Abgenutzte Steingeräte offenbaren die letzten verzweifelten Tage von Ötzi

Es war ein schneller und einsamer Tod. Der ungefähr 45 Jahre alte Mann wurde von einem Pfeil in den Rücken getroffen und verblutete innerhalb weniger Minuten. Die Leiche wurde am Tatort zurückgelassen, die Angreifer vermuteten wohl, dass die Zeit die Leiche entsorgen würden. Die trockene und kalte Luft auf über 3.200 Meter Meereshöhe trocknete den Körper aber rasch aus und im folgenden Winter bedeckte eine schützende Schicht aus Schnee und Eis den Körper. Erst 5.000 Jahre später entdeckten zwei deutsche Touristen, Helmut und Erika Simon, auf eine Wandertour rund um die Similaunhütte in den Ötztaler Alpen die Mumie, als sie nach einem warmen Sommer etwas aus dem Eis herausragte.
Ötziwie er bald darauf von den Medien getauft wurdeist eine einzigartige Zeitkapsel aus der späten Kupferzeit. Die Ausrüstung, die er mit sich führte, ermöglicht auch einen Einblick in der Herstellung und Verwendung von Steingeräten zur damaligen Zeit.

Bereits vor 9.000 Jahren wurden Gesteine und Mineralien wie Feuerstein, Radiolarit und Quarzkristalle in den Alpen abgebaut. Geeignete Gesteine für die Herstellung von Steinwerkzeuge sind relativ selten in den Alpen. Zerrüttetes Gestein oder Gestein mit zu vielen Inhomogenitäten zerbricht zu leicht. Das Gestein muss aber spröde genug sein um Abschläge für die Werkzeugherstellung abschlagen zu können. Feuerstein von guter Qualität war daher sicher begehrt. Das Foto zeigt einen Aufschluss von tektonisch wenig überprägten Radiolarit an einem Bachufer im Rofan-Gebiet, Nördliche Kalkalpen.

Ötzi hatte verschiedene Werkzeuge aus Feuerstein mit sich, einen Dolch, einen Klingenkratzer, einen Bohrer und zahlreiche Pfeilspitzen. Er führte auch einen Retuscheur aus Holz und Geweih mit sich um seine Feuerstein-Werkzeuge zu bearbeiteten und nachzuschärfen. Gebrauchsspuren lassen vermuten das Ötzi vor allem die kleineren Werkzeuge aus Feuerstein verwendete, der Dolch dagegen zeigt wenig Abnutzung. Vielleicht (* siehe Kommentar zum Thema: möglich auch aus rein praktischen Gründen wurde der Dolch selten genutzt)  war der Dolch mehr Schauobjekt als tatsächlicher Gebrauchsgegenstand.

Geologen waren nun in der Lage die Herkunft des Feuersteins der Artefakte zu rekonstruieren und entdeckten dabei eine überraschende Vielfalt. Der Feuerstein für die Pfeilspitzen kam aus dem Nonstal, 40 Kilometer Luftlinie entfernt von Ötzis vermuteten Wohnort im oberen Vinschgau. Der Feuerstein der Dolchklinge stammt aus dem Südwestlichen Trentino, mindestens 60 bis 75 Kilometer entfernt. Die übrigen Feuersteinobjekte konnten nicht eindeutig zugeordnet werden, wahrscheinlich stammen sie entweder aus dem Trentino oder aus dem benachbarten Venetien (* siehe Kommentar zum Thema: die Monti Lessini nördlich von Verona waren noch in der Kupferzeit ein bedeutendes Bergbaugebiet für Silex). Die Vielfalt des verwendeten Feuersteins weist darauf hin, dass es zur damaligen Zeit bereits einen ausgeprägter Handel mit Feuerstein und Steinartefakte gab. Die Qualität der Feuersteinartefakte lässt auch vermuten das Ötzi seine Werkzeuge nicht selbst hergestellt hat, sondern Rohlinge aus Feuerstein eingetauscht hat.

Ötzi hatte in seine letzten zwei Tage noch drei Mahlzeiten zu sich genommen. Die Pollen im Nahrungsbrei, der im Verdauungstrakt erhalten blieb, helfen die letzten Bewegungen von Ötzi zu rekonstruieren. Pollen von Fichte und Kiefer weisen darauf hin, das sich Ötzi zunächst entlang der Baumgrenze, auf ungefähr 2.500 Meter Höhe, aufhielt. Er steigt dann auf 1.200 Meter Höhe hinab, wo er mit der zweiten Mahlzeit Pollen von Hasel, Birke und Hopfenbuche aufnahm. Nach 6 bis 7 Stunden gelangt er wieder an die Baumgrenze, wie seine letzte Mahlzeit zeigt, um danach auf 3.000 Meter Höhe aufzusteigen.

Die Spuren von Bearbeitung auf den gefundenen Werkzeuge deuten darauf hin, das Ötzi Rechtshänder war. Ein bis zwei Tage vor seinem Tod erlitt er eine Schnittwunde an der rechten Hand. Wahrscheinlich behinderte diese Verletzung Ötzi dermaßen, das er seine Ausrüstung in den letzten Stunden seines Lebens nicht mehr ausbessern konnte. Auffällig ist auch die Tatsache, dass seine Werkzeuge in einen relativ schlechten Zustand waren. Die Feuersteinklingen waren stark abgenutzt und so oft nachgeschärft worden, das sie kaum noch verwendbar waren. Der Bohrer war aus einer ehemaligen Klinge, die wohl nicht mehr zu retten war, hergestellt worden. Sogar zwei zerbrochenen, und daher eigentlich nutzlose Pfeilspitzen, hatte Ötzi nicht weggeworfen. Anscheinend hatte Ötzi schon längere Zeit keine Möglichkeit mehr gehabt, und rechnete auch nicht so schnell damit, an neuen Feuerstein zu gelangen und musste daher haushalten.
Ötzi war noch Stunden vor seinem Tod vom Berg in tiefere Lagen abgestiegen, Richtung Schnalstal wo es vielleicht Siedlungen gab.  Er war entweder in Eile oder wurde dort angegriffen (wie die Verletzung an der Hand vermuten lässt), auf jeden Fall erhielt er auch dort keinen neuen Feuerstein oder Werkzeuge. Danach floh er wieder hinauf ins Gebirge. Bei der Überschreitung des Tisenjochs Richtung Österreich wurde er dann von einem Pfeil in den Rücken getroffen. Die tödliche Pfeilspitze war übrigens auch aus Feuerstein aus den Südalpen hergestellt worden.

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David Bressan ist freiberuflicher Geologe hauptsächlich in oder, wenn wieder mal ein Tunnel gegraben wird unter den Alpen unterwegs. Während des Studiums der Erdwissenschaften in Innsbruck, bei dem es auch um Gletscherschwankungen in den vergangen Jahrhunderten ging, kam das Interesse für Geschichte dazu. Hobbymäßig begann er daher über die Geschichte der Geologie zu bloggen.

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Aus heutiger Sicht lebte Ötzi in einer fast menschenleeren Welt (mind. 100 Mal weniger Leute als heute) und mit einer aus heutige Sicht primitiven Technologie. Von seinem Potenzial und auch von vielen seiner Eigenheiten, Probleme, Gefühle her unterschied Ötzis sich aber nur wenig von heutigen Menschen.
    Die Technologie, die für Ötzi relevant war, die beherrschte er auch weitgehend – wenn auch im obigen Text erwähnt wird, dass er bereits Werkzeuge besass, die wohl andere, technisch versiertere, fertigten und in deren Besitz er durch Tauschhandel kam.
    Was die moderne Welt von der Welt Ötzis unterscheidet ist wohl gerade, dass Dinge wie Handel, Spezialisierung und Arbeitsteilung in der modernen Welt ebenfalls um den Faktor 100 stärker ausgebildet sind als zur Zeit Ötzis. Dazu kommt in der modernen Welt noch, dass das, was zur Zeit Ötzis überlebenswichtig war, wie die Nahrungsbeschaffung, Beschaffung von Kleidung, Unterkunft etc. heute für die meisten Menschen kein Problem mehr darstellt und sich ganze Berufsgruppen Projekten widmen, die der Weiterentwicklung der Technologie, der Infrastruktur und vielem anderen dienen, Dingen, für die Ötzis Zeitgenossen gar keine Zeit fanden.

    Wenn aber die Zivilisation komplett zusammenbrechen würde und damit die Freiheiten verschwänden, die wir uns erarbeitet haben, dann könnte die Welt Ötzis von selbst wieder entstehen. Und in der Welt Ötzis gibt es viele Gefahren und trotz der für heutigen Verhältnisse fast menschenleeren Welt war es damals wahrscheinlicher durch Menschenhand zu sterben, als es dies heute ist.

  2. Danke für den Artikel, super-interessantes Thema!

    In der Veröffentlichung “Ötzi had a wound on his right hand” von Nerlich et al 2003 steht folgendes:

    – Die Handwunde sei eine “stab wound (arrow) = Stichwunde (Pfeil)”. Im Fließtext wird diese als “tief” und “sich von Handfläche bis Handrücken erstreckend” bezeichnet. Ersteres steht als Bildunterschrift der Abbildung, wo Ötzis rechte Hand abgebildet ist.

    – Die Wunde sei “einige” (ein Satz davor spekulieren die Autoren 3 bis 8) Tage vor Ötzis Tod empfangen worden.

    – Diesen Satz “We do not yet know if the skin wound happened simultaneously or shortly after Ötzi was hit by the arrow, but if so this finding would suggest that he survived the attack for a few days.” verstehe ich nicht. Was ist hier die “skin wound”? Die Handwunde, die vorher doch als tief beschrieben wurde? Wenn die Handwunde von einem Pfeil herrühren könnte, welche der beiden Wunden ist dann der “hit by the arrow”. Falls Letzteres die Schulterwunde bezeichnet, dann schreiben die Autoren damit, dass die Schulterwunde ebenfalls mehrere Tage vor Ötzis Tod empfangen wurde.

    – Angeregt davon, dass das 2003-Paper sich scheinbar halb selbst und Ihrem Text widerspricht: Hat es ab 2003 zum Thema Handwunde weitere Klarstellungen gegeben? – das wäre ja nach dieser Zeit durchaus möglich, ich habe eben nur jenes Paper in meiner Neugier am Prominentesten finden können.

  3. Okay, eine Klarstellung: “Stab wound (arrow)” da bezieht sich arrow auf den Pfeil der auf die Wunde in der Abbildung verweist. Also keine Pfeilwunde wird konstatiert im Paper, aber eine “tiefe Stichwunde”. Damit sagt der Satz aus meinem Strich Nr. 3 dann tatsächlich aus, die Autoren meinen beide Wunden Ötzis seien Tage vor seinem Tod zugefügt worden “[s]ince forensic medical practise suggests that macrophages that contain haemosiderin develop between 3 and 8 days after injury”. Mir ist aber nicht klar, warum sie nur zur Auswahl stellen die Handwunde wäre “simultaneously or shortly after” der Schulterwunde passiert, und nicht etwa Tage davor.

  4. “Wahrscheinlich war der Dolch mehr Schauobjekt als tatsächlicher Gebrauchsgegenstand.”

    Ich behaupte: “Mitnichten, euer Ehren”.
    Statt so oft alles gleich platt zu bügeln mit
    “es ist ein Kultobjekt” (Archäologie), oder in diesem Fall
    “es ist ein Proletenmesser” (Geologie), weil man schlichtweg phantasielos zu sein scheint (kleiner, lächelnder Seitenstupser).
    Befragen sie doch mal verschiedenste Outdoor-Veteranen, wie Bushcrafter, Trapper, Survivler, Jäger, u.ä. (Messersammler ausgenommen) nach ihrem Equipment und deren aktuellen Philosophien, die teils aus alten Zeiten übernommen sind, wenn man sich in der Natur herum zu treiben pflegt.

    Man schleppt oft nicht sinnlos etwas Kilometerweit herum, besonders je weiter die Strecken, so durchdachter die Ausrüstung. Alles hat eine oder mehrere Funktionen.
    Sicher gab es Glücksbringer oder weil man einfach etwas schön findet, als Erinnerungsstück, aber wenn es ums überleben geht, sollte man wissen: die Natur interessiert sich nicht wie gut du heute aussiehst. Du wirst gefressen, weil du dick und langsam bist.
    Sidenote: Mitunter ein Grund warum die Hobby-Schönwetter-Wanderer in ihren bunten, modedesignten, ultraleichten und teueren Ausrüstungen gerne mehr als belächelt werden. Wobei ultraleicht eher ein Hobby, eine Lust am optimieren ist, als auf echtes Überleben getrimmt, hab nichts dagegen, aber ich schweife ab…

    …also, das erste was mir da in den Sinn kommt ist:
    Es war das Hauptmesser, daß nur genutzt wurde, wenn es darauf ankam. Manch einer hat ein solches, das gehegt und gepflegt wird, ein Zweitmesser (i.d.R. kleiner) für alles andere und mitunter auch Aufgaben des “großen”.
    Das Hauptmesser ist für den Fall wenn eine Notsituation eintritt, oder etwas garantiert schnell und sicher gehen muss, wie das Ausweiden, oder schnell einen Schutz errichten, weil ein Unwetter naht oder Dunkelheit hereinbricht und keine Zeit ist mit dem kleineren Messer gemütlich vor sich hin zu schnitzen. Natürlich benutzt man es, um die Handhabung drauf zu trainieren, aber es wird tendenziell geschont, damit es scharf ist, wenn es wirklich gebraucht wird und nicht zu oft “grundlos” stumpf und abgenutzt wird.
    Und die Steinmesser waren nicht so komfortabel zu schärfen, wie Messer aus Stahl heutzutage. So macht es gar noch mehr Sinn, das große zu schonen, wenn es zu den Zeiten auch mitunter als Waffe dienen musste.
    Auch wenn es Ötzili am Ende nicht wirklich geholfen hat.

  5. Was uns die Feuersteingeräte der Gletschermumie vom Tisenjoch lehren

    von Alexander Binsteiner

    Der Ötzi lebte und starb am Ende des vierten Jahrtausends vor Christus. Längst hatte die neue Kupfertechnologie Einzug in den Alltag der Menschen gehalten. Aber auch der Feuerstein behielt seine Bedeutung als Rohstoff in der Geräteherstellung. Über Jahrtausende gruben die steinzeitlichen Bergleute das kostbare Material aus dem Fels. In ganz Europa entstanden große Feuersteinbergwerke und erste Industriebetriebe. Das mussten die Zeitgenossen des Eismannes nicht mehr erfinden.
    Aus den Produktionszentren heraus entstanden weitreichende Handelsbeziehungen. Ein ganzes Netzwerk überzog das neolithische Mitteleuropa. Über Hunderte von Kilometern schafften Feuersteinhändler ihre Produkte zu den Abnehmern. Es entstanden regelrechte Handelsrouten wie die Feuersteinstraße zwischen Bayern und Böhmen, die Donauroute der Bandkeramiker und schließlich die transalpinen Verbindungen zwischen Oberitalien und dem Nördlichen Alpenvorland über den Alpenhauptkamm in die Schweiz, nach Bayern und nach Österreich. Die Menschen in der Jungsteinzeit waren mobil.
    Eines der größten Silexreviere in Oberitalien lag in den Monti Lessini nördlich von Verona. Dort gewann man in der Jungsteinzeit im Tagebau hochwertige Feuersteine aus Verwitterungsschichten der Biancone Formation (Maiolica) und verarbeitete sie vor Ort zu qualitätsvollen Geräten. Bekannt sind vor allem die Dolchklingen der Lessini, gestielte Pfeilspitzen und große Klingen aller Art.
    Ein Abbaugebiet lag um die heutige Ortschaft Ceredo. Im Haldenmaterial der prähistorischen Gewinnungsstätte fanden sich in großer Zahl Präparationsabfälle, Halbfabrikate und Rohformen, die eindeutig die Spuren neolithischer Verarbeitungstechnik trugen. Auch wenn die ganze Region in der Neuzeit durch Flintensteinschläger auf der Suche nach geeigneten Rohstoffen gestört wurde, ist der neolithische Abbau immer noch gut zu erkennen.
    Nicht nur der Eismann versorgte sich aus den Lessinischen Minen. Die begehrten Dolchblätter wurden über den Alpenhauptkamm bis in die Schweiz und nach Bayern verhandelt. Das aktuellste Exemplar eines kleinen Silexdolches aus dem Lessinischem Feuerstein aber fand sich unlängst in über 600 km Entfernung vom Gewinnungsort nahe Melk in Niederösterreich.

    Dipl.Geol.Univ. Alexander Binsteiner war unter Konrad Spindler leitender Geologe im Eismann-Projekt an der Universität Innsbruck

  6. Drei Mahlzeiten in den letzten 2 Tagen – so schlimm scheint seine Situation nicht gewesen zu sein. Zudem hatte er einen grob behauenen, halb fertigen Bogenstab dabei, der aus einem gespaltenen Eibenstamm hergestellt war.

    Möglicherweise war seine Strategie: den neuen Bogenstab selbst fertigstellen und neue Pfeilspitzen bei Bekannten im Süden holen.

  7. @Wizzy Möglich das die Autoren die kürzere Zeitspanne seit der Wunde (die über die Handfläche bis zum Daumen laufen soll und anscheinend doch eher tief war) entstanden ist bevorzugen, da so natürlich insgesamt ihre Theorie (Ötzi wurde schon seit längerem verfolgt und daher kein neuen Feuerstein, keine neueren Bearbeitungsspuren …) passen würde

  8. Per Google [Stellmoor Pfeile Vorschaft] findet man Bilder bzw. Zeichnungen zu ca. 11000 Jahre alten Pfeilfunden. Diese sind auch der älteste Beleg dafür, dass zerstörte Pfeile wieder repariert wurden. Die Herstellung eines guten Pfeiles ist mit viel Arbeit verbunden und beschädigte Pfeile wegzuwerfen ist deshalb nicht sinnvoll. Die geplante Aufarbeitung beschädigter Pfeile könnte deshalb der Grund gewesen sein, warum Ötzi sie im Köcher mitführte.

    Dass Ötzi verzweifelt und auf der Flucht gewesen sei – gegen diese Theorie sprechen einige Fakten. Z.B. war seine Kleidung gut im Schuss und seine Schuhe waren sorgfältig mit Heu gegen Kälte ausgepolstert.
    Offenbar war erkennbar, dass ein Wetterumschwung/Kälteeinbruch bevorstand. Und Ötzi startete seine Reise um rechtzeitig die Berge überquert zu haben – bevor das Wetter zu schlecht wird. Darauf deutet ein Teil der Ausrüstung hin, dessen Bedeutung in Theorien nicht ausreichend gewürdigt wird: Ötzi hatte eine ´Wärmflasche´ dabei!
    Zu seiner Ausrüstung gehörte ein Behälter aus Birkenrinde, in dem mit frischem Laub zur Isolation eine Glut aufbewahrt wurde – damit sie lange hält. Dieser Ausrüstungsgegenstand hat die Funktion einer Wärmflasche. Offenbar hat man damit gerechnet, dass es im Gebirge sehr kalt werden würde und hat ihm diese ´Wärmflasche´ mitgegeben – damit er nicht friert. Dies wäre ein deutliches Zeichen von liebevoller Zuwendung – was auch gegen die Idee spricht, dass Ötzi auf der Flucht war.

  9. @KRichard
    Aber ist der Glutbehälter nicht vielleicht ein Standard-Ausrüstungsstück für unwirtliche Regionen, um mit der Glut schneller und einfacher ein Feuer machen zu können? Also quasi das Feuerzeug, das der Profi gerne zusätzlich zu seinen Feuersteinen dabei hat.

  10. @Wizzy: Ötzi hatte sein Feuerzeug dabei – man fand Zunderschwamm und Spuren von Schwefelkies/Markasit. Er dürfte mit dem Erzeugen von Feuer vertraut gewesen sein.

    Allerdings dürfte es im Hochgebirge Probleme geben, genug brennbares Material zu finden, da der Bewuchs nur bis in eine bestimmte Höhenzohne geht. Zudem gibt es auch keinen vernünftigen Grund, warum er sich unnötig lange in einer ungemütlichen Gegend aufhalten sollte – wenn er nach kurzer Zeit durch einen Abstieg sowieso in eine angenehmere Zone kommen kann.
    Die Idee von der ´Wärmflasche´ist daher am naheliegendsten um die mitgeführte Glut zu erklären.

    Übrigens: Der Mörder von Ötzi scheint aus seinem Bekanntenkreis zu stammen – entweder ist er ihm heimlich gefolgt oder es war ein Begleiter bei der Wanderung, mit dem er in Streit gekommen ist. Auch hierfür gibt es Gründe:
    Viele Pfeile waren auf Grund der Herstellung seinem Besitzer zuzuordnen *) und ein Pfeil ist wertvoll – dies dürfte ein Grund sein, wieso der Schaft aus der Wunde gezogen wurde. Dass dem Ötzi aber sämtliche Besitztümer gelassen wurden, deutet darauf hin, dass der Mörder aus seinem Bekanntenkreis stammte. Wenn der Täter mit diesen Gegenständen herumgelaufen wäre – hätte man sofort gewusst wem sie gehören und ihn gefragt ´Wo hast Du sie her? / Was hast du mit Ötzi gemacht? – und somit wäre er als Mörder entlarft worden

    *) wenn zwei Jäger gleichzeitig auf ein Tier geschossen haben, dann konnte man durch individuelle Kennzeichnung feststellen, wer das Tier getötet hat. Bei vielen Kulturen war es deshalb üblich, die Pfeile zu kennzeichnen

  11. @Wizzy: off topic
    Über den Alpenhauptkamm werden seit Jahrhunderten Schafe getrieben. Mit so einer Schafherde ist man aber deutlich langsamer unterwegs als als Einzelperson.

    Vermutlich war Ötzi auf einer vergleichbaren Wegstrecke unterwegs – d.h. er hätte die Überquerung des Alpenhauptkammes problemlos schaffen können. Auch dies spricht dagegen, dass die mitgeführte Glut zum Start eines Lagerfeuers gedient haben könne. Denn damit hätte er wertvolle Zeit verloren

  12. @Wizzy: Diese Idee ist neu, sie stammt von mir – und ich werde auch das Südtiroler Archäologiemuseum deswegen anschreiben. Ötzi hatte übrigens 2 solcher Behälter mit Glut dabei.

    Um große Stücke mit Glut zu erhalten, braucht man entsprechend große Holzstücke welche zu Glut werden können – d.h. ein Feuer muss dafür eine längere Zeit gebrannt haben. Und dann braucht man noch die Trage-Behälter und das Isoliermaterial (Ahornblätter). All dies deutet darauf hin, dass Ötzi Hilfe von anderen Menschen hatte – weil dafür viel Zeit benötigt wird. Dies spricht auch dagegen, dass er isoliert auf der Flucht war. Denn auch die Herstellung der Tragebehälter benötigt einige Zeit.

    Die Funktion ist leicht verständlich: Er trug einen Umhang aus Gras. Wenn er die beiden Glutbehälter darunter getragen hat, dann steigt die Wärme unter dem Umhang hoch und wärmt den Oberkörper. (vergleichbare Heizungen gab es auf Schlössern bis in die Neuzeit: Dort wurden manchmal Behälter mit glühenden Kohlen unter einen Tisch gestellt, so dass die abgestrahlte Wärme und die warme Luft die am Tisch sitzenden Menschen wärmte.)

    Ötzi hatte auch einen Bogenstab-Rohling aus Eibenholz dabei, der aus einem Eiben-Stamm von 20 cm Durchmesser abgespalten war. Diese Arbeit braucht einige Zeit; auch dies deutet darauf hin, dass er mit anderen Menschen zusammengarbeitet hat – oder dass er den Bogenstab geschenkt bekommen hat. Und – dass er es nicht eilig hatte.

    Wenn man es eilig hat, dann gibt es zum Bogenbau andere/schnellere Techniken: z.B. hätte er nur einen langen Ast von einer Eibe nehmen brauchen. z.B. ist der Holmegaard-Bogen vor 8500 Jahren aus einem in der Mitte gespaltenen Ulmenstamm von ca. 5 cm Durchmesser hergestellt worden – das geht noch schneller.

    Es gibt einige Hinweise, dass die letzte Reise des Ötzi sorgfältig geplant war – aber bisher wird diese Variante nicht diskutiert. Ich denke, dass ich gute Chancen mit meiner Idee habe,

  13. @Wizzy
    Ich habe noch eine andere Idee an das Museum nach Bozen geschickt:

    Der Tod des Ötzi lässt sich als Jagdunfall komplett erklären: ein Jäger, der nicht wusste dass Ötzi in der Gegend war – sah hinter einem Felsen ein sich bewegendes fellbedecktes Objekt und schoss darauf (in der Annahme, dies wäre ein Tier, da die restlichen Körperteile des Ötzi vom Fels verdeckt waren).

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