Microraptor, ein Vogelräuber?

BLOG: Mente et Malleo

Mit Verstand und Hammer die Erde erkunden
Mente et Malleo

Manchmal ist das Glück den Paläontologen wirklich hold, und sie bekommen Fossilien in die Finger, welche ihnen weit mehr erzählen als andere. Ein gutes Beispiel ist der Fund der sogenannten “kämpfenden Dinosaurier“. Häufiger als Szenen sind versteinerte Reste der letzten Mahlzeit des betreffenden fossilen Tieres. Dadurch erhalten wir interessante Einblicke in die Jäger – Beute Beziehungen. So konnte man aufgrund versteinberter Reste im Inneren von Sinosauropteryx darauf schliessen, dass dieser sich von kleinen Säugetieren und Eidechsen ernährte. Aber die Säugetiere waren zur Zeit der Dinosaurier nicht nur die Opfer, wie man bei Untersuchungen von Repenomamus, einem Säugetier der unteren Kreidezeit, feststellen musste. Dessen fossiler Mageninhalt zeigte neben den Knochen kleinerer Säugetiere auch Reste junger Psittacosaurier.

 


Jetzt hatte Jingmai O’Connor von der chinesischen Akademie der Wissenschaften das Glück, einen fossilen Microraptor zu entdecken, der ebenfalls die Überreste einer seiner letzten Mahlzeiten überliefert hat. Der knapp hühnergroße Microraptor war ein ziemlich bemerkenswertes Tier, es hatte nicht nur an seinen vorderen Extremitäten gefiederte Flügel, sondern auch an seinen hinteren, so dass er vermutlich das tierische Äquivalent zu einem Doppeldeckerflugzeug darstellen dürfte. Schon aufgrund seiner Anatomie, seines eng bezahnten Kiefers und seiner Verwandtschaft mit den Dromaeosauriern wiesen auf eine jagende Lebensweise hin. Doch das Fossil, welches O´Connor und sein Kollege Xing Xu ( dem Entdecker von Microraptor gui) untersuchten, war zwar nicht das am Besten erhaltene, aber es hatte es buchstäblich in sich.

 

 

Im Inneren des Dinosauriers, zwischen seinen Rippen, befanden sich Knochen, darunter der linke Flügel und beite Füße, eines kleinen Vogels aus der Gruppe der Enantiornithes, zahntragenden Vögeln aus der Kreidezeit. Diese Vögel waren in den kreidezeitlichen Wäldern der chinesischen Jehol-Gruppe, in denen auch Microraptor sein Unwesen trieb, ziemlich häufig. Die Enantiornithes waren an das Leben in den Bäumen allem Anschein nach ziemlich gut angepasst. Ihre Beine und Füße waren zum Hocken weit besser geeignet als zum rennen. Aus der Lage der Vogelreste, im Inneren des Microraptor-Fossils zwischen seinen Rippen, ist mit großer Sicherheit zu schließen, dass der Vogel zur Beute des Dinosauriers gehört hat. Und vermutlich hat er seine Beute auch aktiv gejagt und nicht als Assfresser aufgenommen. Die Vogelknochen lagen auch in etwa so, als wenn Microraptor seine Beute mit dem Kopf voran verschluckt hätte, in etwa wie es heutige Raubvögel auch machen.

Der Fund bringt neues Licht in die Lebensweise des Microraptor. Wenn seine Beute auf Bäumen zu Hause war, dann dürfte das auch in Etwa der Lebensraum unseres Microraptor gewesen sein. Da die Vogelreste allem Anschein nach zu einem erwachsenen Tier gehört haben, muss Microraptor ein recht agiler Jäger seiner Zeit gewesen sein. Langsam können wir uns ein besseres Bild vom Leben dieses uns so seltsam anmutenden Tieres mache.

O’Connor, Zhou & Xu. 2011. Additional specimen of Microraptor provides unique evidence of dinosaurs preying on birds. PNAS 10.1073/pnas.1117727108

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

3 Kommentare

  1. Popo-Saurus

    Neben dem sensationellen Fund des ‘vogelräuberischen’ Microraptor-Fossils gibt es noch eine weitere Sensation, denn erst kürzlich konnte bewiesen werden, dass der krokodilähnliche Poposaurus tatsächlich obligat biped (zwingend zweibeinig) war.

    Wer hätte das gedacht, sieht man von den alltagsweltlichen Assoziationen ab, die unabwendbar mit seinem Namen verbunden sind!

  2. Epistemische Fossilien

    Gunnar Ries hat die Überschrift seines Beitrags mit einem Fragezeichen, obwohl die Sachlage relativ eindeutig erscheint.
    Ich finde das begrüßenswert, weil auch Fossilien, die auf den ersten Blick selbstredend oder dinglich real erscheinen, konstruierte, theorinfizierte Objekte sind.

    Ein eindrückliches Beispiel dafür sind Panzerfischfossilien aus dem Erdaltertum (Paläozoikum). Bis vor kurzem war man fest davon überzeugt, dass sich Panzerfische eierlegend vermehren, weil eindeutige Belege für lebendgebärende Lebenwesen erst 200 Millionen Jahre später für das Erdmittelalter (Mesozoikum) vorlagen. Da man aber Panzerfischfossilien kannte, die juvenile Exemplare in ihrem Innern zeigten, vermutete man, dass Panzerfische Kannibalen sind, die ihre eigenen Jungen fressen.

    Diese Interpretation wurde aufgrund des hohen Alters der Panzerfischfossilien für sicher gehalten. Sie wurde erst in Frage gestellt, als man ein Panzerfischfossil fand, das einen versteinerten Embryo in seinem Innern zeigte, der noch über eine Nabelschnur mit einem Dottersack verbunden war.Jetzt wurden auch die alten Fossilien umgehend reinterpretiert und der Panzerfisch als lebendgebärend und nichtkannibalisierend rehabilitiert.

    Dies ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass selbst ein so gegenständlich oder dinglich wirkendes Objekt wie ein Fossil stark konstruiert und theorieinfiziert ist.

  3. Auf der Spur der Drachen

    Das ‘vogelbeuterische’ Microraptor’- Fossil wurde wie von Herrn Ries berichtet, in den berühmten Jehol-Ablagerungen (Jehol-Gruppe)in der norchinesischen Provinz Liaoning gefunden. Die Jehol-Ablagerungen sind berühmt, weil hier Mitte der 1990er Jahren die ersten (sensationellen) Fossilien-Hinweise auf gefiederte Dinosaurier gefunden wurde.

    Der renommierte amerikanische Päläontologe Mark Norell hat darüber ein herrliches Buch “Auf der Spur der Drachen – China und das Geheimnis der gefiederten Dinosaurier” geschrieben, das ich hier empfehlen möchte, weil es ein gelungene Mischung aus Wissenschaftsreport, Reisebericht, Kulturführer und Landeskunde ist. Sehr informativ und spannend zu lesen!

    Übrigens kommen auch die Autoren des PNAS-Beitrag in dem Buch vor.

Schreibe einen Kommentar