Asbest in Talk, mehr als ein kosmetisches Problem!

Achtung, Asbest!

In den USA hat jetzt eine Untersuchung gezeigt, dass Asbest in kosmetischen Produkten aus Talk durchaus ein Problem darstellt.

Talk

Das Mineral Talk ist ein natürlich vorkommendes Magnesiumsilikathydrat. Als Schichtsilikat besitzt es Eigenschaften, die es für eine technische, aber auch kosmetische Anwendung interessant machen. Es ist weich, es ist wasserabweisend und die einzelnen Blättchen lassen sich leicht gegeneinander verschieben. Daher kann es auch als Gleitmittel zur gegen Scheuern eingesetzt. Dabei sollen uns hier die technischen Anwendungen weniger interessieren, obwohl im Prinzip hier ähnliches gilt.

Talk wird bereits seit sehr langer Zeit auch in der Hautpflege eingesetzt. Es dient dazu, Feuchtigkeit aufzunehmen oder als kostengünstiger Füllstoff. Talk findet sich in Make-up, Liplinern, in Kajal oder als Puder, früher auch gerne in Babypuder.

So weit, so gut. Leider gibt es da ein kleines Problem. Talk als natürliches Mineral kommt nicht immer alleine. Manchmal hat es auch andere unerwünschte Minerale im Schlepptau. Manchmal befinden sich unter den unerwünschten Gästen auch Minerale der Asbest Familie.

Es sind ganz besonders Anthophyllit und Tremolit, die sich im Gefolge des Talks in die unterschiedlichen Produkte einschleichen, wenn man nicht aufpasst. Das ist umso unangenehmer, wenn dieser Talk dann in Produkten verwendet wird, die zerstäuben, wie etwa kosmetische Produkte, denn es gibt in Sachen Asbest keine sichere Dosis (wenngleich das Risiko mit abnehmender Dosis auch sinkt).

Asbest in Talk – Messen und Nachweisgrenzen

Das Problem ist nicht klein. Allein in den USA wurden im Zeitraum 2018 bis 2020 mehr als 2000 kosmetische Produkte verkauft wurden, die Talk enthielten.

Aus diesem Grund hat die Cosmetic, Toiletry, and Fragrance Association (CTFA) bereits 1976 entsprechende Spezifikationen für die Reinheit von kosmetischem Talk festgelegt.

Was sich erst einmal recht gut anhört, hat aber einen Haken. Zum einen ist das alles nur freiwillig, denn die US FDA legt keinen Wert auf eine Testpflicht. Zum anderen ist die Nachweisgrenze des auf Röntgendiffraktometrie basierenden Testverfahren nicht gerade als gut bekannt, die Nachweisgrenze liegt hier um die 0,5 Mass%, wogegen die FDA über Methoden mit gut 0,01 Mass% verfügt.

Damit kann also alles, was nach der CTFA-Methode geprüft ist, problemlos unter dieser Nachweisgrenze Asbest enthalten. Das kann, ganz besonders natürlich im Falle zerstäubender Produkte wie Puder, zu einer durchaus messbaren Asbestexposition führen, selbst wenn das Produkt nach CTFA als asbestfrei gilt. Mit anderen Worten: Nach FDA wäre ein Talk zu 99,99 % Chrysotil-frei und zu 99,9 % frei von Amphibolasbest. Nach der CTFA wäre ein Produkt nur zu 99,5 % asbestfrei.

Das mag sich aus der Entfernung ein wenig wie Spiegelfechterei ansehen, aber hinter den Zahlen können sich durchaus nennenswerte Mengen an Asbestfasern verbergen. Und wie hier in Deutschland bei den Diskussionen um die sogenannten verdeckten Asbestprodukte mehrfach gezeigt wurde, kann ein Zerstäuben selbst geringer Mengen an Asbest zu einer deutlichen Asbestexposition führen. Hinzu kommt, dass die Menschen talkhaltige Kosmetikprodukte sicher sehr viel öfter verwenden, als etwa Löcher in Wände zu bohren oder zu tapezieren.

 

Wie kommt der Asbest in den Talk?

Talk ist ein natürliches Mineral, das meist bergmännisch gewonnen wird. Der größte Teil des industriell abgebauten Talks findet sich in metasomatisch alterierten Karbonatgesteinen, nur untergeordnet spielen mafische oder ultramafische Gesteine als Ausgangsgestein eine Rolle [Van Gosen et al. 2004][Buzon & Gunter].

Das Ausgangsgestein für Talklagerstätten sind meist dolomitische Marmore, die oftmals bereits eine metamorphe Phase hinter sich haben, bei der ein Teil des Calciums gegen Magnesium ausgetauscht wurde und der Kalk zu dem metamorphen Marmor wurde. In der letzten Phase lieferten Fluide die notwendige Kieselsäure, um letztlich Talk zu bilden.

Dabei hängt die Reinheit des Talks letztlich vom Ausgangsgestein selber ab. Talkvorkommen, die sich aus metamorphen Kalkablagerungen gebildet haben, können zum Beispiel Amphibol enthalten. Das hat letztlich zu er Erkenntnis geführt, dass Talke aus diesen Vorkommen für viele technische und kosmetische Anwendungen nicht unproblematisch sind. Dann zu den Amphibolen zählen auch 5 der 6 Asbestminerale, und es sind unter anderem diese Amphibolasbeste, die zu Problemen führen. Genauer gesagt, es sind die Amphibolasbeste Tremolit und Anthophyllit, die sehr gerne zusammen mit Talk in diesen metamorphen Lagerstätten auftreten.

Asbest in Talkprodukten – wie oft kommt es vor?

In einer jüngeren Untersuchung wurden 21 auf Talk basierenden kosmetischen Produkten untersucht. Alle diese Produkte stammten aus Geschäften in den USA oder Onlinegeschäften, die Analytik folge den Vorgaben der US Environmental Protection Agency EPA (Test Method EPA/600/R-93/116), bei dem die Proben mit einem Transmissions-Elektronenmikroskop (TEM) analysiert werden. Das Ergebnis ist durchaus erschütternd. In 3 Produkten konnte Tremolit nachgewiesen werden. Darunter befanden sich auch ein Spielzeugkosmetik-Set sowie 2 Paletten mit Eye Shadow. In einem der Eye Shadow Sets kam zusätzlich noch Aktinolith vor[Stoiber et al. 2020].

Dieser Befund passt ganz gut zu einer Untersuchung, welche die FDA 2019 an 52 Talk- basierten Produkten durchgeführt hat. Hiervon zeigten sich 9 als asbesthaltig. Leider verfügt die FDA in diesem Fall wohl nicht die Möglichkeit, einen Rückruf der Produkte anzuordnen, sondern konnte 2019 nur entsprechende Warnungen an die Konsumenten herausgeben.

In den USA scheint es zurzeit keine etablierte Methode zu geben, um Asbest in Spuren in natürlichen Rohstoffen nachweisen zu können. Was ich ziemlich erstaunlich finde. Die EPA verweist auf die ISO 10312 sowie die ASTM D6282, die beide auf TEM basieren und aus den 1990´er Jahren stammen.

Das muss an sich nichts Schlechtes sein. Das Verfahren nach BIA 7487 zum Beispiel stammt aus dem Jahr 1997. Es weist eine Nachweisgrenze von 0,008 Mass% Asbest auf. Erst 2017 wurde mit der VDI 3866 Blatt 5 Anhang B ein Verfahren etabliert, welches mit 0,001 Mass% diese Nachweisgrenze noch untertraf.

Asbest in Talk ist aber kein rein US amerikanisches Problem. Eine Untersuchung im Jahr 2019 zeigte, dass auch in indischen Talkprodukten Asbest recht häufig vorkommt [Fitzgerald et al. 2019].

Bei meiner Arbeit kommen regelmäßig Funde von Asbest, meist Tremolit und Anthophyllit, seltener Aktinolith oder Chrysotil vor. Das Problem dürfte demnach auch in Europa bestehen.

Zumindest in den USA scheint es demnach auch keine obligatorischen Testverfahren für Talk und die darauf basierenden Produkte zu geben. Hier wäre ein entsprechendes Verfahren mit sehr hoher Empfindlichkeit wie etwa VDI 3866 Blatt 5 Anhang B von 2017 zu empfehlen.

Die Folgen

Asbest in kosmetischen Produkten kann sehr weitreichende Folgen haben. Ganz besonders gilt dies natürlich für Produkte, die zu ihrer Anwendung zerstäubt werden. Hier ist die Gefahr der Inhalation von Asbestfasern extrem groß. Das gilt auch für asbesthaltige Kosmetika, die etwa im Gesicht aufgetragen werden.

Ein Problem stellt die sehr lange Latenzzeit für die typischen asbestbezogenen Krankheiten dar. Es ist nach 20 bis 30 Jahren oftmals unmöglich, die Fälle auf eine entsprechende Exposition zurückzuführen.

Auffällig ist aber, dass Untersuchungen zufolge rund 60 % aller Mesotheliome bei Frauen nicht auf arbeitsbezogene Expositionen zurückgeführt werden können. Gleichzeitig fiel im Zeitraum von 1999 bis 2010 die Sterblichkeit für Männer an asbestbezogenen Krankheiten, während sie für Frauen stabil blieb [Baumann & Carbone 2016].

Noch liegen Männer bei den Erkrankungen insgesamt vorne, bei der Bevölkerungsgruppe der unter 50-Jährigen jedoch liegen Männer und Frauen gleich auf.

Wenn schon ein kleiner Test zeigt, dass fast 15 % der talkbasierten Kosmetikprodukte nicht asbestfrei sind, sollte vielleicht doch mal über die angewandten Testmethoden nachgedacht werden.

 

Asbest in Talk, Auslöser für Eierstockkrebs?

In der jüngeren Zeit kam es wegen Asbestgehalten in Talkprodukten zumindest in den USA auch zu einigen weitreichenden Urteilen. So wurde dem Konzern Johnson & Johnson vorgeworfen, bekannte Verunreinigungen von Asbest in seinen Babypudern verschwiegen zu haben [Anonymus 2021].

Es war vorher zu einer auffälligen Häufung von Fällen von Eierstockkrebs gekommen, der auf einen geringen Gehalt an Asbest in den von den betroffenen verwendeten Babypudern enthalten war [Berge et al. 2018][Steffen et al. 2020][Slomovitz et al. 2021].

Es besteht also zumindest die Möglichkeit, dass Asbest, auch wenn er auf anderen Wegen als über die Lunge in den Körper gelangt, dort schwerwiegende Krankheiten auslösen kann.

 

Literatur

Van Gosen, B.S., Lowers, H.A., Sutley, S.J. & Gent, C.A., 2004, Using thegeologic setting of talc deposits as an indicator of amphibole asbestos content, Environmental Geology, 45, 920 – 939

Buzon, M.E. & Gunter, M.E., 2017, Current issues with purportedasbestos content of talc:Hydrothermal-hosted talc ores insouthwest Montana, Transactions of the Society for Mining, Metallurgy & Exploration, 342, 62 – 71

Stoiber, T., Fitzgerald, S. & Leiba, N.S., 2020, Asbestos Contamination in Talc-Based Cosmetics:An Invisible Cancer Risk, Environmental Health Insights, 14, 3

Fitzgerald, S., Harty, E., Joshi, T.K. & Frank, A.L., 2019, Asbestos in commercial indian talc, American Journal of Industrial Medicine, 62, 385 – 392

Baumann, F. & Carbone, M., 2016, Environmental risk of mesothelioma in the UnitedStates: an emerging concern—epidemiological issues, Journal of Toxicology and Environmental Health, Part B, 19, 231 – 249

Anonymus, 2021, J&J verdoppelt nahezu Rückstellungen wegen Babypuder-Skandal, Handelsblatt, ,

Berge, W., Mundt, K., Luu, H. & Boffetta, P., 2018, Genital use of talc and risk of ovarian cancer: a meta-analysis , European Journal of Cancer Prevention, 27, 248 – 257

Steffen, J.E., Tran, T., Muna, Y., Clancy, K., Bird, T.B., Rigler, M., Longo, W. & Egilman, D.S., 2020, Serous Ovarian Cancer Caused by Exposure to Asbestos and Fibrous Talc in Cosmetic Talc Powders—A Case Series, Journal of Occupational and Environmental Medicine, 2, 65 – 77

Slomovitz, B., de Haydu, C., Taub, M., Coleman, R. & Monk, B.J., 2021, Asbestos and ovarian cancer: examining the historical evidence, Int J Gynecol Cancer, 31, 122-128



Gunnar Ries studierte in Hamburg Mineralogie und promovierte dort am Geologisch-Paläontologischen Institut und Museum über das Verwitterungsverhalten ostafrikanischer Karbonatite. Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen. Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen

1 Kommentar

  1. Was die Rückführbarkeit der Erkrankung auf die Asbestexposition angeht scheint es hier doch einen schwachen Lichtstrahl am Ende des Tunnels zu geben. Vor ein paar Wochen ist mir ein interessanter Artikel untergekommen, in dem Asbestfasern mittels LA-ICP-TOF-MS (Laser Ablative-Inductive coupled plasma-time of flight-mass spectrometry) direkt an Mesotheliomen nachgewiesen wurden. Ist natürlich alles andere als eine Routinemethode, aber immerhin.

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