Gab es räuberische Trilobiten?

Trilobiten sind eine ziemlich faszinierende Klasse ausgestorbener Gliedertiere. Gelebt haben diese Tiere vom Kambrium vor ca. 521 Mio. Jahren bis zum großen Massensterben am Ende des Perm vor ca. 251 Mio. Jahren. Sie waren zu ihrer Zeit recht erfolgreich, mit immerhin 9 Ordnungen, 150 Familien, 5000 Gattungen und mehr als 15000 Arten zählen sie mit zu den vielfältigsten aller ausgestorbenen Lebewesen. Und jedes Jahr werden neue Arten beschrieben.

Ihre weite Verbreitung, ihre Häufigkeit und ihr teilweise recht bizarres Aussehen machen sie zudem zu einem sehr beliebten Sammelobjekt.

Ihre Lebensweise war überwiegend benthisch, also auf dem Meeresboden. Schwimmende Lebensweise kam, zumindest soweit ich weiß, nicht vor. Allerdings weise einige Vertreter ausgesprochen stromlinienförmige Körper auf. Das könnte entweder auf schnell strömende Habitate oder gar auf eine aktiv schwimmende Lebensweise deuten.

Die Sache mit den Raubtrilobiten

Ich kann mich noch gut erinnern, während des Studiums in einem Seminar mussten wir Vorträge halten. Ein Kommilitone, hatte das Thema „Trilobiten“. Nun, was soll man sagen, er kam zu dem Thema „Raubtrilobiten“. Allerdings waren Trilobiten damals mehrheitlich als Detritusfresser gesehen worden. Natürlich, so unser Professor, könne ein sehr großer Trilobit, die größte Art erreichte gut 70 cm Länge, einen kleineren beim Aufsammeln des Detritus verschlucken, was diesen aber immer noch nicht zu einem Raubtier machen würde.

Auch wenn es einem hinterher leid tat, gingen doch die Lacher auf die Kosten unseres bedauernswerten Kommilitonen. Und hier möchte ich ihm nachträglich ein wenig Abbitte leisten. Möglicherweise hat es ihn tatsächlich gegeben. Zumindest waren wohl nicht alle Trilobiten reine Detritusfresser. Manche könnte zumindest auch auf hartschalige Beute aus gewesen sein.

Beine als Mundwerkzeug

Vielleicht war es ein wenig das Problem, dass man bei den Trilobiten keine entsprechenden Mundwerkzeuge fand. Es bestand zwar immer auch die Vermutung, dass zumindest einige Trilobiten auch als Aasfresser unterwegs waren oder gar selber räuberisch waren, aber Belege dafür waren ziemlich rar.

Hinzu kommt, dass es zwar viele Trilobiten als Fossilien gibt, sie sind auch aus diesem Grund bei Sammlern sehr beliebt. Die Erhaltung erlaubt aber oft nicht, die für die Ernährung wichtigen Bereiche zu erforschen. Das kann viele Gründe haben, so sind Trilobiten als Fossile oft in ehemaligen schlammigen Sedimenten eingebettet. Diese wurden während der Diagenese (der „Steinwerdung“) meist stark zusammen gedrückt. Daher sind viele Trilobiten heute ziemlich flach, auch wenn sie es zu Lebzeiten nicht waren.

Das macht es mitunter recht schwierig, manche Bestandteile des Tieres zu untersuchen, sodass wir, trotz des enormen Reichtums an Trilobitenfossilien, verhältnismäßig wenig über deren jeweilige Lebensweise wissen.

Vermutlich braucht man aber auch keine ausgeprägten Mundwerkzeuge, um hartschalige Beute knacken zu können. Zumindest nicht, wenn man Extremitäten zu Mundwerkzeugen umfunktioniert hat. Auf diese Weise sind zum Beispiel Pfeilschwanzkrebse durchaus in der Lage, die Schale von Muscheln und anderen Weichtieren zu überwinden, um sie zu fressen.

Ähnlich verhält es sich mit einem Arthropoden aus dem Burgess Schiefer, Sidneya inexpectans. Sein Mageninhalt belegt eindeutig, dass dieser sich räuberisch unter anderem auch von Trilobiten ernährte.

Auch hier fanden sich charakteristische Belastungsspuren an den vorderen Extremitäten.

Und bei Trilobiten?

Zwei Trilobiten aus dem Emu Bay Schiefer. Der große ist Redlichia rex, der kleinere Redlichia takooensis. Apokryltaros (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Redlichia_rex.jpg), „Redlichia rex“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode

Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass auch Trilobiten einige der vorderen Beinpaare zur Nahrungsaufnahme benutzt haben. Dazu haben Forscher die Muster der Belastung bei den Cheliceren der Pfeilschwanzkrebse untersucht. Sie fanden ähnliche Belastungsmustern den vorderen Extremitäten bei dem Trilobiten Redlichia rex aus dem unteren Kambrium. Das könnte darauf hindeuten, dass auch dieses Tier hartschalige Nahrung mit seinen Beinen knacken und anschließend verzehren konnte [Bicknell et al. 2021].

Die Trilobiten der Gattung Redlichia zeichnen sich durch einige recht große Arten aus, die teilweise deutlich über 25 bis eventuell 35 cm lang werden konnten. Redlichia rex hatte eine ähnliche Größe und stammt aus der unterkambrischen Emu-Bay Schiefer.

Damit könnte also zumindest R. rex wohl als „Raubtrilobit“ durchgehen, der seine hartschalige Beute im Sediment fand. Möglicherweise führte dieses Verhalten auch zu einem Rüstungswettlauf zwischen Beute und Räuber.

Bei einem anderen Trilobiten, Olenoides serratus aus den Burgess Schiefer waren die Belastungsmuster etwas unterschiedlich und vor allem deutlich schwächer. Dieser Trilobit war deutlich weniger auf hartschalige Nahrung spezialisiert und hat sich möglicherweise von weicherer Nahrung ernährt.

Pfeilschwanzkrebse und Trilobiten

Ein wenig problematisch an der Sache ist die bislang recht ungeklärte Frage, inwieweit Pfeilschwanzkrebse und Trilobiten überhaupt vergleichbar sind. Ob und wie die beiden Arthropoden evolutionär miteinander verwand sind, ist nicht eindeutig bekannt. Das macht einen direkten Vergleich der Muskelfunktionen sowie der Belastungsspuren an den Vorderbeinen etwas problematisch.

Man könnte das aber zumindest als Hinweis nehmen, dass die Lebensweise der Trilobiten trotz des überwältigenden Fossilberichts immer noch einige Überraschungen bereithalten kann. „Raubtrilobiten“ zumindest eine Möglichkeit, die ich heute nicht mehr in Bausch und Bogen von der Hand weisen würde.

Bicknell, R. D. C., Holmes, J. D., Edgecombe, G., D., Losso, S. R., Ortega-Hernández, J., Wroe, S. & Paterson, J.R., Biomechanical analyses of Cambrian euarthropod limbs reveal their effectiveness in mastication and durophagy, Proc. R. Soc. B.,8 s.,2021

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

4 Kommentare

  1. Weiß man warum die Trilobiten ausgestorben sind?
    An der Irischen Westküste findet man ausgedehnte Fundorte.
    Ein faszinierendes Thema.

  2. Müssen wir Menschen die Trilobiten um die Spuren beneiden, die sie hinterlassen haben?
    In den 270 Millionen Jahren in denen 15‘000 verschiedene Arten von Trilobiten lebten, wird es wohl auch einige Raubtiere unter den Trilobiten gegeben haben. Dafür spricht allein schon die Tatsache, dass es bei vielen verwandten Tierarten sowohl Karnivoren als auch Veganer gibt.
    Erstaunlich scheint mir aber, dass diese Frage ob es Räuber unter den Trilobiten gab, heute noch untersucht werden kann, 251 Millionen Jahre nach ihrem Aussterben. Allein aufgrund der fossilen Überreste.

    Trilobiten existierten doppelt so lange wie Dinosaurier, ja sie existierten während mehr als der Hälfte der Zeitspanne seit der kambrischen Evolution vor 540 Millionen Jahren als die heute bekannten dominierenden Tierstämme wie etwa die Wirbeltiere ihren Ursprung nahmen. Kein Wunder also, dass man so viele Trilobitenfossilien fand.

    Es gibt ja die Hypothese, wenn der Mensch heute aussterben würde, könnte man in einigen Millionen Jahren nichts mehr finden, was auf seine Existenz hinweist. Auch darum, weil die Menschheit erst seit kurzem existiere und dementsprechend wenig zurücklasse. Doch das scheint mir dann doch eine Fehleinschätzung. Der Mensch hat meiner Ansicht nach allein in den letzten 2000 Jahren mehr Spuren auf der Erde hinterlassen als alle Trilobiten zusammen. Spuren des Menschen finden sich selbst hunderte von Metern unter der Erde und auch in 1 Million Jahren dürfte noch etwas von der Brennerautobahn übrigbleiben – wenn vielleicht auch nur für das geübte Auge. Für ein geübtes Auge wie es ein heutiger Trilobitenforscher besitzt, der nich etwas zum Wissen über das Trilobitenverhalten hinzufügen will.

  3. Raubtrilobiten gab es wahrscheinlich
    Die hier von Gunnar Ries verlinkte Arbeit Biomechanical analyses of Cambrian euarthropod limbs reveal their effectiveness in mastication and durophagy Ist keinesfalls die einzige, die die These stützt, dass es auch Räuber/Fleischfresser unter den Trilobiten gab. Zurecht gilt ja: Traue einer wissenschaftlichen Arbeit erst, wenn andere sie reproduzieren konnten und am besten steht es, wenn es noch mehr die These unterstützende Fakten/Daten gibt.
    Im wohl für ein breiteres Publikum bestimmten Artikel End of the Line – The demise of the Trilobites liest man zum vermuteten räuberischen Verhalten einiger Trilobiten:

    Viele Wissenschaftler glauben, dass Trilobiten während ihrer gesamten Geschichte sowohl als Raub- als auch als Beutetiere dienten. Während es derzeit noch nur minimale fossile Beweise für eine solche Behauptung gibt, ist eine solche Schlussfolgerung, verzeihen Sie, Sherlock, etwas elementar. Versteinerte Trilobitenpanzer mit sowohl verheilten als auch potenziell tödlichen Bissspuren (viele spiegeln den allgemeinen Umriss eines Trilobiten-Hypostoms oder einer „Mundplatte“) sind an bestimmten Orten allgegenwärtig, wie zum Beispiel in den berühmten mittelkambrischen Elrathia kingii-Betten in Utah.
    Es ist nur logisch zu vermuten, dass einige größere Arten von Trilobiten, wie die allgegenwärtigen Olenoides, einige ihrer kleineren Trilobiten-Brüder aufgesucht und möglicherweise räuberisch angegriffen haben. Aber wie bereits erwähnt, ist es auch unwiderlegbar, dass es andere, noch bedrohlichere Bestien gab, die durch diese Urmeere schwammen, die fest entschlossen waren, so ziemlich allem, was ihre Wasserumgebung teilte, so viel Schaden wie möglich zuzufügen. Sogar im Kambrium könnte ein solches Verhalten eine bedeutende Rolle gespielt haben, um zumindest den allmählichen Niedergang der Trilobiten einzuleiten.
    „Es gibt einige Leute, die nur Trilobiten sammeln, die räuberische Pathologie zeigen“, sagte Terry Abbott, ein Trilobitensammler aus Delta, Utah. „Bissspuren oder andere natürliche Verletzungen zeigen, dass Trilobiten sicherlich mit ihrer Umgebung interagierten, sowohl untereinander als auch mit anderen pelagischen Kreaturen. Im Laufe der Zeit könnte dies allein zu einer Verringerung ihrer territorialen Dominanz geführt haben, zumal andere potenzielle Raubtiere in der paläozoischen Szene auftauchten.“

    Banaler Fakt: Wirklich wählerisch beim Fressen sind nur Wenige.

  4. Worüber wird hier geredet ? Über 250 Millionen Jahre Evolution! Die Entwicklung des Menschen ist dagegen ein kleiner Fliegenschiss. Evolution bedeutet Auslese, Anpassung: Raub bzw. das Fressen und gefressen werden, ist die Basis der Evolution bzw. die Voraussetzung ihrer Entwicklung. In 250 Millionen Jahren wird die Evolution viele Varianten durchgespielt haben und Trilobiten die Artgenossen fressen sicher auch entwickelt haben. Bei Sauriern ist es ja ähnlich. “Raub” ist das falsche Wort für die normale Entwicklung der Arten.

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