Die Seelilie Encrinus liliiformis – Fossil des Jahres 2019

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Wie in jedem Jahr gibt es auch 2019 ein Fossil des Jahres. Dieses Jahr ist es die Seelilie aus dem Muschelkalk, Encrinus liliiformis .

Trotz ihres deutschen Namens Seelilie handelt es sich hier nicht um eine Pflanze, sondern um ein Tier. Genauer gesagt um einen Stachelhäuter, einen Verwandten der Seeigel und Seesterne.

Sagenhaft

Encrinus liliiformis, der „Lilienstein“ war den Menschen schon früh aufgefallen. Genauso wie die Stengelglieder der Seelilien, die so genannten Trochiten (von griech. tróchos, Rad ).


Kelch und oberer Stiel von
Encrinus liliiformis mit Bezeichnung der einzelnen Bereiche. Original photo by Ghedoghedo, markup by Chris the Paleontologist (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Encrinus_liliiformis_with_markup.jpg), „Encrinus liliiformis with markup“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Die kleinen Stielglieder, aus denen sich die Stängel der Seelilien zusammensetzten, können in der älteren Abteilung des oberen Muschelkalks im Germanischen Becken gesteinsbildend werden. Das Gestein wird als Trochitenkalk bezeichnet und stellt einen Spezialfall der Crinoidenkalke dar, der Kalke, die aus den Resten der Seelilien aufgebaut werden.

Die Regelmäßigkeit der Trochiten fiel den Menschen auf. Man konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie die Natur so etwas zustande bringen könnte. So entstanden Sagen, wie die von dem Apostel der Deutschen, St. Bonifatius, der aus Empörung über die Geldgier der Leute das Geld in eben diese Trochiten verwandelt habe. Oft werden die Trochiten auch als „Sonnenräder“ oder „Hexengeld“ bezeichnet

Seelilien

Es dauerte, bis man die Natur der Trochiten erkannte. In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die ersten lebenden Verwandten entdeckt. Heute leben noch etwa 25 gestielte Gattungen, vornehmlich in der Tiefsee. Sie geben uns ein recht gutes Bild über die Art und Weise, wie Encrinus liliiformis gelebt hat. Seelilien leben fest am Meeresboden. Sie sind dort mit einem Stiel befestigt. Am oberen Ende befindet sich ein aus Plattenkränzen aufgebauter Kelch. Hier sitzt der Weichkörper des Tieres. Vom Kelch aus zweigen sich 5 Arme ab, durch weitere Teilungen der Arme können 10- oder sogar 20- armige Kronen entstehen. An den Armen sitzen federartige Fortsätze, mit deren Hilfe das Tier Nahrung aus dem Wasser filtert.

Eine Seelilie in ihrer ganzen Pracht.
William I. Ausich (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Crinoid_anatomy.png), „Crinoid anatomy“, https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/legalcode

Das Muschelkalk-Meer

Auch im ehemaligen Muschelkalk-Meer sah es ganz ähnlich aus. Die Seelilien Encrinus liliiformis siedelten allerdings in flacheren Bereichen auf Hartgründen wie z.B. Austernbänken in 10 bis 20 m Tiefe. Der manchmal meterlange Stiel hielt die Kronen mit ihrem Filtrierapparat in der Meeresströmung, wo die Tiere ihre Nahrung herausfiltrieren konnten.

Seelilien führen ein recht friedliches Leben. Sie haben kaum Fressfeinde, und das dürfte auch im Muschelkalk-Meer nicht anders gewesen sein. Aber auch in diesem Paradies lauerte der Tod.

Oft finden sich regelrechte Ansammlungen fossiler Seelilien in den Gesteinen. Manchmal sind sie sogar im Zusammenhang. Da die Tiere nach ihrem Tod und der Auflösung der weichen organischen Teile wie die meisten Stachelhäuter rasch zerfallen, muss die Fossilisation recht rasch erfolgt sein.

Stürme ermöglichen rasche Einbettung

Vor rund 240 Millionen Jahren zur Trias lag Mitteleuropa in den Subtropen. Im Sommer zogen Wirbelstürme von der Thetys, dem mittleren Ozean her in das flache Muschelkalkmeer und wirbelten das Sediment auf. Feines Sediment aber kann das empfindliche Atmungssystem der Crinoiden lahmlegen und sie ersticken lassen. So kann ein einzelner Wirbelsturm zu einem Massensterben führen, wobei die toten Seelilien rasch von dem selben Sediment zugedeckt wurden, das sich tötete. Dadurch konnten die Tiere in lebensechter Erhaltung bis in unsere Zeit überliefert werden und geben uns einmalige Einblicke in die Welt vor 240 Millionen Jahren.

Trochitenkalke

Unter normalen Umständen zerfallen die Crinoiden, wie die meisten Stachelhäuter, rasch wenn das Bindegewebe zerfällt. Dann verteilen sich ihre Skelettteile und können zu mächtigen Bänken zusammen geschwemmt werden. So entstanden die Trochitenkalke. Hier häufen sich die Trochiten sehr oft in Bänken, die durch fast fossil freie Zonen getrennt werden.

Im Laufe der Diagenese wurden die Trochiten in massive Calcitkristalle umgewandelt. Ursprünglich waren sie nicht massiv, sondern hohl. In einem Zentralkanal, oft noch als Loch in der Mitte sichtbar, verliefen die Versorgungsgefäße der Seelilie. Die einzelnen Trochiten haben oft an ihren oberen und unteren Deckeln kleine Noppen und Aussparungen, so dass sie, bekannten Spielzeugbausteinen ähnlich, exakt ineinander passten. Das gab dem Stiel guten Zusammenhalt bei gleichzeitiger hoher Flexibilität.

Fundorte

Zu den klassischen, bereits seit dem 18. Jahrhundert bekannten Vorkommen von Encrinus liliiformis gehören der Elm in Niedersachsen sowie die Gegend um Hildesheim und Göttingen und das Weserbergland.. In Süddeutschland wird im Jagsttal bei Crailsheim nach wie vor Trochitenkalk abgebaut.

Gunnar Ries

Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

2 Kommentare

  1. Moin!
    Da oben ist ein Absatz doppelt.

    Aber ansonsten: kann man die als ein Link zwischen Tieren und Pflanzen verstehen? Als letzten gemeinsamen Verwandten?

    Gruss,
    Dirk

  2. Danke, da hab ich vermutlich beim umformatieren einen Absatz verdoppelt.
    Nein, die Seelilien heißen nur wegen ihrer optischen Ähnlichkeit mit den Lilien so. Sie sind aber eindeutig Tiere, ebenso wie Seesterne oder Seeigel

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