Albrecht Dürer und die Geologie

Geschichte der Geologie

Während der Renaissance (um 1450-1600) wurden große Fortschritte in der Astronomie, Physik und Medizin erzielt, aber was war bloß mit der Geologie los?

Tatsächlich gibt es zunächst nur wenige einschneidende Erkenntnisse. Der italienische Universalgelehrte Leonardo da Vinci (1452-1519) erkannte Fossilien als Überreste ehemals lebender Tiere, die zwischen den Schichtung der Gesteine eingebettet wurden. Er erkannte auch das Sedimentgesteine durch Erosion und Ablagerung gebildet werden. Leonardo nutze seine naturwissenschaftlichen Beobachtungen allerdings nur für seine Kunst. So wie bei einem Menschen alle Organe zusammenarbeiten (Leonardo hatte auch Leichen sezierte), und die Proportionen der Glieder aufeinander abgestimmt sind, so sind die Proportionen und Elemente einer Landschaft aufeinander aufgebaut und hängen zusammen. Weiter entfernte Berge verschwimmen und scheinen zu schrumpfen. Allerdings, so Leonardo, folgen diese optischen Effekte klar definierten Fluchtlinien und Gesetze. “Hügel in der Toskana” ist eines der ältesten bekannten Werke von Leonardo da Vinci, skizziert um 1473. Leonardo spielt hier geschickt mit den Landschaftselementen um eine Perspektive zu erhalten. So nutzt er die Schichtung der Sedimentgesteine über den Wasserfall als Konstruktionslinien um dem Bild, zusammen mit dem weiter hinten liegenden Horizont und Feldern in der Schwemmlandebene, Tiefe zu geben. Wasser verbindet den Berg mit dem Tal, den Vorder- mit dem Hintergrund. Für Leonardo waren Flüsse die Arterien der Erde. Sie transportierten Stoffe von der Oberfläche in die Tiefe in einer Art von Kreislauf von Erosion, Transport und Ablagerung.

Credit: Da Vinci

Leonardo inspirierte auch andere italienische Künstler, die wiederum europaweit Künstler und Maler beeinflussten. Albrecht Dürer (geboren am 21. Mai 1471, bis 1528) bereiste zweimal Italien, wo er die Grundlagen der Perspektive studierte. Auf seiner Rückreise übte er und skizzierte verschiedene Steinbrüche in den Alpen, wahrscheinlich in der Umgebung seiner Heimatstadt Nürnberg, Süddeutschland und in Teilen Österreichs. Die Bilder sind dreidimensionale Darstellungen der Felswände, wobei die horizontale Schichtung (Sandstein-Formation mit dünnen Mergel-Zwischenlagen) oder Klüftung in die Perspektive eingearbeitet worden sind.

Credit: Dürer

In vielen seiner Landschaftsbildern versteckt Dürer ein menschliches Antlitz, wahrscheinlich eine Anspielung auf Leonardos Konzept, dass die Proportionen der Natur die Proportionen des menschlichen Körpers widerspiegeln. Noch deutlicher wird dies in seinem Landschaftsbild „Ansicht von Arco“, wo in der Mitte des Berges, aus einer Felswand, ein menschliches Gesicht nach Links blickt.

Credit: Dürer

Die Künstler wenden die Kenntnisse der Darstellung des menschlichen Körpers auf die Landschaft an, und dies hatte auch große Auswirkungen auf die Darstellungen von naturwissenschaftlichen Konzepten. Es mag kein Zufall sein, dass der Däne Niels Stensen (1638-1686), Begründer der modernen Stratigraphie, von der Ausbildung her ein Anatom war. In den damaligen Medizinbüchern tauchen die ersten detailgetreuen Darstellungen des menschlichen Körpers auf. Steno wendet diese exakte und genaue Darstellungsweise auch auf die innere Anatomie der Erde an. Die verschiedenen Elemente der Erde arbeiten zusammen, und dürfen nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Auf Erosion erfolgt Sedimentablagerungen, es entstehen so durchgehende Schichten. Erneute Erosion legt die Schichten frei, die nun von einem aufmerksamen Beobachter, sei es Maler oder Geologe, in der Landschaft studiert werden können.

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David Bressan ist freiberuflicher Geologe hauptsächlich in oder, wenn wieder mal ein Tunnel gegraben wird unter den Alpen unterwegs. Während des Studiums der Erdwissenschaften in Innsbruck, bei dem es auch um Gletscherschwankungen in den vergangen Jahrhunderten ging, kam das Interesse für Geschichte dazu. Hobbymäßig begann er daher über die Geschichte der Geologie zu bloggen.

4 Kommentare

  1. Albrecht Dürer war nicht der erste, der relativ authentische Felsstudien angefertigt hat. Jan van Eyck hat so einen Felsen in einer Stigmatisation des hl. Franziskus dargestellt.

    Original:

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Saint_Francis_of_Assisi_Receiving_the_Stigmata_Turin.jpg?uselang=de

    Andere Fassung, bessere Fotografie, aber die Malerei ist etwas schwächer:
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Attributed_to_Jan_van_Eyck,_Netherlandish_(active_Bruges),_c._1395_-_1441_-_Saint_Francis_of_Assisi_Receiving_the_Stigmata_-_Google_Art_Project.jpg?uselang=de

    Ganz im Hintergrund sieht man dagegen fantastische Felsformationen.

  2. Bedeutet Aneignung der Welt Antropomorphisierung? Leonardo und Dürer mit ihren in Landschaften versteckten Gesichtern könnten einen auf diese Idee bringen oder diese Idee bestärken. Bei geologischen Formationen braucht es meist recht viel Fantasie um Gesichter, Hände oder Haare zu sehen. Über diese Fantasie verfügte Leonardo aber zweifellos. In seinen Notizen berichtete er darüber, er lasse sich von Wolkenformationen inspirieren indem er alles mögliche in sie hineinprojiziere.

  3. Pingback:Whewell’s Gazette: Year 3, Vol. #40 | Whewell's Ghost

  4. @Martin Holzherr

    “Bedeutet Aneignung der Welt Antropomorphisierung?”

    Auch Erkennen bzw. Beschreiben der Welt läuft oft durch Vergleichen der Welt und ihrer Gesetzmäßigkeiten mit uns selbst ab. Jacques Monod nannte dies wissenschaftsphilosophisch einst “Animismus”, also das wesensmäßig Für-gleich-Halten von der Natur um uns und uns selbst. Das Übertragen menschlicher Aspekte auf die Natur. So sprechen wir heute noch davon, daß “die Evolution experimentiert”, hervorbringt, verwirft oder bevorzugt. Darwins “natürliche Zuchtwahl” ist schon allein sprachlich eine deutliche Übertragung der menschlichen Zuchtwahl auf die Natur.

    Solch ein “Animismus” hat uns durchaus diverse Erkenntnisse ermöglicht und eingebracht. Aber er kann auch zu Fehleinschätzungen führen, und hat dies ebenfalls schon sehr oft getan. Angefangen schon beim klassischen Animismus, wo Bäume, Berge, Quellen etc. für beseelt, von Nymphen und Geistern bewohnt galten. Bis hin zu mancher religiösen heutigen Vorstellung, wonach hinter jedem einzelnen zufälligen Ereignis stets eine Absicht stehen müsse. Und selbst das anthropomorphe Sprechen von der geradezu “planenden” Evolution führt zu verfälschten Annahmen, etwa daß das Hervorbringen einer intelligenten Spezies wie z.B. des Homo sapiens geradezu zwingend notwendig sei, gesetzmäßig (und die Entstehung des Lebens gleich noch mit). (Ob beides zwingend ist, mag sich herausstellen, doch nicht durch Übertragen menschlicher Absicht, Planung etc. auf die Natur.)

    Monod hat diesen Animismus scharf kritisiert. Ich denke, er schüttete dabei das Kind mit dem Bade aus. Animistische Projektion kann durchaus erkenntnisförderlich sein, doch ist es nötig, sich dabei gerade dieser animistischen Projektion gewahr zu sein, sie sich klarzumachen, um “animistische Übertreibungen” zu vermeiden.

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