Denken in First Principles — Als Wissenschaftler und Unternehmer

BLOG: Graue Substanz

Migräne aus der technischen Forschungsperspektive von Gehirnstimulatoren zu mobilen Gesundheitsdiensten.
Graue Substanz

Wissenschaftler suchen nach grundlegenden Zusammenhängen, den »First Principles«. In einem Unternehmen geht es darum, alles hinter einer Idee zu vereinen. Sind leidenschaftliche Wissenschaftler also auch erfolgreiche Unternehmer?

Als theoretischer Physiker und Migräneforscher fing ich 2009 an, dieses Wissenschaftsblog zu schreiben. Eingeladen wurde ich von Lars Fischer vermutlich nicht zuletzt aufgrund meiner etwas ungewöhnlichen fachlichen Kombination. In meinen ersten Beitrag fasste ich einen Vortrag zusammen, den ich damals auf Einladung der amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH in Chicago hielt. Es ging um Migräne als dynamische, also zeitabhängige Krankheit. Wie lassen sich aus rein physikalisch-mathematischen Prinzipien Therapieansätze herleiten, die den Krankheitsverlauf herumdrehen? Können Wirkstoffe aus der Mathematik kommen und ganz ohne Moleküle auskommen, in dem sie lokal im Körper die Zeit zurückdrehen? 

Wissenschaft und Wirtschaft

Heute, zwölf Jahre später, bin ich Unternehmer. Schon als Wissenschaftler waren mir Interessenkonflikte beim Bloggen bewusst. Als Unternehmer sind solche noch einmal größer und vor allem anders gelagert. Daher veröffentlichte ich sehr wenig auf SciLogs, nachdem ich 2016 mein Unternehmen aus der Wissenschaft heraus gründete. — Doch so wichtig ein klarer Verhaltenskodex ist, nicht über Wissenschaft und Wirtschaft zu schreiben ist eine verpasste Chance.

Einige Branchen, die Gesundheitsbranche ist da ein gutes Beispiel, brauchen Wissenschaft und Wirtschaft. Für Wissenschaftler ist es also nicht verkehrt, den Blick auf die Wirtschaft zu richten und kennenzulernen, welche Fähigkeiten dort benötigt werden. Wie gründe ich selbst ein Unternehmen? Und vielleicht wichtiger: Warum?

Jens Spahn und Markus Dahlem sprechen über Digital Health
Jens Spahn hat Digital Health nicht erfunden. Doch hat er mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz »Apps auf Rezept« als Weltneuheit in Deutschland eingeführt.

Mein Arbeitsbereich gehört zur Gesundheitsbranche. Es ist ein Unterbereich, der heute in Deutschland vor allem durch Jens Spahn als »Digital Health« bekannt wurde. Der Ursprung liegt in der Tat in Berlin, er lässt sich zurückverfolgen zur sogenannten Berliner Schule, um den Mediziner und Physiker Hermann von Helmholtz und den weniger bekannten aber vielleicht noch wichtigeren Emil du Bois-Reymond. Mit Blick auf digitale Migränetherapien gibt es noch früherer Ansätze.
Als Wissenschaftler an einer Universität konnte ich meine Arbeit nicht erfolgreich zu Ende führen. Es lag an Vielem. Ein Punkt darunter war, dass ich die Technologie hinter den Wirkstoffe aus der Mathematik — digitale Wirkstoffe — nicht nur zur Marktreife bringen, sondern auch vermarkten wollte. Digitale Produkte wachsen nur im Markt zum vollen Potential. So ist das auch bei digitalen Therapien. Sie müssen im ersten Gesundheitsmarkt, oft als »App auf Rezept« bezeichnet, im Real-World-Setting erforscht und weiterentwickelt werden.

Vom Wissenschaftler zum Wissenschaftler-Unternehmer

Mit dieser Erkenntnis verließ ich die akademische Welt. Eine Übergangszeit von einem Jahr half. An der Humboldt-Innovation, ein Startupservice meiner Universität, gab es erste wichtige Kontakte zur Wirtschaft und Gesellschaft.  Wir bekamen zudem eine EXIST Seed-Finanzierung. Über dieses Programm EXIST des Wirtschaftsministeriums und uns als Gründerteam berichtete das Wissenschaftszeitschrift Nature in ihrer Rubrik “Career Guide” mit der Überschrift »No more career headaches«. Die Überschrift stimmt so natürlich nicht. Die karrierebezogenen Kopfschmerzen sind als Unternehmer nur andere. Richtig ist: »Außerhalb der Uni gibt’s auch schöne Labore«. So titelt letzte Woche Qiiu, ein Magazin, das in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bank herausgebracht wird und mich zum Thema Ausgründung aus der Wissenschaft interviewt hat. Der ganze Beitrag ist lesenswert. Einen Auszug will ich hier hervorheben.

„Ausgründen ist nicht für jeden etwas”, gibt Dahlem zu bedenken. „Die Forschung hat man dann zunächst verlassen.” Als Geschäftsführer wird es dann wichtig, Wagniskapital anzuwerben, Personal einzustellen und beides hinter einer Idee zu vereinen. Kurz: „Das Unternehmen unternehmensfähig bekommen”, sagt Dahlem.

Was benötigt ein (leidenschaftlicher) Wissenschaftler, um zugleich ein (erfolgreicher) Unternehmer zu sein? Was habe ich mitgenommen? Eine Antwort auf diese Frage inspiriert vielleicht andere, es zu wagen. Neben meiner Art zu Denken sind es Werte, die ich nicht für ungewöhnlich halte unter Wissenschaftler:innen und die auch weiterhin für mich als Unternehmer wertvoll sind, weil sie mir meinen Kompass geben.

Denken in First Principles

Als Wissenschaftler-Unternehmer geht es um das Denken in First Principles. Die Wissenschaft kennt viele First Principles. Für mich ist ein wichtiges der zweite Hauptsatz der Thermodynamik. Bevor das zu viele Nicht-Physiker abschreckt, formuliere ich, wie dieser Hauptsatz mir hilft ganz allgemein. 

Das bekannte Gelassenheitsgebet von Reinhold Niebuhr, bringt den Einsatz dieses Prinzips gut auf einen Punkt. Nur muss ich Gott durch die Thermodynamik ersetzen: »Die Thermodynamik gibt mir die Gelassenheit, Dinge zu akzeptieren, die nicht rückgängig gemacht werden können, den Mut, Dinge umzukehren, die umkehrbar sind (wie gewisse Krankheiten in gewissen Stadien), und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.«

Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik definiert, welche Prozesse irreversible sind. Er gibt den Zeitpfeil vor. Er führt auch zu der Feststellung, dass unser Universum einmal im Wärmetod endet. Das konnte ich als Student so natürlich nicht akzeptieren. Ich wählte daher meinen akademischen Forschungsschwerpunkt in der Thermodynamik fernab des Gleichgewichts. Dort vermutete ich, einen Ausweg zu finden. Und so ist es auch. Wir entkommen dort, also fernab des thermodynamischen Gleichgewichts, zwar nicht dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Doch können wir mit diesem Wissenschaftszweig erklären, warum Strukturen neu entstehen. Der Zeitpfeil wird quasi kurzzeitig und lokal umgedreht. Eine Frage im Besonderen faszinierte mich dann im Laufe des Studium besonders: sind Krankheitsverläufe umkehrbar? 

Mein akademischer Hintergrund hilft mir also bei der Beantwortung der grundlegenden Frage: Ergibt die Wissenschaft hinter der Therapie einen Sinn? Die Thermodynamik und insbesondere das Nachdenken über den Zeitpfeil hilft bei der kühnen Frage: Wie können wir Krankheiten rückgängig machen? Das heißt nichts anderes, als dass wir das Paradigma von der Therapie zur Heilung ändern.

Mit einer Krankheit anfangen

Wir müssen mit einer Krankheit anfangen. Erkrankungen des Gehirns sind miteinander verbunden. Die American Brain Foundation hat daher den Ansatz “Cure One, Cure Many” formuliert. Migräne ist die perfekte Krankheit, um diesen Ansatz  zu verfolgen. Ihre Symptome bilden »eine ganze Enzyklopädie der Neurologie« (Zitat von Oliver Sacks).

Können wir das Gehirn therapeutisch neu programmieren, um die Migräne zu verlernen? In diesem Bestreben einer digitalen Therapie ist die Migräne für mich ein Brückenkopf, von dem aus wir zu einem neuen Ufer kommen, dem der organischen Physik. Eigentlich ist es ein altes Ufer, doch die alten Brücken zur Berliner Schule der organischen Physik kennen nicht mehr viele heute. 

Prinzipien und Werte

Viele Branchen brauchen allerdings keine Wissenschaft! Gründungsprojekte ohne technologie- oder wissensbasierten Ansatz müssen zwar auch alles hinter einer Idee vereinen. Es wird die »North Star Metric«, das »Igel-Prinzip« oder einfach das »Why« gesucht. Viel Literatur existiert, am Ende hilft jedoch nur die Praxis. Doch First Principles meint etwas darüber hinaus. Es ist ein wissenschaftlicher Methodenansatz, der nur in Kombination mit einer bestimmten Basis an Werten erfolgreich ist.

Neben meinem Denken in First Principles begleiten mich als Unternehmer die gleichen drei Werte, wie schon als Wissenschaftler. Ich stelle jedoch unterschiedliche Widerstände fest.

Der erste Wert ist kontinuierliches Lernen. Kontinuierliches Lernen bedeutet zum einen, mich den Gedanken großer Vordenker auszusetzen. Da ist zum einem Rudolf Clausius, der den 2. Hauptsatz der Thermodynamik und damit den Zeitpfeil einführte. Wichtig ist mir auch Emil du Bois-Reymond, der Vater der organischen Physik. Und schließlich John Hughlings Jackson, der sich als Tollhaus-Theoretiker sah, andere erhoben ihn in den Rang eines Albert Einsteins. Nennen wir ihn schlicht den Vater der evolutionären Neurologie. Um nur drei meiner Wissenschaftshelden Helden zu nennen. Heute habe ich auch Unternehmer als Vorbilder. Kontinuierliches Lernen bedeutet zum anderen auch über Hypothetisches nachzudenken, ohne durch bisherige Erfahrungen, Wissen und Vorbilder eingeschränkt zu sein.

Der zweite Wert ist Respekt. Respekt bedeutet nicht konformistisch oder entgegenkommend zu sein, sondern meinen Mitmenschen positive Aufmerksamkeit zu schenken, ihnen zuzuhören mit der Absicht zu verstehen, nicht zu reagieren. Bei diesem Wert spüre ich eine größere Herausforderung, seitdem ich ein Unternehmen und keine wissenschaftliche Arbeitsgruppe mehr anführe.

Über allem steht die Gelassenheit. Jeden Zweifel hinter mir zu lassen und zu wissen, was ich tue, als Grundlage, aus der vielleicht sogar einmal Weisheit wachsen könnte. Noch gibt es viele Gelegenheiten, bei denen meine Gelassenheit gestört wird. Dann kehre ich zum kontinuierlichen Lernen zurück.

Es geht darum, alles hinter einer Idee zu vereinen, als Wissenschaftler wie als Unternehmer.



Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

12 Kommentare

  1. Hallo Herr Dahlem,
    es freut mich zu hören, dass ihnen ein beruflicher Neustart als Unternehmer gelungen ist. Ich fand und finde ihre Beiträge immer interessant und meist auch ein wenig herausfordernd, da Sie eine ganz eigene, generalisierende und auch fachübergreifende Sichtweise auf die Dinge haben.
    Sie sprachen von ihren wissenschaftlichen Vorbildern. Bislang kannte ich keinen dieser Namen, werde mich aber wenigstens über Wikipedia etwas kundig machen.
    Sie verschwiegen ihre unternehmerischen Vorbilder. Das macht natürlich neugierig. In Deutschland scheint man als Unternehmer immer ein wenig verdächtig zu sein, einem eher weniger tugendhaften Prinzip zu folgen. Das ist schade, denn das freie Unternehmertum, verbunden mit dem Mut eine Idee umzusetzen und zu vermarkten ist schließlich Grundlage unseres Wohlstandes, der Forschung und Sozialstaat erst ermöglicht.
    Von Unternehmern und Wissenschaftlern hört und liest man, dass überzogener Datenschutz (natürlich nicht Datenschutz generell) und mangelnde Digitalisierung in Deutschland den Fortschritt behindern und letztlich Menschenleben kosten. Entspricht das auch ihren Erfahrungen?

    Zu diesem Thema empfehle ich den hochinteressanter Podcast der FAZ mit Professor Martin Hirsch „Mit KI können wir ein Gesundheitssystem bauen, das den Namen verdient“

  2. Hallo!

    Danke für die freundliche Nachricht!

    Gleich zu den unternehmerischen Vorbildern: Ich las »Shoe Dog«, die Biografie des NIKE-Gründers Phil Knight. Das ist gerade ein Beispiel für ein Unternehmen, das nicht auf einen technologie- oder wissensbasierten Ansatz aus der akademischen Wissenschaft kommend beruht. Die Produkte, also die Schuhe werden durchaus praxisnah technologie- oder wissensbasiert entwickelt. Aber es geht darum, wie ein Unternehmen gegen viele Widerstände aufgebaut wurde und dabei durchaus tugendhaften Prinzip verfolgt werden. Ich sah bei Phil Knight biographische parallel zu mir. Doch habe ich ihn und andere Beispiele bewusst nicht genannt. Denn ich kenne nur sein Buch. Wie viel wurde da vielleicht verwegen gespindoktort?

    Die historischen Vorbilder sind hingegen von vielen Seiten gut beleuchtet. Emil du Bois Reymond habe ich nicht nur als Student im Original gelesen, sondern kenne heute auch seinen Biographen, Gabriel Finkelstein (Professor für Geschichte an der University of Colorado Denver) und tausche mich mit ihm aus. Gabriel hat auch Emil du Bois-Reymond nicht nur mit dem Buch »Emil du Bois-Reymond: Neuroscience, Self, and Society in Nineteenth-Century Germany« wieder zum Leben erweckt, sondern twittert für ihn unter @EduBoisReymond! Aber das nur am Rande.

    Ich war auch immer deutlich mehr begeistert von Bill Gates als von Steve Jobs. Als Vorbilder würde ich dennoch keinen bezeichnen. Die Reihenfolge verrät aber was.

    Mein einzig echtes Vorbild ist mein Vater. Er hat kein eigenes Unternehmen aufgebaut, sondern war zeitlebens ein Angestellter, der als promovierter Ingenieur unternehmerisch dachte.

    Er war im Bereich Kohle und Stahl tätig, was als Jungendlicher für mich zwar sehr greifbar war, und doch sehr weit weg von dem wissenschaftlichen Ideal, welches ich für mich sah. — Bis ich langsam Begriff, welche fundamentale gesellschaftliche Rolle die Montanunion einnahm. Ohne sie gäbe es die Europäischen Union nicht in dieser Form. Wenn ich mir ein Arbeitsfeld im den 1968 aussuchen könnte, also der Zeit um das Jahr, in dem ich geboren wurde, würde mich das reizen. Auch wenn ich andererseits viel mit den 1968 sympathisiere. Ich mag solche Spannungsfelder.

    Datenschutz ist nicht überzogen und so meinen Sie es ja auch nicht. Die Angst davor ist es schon. Das ist ein längeres Thema.

    Mit Martin Hirsch habe ich öfter schon gesprochen, er hat mit Ada Health ein Unternehmen gegründet, zudem wir viele Kontakte haben. Den Podcast kenne ich jedoch noch nicht und höre da gleich mal rein. Das ist doch ein schöner Sonntag Anfang!

    Viele Grüße,
    Markus

  3. First Principles: Ideen/Prinzipien als Kern etwas sich Entwickelnden
    Entwicklung ausgehend von First Principles bedeutet, dass man von als wahr und als zentral erkannten Grundannahmen das Ganze entwickelt, wobei das Ganze ein System des Denkens oder auch eine Firma sein kann. Die Idee dahinter ist also: es gibt einen unumstösslich wahren Kern und alles andere entwickelt sich daraus logischen Prinzipien folgend. Eine Firma, die behauptet sie habe sich rund um First Principles entwickelt, behauptet also, alles steht im Solde, in der Pflicht einer Grundidee und dieser Grundidee zum Durchbruch zu verhelfen, bedeutet der „Wahrheit“ zum Durchbruch zu verhelfen.

    In den USA ist Elon Musk derjenige, der Nachahmern ans Herz legt, ihre Firmen ausgehend von First Principles aufzubauen. Wobei bei Elon Musk selbst klar wird, dass es für ihn eine Hierarchie von First Principles gibt und dass für ihn First Principles nicht nur wahre Grundannahmen sondern zugleich erstrebenswerte Ziele sind. Das letzte und höchste dieser erstrebenswerten Ziele ist für Elon Musk die nachhaltige Gesellschaft und alle einzelnen Produkte, die er hervorgebracht hat, wie etwa das vollelektrische Auto stehen – so behauptet er und so will er es – im Dienste dieses Ziels einer nachhaltigen Gesellschaft einer bald schon multiplanetaren Species.

    Was ist denn die Alternative zu First Principles: nun, es ist wohl der Synkretismus, die Melange all dessen was verschiedene Leute oder Firmen für wichtig halten und bereits verfolgt haben. Dahinter, hinter dem Synkretismus, hinter der grossen Synthese steht der Gedanke: für jeden etwas. Es geht nicht um richtig oder falsch, sondern darum alle irgendwo abzuholen und allen, egal aus welcher Ecke, etwas anzubieten.

    Jetzt haben wir gerade eine Stimmung für „First Principles“ und gegen Melange, gegen ein Gebräu aus allem. Das First Principles Denken bedeutet auch, dass auch ungewöhnliche und vollkommen neue Ansätze das Richtige sein können – dann nämlich, wenn diese neuen Ansätze im Kern richtig sind, selbst dann, wenn sich diesen Ansätzen sehr viele Hindernisse in den Weg stellen.

    Wer behauptet von „First Principles“ auszugehen, behauptet letztlich, richtig gestartet zu sein oder richtig starten zu wollen und alles darauf aufzubauen. Alles zu investieren um der Grundidee zum Durchbruch zu verhelfen.

  4. Ich denke an technologie- oder wissensbasierten Unternehmen.

    Ich bin nicht ganz sicher, ob der Vergleich zu Elon Musk passt. Es wäre dann wohl z.B. die Erkenntnis, dass wir die Erde eines Tages verlassen müssen, also fliegen wir nun zum Mars. Das ist mir ein bisschen zu weit in die Zukunft gedacht. Kürzer als 3 Jahre denke ich auch keine Strategie (nutze den Begriff nicht im Kontext von Unternehmensstrategie in kürzeren Zeiträumen) und nicht länger als 30 Jahre.

    Neulich habe ich ein Interview mit Airbus-Chef Guillaume Faury gehört. Er sprach davon, dass Flugzeuge in den nächsten 15 Jahre mit Wasserstoffantrieb und nicht mit den angeblich zu schweren Batterie fliegen. Ich habe die Berechnungen nicht nachvollzogen und für uns Physiker können Hummeln laut First Principles auch nicht fliegen. Etwas in der Richtung ist schon gemeint.

    Es ist also schon schwierig mit dem unumstösslich wahren Kern. Bei der Theromdynamik habe ich es aber ganz gut.

    Um Einstein zu zitieren:

    “Eine Theorie ist desto eindrucksvoller, je größer die Einfachheit ihrer Prämissen ist, je verschiedenartigere Dinge sie verknüpft, und je weiter ihr Anwendungsbereich ist. Deshalb der tiefe Eindruck, den die klassische Thermodynamik auf mich machte. Es ist die einzige physikalische Theorie allgemeinen Inhaltes, von der ich überzeugt bin, dass sie im Rahmen der Anwendbarkeit ihrer Grundbegriffe niemals umgestossen werden wird (zur besonderen Beachtung der grundsätzlichen Skeptiker).”

  5. @Markus A.Dahlem: die „First Principles“-Idee hat eine enge Beziehung zur Physik in dem Sinn, dass das was physikalisch nicht existieren oder überzeugen kann auch insgesamt nicht überzeugen kann. Elon Musk beispielsweise hält die ganze Wasserstoff-Wirtschaft für ein Public Relations-Konstrukt (mit z.B. Shell, Exxon als Förderer), dass sich in der realen Welt aus prinzipiellen, auch physikalischen Gründen nicht durchsetzen kann. Umgekehrt kam er zum Schluss, dass batterie-elektrische Autos prinzipiell gesehen Verbrennern überlegen sein können. Prinzipiell bedeutete noch vor 10 Jahren, dass kaum jemand aus der Autowelt dem elektrischen Antrieb eine Chance gab, vor allem weil es dazumal keine günstigen, leistungsfähigen Batterien gab, etwas was den Glaube an batterie-elektrische Fahrzeuge zum Glauben an ein richtiges Prinzip machte, welchem noch zum Durchbruch verholfen werden musste.

    Das bedeutet: etwas kann prinzipiell, mit der „First Principles“-Brille gesehen, funktionieren und Zukunftspotential haben, aber momentan führt es ein Mauerblümchen-Dasein, weil sein Potential noch nicht entfaltet ist.

    Wer also gemäss „First Principles“ entwickelt, der verhilft dem potenziell mächtigen, aber momentan noch Schwachem, zum Durchbruch.

    • Ergänzung: der Artikel First Principles: Elon Musk on the Power of Thinking for Yourself erläutert First-Principles-Thinking an Beispielen und in Bezug auf Elon Musk, der diese Vorgehensweise immer wieder propagiert. Hier ein paar Sätze daraus zitiert:

      “Ich neige dazu, die Dinge von einem physikalischen Rahmen aus anzugehen”, sagte Musk in einem Interview. “In der Physik lernt man, von den ersten Prinzipien her zu denken und nicht durch Analogien. Also sagte ich, okay, schauen wir uns die ersten Prinzipien an. Woraus besteht eine Rakete? Aluminiumlegierungen in Raumfahrtqualität, dazu etwas Titan, Kupfer und Kohlefaser. Dann fragte ich, welchen Wert diese Materialien auf dem Rohstoffmarkt haben. Es stellte sich heraus, dass die Materialkosten einer Rakete etwa zwei Prozent des typischen Preises ausmachen.
      Anstatt eine fertige Rakete für zig Millionen zu kaufen, beschloss Musk, seine eigene Firma zu gründen, die Rohstoffe günstig einzukaufen und die Raketen selbst zu bauen. SpaceX war geboren.“
      ….
      Das Denken in ersten Prinzipien bedeutet, dass man einen Prozess auf die grundlegenden Teile reduziert, von denen man weiß, dass sie wahr sind, und von dort aus aufbaut. Lassen Sie uns besprechen, wie Sie das Denken in ersten Prinzipien in Ihrem Leben und bei Ihrer Arbeit nutzen können.

      Ein erstes Prinzip ist eine Grundannahme, die nicht weiter abgeleitet werden kann. Vor über zweitausend Jahren definierte Aristoteles ein erstes Prinzip als “die erste Grundlage, von der aus eine Sache bekannt ist.”

      Das Denken in ersten Prinzipien ist eine schicke Art zu sagen: “Denken Sie wie ein Wissenschaftler.” Wissenschaftler gehen nicht von etwas aus. Sie beginnen mit Fragen wie: Was ist mit absoluter Sicherheit wahr? Was wurde bewiesen?

  6. @Dahlem

    In Ihrem Firmenporträt steht u.a., dass Sie fundamentale Gehirnprozesse verstehen wollen. Wenn dies stimmt, sollten Sie den Brief lesen den ich morgen an Sie absende.
    Bei einer ´Nahtod-Erfahrung´(NTE) kann man bewusst erleben, wie das Gehirn einen einzelnen Reiz/Gedanken systematisch und strukturiert verarbeitet. Einen direkteren Zugang zur Arbeitsweise des Gehirns gibt es nicht.

    Mit EEG, PET, N-IR, fMRT Elektroden kann man ´nur´ Aktivitäten messen.
    Bei NTEs kann man einen Erinnerungsvorgang (Inhalte, Strukturen) bewusst erleben.

    D.h. NTEs sind ein ´missing link´, wenn man die Arbeitsweise des Gehirns richtig verstehen will – denn damit kann man nachvollziehen WIE das Gehirn arbeitet. (z.B. ist dabei deutlich erkennbar, dass unser Gehirn Erlebnisse in hierarchisch AUF- bzw. AB-steigenden Reihenfolge reaktiviert – und wie/warum diese dabei verändert werden können)

    Sie erhalten von mir ein komplettes Erklärungsmodell für NTEs.

    • Ja, aber das wissen Sie doch, dass ich die fundamentale Gehirnprozesse der
      Migräne-Attacke
      aufzuklären versuche. Da steht also der Zusatz und es steht im Kontext meiner Biographie.

      Wir haben uns ja vor Jahren schon über NTE ausgetauscht und ich halte das auch für ein sehr interessantes Thema. Aber aktuell beschäftige ich mich nicht damit.

      Beste Grüße,
      Markus

      • @Dahlem
        Zur Behandlung von Migräneanfällen gehört auch Neurofeedback – und dazu ist es sinnvoll die Arbeitsweise des Gehirns gut zu verstehen.
        Mein Vorschlag – lesen Sie meinen Brief und diskutieren Sie den Inhalt mit Ihrem Team. z.B. lässt sich DENKEN mit drei einfachen Regeln beschreiben – welche für das Erstellen von Neurofeedback-Produkten hilfreich sind.

        (Ich muss den Begriff ´NTE´ verwenden weil er durch die Literatur vorgegeben ist – obwohl er Unsinn ist. )

  7. Als theoretischer Physiker und Migräneforscher wären Sie eigentlich die einzige Persönlichkeit die meine durchaus ernst gemeinten Fragen seriös beantworten könnte.

    Es wurde auch früher schon versucht, Phänomene wie „Empfindung“ und „Bewusstsein“ zu erklären. Z.B. von ehemaligen Wissenschaftlern, die zunächst in der Nazi Kriegsforschung und nach dem Krieg an höheren Schulen (Gymnasien, Ingenieursschulen, Unis…) unterrichtet haben.

    Allerdings haben die ihre Thesen, ganz einfach deswegen, weil allein das Nachdenken über derartige Themen als „verrückt“ galt, nur mit größter innerer Distanz und unter dem Siegel größter Verschwiegenheit „diskutiert“. Ich gehe davon aus, dass alle diese Herren unter der Erde und ihre Gedanken jetzt „frei“ sind.

    Es geht schlicht und einfach (eigentlich ganz banal) darum, dass Empfindungsphänomene als „Nebeneffekt“ bei chemischen Prozessen auftreten können. Chemische Prozesse beruhen hauptsächlich auf Vorgänge an den „Elektronenhüllen der Atome“. Dabei dürften auch Elektronen samt ihrer Dynamik frei werden und über das neuronale Netz mit anderen Molekülen (allenfalls resonant) interagieren und im neuronalen Netz ausgewertet werden können. Nur dann können „Empfindungen“ tatsächlich „realisiert“ werden.

    Meine eigentliche Frage ist, ob es für Sie zumindest denkmöglich wäre, dass nur wegen einer „ungünstigen neuronalen Verdrahtung“ im Gehirn, resonant sich aufschaukelnde (Schmerz-)Prozesse auftreten, wobei z.B. Migräneschmerz entsteht.

    Ungünstige „neuronale Verdrahtung“ bedeutet, dass ähnlich wie in der Elektronik, Systeme anfangen (resonant) über Rückkoppelungen zu schwingen, sofern die „Schwingungsbedingungen“ erfüllt sind. Bei epileptischen Erkrankungen dürfte derartiges bewiesen, und auf niedrigerer molekularer Ebene (z.B. Migräne) naheliegend sein. Dieser Gedanke liegt auch deswegen nahe, weil durch zielgenau im neuronalen Netz andockende Medikamente, derartige resonante für Schmerzempfindungen nötige „Interaktionen“ unterbunden und Schmerzen gemildert werden können.

    Resonanzeffekte im neuronalen System dürften übrigens auch Lusteffekte auslösen, die z.B. durch äußere „Bilder“ über das neuronale System gesteuert werden.

    „Bewusstsein“ entsteht vermutlich in diesem Sinne an besonderen, vermutlich eher flächigen Strukturen (an der Netzhaut, Hirnhaut, zwischen den Hirnorganen….), wenn die Information abbildenden Signale in einen örtlichen und zeitlichen Zusammenhang gebracht werden und die Teilempfindungen zum „Bewusstsein emergieren“, ähnlich wie auf eine Leinwand geworfene „Bildpunkte“ zu einem Film „emergieren“.

  8. Ich möchte die Aussage von der „ungünstigen neuronalen Verdrahtung“ präzisieren.

    Gemeint ist, dass die für die Migräne sensitiven Molekülverbände (Zellen) im neuronalen System, im Hinblick auf ihr Zusammenwirken, z.B. genetisch oder von den Entstehungsprozessen abhängig, „ungünstig“ angeordnet sind. So dass es, z.B. durch den Einfluss „externer Dynamiken“, z.B. sich verändernde elektrische Felder oder Temperaturen bei Wetterveränderungen, zu sich aufschaukelnden resonanten, schmerzhaften Prozessen kommen kann.

  9. First Principles, Iterate fast, Fail Fast
    Von ersten Prinzipien her denken kann als Konstruktionsprinzip eines Ideen-/Theoriegebäudes oder auch eines Produkts sein. Doch das genügt nicht um einen Prozess und ein wachsendes Wesen, eine wachsende, sich entwickelnde Firma auf der richtigen Spur zu halten und sie schnell immer mehr Raum erobern zu lassen.

    Um schwere Fehlentwicklungen und Fehlallokationen zu vermeiden und gleichzeitig schnell unterwegs zu sein braucht es mehr. Ein Ansatz um sich schnell Raum zu erobern und insgesamt weiterzukommen ist unter der Prämisse des begrenzten Voraus-Wissens folgender Ansatz:
    1) Mach so viele Schritte hintereinander wie möglich (Iterate Fast) und beweise
    2) mit möglichst wenig Schritten, dass etwas nicht funktionieren kann, damit du dich möglichst schnell von deinen Fehlern erholen kannst, daraus lernen kannst um es erneut zu versuchen.

    Es gibt viele Beispiele für die fatalen Auswirkungen des gegenteiligen Ansatzes, also des Ansatzes „Immer weitermachen mit Prinzipien/Arbeitsweisen, die immer wieder zu Problemen führen oder die sich sogar teilweise als falsch erwiesen haben, die nun aber gelten, weil vor langer Zeit festgeschrieben“.

    Beispiel 1) Die Firma Boeing hat sich vor Jahrzehnten von der Engineering-Orientierung verabschiedet und ist zur Business-Orientierung übergegangen (siehe dazu: The Inefficiency in Boeing’s Organizational Culture ) Business-Orientierung bedeutet im Falle Boing: sie wollen nicht das beste Flugzeug bauen, sondern das profitabelste, das welches am meisten Kunden bringt. Deshalb wurden bestehende Flugzeugtypen auf Biegen und Brechen weiterentwickelt und die Konsequenzen von „profitablen Änderungen“ an neuen Flugzeugen den Kunden und Piloten verschwiegen sobald sie negative finanzielle Konsequenzen gehabt hätten wie etwa die Notwendigkeit einer zusätzlichen Ausbildung für Piloten. Ein besserer Ansatz wäre es gewesen, die Business-Orientierung hin- und wieder zu hinterfragen und aus ersten negativen Konsequenzen zu lernen. Ja, am besten wäre es gewesen schon beim Entscheid zur Business-Orientierung vorzusehen, wie man die Auswirkungen auf das g
    Engineering erkennt und auftretenden Fehler und Verzerrungen am besten in den Griff kriegt.

    Beispiel 2) Hyperloop als Transport in evakuierten Röhren wurde 2012 von Elon Musk vorgeschlagen. Inzwischen gibt es mindestens 3 Firmen, die ein Hyperloop-System aufbauen wollen, darunter Virgin Hyperloop, Hyperloop Technologies und Hardt (ein niederländisches Unternehmen). Elon Musk, der Hyperloop vorgeschlagen hat, hat allerdings keine Firma gegründet, welche den schnellen Transport in Röhren zum Zwecke hat, sondern er hat eine Tunnelbaufirma gegründet mit der er sowohl Langsam- als auch Schnellverkeher unterirdisch abwickeln will. Als Begründung gab er später an, dass er sich weiter informiert habe und nun wisse, dass es extrem schwierig sei, ein Vakuum in einem Röhrensystem ohne irgend ein Leck aufrecht zu erhalten. Im Prinzip ist er hier dem Prinzip FAIL FAST gefolgt, ja er hat die Röhrenidee sogar aufgegeben bevor er ihre Probleme am eigenen Leib erfahren musste.

    Fazit: First Priniples denken ist ein Gestaltungs- und Aufbauprinzip, das die statische Struktur und Grundentscheidungen eines geplanten Gebildes bestimmen kann. Für das Tagesgeschäft und um die Dynamik in den Griff zu kommen braucht es noch Prinzipien wie Iterate Fast und Fail Fast

Schreibe einen Kommentar