Unter Geschiebekundlern 2018

Einmal im Jahr treffen sich die deutschen Geschiebekundler zu ihrer Jahrestagung der Gesellschaft für Geschiebekunde (GfG). Diesmal war es vom 27. bis 29. April und der Ort hieß, wie könnte es passender sein, Raben Steinfeld. Dieser Ort liegt am Schweriner See, und der Name ist tatsächlich Programm. Einst lagen hier viele Findlinge herum. Heute sind die meisten von ihnen allerdings längst im Schweriner Schloss verbaut worden.

Jahrestagung der Gesellschaft für Geschiebekunde

Die 34. Jahrestagung der Gesellschaft für Geschiebekunde in Raben-Steinfeld. Eigenes Foto.

 

Deutsch-deutsche Geschiebekunde

Seit der Wiedervereinigung ist ja schon einige Zeit vergangen, und ich bin erst nach ihr der Gesellschaft für Geschiebekunde beigetreten. In der ehemaligen DDR war die Geschiebekunde relativ gut aufgestellt und weit verbreitet. Das merkte man auch noch bis heute, dass hier im ehemaligen Osten sehr aktive Sammler- und Forschergruppen sind. Von daher war der Rückblick von Dr. W. Zessin und D. Pittermann auf 40 Jahre Geologische Fachgruppe Schwerin auch eine Reise in die jüngste deutsch-deutsche Geschichte.

Landschaftsentwicklung

Der Name Raben Steinfeld suggeriert ja schon einen geologischen Zusammenhang. In wirklich war die Gegend um den Tagungsort früher wegen ihres Steinreichtums berühmt. Oder besser berüchtigt. Die vielen Findlinge, die dem Ort seinen Namen gaben, wurden aber meist abtransportiert und zum Bau des Schweriner Schlosses benutzt. Aber wie sind die Steine hierher gekommen? H.-D. Krienke gab uns einen kurzen Überblick über die Landschaftsentwicklung südöstlich von Schwerin. Raben Steinfeld lag vor 20 000 bis 18 000 Jahren am Rande des skandinavischen Inlandeises. Nun war dieses Eis dort nicht statisch, sondern höchst dynamisch. Die Hügelketten des Frankfurter Vorstoßes und den Pommerschen Maximalvorstoßes dominieren die Landschaft. Daneben haben Schmelzwasserströme tiefe Tunneltäler gegraben, eines von ihnen wird heute vom Schweriner See gefüllt.

Es war die Endmoräne, welche mit ihrem Steinreichtum dem Ort seinen Namen gab. Die Steine wurden um 1850 vom Großherzog von Mecklenburg für den Bau seines Schlosses in Schwerin verwendet. Von dieser Zeit zeugt noch heute eine tiefe Kerbe im Hang. Dies war die Rutsche, auf der die Findlinge in Richtung See transportiert wurden, um sie anschließend zu verschiffen.

Jahrestagung der Gesellschaft für Geschiebekunde

Der Findlingsgarten in Raben-Steinfeld. Eigenes Foto.

Steinreich ist der Ort auch heute noch, selbst wenn ein Großteil damals abtransportiert wurde. Der lokale Findlingsgarten beherbergt 138 repräsentative Geschiebe, davon gelten immerhin 10 als geschützte Geotope.

Beobachtungen im Anstehenden

Wer sich mit den nordischen Geschieben beschäftigt, der wird früher oder später auch dazu kommen, sich das Anstehende in deren Herkunftsregionen anzuschauen. M. Torbohm hat dies für einige interessante und auch typische kristalline Gesteine getan. Darunter Anorthosite. Diese interessanten Gesteine treten nicht nur in Nordschweden und im Rapakiwigebiet auf. Auch im mittleren Smaland sind Vorkommen beschrieben.

Fleckenquarzite wurden aus dem Gebiet um Västervik beschrieben. Vermutlich stammen die Gesteine auch aus diesem Gebiet und nicht aus der Stockholmer Gegend, auch wenn ein anstehendes Vorkommen bisher nicht bekannt ist.

Das bekannte Västervik-Fleckengestein sollte, zumindest als Leitgeschiebe, deutlich präziser beschrieben werden. Immerhin gibt es eine reihe recht ähnlicher Gesteine wie z.B. die Kontaktmetamorphite der Almesakra Formation oder Migmatite im Raum Linköping. Auch recht kräftig gefärbte rot-schwarze Fleckengesteine bei Norrköping.

Aschetuffe mit akkretionären Lapilli, oft als vulkanische Pisolithe bezeichnet, sind auch nicht auf Vorkommen in Dalarne begrenzt, Sie können, meist als Kleinstvorkommen, in allen Vulkangebieten auftraten, wie z. B. In Lönneberga / Smaland.

Bei Eskjö treten Granite auf, die dem Siljan-Granit ähnlich sehen. Allerdings sind die Smaland-Granite immer intern deformiert, während die als Leitgeschiebe beschriebene Variante des Silja-Granits undeformiert ist.

Vermutlich handelt es sich beim Uthammar-Granit und dem undeformierten Virbo-Granit auch um ein und denselben Pluton. Dabei ist der undeformierte Virbo-Granit nicht mit dem deformierten Virbo-Granit zu verwechseln. Zwischen diesen beiden Gesteinen besteht ein Altersunterschied von rund 400 Millionen Jahren. Während der deformierte Virbo mit seinen rund 1,8 Mrd. Jahren zu den Magmatiten des Transskandinavischen Magmatitgürtels zählt, ist der undeformierte Virbo-Granit mit 1,45 Mrd. Jahren deutlich jünger

Sternberger Kuchen, Blumenschicht und Konglomerate

Eines der bekannteren fossilführenden Gesteine aus dem Mecklenburger Gebiet ist das Sternberger Gestein, auch als Sternberger Kuchen bekannt. U. Wieneke hat sich die Frage gestellt, wie viele Arten von Aporrhaidae sich in diesem Gestein nachweisen lassen. Die Frage ist nur auf den ersten Blick trivial, denn die einzelnen Artbeschreibungen sind nicht immer sauber, und nicht immer sind die Funde, auf denen sie basieren, vollständig erhalten gewesen.

Blommigabladet – die Blumenschicht des basalen Orthocerenkalkes

Das diesjährige sedimentäre Geschiebe des Jahres ist die so genannte Blumenschicht. Dabei handelt es sich um eine geringmächtige Schicht an der Basis des Orthocerenkalkes. Die Blumenschicht zeichnet sich durch ihre lebhaften Farben aus. Rote, gelbe sowie teilweise auch grüne Bereiche kommen eng nebeneinander vor. Das Ganze hat an eine Blumenwiese erinnert und so dem Gestein einen Namen gegeben.

Metakonglomerate, also metamorph überprägte Konglomerate, sind im Geschiebe nicht gerade häufig. R. Boenig-Müller berichtet über den Fund eines ca. 150 kg schweren Exemplars aus der Kiesgrube von Vastorf bei Lüneburg.

Fische aus Groß Pampau

Die Grube bei Groß Pampau ist für ihren Glimmerton, oder besser noch, für die darin gefundenen Walfossilien bekannt. Immer mehr rücken aber auch die fossilen Fische in den Vordergrund. Das liegt unter anderem daran, dass man auch in den Niederlanden und in Belgien gleichaltrige Sedimente entdeckt hat, die ebenfalls spektakuläre Meeressäugerfossilien enthalten.

Während die Meeressäuger meist als mehr oder weniger komplette Skelette begegnen, sind die Fische meist über ihre Otolithen zu identifizieren. K. Hoedemakers lud uns ein, sich mit den Fischen des Miozän näher zu befassen. Immerhin sind rund 33 Knochenfischarten sowie 12 Haiarten und 3 Rechenarten beschrieben. Einer der wichtigsten Funde war 2015 der Fund eines zum Teil erhaltenen Skelettes von Carcharomodus escheri. Diese miozäne Haiart konnte immerhin bis 4 m groß werden.

Stachelhäuter von Gotland

M. Kutscher lenkte den Blick auf einige weniger bekannte Stachelhäuter. Wenn es sich um Stachelhäuter aus Gotland dreht, denkt man meist an die bekannten und attraktiven Seelilien, deren Reste vermutlich zu den häufigsten Fossilien der silurischen Gesteine Gotlands zählen. Allerdings gab es neben den Vertretern der auch heute noch lebenden Echinodermen-Klassen gab es im Paläozoikum noch 10 weitere. Auch von diesen lassen sich Exemplare aus dem gotländischen Silur nachweisen.

Paläontologische Betrachtungen

Am Brodtener Ufer traten nach Abbrüchen weisslich-graue Schlieren auf. M. Hesemann hat diese mikropaläontologisch untersucht.

Eine Ausgrabung feiert dieses Jahr ihr 50. Jubiläum. In Pisede bei Malchin wurde in den Jahren 1968 bis 1971 ein weitläufiges Bautensystem ausgegraben, das vermutlich insgesamt gut 10 000 Jahre bewohnt wurde. A. Lemcke versuchte, diese Wirbeltierfundstelle vor dem Vergessen zu bewahren. Es fanden sich sowohl spätpleistozäne als auch holozäne Faunenelemente. Das bedeutet, dass dieses Bautensystem seit dem Ende der nordischen Vereisung bis in die heutige Zeit möglicherweise ununterbrochen bewohnt wurde. Damit dürfte sie Fundstelle vermutlich einzigartig in unserem Gebiet sein.

H. Huhle stellte das Oberröblinger Braunkohlenbecken und seine Mineralien und Fossilien vor. Für die Geschiebesammler sind vielleicht die Schichten des Rupelium im Unteroligozän besonders interessant. Hier kommen Faunen vor, die uns auch aus dem Sternberger Kuchen bekannt sind.

H. Schwandt brachte noch einmal die jüngere Geschichte der Mecklenburger Geschiebekunde auf die Tagesordnung. Seit über 40 Jahren wird in der Kiesgrube Zarrenthin Geschiebekunde betrieben.

Bernstein

Vielleicht nicht Geschiebe im eigentlichen Sinn, aber interessant allemal: Bitterfelder Bernstein. Dr. A. Hesse stellte die (soweit ich weiß), einzige bergmännische Bernsteingewinnung auf deutschem Boden vor. Die Geschichte begann 1974, als die bernsteinverarbeitende Industrie in Ribnitz-Damgarten Probleme hatte, ihren Bedarf an baltischem Bernstein aus Palmnicken zu decken. Aufgrund von entsprechenden Annoncen schickten Bitterfelder Bergleute gut 500 Kilogramm Bernstein nach Ribnitz-Damgarten. Hier in Bitterfeld, im Tagebau Goitzsche, liegen bernsteinhaltige Schichten unterhalb des miozänen Bitterfelder Hauptflözes.

Die Bernsteingewinnung begann dann schon 1975 erst per Hand, später industriell. Eingestellt wurde der Abbau erst 1993. Allerdings war die Förderung im Vergleich mit den baltischen Revieren klein. Maximal 36 Tonnen Bernstein wurden hier pro Jahr gefördert.

Das Museum für Naturkunde in Dessau bewahrt durch großzügige Spenden gut 120 kg Bernstein mit mehr als 4000 tierischen Inklusen in seinen Magazinen.

Jahrestagung der Gesellschaft für Geschiebekunde

Gerhard Schöne erhält die Kurt-Hucke-Medaille aus der Hand der 1. Sekretärin der GfG, Ulrike Mattern. Eigenes Foto.

 

Kurt-Hucke-Medaille

Am Schluss ist noch Zeit für eine Ehrung. Die Gesellschaft für Geschiebekunde verleiht für besondere Verdienste um die Geschiebekunde die Kurt-Hucke-Medaille . In in diesem Jahr geht sie an Gerhard Schöne. Herr Schöne hat in den letzten Jahren mit unermüdlichem Eifer an der Kaerlein-Bibliographie zur nordischen Vereisung gearbeitet. Mittlerweile ist diese mehr als 6000 Seiten stark und enthält mehr als 53 000 Zitationen. Sie steht allen geschiebekundlich arbeitenden als Word-Dokument offen. Da steckt jede Menge Fleiß und Leidenschaft drin. Herzlichen Glückwunsch, diese Ehrung ist mehr als verdient.

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zwei ganz laienhafte Fragen:
    Was stellt das Wappen der Gesellschaft für Geschiebekunde auf dem Foto dar?
    Wie lange muss ungefähr ein Wasserlauf sein, damit die Kieselsteine rund werden?

    • Das Wappentier der Gesellschaft für Geschiebekunde ist das Xenusion auerswaldae, ein mutmaßlicher Lobopode aus dem Kambrium, dessen bislang bekannte 2 Exemplare ausschließlich aus dem nordischen Geschiebe bekannt sind.

      Was das Rundwerden der Gesteine angeht, kann ich leider nicht mit einem Zeitrahmen dienen.

Schreibe einen Kommentar