchte ich Eric Djebe dahingehend zustimmen, daß es immer mehr quasi-religiöse Glaubensformen gibt, deren “überempirische Akteure” eher unpersönlich-mechanistischer Natur sind.

    Manch einer glaubt an Meme, die ihre eigene Weiterverbreitung in gleicher Weise steuern wie die empirisch bekannten Gene.

    Manch einer glaubt an morphogenetische Felder, die den eizelnen Zellen sagen, in welche Richtung sie wachsen müssen, damit das Organ die richtige Form bekommt.

    Wieder andere glauben, daß “Mutter Natur / Gaia” unsere Klimasünden bzw. überhaupt unseren westlichen Lebensstil mit einer Klimakatastrophe apokalyptischen Ausmaßes bestrafen wird (siehe hier )

    Ob der Glaube an “den Markt” als Beispiel taugt, bezweifle ich, da “der Markt” nicht ein einzelner überempirischer Akteur ist, sondern aus sehr vielen empirischen Anbietern von Waren (und Dienstleistungen) besteht. Was diese Akteure tun, kann man am besten auf einem Wochenmarkt beobachten: sie bieten Dinge an, die sie produziert haben. D.h., jeder einzelne Anbieter ist zunächst in Vorleistung getreten, hat Arbeit investiert und hofft auf eine Gegenleistung – im Normalfall auf Geld, daß er später bei einem anderen Anbieter zur Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse einzusetzen gedenkt – wiederum in der Hoffnung, dann noch Anbieter vorzufinden, die dieses Geld akzeptieren.

    Diese Bereitschaft, die eigenen Bedürfnisse auf später zu verschieben, in Vorleistung zu treten, und den anderen Marktteilnehmern zu vertrauen, ist eine Grundvoraussetzung für unsere Zivilisation.

    “Überempirisch” wird es erst, wenn Sprüche von der “unsichtbaren Hand” hinzugefügt werden. (Die bei Adam Smith noch eine Metapher war)

  47. @Störk: Markt und Bedürfnisse

    Diese Bereitschaft, die eigenen Bedürfnisse auf später zu verschieben [gemeint ist wohl die Befriedigung der Bedürfnisse], in Vorleistung zu treten, und den anderen Marktteilnehmern zu vertrauen, ist eine Grundvoraussetzung für unsere Zivilisation.

    Ich möchte es Ihnen ermöglichen, die Grundvoraussetzungen unserer Zivilisation durch Konsumverzicht zu stärken. Bitte überweisen Sie zu diesem Zweck einen Betrag Ihrer Wahl (je höher desto besser) auf mein Konto. Ich garantiere Ihnen, dass ich eine mögliche für Sie bedürfnisbefriedigende Wirkung Ihres Geldbetrages brutalstmöglich verzögern werde. Vertrauen Sie mir!

  48. @AnoNym

    ich habe soeben für Sie ein Konto eröffnet, und diesem Konto 9876,50 Ostfriesische Kopeken gutgeschrieben.

    Ich vertraue darauf, irgendwann einmal von Ihnen eine angemessene Gegenleistung zu bekommen!

  49. @ Michael Blume

    Zum Blog-Thema „Der Nutzen des Unglaubens – Wer forscht mit?“ kann ich Ihnen ein Kapitel unter dem Arbeitstitel: „Hochtechnologie-Informationen in den Heiligen Schriften“ anbieten.

  50. @Djebe&Blume: Zum Projekt Weiterdenken

    Das zu erforschende Phänomen ist am einfachsten im westlichen Kulturraum zu isolieren. Hier ist Glauben = Glauben an Gott und demgemäß Unglauben = nicht Glauben an Gott. Dass es andere, nahe verwandte Phänomene wie den Glauben an den Markt usw. gibt, sollte Gegenstand späterer Forschung sein.

    Das Phänomen ist, ziemlich sicher, im Unterschied zum Glauben oder zur Religiosität, nicht genetisch bedingt, weil zu jung. Seit der Aufklärung sind erst einige hundert Jahre vergangen und in der Fläche ist sie wohl erst seit etwa hundert Jahren durchgeschlagen. Das ist zu kurz ist für eine so grundlegende Veränderung im Genpool der Gesamtbevölkerung.

    Die vorgeschlagene Trennung ist zwar einfach, ich bezweifle aber ihre Stimmigkeit und ihr wissenschaftliches Potential. Auch weil das Genpool-Argument aus meiner Sicht keines ist: Im Genpool ist vermutlich nur die Veranlagung zum Glauben an eine überindividuelle Entität angelegt – wie sie später besetzt wird, das ist eine Frage der “primäre[n] Auslöser und sekundäre[n] Verstärker”.

    Dient diese Anlage doch der für unsere Spezies grundlegenden Kooperation. Sie ist insofern eine Weiterentwicklung der sozialen Anlagen, wie sie etwa Sarah Blaffer Hrdy in Mütter und Andere für Kleingruppen darstellt. Allerdings genügt das Einfühlungsvermögen in andere Menschen dann nicht mehr, wenn der Kontakt nicht mehr zu allen Gruppenmitgliedern möglich ist. Dann muss ein Einfühlungsvermögen in abstrakteres Denken her – und das ist unsere Befähigung zum Glauben.

    Ob dieser durch mehrere Götter, einen Gott, die menschliche Vernunft, die unsichtbare Hand des Marktes etc. belegt wird ist letztlich zweitrangig – und wird durch den Abgleich von Glauben und Erfahrung determiniert. Insofern kommt der Sozialisation im Elternhaus zwar große Bedeutung zu, doch höhlt der stete Tropfen anderer Erfahrungen auch diesen Stein auf Dauer aus – wenn nämlich andere Kooperationsformen fruchtbarer scheinen. Daher sind individuelle Glaubenskrisen zwar normal und kein Problem für die Religion, sich generalisierende Glaubenskrisen aber schon.

    Langfristig erfolgreiche Religionen beruhen also einerseits auch darauf, dass sie derartige generalisierte Glaubenskrisen strukturell unterbinden oder zu individuellen Krisen umdeuten – sei es über Rituale oder über Zwang. Den Amisch gelingt das deswegen so gut, weil sie ein alles oder nichts Prinzip haben: der Mensch ist aber nun mal ein Gewohnheitstier und wenig geeignet für einen radikalen Schritt. Ein Amisch muss also in der kurzen Freiheitsphase ausreichende Bindung an einen ganz neuen Glauben aufbauen – und das gelingt nur einem kleinen Teil.
    Ein weiterer Aspekt zur Unterbindung derartiger generalisierter Krisen ist die eingeschränkte Übernahme technischer Entwicklungen aus der Nichtreligion – denn wer aus karger Steinzeitperspektive auf ein modernes Schlaraffenland schaut ist eher zum Übertritt bereit (nicht unbedingt zu grunsätzlichen Fragen). Insofern ist (aus meiner Sicht) die Modernisierung der Nichtgläubigen keine Bedingung für den religiösen Erfolg – sondern umgekehrt wird sie zur Gefahr wenn man sie nicht (wenigstens teilweise) integriert.

    Andererseits müssen erfolgreiche Religionen verhältnismäßig wachsen (zumindest Verluste verhindern) – durch zahlreiche Geburten oder durch Gewinnung neuer Gläubiger. Und jedenfalls letzteres gelingt mit zunehmender Gruppengröße umso leichter, je universeller und einfacher ihre Götterstruktur ist. Mit einem weit verzweigten System von Gottheiten wie die Griechen muss man aufwachsen. Zu Dreieinigkeit kann man schon leichter missionieren. Doch den Marktgott kann man jeden Tag vorführen…

    Und die Verbindung beider Elemente war (neben anderen Gründen) ja auch der Tod des real existierenden Sozialismus: Der Kapitalismus (gerade der deutsche) hat die soziale Sicherung des Sozialismus eingeschränkt implementiert und doch die Allmacht seines Gottes tagtäglich vorgeführt. Dieweil der reale Sozialismus sich gegen Integration abgeschottet hat und ihm nicht einmal nach innen großflächig überzeugende Vorführungen seiner Vorteile gelungen sind. Und dann sind viele aus dem Steinzeitland is scheinbare Schlaraffenlang übergetreten.

    Darum – das Projekt gefällt immer noch, aber vielleicht kann man ja dem Weiterdenken beitreten…

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