Kein Nobelpreis für Mathematik? Die Kowalewskaja ist schuld!

Warum gibt es keinen Nobelpreis für Mathematik und Informatik? Die Frage hat Tobias Maier kürzlich hier auf dem HLF-Blog gestellt. Hier kommt eine Antwort – oder eher: Sammlung von Antworten. Sie stammt (gekürzt und etwas bearbeitet) aus meinem Buch „Darf ich Zahlen? Geschichten aus der Mathematik“.

Warum gibt es also keinen Nobelpreis für Mathematik? Um diese Frage ranken sich viele Legenden – und manche davon sind viel spannender und interessanter als die etwas prosaische Wahrheit.

So schrieb Jeanne Rubner 1999 für die Serie »Verblaßte Mythen« in der Süddeutschen Zeitung:

Die Gewinner der Fields-Medaille beziehen ihren begrenzten Ruhm daher, daß die Auszeichnung als geheimer »Nobelpreis« für Mathematik gehandelt wird. Dessen Nicht-Existenz geht übrigens auf eine talentierte Mathematikerin zurück. Die Russin Sofya Kowalewskaja, die durchaus nobelpreisverdächtig gewesen wäre, wollte nicht Alfred Nobels Geliebte sein. Er hat sich gerächt, indem er vor 100 Jahren die Mathematik in seinem Testament nicht berücksichtigte.

Also: Sofya Kowalewskaja ist schuld!?

Sofja Kowalewskaja (1850-1891)
Sofja Kowalewskaja (1850-1891)

Die Geschichte wird aber auch andersherum erzählt. Die französische Version besagt, dass Gösta Mittag-Leffler, seinerzeit unbestritten der bedeutendste skandinavische Mathematiker, Alfred Nobel die Frau ausgespannt habe und Nobel ihm daher keinen Preis gegönnt hätte. Das ist, um es gleich zu sagen, meine Lieblingsversion der Geschichte – weil sie den Mathematiker ausnahmsweise mal nicht als Verlierer darstellt, sondern als Romeo. Plausibel ist sie aber nicht, schon deshalb, weil Nobel nie eine Frau hatte, die man hätte ausspannen können; er hatte mütterliche Freundinnen und Gönnerinnen und Briefpartnerinnen, aber keine Frau.

War er an der Kowalewskaja interessiert?

Ende 1887 lernte Kowalewskaja Alfred Nobel kennen. Dieser machte ihr zwar den Hof, allerdings kam es nicht zu einer Affäre. Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, es gebe keinen Nobelpreis für Mathematik, weil Sofja Kowalewskaja eine Liaison mit Nobel gehabt und ihn wegen Gösta Mittag-Leffler verlassen habe. Für dieses Gerücht gibt es keine reale Grundlage, denn auch mit Mittag-Leffler hatte Sofja Kowalewskaja keine Beziehung.

So weiß das Wikipedia – wobei einen der verdruckste Tonfall ja schon irritieren kann (»allerdings kam es nicht zu einer Affäre«? – in einer früheren Wikipedia-Version stand da sogar »eine Affäre aber kam zwischen den beiden nicht zustande«). Andererseits müssen wir uns ja auch fragen, woher der Wikipedia-Klatschreporter das alles so genau weiß.

Eine andere Variante der Legende lässt die Frauen aus dem Spiel, und mutmaßt, dass sich Nobel und Mittag-Leffler nicht mochten. Nobel habe deshalb keinen Mathematikpreis gestiftet, weil er Angst hatte, dass Mittag-Leffler angesichts seiner einflussreichen Stellung in der Akademie den Preis selbst bekommen könnte.

Gösta Mittag-Leffler (1846-1927)
Gösta Mittag-Leffler (1846-1927)

In der Tat war Gösta Mittag-Leffler (1846–1927) ein bedeutendes Mitglied nicht nur der Akademie, sondern auch der Stockholmer High Society: Er galt als renommierter Wissenschaftler, korrespondierte mit Mathematikern in ganz Europa, hatte Geld und gesellschaftliche Stellung, ließ sich im angesagten Vorort Djursholm eine großzügige Villa bauen, für die er auch noch eine eigene Straßenbahnhaltestelle arrangieren konnte – und die heute ein mathematisches Forschungsinstitut von internationaler Bedeutung beherbergt. In Gesellschaft war Mittag-Leffler meist von drei Frauen umgeben: seiner Ehefrau, der er einen bedeutenden Teil seines Reichtums verdankte, seiner Schwester Anne Charlotte Leffler, eine erfolgreiche Schriftstellerin, die unter anderem mit ihren Geschichten »Aus dem Leben« (über die Stockholmer High Society) großen Erfolg hatte, und dann war da noch Sofja Kowalewskaja, genannt Sonja, an der sich (nicht ohne Anlass!) die Phantasie entzündete.

Über Sonja Kowalewskaja (1850-1891) gibt es viel zu erzählen, das soll anderswo geschehen. Hier nur ein Meilenstein:1884 bekam sie, als 34-Jährige, eine reguläre Professur an der Stockholmer Universität – auf Drängen von Mittag-Leffler, aber gegen großen Widerstand aus der Professorenschaft. Damit war sie die erste Frau mit einer Mathematikprofessur in Europa. 1888 wird ihr der »Prix Bordin« der Pariser Akademie der Wissenschaften verliehen, 1889 erhält sie in Stockholm eine Professur auf Lebenszeit. Doch schon zwei Jahre später stirbt sie an einer Lungenentzündung, gerade 41 Jahre alt.

Warum also gibt es keinen Nobelpreis für Mathematik? Wir wissen heute, dass Alfred Nobel und Gösta Mittag-Leffler sich persönlich kannten und wohl nicht besonders mochten. Ob dabei Sonja Kowalewskaja eine Rolle spielte, ist nicht klar, aber die Rangeleien zwischen Alfred Nobel und Gösta Mittag-Leffler kennen wir auch aus dem Gerangel um eine dauerhafte Professur für die Kowalewskaja. In einem Brief bat Mittag-Leffler Nobel, er möge die Professur mit einer Finanzspritze unterstützen. Begründung: Es bestehe die Gefahr, dass Kowalewskaja nach Ablauf ihrer befristeten Stelle zurück in ihre Heimat ginge. Nobel antwortete herablassend: Das möge ja auch vielleicht besser für sie sein, schließlich sei die Mathematik in Stockholm ja doch recht provinziell.

Aber hat das etwas mit dem fehlenden Nobelpreis für Mathematik zu tun? Eher nicht. Nobel hat wohl deshalb keinen Mathematik-Nobelpreis gestiftet, weil er die Mathematik nicht als eine Wissenschaft wahrgenommen hat, die zum »Wohl der Menschheit beiträgt«. Das führt er nämlich in seinem Testament als entscheidendes Kriterium für die Auszeichnungen an. Daher nur Preise für Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Frieden. Der Wirtschaftsnobelpreis ist ja eine viel spätere Zustiftung der Schwedischen Reichsbank aus dem Jahr 1968, und wird heute in Kreisen der Stockholmer Akademie für einen Fehler gehalten. Ein »echter Nobelpreis« ist er nicht.

Als es die Nobelpreise dann wirklich gab, hat Mittag-Leffler sich durchaus persönlich eingemischt. So hat er dafür gesorgt, dass der Physik-Nobelpreis 1903 für die Erforschung der Radioaktivität nicht nur an Henri Becquerel und Pierre Curie ging, sondern auch an Marie Curie: Er hatte Pierre Curie angeschrieben, und von ihm die Bestätigung erbeten, dass seine Entdeckungen in gemeinsamer Arbeit mit seiner Frau gemacht wurden; in diesem Fall sollten sie auch gemeinsam ausgezeichnet werden. Den entsprechenden Brief hat Mittag-Leffler der Akademie vorgelegt, und so die Mitauszeichnung von Marie Curie erreicht. Ein Mathematiker als Frauenförderer? In diesem Fall vielleicht auch nur ein Förderer von Qualität und Exzellenz. Mittag-Leffler hat sich auch jahrelang um einen Nobelpreis (für Physik) für Henri Poincaré bemüht, vom Anfang der Nobelpreise 1901 an bis zum Tod Poincarés 1912. Danach erlosch offenbar sein Interesse an den Nobelpreisen, vielleicht auch, weil er mit der Vorstellung nicht durchdrang, dass der Physik-Nobelpreis von Zeit zu Zeit an einen Mathematiker gehen sollte, die ich ja immer noch gut und angemessen finde.

Die Frage »Warum gibt es keinen Nobelpreis für Mathematik?« lässt aber noch ganz andere Antworten zu. Eine ist: Wir brauchen ihn nicht, wir haben ja die Fields-Medaillen, die seit 1950 regelmäßig alle vier Jahre auf dem Internationalen Mathematikerkongress verliehen werden. Allerdings gibt es nicht viel Geld (15.000 kanadische Dollar, also weniger als 10.000 Euro); außerdem wird der Preis nach den Statuten der Jury nur an aktive Mathematiker vergeben, die höchstens vierzig Jahre alt sein dürfen. Also keine »Preise für Greise« wie die Nobelpreise.

Eine andere Antwort ist: Die Mathematiker wollen gar keinen Nobelpreis haben. In den 1960er-Jahren wurden prominente Mathematiker der Akademie der Wissenschaften in Stockholm gefragt, ob Interesse an einem Mathematik-Nobelpreis bestehe. Damals war die Antwort ein halbwegs klares Nein: Die Mathematiker befürchteten, dass der Wettbewerb und Wettlauf um einen Mathematik-Nobelpreis die so wichtige Zusammenarbeit der Mathematiker (und Mathematikerinnen) behindern und beschädigen könnte. Sie lehnten dankend ab.

Noch eine Antwort: Den Nobelpreis für Mathematik gibt es doch! Der Abelpreis wird seit 2003 jährlich von der Norwegischen Akademie der Wissenschaften  vergeben, die ja auch den Friedensnobelpreis verleiht. Das Preisgeld ist stattlich (etwa 660000 Euro) und wird für eine Lebensleistung vergeben (also an alte Herren) – vom norwegischen König persönlich. Nur „Nobelpreis“ heißt er nicht, aber wir wissen ja auch nicht, ob Herr Nobel das gut fände.

Darf ich Zahlen (Buchcover)
Darf ich Zahlen (Buchcover)

 

Posted by

Professor für Mathematik an der Freien Universität Berlin, Leiter des “Medienbüros” der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, Aktivist, Kommunikator, Sekttrinker, Gelegenheitsblogger, Kolumnist und Buch-Autor: "Darf ich Zahlen?" und "Mathematik - Das ist doch keine Kunst!".

4 comments

  1. Interessanter Hintergrund! Im Zusammenhang mit dem Abelpreis ist noch interessant, daß es einen Vorschlag dazu schon einmal um das Jahr 1905 gab, aber dieser dann wegen der Krise der Unionsauflösung von Schweden und Norwegen, die fast zu einem Krieg führte, nicht weiterverfolgt wurde.

  2. Die Wissenschaft darf nicht alles erforschen. Es ist z. B. unter Umständen gefährlich, wenn ein Mensch erforscht, ob er einen freien Willen hat. Es ist denkbar, dass ein Mensch gerade durch die Erforschung der Beschaffenheit des Willens seinen freien Willen verliert. Es ist gut, dass es einen technischen Fortschritt gibt (z. B. Computer). Aber die Technologie darf nur dann weiterentwickelt werden, wenn dadurch die Gefahren nicht größer werden als sie schon sind. Es ist z. B. unter den gegebenen Umständen falsch, Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen. Es ist sinnvoll, Faktor-X-Technologien (z. B. 0,3-Liter-Einsitzer-Autos, Linsermethode gegen Krampfadern) zu fördern. Die Verkehrsprobleme werden wesentlich reduziert, wenn fast jeder Mensch mit einem Motorrad o. ä. fährt, anstatt mit einem (Fünfsitzer-)Auto. Man sollte in einer Region mit mildem Winter leben. Dies hat u. a. den Vorteil, dass man in einem Gartenhäuschen wohnen kann, anstatt in einem teuren Haus. Man sollte sich teilweise von Wildfrüchten ernähren. Es ist gut, an etwas Göttliches zu glauben. Aber das Beten ist sinnlos. Ein Mensch muss u. a. seine Willenskraft und Liebe vergrößern. Und sich dann mit mystischen Erfahrungen und Geistheilung (z. B. Ereignisdeutung gemäß C. G. Jung) beschäftigen. Bestimmte esoterische Verfahren (z. B. Hypnose) sind gefährlich. Die Welt wurde nicht “erschaffen”, sondern existiert von Natur aus (und seit ewig). Fast die gesamte heutige Musik (z. B. die Rock- und Heavy-Metal-Musik) wirkt wie eine Droge. Empfehlenswert ist z. B. “Eblouie par la nuit” von Zaz, insbesondere die Version ohne Gesang.

    • Ach Du liebes bisschen, so viel Bullshit in einem Post, da weiß man ja gar nicht, wo man mit dem Lachen anfangen soll…

Leave a Reply


E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +