Ritt auf dem digitalen Tsunami

Mitte Oktober war ich – wie in den drei Jahren davor auch schon – auf dem Expertentreff der Smart Factory, eine im Münchner Herbst statt findende Veranstaltung rund um Industrie 4.0, gemeinschaftlich organisiert vom TÜV Süd sowie dem Munich Network. Es war Andreas Popp, einer aus der Riege des deutschen Maschinenbaus, der auf einer der Podiumsrunden einen recht aufschlussreichen Vergleich zog, einen, der am Ende meiner Reportage auch im Original zu hören ist. Er sprach da vom „ digitalen Tsunami“, auf dem die deutschen Hersteller zu reiten versuchen. Klar, dass der Versuch alles andere als einfach ist, und auch nicht jedes Unternehmen die gewaltigen Turbulenzen einer derartigen “Naturgewalt” zukunftssicher in den Griff bekommen wird.

Nach vier Jahren Smart Factory ist aber ebenso zu erkennen, dass sich erstens das Chaos rund um den Tsunami an der einen oder anderen Stelle etwas zu lichten beginnt, dass es zweitens hierzulande trotzdem noch vieles durcheinander wirbelt und drittens sogar die Weltwirtschaft der Globalisierung davon bereits voll erfasst ist. Marktstrategen sehen voraus, dass die Zeiten heutiger Massenproduktion in Niedriglohnländern zu Ende gehen. Stattdessen entstehen zunehmend „regionale“ Zonen – gemeint etwas in der Größenordnung von Europa, Asien, Amerika -, in denen die gesamte Wertschöpfungskette abgebildet werden muss. Darüber berichtet Detlef Zühlke, der hierzulande als professorale Ingenieurs-Größe einer der wichtigsten Väter von Industrie 4.0 ist. Nicht nur die Fabrikation verändert sich, auch die Wünsche der Kunden folgen einem neuen großen Trend. Die wollen längst nicht mehr nur einen schnellen Klick zum Produkt, sondern erwarten selbstverständlich tags darauf gleich die Lieferung ins Haus. Das ist mit dem heutigen globalisierten Wirtschaftssystem schlichtwegs nicht machbar. Die daraus erwachsende Prognose: Produktion wird zunehmend aus den Billiglohnländern abwandern, eben dorthin, wo das Produkt gekauft wird. Allerdings hat das Produzieren dieser neuen Art nur noch wenig gemein mit der althergebrachten Herstellung in düsteren Fabrikhallen. Ganz neue Produktionsmethoden steigen auf, Kleinserie bis zur Losgröße Eins steht im Fokus – auch die additive Fertigung mit 3D-Printern macht’s möglich! – und all das gepaart mit dem Geschäftsmodell der neuen Generation schlechthin: dem Teilen! Dazu mehr in der Reportage über Newcomer wie Fabrikado aus Deutschland fürs Machine-Sharing oder über die norwegische Company Disruptive Technologies fürs Sensor-Sharing.

Dienstleister fürs Teilen entstehen rund um den Globus, die sich als Produktionsplattform im regionalen Markt anbieten, mit allem, was eine komfortable Fabrikation ausmacht: samt garantierten Lieferfristen und umfangreicher Produkthaftung. Aber Sharing braucht Vertrauen – die bisher heiligen Firmenmauern müssen dafür eingerissen und sogar für den potenziellen Konkurrenten durchlässig werden. Konzerne tun sich da am schwersten, denn Imperien konnten sich zu allen Zeiten der Geschichte stets die höchsten und stabilsten Schutzwälle leisten. Die aber kommen irgendwie aus der Mode im Zeitalter von Sharing und “Koopetition”. Eine neue Denkkultur ist gefragt. Nur wer die schon hat oder zumindest schnell entwickelt, wird den tosenden digitalen Tsunami wohlbehalten überstehen. Und der Blick zurück beweist: Selbst die größten Reiche können untergehen, wenn sie die Zeichen der Zeit nicht genügend früh berücksichtigen. Was all das für die etablierten Großproduzenten in der künftig so smarten Welt der Industrie 4.0 wohl bedeuten mag?

Den Sprechertext zur Sendung gibt’s wie immer bei HYPERRAUM.TV.

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Ich habe viele Jahre journalistisch im Bereich Wissenschaft und Technologie gearbeitet, später dann mit meiner kleinen Beratungsfirma als Medienexpertin. 2010 erfüllte ich mir meinen großen Traum und gründete den Spartensender HYPERRAUM.TV, für den ich eine medienrechtliche Rundfunklizenz erteilt bekam. Seither mache ich als One-Woman-Show mit meinem „alternativen TV-Sender“ gewollt nicht massentaugliches Fernseh-Programm. Als gelernte Wissenschaftshistorikern habe ich mich gänzlich der Zukunft verschrieben: Denn die Vergangenheit können wir nur erkennen, die Zukunft aber ist für uns gestaltbar. Wir sollten versuchen, nicht blind in sie hinein zu stolpern!

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. So ist es. Mit den Möglichkeiten der neuen Technologien und unter dem Druck des Klimawandels wird sich die Wertschöpfungskette regionalisieren und Sharing in allen Bereichen wird immer attraktiver und rentabler. Die viele der Grossen werden sich wehren, müssen lernen mitzuschwimmen, oder Sie werden untergehen. Gut so.

  2. 😂 glaube ich nicht. Wir werden sehr wahrscheinlich alle bald untergehen, weil Mensch offenbar den Kreislauf des GeschäftsSinns nicht zur zweifelsfrei-eindeutigen Menschenwürde und wirklich-wahrhaftiger Vernunft drehen will – die Kommunikation / der Kommunikationsmüll des nun “freiheitlichen” Wettbewerbs und seiner stumpf- wie blödsinnigen Symptomatik, steuert geradewegs in den nächsten Wahnsinn, DES ATOMZEITALTERS!!! 😒

  3. Die klassischen Industriekonzerne – selbst VW, Siemens & Co – werden tendenziell abgelöst durch Firmen in denen Dienstleistungen vertrieben werden. Doch selbst die kleinen Dienstleistungsfirmen stehen jetzt schon im Schatten der Internet Big Five stehen, im Schatten von Amazon, Google, Apple, Facebook und Microsoft. Das Internet hat (paradoxerweise?) nicht 1000 Blumen blühen lassen, sondern es hat ein paar ganz grosse Gewächse hervorgebracht, Gewächse, die alles über ihre Kunden wissen und die die riesigen Datenberge, die diese Kunden generieren für vielfältige Zwecke nutzen. Jeder Android oder nur schon google map – Nutzer verbessert täglich google map, versorgt es mit aktuellen Informationen über Staus, neu geöffnete Geschäfte, bevorzugte Aufenthaltsorte (google map-Meldung: „an diesem Ort verbringen Menschen im Schnitt 2 Stunden“), Reisen und vieles mehr. In der zukünftigen Sharing Ökonomie gibt man in google map seinen Zielort an und erhält gleich eine Liste von Verkehrsmitteln mit denen man das Ziel erreicht, darunter Uber-Taxis, Ride-Sharing-Angebote und bald schon Flugtaxis und Facebook macht einen auf den Geburtstag von Freunden aufmerksam und listet gleich Blumenliefersevices etc auf oder macht einen Vorschlag für ein gemeinsames Essen in einem mit google/Amazon liierten Restaurant mit Abholung durch ein autonom fahrendes Fahrzeug und anschliessendem Besuch in einem Kino in dem genau der Film läuft, den man schon immer sehen wollte. Und alle sind zufrieden – ausser den Firmen, die nicht zum alles einbindenden Netzwerk gehören.

    • Ergänzung: Die globale Welt verschwindet nicht, sie wird nur neu organisiert. Daten werden zwar lokal genieriert, aber global genutzt (Amazon weiss wo die Menschen in Mumbai oder Baden-Baden einkaufen und es weiss, was sie kaufen), Waren dagegen werden in Zukunft wieder vermehrt lokal, on-time und gemäss neuesten Trends hergestellt. Addidas hat seine Fabriken aus Südostasien zurück nach Deutschland verlagert und lässt sie nun vollautomatisch per Roboter herstellen.

  4. Die digitale Finalität (deutsch: Endlösung) besteht in der rein digital gesteuerten Produktion, Logistik und Lieferung gemäss individuellen Vorstellungen des Endkunden. Dieser Endkunde – also jeder von uns – bestellt dann nicht mehr das Billy-Regal von Ikea, sondern er wählt im digitalen Katalog ein Regal, das ihm gefällt, gibt dann die Wunschmasse und eventuell Modifikationen ein und erhält das Regal ein paar Tage später frei Haus geliefert. Dem weltraumbegeisterten Nachwuchs schenkt man zum 20igsten Geburtstag gleich eine 2-stufige Rakete, die 50 Kilo Nutzlast in einen niederen Orbit transportieren kann, deren Teile per 3D-Druck hergestellt und anschliessend vollautomatisch montiert werden und die softwaremässig so ausgestattet ist, dass der Junior die Rakete per Smartphone starten kann – und das zu einem Komplettpreis von 100‘000 Dollar, einem Preis, den sich schon heute einige Millionen begüterte US-Amerikaner leisten können.
    Klar werden in einer solchen Zukunft auch ausgefallene Wünsche in Form von „unmöglichen“ Häusern und verrückten Fahrzeugen Realität werden. Allerdings gibt es auch Schattenseiten. Für ambitionierte Bombenbauer wird es mit der Verfügbarkeit einer „personal factory“ ebenfalls viel einfacher, schneller und effektiver, ihre „Projekte“ umzusetzen.

  5. Internet-Marktplätze/Tauschbörsen/Buchungsportale markieren den Beginn der modernen sharing-Ökonomie und die Einbindung der Fertigung als Service in diese Internetökonomie ist ein weiterer logischer Schritt. Die Ermächtigung des Einzelnen, die vorher vom Personal Computer ausging und dessen logische Fortsetzung der Personal (selbst besessene) 3D-Drucker war, geht nun vom Zugangsrecht zu den verschiedenen Sharing- Platformen aus und das wichtigste persönliche Gerät des modernen Menschen ist ein Gerät, welches Zugang zum Internet bietet und das möglichst jederzeit und überall. Auch deshalb hat das Smartphone eine solch grosse Bedeutung erhalten: Weil es mir jederzeit Zugang zu Diensten ermöglicht, die mir die Welt als grossen Markt-und Tauschplatz von Waren, Gütern und Ideen präsentieren und weil es mich zugleich zum Weltbürger macht, denn egal ob ich in München oder auf den Fidji-Inseln bin, viele der Internet-Services werden mir überall angeboten. Auch auf den Fidji-Inseln erfahre ich alles über das lokale Wetter, lokale Gebäude, Museen samt Öffnungszeiten und Internet- Informationsangebot und ich erfahre alles über das lokale Warenangebot und auch dort gibt es Dienste wie Uber und elektronische Buchungsplatformen. Mit andern Worten: selbst das intim Lokale findet heute im Internet statt und ist prinzipiell sowohl dort lebenden Menschen als auch Besuchern, ja letzlich sogar Allen zugänglich, egal wo sie auf der Erde (wozu auch die ISS gehört) wohnen. Wenn die Fertigung nun durch neue Technologien wie das Additive Fertigen von den Billiglohnländern zurückgeholt wird nach München oder Zürich, so bedeutet das nur bedingt eine Ent-Globalisierung, eine Regionalisierung im klassischen Sinn, denn wer etwas fertigt und wo das genau geschieht wird in einer Ökonomie der Dienste, wo selbst Waren Dienste erbringen, immer unwichtiger. Die wieder lokale Fertigung hat nur einen wichtigen Grund: sie verkürzt die Produktezyklen, verringert die Antwortzeit mit der auf neue Entwicklungen und Kundenwünsche eingegangen werden kann, verringert den nicht mehr verkäuflichen Ausschuss und erhöht potenziell den Umsatz durch individualisierte, massgeschneiderte Produkte. Im Prinzip hat sogar mit solchen Rückverlagerungen von Produktionsstätten die Globalisierung zugenommen, weil die Rückverlagerung letzlich geschieht um den global geltenden Marktgesetzen nachzuleben und dieser globale Markt verlangt nach immer grösserer Kundennähe, wobei Kundennähe nicht unbedingt lokale Nähe bedeutet, sondern Berücksichtigung des Kundenkontexts und des Kundenwunsches. Zudem: die zurückverlagerte Produktion und Fertigung wird ja nicht mehr von der Firma/Fabrik nebenan ausgeführt, sondern sie passiert in einem computergesteuerten Prozess in dem 3D-Drucker und Roboter die Hauptrolle spielen und wo die 3D-Drucker und Roboter von global agierenden Firmen hergestellt werden und wo die Software, welche die 3D-Drucker steuert im Prinzip von jedem Punkt der Erde heruntergeladen werden kann. Es verwundert deshalb nicht, dass wer das Internet und die Digitaltechnologie beherrscht, zunehmend die Welt beherrscht und dass Firmen, die hochgradig mit ihren Kunden vernetzt sind zunehmend die Oberhand gewinnen (denn die Kunden generieren heute auch die Daten, welche die Serviceprozesse steuern). Es sind dies: Google, Amazon, Apple, Mikrosoft und Facebook. Und wehe dem Kunden, der den Zugang zu ihren Platformen verlieren. Sie verlieren damit zunehmend sogar mehr als wenn sie ihre Staatsbürgerschaft verlieren.

  6. @Herrn Holzherr: Grundsätzlich teile ich Ihre Interpretation der Gefahren in Sachen digitaler Welt. Allerdings finde ich diese Aussagen doch ungewöhnlich, da Sie sie bisher eher als “Optimisten” verortet habe. Ich glaube allerdings auch, dass es wichtig ist, bei Industrie 4.0 zwischen der Kundenseite und der Herstellungsseite zu unterscheiden. Ich habe in dieser Sendung und in diesem Blog ja klar auf die Produktion fokussiert. Dabei gibt es mit guten Gründen eine berechtigte Hoffnung (ohne eine Aussage hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit), dass es neben den Big Five der Globalisierung auch Nischen für “lokale” Anbieter à la Fabrikado gibt. Offen bleibt, ob sie die bestehende Chance auch nutzen können. Zweitens möchte ich auf Ihren Vergleich, die Kunden

    verlieren damit zunehmend sogar mehr als wenn sie ihre Staatsbürgerschaft verlieren

    noch eins draufsetzen: Die Identität des Einzelnen geht künftig in der Cloud auf. Damit sind wir übrigens wieder beim Thema der großen Frage der zuletzt diskutierten biokulturellen Evolution https://scilogs.spektrum.de/hyperraumtv/die-kulturelle-evolution-daten-statt-gene/ angekommen, wo ich Sie doch, wie mir schien, eher als optimistischen Vertreter selbst bestimmter Handlungen kennen gelernt habe (s.o.) …

  7. Ich bin Optimist was die Ermächtigung jedes Einzelnen angeht. Es geht ja tatsächlich immer mehr Menschen immer besser und nicht nur oder sogar zum kleineren Teil, weil die Mächtigen freiwillig ihre Macht teilen und abgeben, sondern weil mehr Wissen und eine bessere Ausbildung mehr Opportunitäten schaffen. Aber selbst die Ermächtigung des Einzelnen ist nicht ohne Gefahren, denn auch Terroristen werden so ermächtigt.

    In einer globaleren Welt erreichen aber die Firmen eine beherrschende Stellung, die ihre Lösungen global skalieren können – und das sind etwa die Internet Big Five.
    Grundsätzlich können aber sogar Kleine (Firmen) eine globale Skalierung ihrer Produkte anstreben – und wer bedeutend (auf seinem vielleicht nur kleinen Gebiet) werden will muss dies sogar zunehmend tun. Zudem sind wir in einer Phase der allgemeinen Beschleunigung und die Internet Big Five von morgen (in 10 oder 20 Jahren) können ganz andere sein als die von heute.
    Früher galt noch, dass lokale Firmen einen inhärenten Vorteil durch ihre Einbettung in ihr lokales Umfeld besitzen. Doch mit der Globalität der Information stimmt das immer weniger. So konnte ich auf Mallorca über Google Map bessere Auskunft über die Busfahrzeiten erhalten als über die lokalen Fahrpläne. Globalität verschwindet nicht mehr, denn Globalität der Information beinhaltet auch Wissen über Lokales und eine grosse Wissensbasis bringt auf jeder Ebene Vorteile.

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