Ein moralisches Angebot

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Volkswagen Stiftung

Moralisches Denken und Handeln sind in Psychologie und Neurowissenschaft zurzeit heiße Themen. Die Volkswagen Stiftung fördert jetzt ein Projekt, das die Moralforschung genauer unter die Lupe nimmt. In Groningen wird dafür ein(e) Mitarbeiter(in) gesucht, um Ursachen und Konsequenzen des Verständnisses von Moral als Hirnfunktion zu untersuchen.

Neurowissenschaftliche und psychologische Forschung moralischer Entscheidungen hat sich in den letzten Jahren zunehmend auf Emotion und Intuition konzentriert. Die Sichtweise, dass moralische Urteile in Vernunft und Abwägung gründen, wurde von einem Verständnis moralischer Urteile als geformt durch unmittelbare Gefühlsreaktionen ersetzt. Diese neuere Forschung ist stark durch die Biologie und Psychologie der Emotionen sowie Arbeiten der Moralphilosophie beeinflusst. Unser interdisziplinäres Forschungsprojekt zur Rolle von Intuition und Emotion beim moralischen Entscheiden wird diese Entwicklungen sowohl theoretisch als auch empirisch untersuchen.

… one advantage of identifying the neural correlates of cognition is that it may allow us to eliminate certain moral theories as being psychologically and neurobiologically unrealistic. (W. Casebeer & P. S. Churchland, 2003)

Diese Forschung ist wichtig, da mitunter dramatische Schlüsse aus der neueren Moralforschung gezogen wurden. William Casebeer und Patricia Churchland haben etwa vorgeschlagen, bestimmte Moraltheorien anhand ihrer neuronalen Korrelate als psychologisch und neurobiologisch unrealistisch zu „eliminieren“. Michael Gazzaniga geht davon aus, es könne eine Art universeller Ethik in unsere Gehirne eingebaut sein, die wir nur zu identifizieren bräuchten, um besser im Einklang mit ihr zu leben. Peter Singer interpretierte die neurowissenschaftlichen Ergebnisse Joshua Greenes und seiner Kollegen so, dass sie aufgrund des Vorliegens bestimmter emotionaler und intuitiver Einflüsse gegen andere Moraltheorien und für den Konsequentialismus sprechen.

Das Projekt besteht deshalb aus drei Komponenten, welche die unterschiedlichen Forschungsperspektiven reflektieren: (1) Wissenschaftsgeschichte und -soziologie – geleitet von Stephan Schleim an der Universität Groningen –, (2) Philosophie und Ethik – geleitet von Guy Kahane an der Universität Oxford – und (3) Sozialpsychologie – geleitet von Birte Englich an der Universität Köln. Im Lauf von drei Jahren (Groningen: vier Jahren) werden wir genauer untersuchen, welche Entwicklungen das neue Verständnis moralischer Entscheidungen prägen, welche Schlüsse sich daraus für die Moralphilosophie ziehen lassen (und welche nicht) und welche individuellen Faktoren, die bisher nicht untersucht wurden, moralische Entscheidungen beeinflussen.

University of Groningen

Die Untersuchung in Groningen wird dabei historisch beginnen: Wie ist es zu dem Übergang von der „alten“ zur „neuen“ Moralpsychologie gekommen? Was waren die genauen Gründe dafür, die Vorstellung von Moral als eine sich entwickelnde, persönliche sowie in Gründen und Rechtfertigungen basierte Fähigkeit durch eine von der Situation abhängende, von affektiven Systemen und Intuitionen im Gehirn produzierte Fähigkeit zu ersetzen? Als Erklärungen kommen die affektive Revolution in Psychologie und Hirnforschung, Änderungen in der Methodologie oder die feministische Kritik älterer Ansätze in der Moralpsychologie infrage. Es könnte aber auch andere Erklärungen geben.

Nach der historischen Untersuchung wird die Gegenwart in den Vordergrund treten. Welche Funktion erfüllen neurobiologische Ansätze der Moral – vor allem mit Verweis auf Emotion und Intuition – in heutigen normativen Diskursen? Neben den eingangs erwähnten Beispielen, die auf die Moralphilosophie zielen, werden die neueren Funde bereits vor Gericht oder im politischen Diskurs rezipiert. Wir wollen dies nicht bewerten, sondern detailliert beschreiben, damit die Rolle der Neurobiologie in aktuellen Debatten deutlich wird.

An der Mitarbeit in diesem Projekt interessiert? Dann werfen Sie doch einen Blick auf die Stellenausschreibung. Das Projekt ist Teil der European Platform for Life Sciences, Mind Sciences, and the Humanities.

Stephan Schleim

Veröffentlicht von

www.schleim.info

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7 Kommentare

  1. @ Stephan Schleim

    Ihre historischen Untersuchungen betreffen einen Zeitraum, in dem es bereits bestimmte moralische Ansichten gab. Gibt es eigentlich Überlegungen zu der Frage, wann bzw. unter welchen Bedingungen Gewissen, Scham und Schuld in der Evolution des Bewußtseins auftauchten? Die Vertreibung aus dem Paradies faßt doch wohl eine in Wirklichkeit vielleicht Jahrtausende dauernde Entwicklung zusammen. Doch wodurch wurde sie angeregt? Entstehen Gewissen, Scham und Schuld zwangsläufig in differenzierten Sozialverbänden? Wie sieht es bei Tieren aus?

    An dem von Ihnen vorgestellten Volkswagenprojekt erscheint mir die Verdeutlichung der Art heutiger normativer Diskurse am interessantesten. Wer verschafft sich Gehör? Wem wird vertraut, und worauf beruht dieses Vertrauen? Hängt die Beeinflussung des normativen Diskurses von der Entstehungsweise neurobiologischer Forschungsergebnisse ab? Verführt etwa die Flut dieser Einzelergebnisse zum Mißbrauch oder die chaotische Veröffentlichungsreihenfolge? Oder spiegelt sich im öffentlichen normativen Diskurs zwangsläufig die geistige Haltung derer wider, die die Hirnforschung initiieren und damit die Richtung bestimmen? Weiter: Hätte die Öffentlichkeit in diesem Fall nicht ein berechtigtes Interesse, die persönliche Integrität dieser Personen zu hinterfragen?

  2. @ Ebrahim: Entstehung von Moral

    Ihre erste Frage sprengt etwas den Rahmen unseres Projekts, bei dem es vor allem um die Entwicklung der Moralpsychologie bzw. Neurowissenschaft der letzten fünfzig Jahre geht, um damit bestimmte Trends der Gegenwart besser verstehen zu könnne.

    Zu Ihrer Frage äußern sich eher evolutionäre Psychologen oder Soziobiologen, die eine ganz andere Perspektive einnehmen und vor allem auf die Adaptivität bestimmter moralischer Überzeugungen hinweisen, die beispielsweise das Überleben bestimmter Gruppen gegenüber anderen begünstigen würden. Davon abgesehen, dass dies bestimmte Grundsatzprobleme aufwirft, ob es beispielsweise in der Evolution eine Gruppenselektion gibt, halte ich diese Ansätze zwar für interessant, um darüber nachzudenken, aber letztlich nicht für überzeugend.

    Ob überhaupt in der Kulturentwicklungen ähnliche Regeln gelten wie in der Lebensentwicklung, ist nach wie vor umstritten (selbst nach manchen Evolutionsbiologen, die wie beispielsweise Julian Huxley entscheidende Beiträge zu Evolutionstheorien geleistet haben).

    Persönlich interessiert mich eher die Frage der Geltung von Moral, die ich von einem gewissen rationalistischen und humanistischen Standpunkt aus als weitgehend unabhängig von der Frage ihrer Entwicklung ansehe. Ganz gleich, woher diese Fähigkeiten kommen, zweifellos besitzen viele Menschen sie heutzutage und die Frage, die das bei mir aufwirft, ist die der Begründung bestimmter moralischer Überzeugungen.

    Womit wir dann auch wieder beim Projekt wären, denn schließlich scheinen die persönlichen Gründe gegenüber eher spontanen und kontextgebundenen affektiven Regungen aus dem Zentrum der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit gerückt zu sein. Wie dieser Wandel stattgefunden hat und welche Auswirkungen er in heutigen normativen Diskursen bereits hat, darum geht es in unserem Projekt. Die Fragen Ihres zweiten Absatzes können wir daher idealerweise im Laufe des Projekts besser beantworten.

  3. @ Stephan Schleim

    Vielen Dank für Ihre Antwort. Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse des Projektes.

  4. keine Moral ohne Empathie

    Hallo,

    ich finde den Begriff „Moral“ sehr diffus und darüber hinaus auch (… sozusagen) aalglatt. Wir treffen Entscheidungen irgendwo zwischen Bauch und Kopf. Die meisten Faktoren und Beweggründe, die zu einer Entscheidung führen bleiben uns verborgen. Sicher ist es ein sehr interessantes Forschungsthema, diese verborgenen Entscheidungswege genauer zu untersuchen. Vielleicht (… das wünsche ich mir) gibt es diesbezüglich neue Erkenntnisse, was es mit dem so genannten „Baugehirn“ auf sich hat und in wie weit es mit dem Kopfgehirn zusammenarbeitet … oder sogar autark Entscheidungen beeinflussen kann (… und es vielleicht sogar immer schon getan hat!).

    Ich stufe Moral als Mittel der Wahl (… oder sogar „zum Zweck!“) ein, denn gleichzeitig mit der Moral kommt immer unser Gewissen ins Spiel … und so mag es sein, dass unser Gehirn mit Hilfe der Moral dem Bewusstsein eine Hilfe oder Werkzeug anbietet, mögliche Konsequenzen eines „Veto“ (des Bewusstseins) vor Augen zu führen, wenn die Differenzen zwischen bewusster „Auswahl“ und unbewussten Background hinsichtlich der sich anbahnenden Situation ein zu großes Risiko, z. B. hinsichtlich einer Eskalation in sich tragen.

    Auf jeden Fall gehören Moral und Empathie „zusammen“. Das bewusste Reflektion und/oder Auseinandersetzung mit Empathie ist für mich die Basis jeder Moral!

  5. @ Ebrahim

    Wer den öffentlichen normativen Diskurs führt, d.h. durch seine wissenschaftliche Arbeit beeinflußt und damit persönlich in die Öffentlichkeit tritt (vor allem im Fernsehen), gehört aufgrund seiner Einflußnahme zu den “Personen des öffentlichen Lebens”, über deren Privatleben eine Berichterstattung in den Medien legitim wäre. Warum diese Personengruppe vom Journalismus verschont wird, ist für mich nicht plausibel. Wenn Ethiker, Philosophen und Hirnforscher zunehmend maßgebende moralische Urteile fällen, die für die Gemeinschaft folgenschwer sind, besteht selbstverständlich ein berechtigtes öffentliches Interesse an dem Hintergrund dieser Personen, zumindest aber an der Gültigkeit dieser Moral für ihren jeweiligen Fürsprecher. Das müssen sich schließlich auch unsere Politiker gefallen lassen.

  6. @ Isadora

    Ich erkenne in Ebrahims Beitrag zwar nicht gerade einen Widerspruch zu Ihrer Aussage, doch das, was Sie sagen, wäre doch eigentlich konsequent.

    Andererseits wirft es die Frage auf, ob Wissenschaftler wirklich so sehr öffentliche Personen sind wie Politiker. In Zeiten der Kürzungen denken beispielsweise manche Redaktionen darüber nach, ihre Wissenschaftsseiten einzustampfen — bei den Politikseiten käme das nicht infrage.

  7. @ Stephan Schleim

    Nein, es ist kein Widerspruch zu Ebrahims Kommentar; ich führte seinen Gedanken nur fort.
    “Person öffentlichen Interesses” ist ja ein juristischer Begriff. Laut wikipedia-Definition gehören u.a. Ansehen, Stellung, Einfluß und Bekanntheit zu den möglichen Voraussetzungen, “dazuzugehören”.
    Hoffentlich werden die Wissenschaftsseiten nicht eingespart, wie Sie schreiben; das wäre jammerschade. Ich wäre dafür, sie aufzupeppen, indem man sie durch persönliche Informationen über die Wissenschaftler ergänzt. Das macht Wissenschaft für den Leser erst lesenswert und menschlich.

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