Auf „gleicher Augenhöhe“?

Anreise zum Heidelberg Laureate Forum 2015. Ich frage mich: Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen aus aller Welt (200, aus 50 verschiedenen Nationen) treffen auf Heroen ihres Faches, einige der Berühmtesten aller Mathematiker und Informatiker, wollen und sollen mit ihnen ins Gespräch kommen. Wird das funktionieren? Kann das funktionieren?

Auf der anderen Seite: 26 Laureaten (die also zumindest von der Bezeichnung her den Lorbeer im Haar tragen – allemal gewohnt sind, und möglicherweise genervt davon, mit zu viel Respekt und Hemmungen angesprochen, oder eben nicht einmal angesprochen zu werden).

Wie kommen die ins Gespräch? Und was für produktive Gespräche nötig wäre: auf gleicher Augenhöhe?

Beim Nachdenken darüber stolpere ich über eine meiner Lieblingspostkarten, gesetzt und gedruckt in Handarbeit „nach alter Kunst“ von Martin Z. Schröder, erschienen im Berliner Letterpress-Verlag des Buchdruckers Martin Z. Schröder:

Augenhoehe4

Der Text darauf (mit Tieren garniert) stammt von dem großartigen Schriftsteller (Satiriker, Philosoph, Musiker, etc.) Max Goldt, aus seinem Buch „Ein Buch namens Zimbo“:

Die lästig redensartliche Formulierung der „gleichen Augenhöhe“ vernachlässigt die menschliche Halswirbelmuskulatur.

Man sollte unbeirrt hinab- wie hinaufschauen, das eine mit möglichst wenig Spott und Verachtung, das andere ohne Eifer und blinde Begeisterung.

Und ich glaube, das ist ein gutes Motto für die kommenden Tage. Vielleicht auch ein bedenkenswerter Ratschlag, für alle Beteiligten? Und zwar nicht nur der blanke Text, sondern auch der Hinweis, dass die Gespräche, eben nicht online oder virtuell oder abstrakt sattfinden werden, sondern old style, altmodisch-konventionell persönlich, mit Interesse und Zurückhaltung, in Ruhe. Genauso old style wie diese Postkarte daherkommt, Reden und das Zuhören, mit alter Buchdruckerkunst. Gespräche, und die Zeit für Gespräche, sind etwas Altmodisches, aber sehr Wertvolles, auch und besonders in der Wissenschaft.

Ein anderer begnadeter Spötter, Oscar Wilde, sagt dazu:

Gespräche sind die langsamste Form der menschlichen Kommunikation.

Auch das würde sich für eine Postkarte eignen. Aber weniger gut als Motto für das Laureaten-Treffen in Heidelberg?

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Professor für Mathematik an der Freien Universität Berlin, Leiter des “Medienbüros” der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, Aktivist, Kommunikator, Sekttrinker, Gelegenheitsblogger, Kolumnist und Buch-Autor: "Darf ich Zahlen?" und "Mathematik - Das ist doch keine Kunst!".

5 comments

  1. Nachdenkenswert, bedenkenswert. Dankenswert auch. Und, nicht zuletzt, wunderschöne Drucksache von Martin Schröder. Mindestens eine Frage bleibt für mich offen: woher (aus welcher Quelle) stammt das Oscar-Wilde-Zitat und wie lautet es im englischen Original?

  2. @Paul Martin: sorry, den Oscar Wilde hatte ich aus dem Gedächtnis zitiert … ich erinnere mich an “Conversation is the slowest form of human communication”. Ob das wirklich von Oscar Wilde ist (ich würde’s ihm Zutrauen), weiß ich nicht. Google kennt das nur an verschiedenen Orten als “Author unknown”.

  3. Nur spaßeshalber ergänzt:
    Treffen erwiesene Fachleute und sich noch zu bewähren habende talentierte Fachleute aufeinander, müsste die Forderung nach annähernd gleicher Augenhöhe etwas für die anderen sein.
    Sie ist nämlich ihrem Wesen nach eine politische Forderung, die dort, eben im Politischen, Sinn ergeben mag, aber nicht notwendigerweise, sondern auch dort eher als eine Art Veranstaltungshinweis zu betrachten, in deren Folge dann auch andere Forderungen entstehen könnten, wie diejenige nach Solidarität, allgemeiner Teilhabe und Mitbestimmung.
    Naturwissenschaftliche Veranstaltung wäre auf derartige Forderung nicht ausgelegt, sie ist nicht demokratisch (ohne undemokratisch zu sein).

    ‘Niveau’ könnte hier das Fachwort sein, es gibt zwischen Individuen wie auch Gruppen zumindest gelegentlich Niveauunterschiede, der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich, wiederum: ganz spaßeshalber, an zwei Momentaufnahmen mit Klaus Kinski, der einerseits das Bonmot “Niveau sieht nur von unten wie Arroganz aus.” beibringen konnte und anderseits diese Szene:
    -> https://www.youtube.com/watch?v=go9yz74c4Y8 (schlechte Tonqualität)

    SCNR
    Dr. W

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