Herzlichen Glückwunsch nachträglich, Sir Charles Lyell

BLOG: Mente et Malleo

Mit Verstand und Hammer die Erde erkunden
Mente et Malleo

Fast hätte ich es vergessen; Gestern, am 14. November, hätte ein Mann Geburtstag gehabt, ohne den die Geologie als Wissenschaft sich so nicht hätte entwickeln können: Sir Charles Lyell. Am 14. November 1797 erblickte er erstes von 10 Geschwistern das Licht der Welt . Sein Vater, ebenfalls mit Namen Charles, war Botaniker und sorgte dafür, dass sich seine Kinder frühzeitig mit den Naturwissenschaften auseinandersetzten.

Sir Charles Lyell in den 1870ér Jahren.

1819 ging er an das Exeter College in Oxford, ursprünglich um Jura zu studieren. Der glückliche Zufall wollte es, dass dort am Corpus Christi College William Buckland Dozent für Mineralogie und Geologie war. Glücklich, weil die Naturwissenschaften in Oxford nicht zu den Pflichtveranstaltungen gehörten. Buckland, der auch Reverend der anglikanischen Kirche war, konnte aber wohl sein Fachgebiet so mitreißend darstellen, dass sich viele seiner Zuhörer, unter ihnen auch der junge Lyell, alleine aus diesem Grund der Geologie zuwandten. Anders aber als Buckland, welcher der damals ungeheuer populären Katastrophenthorie anhing, fühlte sich Lyell von den Ideen von James Hutton und John Playfair angezogen, die ein gradualistischeres Weltbild vertraten. Daneben waren es die Forschungen des englischen Geologen Scope, welche einen großen Einfluss auf Lyell ausübten. Scope hatte in der Auvergne verschiedene Lavaströme erforscht, von denen einige, schon stark verwittert, jegliche Verbindung mit ihrem Vulkanschlot verloren haben, während andere noch frisch waren und sich ohne Mühe bis zu ihrem Ursprungsort verfolgen ließen. Die Theorie, dass dort in der Auvergne von Zeit zu Zeit immer wieder Vulkane ausbrachen, um anschließend langsam zu verwittern, überprüfte Lyell vor Ort selbst und fand sie bestätigt.

Ein weiteres Schlüsselerlebnis war wohl der Besuch des Serapis Tempels im italienischen Pozzuoli. Dort stehen mehrere antike Säulen, welche deutliche Spuren von bohrenden Muscheln zeigen. Das Bauwerk, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit oberhalb des Wasserspiegels errichtet, musste anschließend so weit abgesunken sein, damit die Muscheln die Säulen besiedeln konnten. Zum Schluss muss sich das ganze wieder gehoben haben, denn heute stehen die Säulen wieder trocken. Und das Ganze dazu auch noch so behutsam, dass die betreffenden Säulen nicht umstürzten. Landschaften veränderten sich also nicht durch einzelne, klar abgegrenzte Katastrophen wie sie Buckland und auch der französische Forscher Cuvier propagierten, sondern gradualistisch.

Lyell ging hingegen davon aus, dass die Verhältnisse in der geologischen Vergangenheit denen entsprachen, wie wir sie heute auf der Erde beobachten können. Damit etablierte er die Regel, dass die Beobachtung heute ablaufender Prozesse zur Erklärung der Vergangenheit heranzuziehen ist. Diese Regel wurde von Whewell 1832 als Uniformitarismus bezeichnet. Diese Regel hat auch heute durchaus noch Bestand, auch wenn uns durchaus Zeitpunkte in der Geologischen Vergangenheit bekannt sind, in denen die Bedingungen sich von denen heute deutlich unterscheiden und Vorgänge sowie Prozesse gegenüber den heutigen deutlich unterschiedlich waren. Lyell ging aber allem Anschein davon aus, dass auch in der Vergangenheit der Erde nicht nur die selben Kräfte wirkten, sondern dass sie auch die selbe rate hatten. Diese vielleicht etwas verbissene Auslegung ist sicher der Auseinandersetzung mit der damals ungeheuer populären Katastrophismusthorie geschuldet. Viele, wenn auch sicher nicht alle Katastrophisten wollten damals gerne mit geologischer Forschung die Berichte der Bibel stützen. Besonders in England fühlte sich beispielsweise der Klerus von der neuen, vortrefflich männlich und sportlich geltenden Wissenschaft angezogen und sah sie als ein "die Muskeln stärkendes Christentum" an. es mag uns vielleicht aus unserer heutigen Perspektive manchmal verwundern, wie es damals trotz dieser Verquickung gelang, eine respektable Geologie zu betreiben. Und es ist Männern wie Lyell zu verdanken, dass sich die junge Wissenschaft davon befreite und ein wissenschaftliches Bild von der Erdgeschichte entwickelte.

Allerdings hatte seine Festlegung auf einen so eng gefassten Uniformitarismus auch seine Schattenseiten. Während Buckland sich beispielsweise rasch auf die neue Theorie der Eiszeit von Agassiz umschwenkte, konnte sich Lyell lange nicht von seiner Drift-Theorie trennen. Für ihn schien die Idee einer großen Eiszeit lange Zeit vielleicht einen hauch zu katastrophistisch zu sein. Trotzdem ist Lyell einer der Gründerväter der Wissenschaft der Geologie, wie wir sie heute kennen.

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

4 Kommentare

  1. Wirkung eines epochalen Gründervater

    Nunja, dieser berühmte Gründervater der Geologie hat (zusammen mit Darwin)mit seinem strengen/dogmatischen Gradualismus oder lax formuliert Allmählichismus, den wissenschaftlichen Fortschritt wohl um 150 Jahre zurückgeworfen.

  2. Nunja, dieser berühmte Gründervater der Geologie hat (zusammen mit Darwin)mit seinem strengen/dogmatischen Gradualismus oder lax formuliert Allmählichismus, den wissenschaftlichen Fortschritt wohl um 150 Jahre zurückgeworfen.

    Irgendwie war mir schon nklar, dass meine Freunde vom Neokatastrophismus darauf wieder anspringen. Abgesehen davon, dass sie stets dazu neigen, Lyell überzubewerten, hinken sie auch deutlich mehr als 150 Jahre hinter der Realität zurück.

  3. Zukunftsweisendes Modell

    Nun ja, Herr Ries, Ihre Formulierung, dass die Neo-)Katastrophisten 150 Jahre hinter der Realität zurückhinken, kann ich nicht teilen.

    Ich würde eher formulieren, dass die Gradualisten des 19. Jahrhundert etwas zu gründlich gearbeitet haben, in dem sie mit der Bibel auch den Katastrophismus außer der Geologie herausgeworfen haben.

    Aus heutiger Perspektive müssen wir doch einräumen, dass nicht der Engländer Charles Lyell, sondern sein Vorgänger der französische Naturforscher Georges Cuvier (1769 -1832)ein zukunftsweisendes Modell entwickelt hatte, das mit der geologischen Überlieferung besser übereinstimmte:

    Zeiten stetiger Entwicklung von Lebewesen wurden von Zeiten gefolgt, in denen diese Lebwesen hinwegt gefegt und übergangslos durch andersartige Lebewesen ersetzt wurden.

    Der Paläontologe/Zoologe Stephen Jay Gould habt bereits in seinem Werk “Die Entdeckung der Tiefenzeit” (1987) den Katastrophismus rehabilitiert, indem er mit der Legende aufräumte, dass der Katastrophismus ein bloßes Produkt gottesgläubiger Wissenschaft und der bedeutendste Aktualist Lyell mit seinem einflussreichen Werk “Principles of Geology” der Begründer der modernen Geologie sei. Er kommt zu dem Resüme:

    “Die gegenwärtigen geologischen Anschauungen sind eine recht gleichmäßige Mischung aus Ansichten, die Lyell, und aus solchen, die die Anhänger der Katastrophentheorie vertreten haben.”

    Aus diesem Grund bin ich der Auffassung, dass sich die Geologen des 20. Jahrhunderts mit der Überwertung Lyells und der Verunglimpfung der Katastrophisten keinen Gefallen getan haben. Dies muss bei Würdigung Lyells “als einer Gründervater der Geologie, wie wir sie heute kennen” deutlich formuliert werden!

  4. @ Geoman

    Ich sehe aber zwischen
    nicht der Engländer Charles Lyell, sondern sein Vorgänger der französische Naturforscher Georges Cuvier (1769 -1832)ein zukunftsweisendes Modell entwickelt hatte,

    und

    “Die gegenwärtigen geologischen Anschauungen sind eine recht gleichmäßige Mischung aus Ansichten, die Lyell, und aus solchen, die die Anhänger der Katastrophentheorie vertreten haben.”

    durchaus durchaus Unterschiede.

    Vielleicht sind es auch die Neokatastrophisten, welche die Bedeutuing Lyells hier leicht überbewerten?

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