Weihnachten und Wissenschaft

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die Psychologie irrationalen Denkens
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Weihnachten – die Krippengruppe unter dem Tannenbaum, die stolzen Eltern, Ochs und Esel, die Hirten, die Engel und die drei Könige, wie sie vor dem Kind knien. War doch schön, oder? Aber eigentlich viel zu idyllisch, um wahr zu sein. Was weiß die Wissenschaft tatsächlich über die Geburt Jesu?

Der vor rund 2000 Jahren in Israel erwartete Messias sollte die Römer aus dem Land werfen und das legendäre Großreich von König David wiedererrichten. Aber Jesus war am Kreuz gestorben und seine sehnlich erwartete siegreiche Wiederkehr verschob sich immer weiter. Euer Religionsstifter, sagten Kritiker den Christen, war nichts als ein gescheiterter Wanderprediger, der sich als Messias ausgab und von den Römern als Aufrührer gekreuzigt wurde. Von den Toten soll er auferstanden sein, aber außer seinen Anhängern kann das niemand bezeugen. Wer sollte denn so was glauben?

Wunder von Anfang an

Das ließ sich schwer widerlegen. Wenn aber schon die Empfängnis und Geburt des Gottessohns von Zeichen und Wundern begleitet gewesen wären, hätte man bessere Argumente. Die Evangelisten Markus und Johannes schweigen sich darüber aus, aber Matthäus und Lukas wissen Erstaunliches zu berichten. Beide schildern ausführlich (und ganz unterschiedlich), dass Maria vom Heiligen Geist schwanger wird und Gott ihr das ausdrücklich mitteilt. Matthäus schreibt, sie solle den Sohn Jesus (von Jeschua = Gott rettet/möge retten) nennen.

Beide Evangelisten verfolgen den Stammbaum von Josef auf König David zurück, denn der prophezeite Messias musste unbedingt aus dem Haus David stammen. Die ellenlangen Ahnenreihen sind nicht identisch (Mt1,1-17; Lk 3,32-38), was eher nebensächlich ist, weil Josef sowieso nicht der Vater ist.1

Die eigentliche Weihnachtsgeschichte kommt nur bei Lukas vor:

In jenen Tagen ordnete Kaiser Augustus eine Volkszählung (oder: Steuerschätzung) im ganzen römischen Reich an. Es war die erste, die zu der Zeit stattfand, als Quirinius Statthalter in Syrien war. Da machten alle sich in ihre Heimatorte auf, um sich in die Listen eintragen zu lassen. Joseph reiste aus der Stadt Nazareth in Galiläa nach Judäa hinauf in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt, weil er aus Davids Haus und Geschlecht stammte, um sich mit Maria, seiner schwangeren jungen Ehefrau, eintragen zu lassen. In Bethlehem gebar Maria ihren ersten Sohn, den sie in Windeln wickelte und in eine Krippe legte, weil es sonst keinen Platz in der Herberge für sie gab. (Lk 2,1-4, nach der Menge-Bibel, Sprache modernisiert).

Ein Engel erscheint den Hirten, die auf einem nahen Feld ihre Herden hüten, und verkündet ihnen: „Euch ist heute ein Retter geboren, welcher ist Christus (= der Messias; vgl. Mt 1,16), der Herr, in der Stadt Davids. Und dies sei das Erkennungszeichen für euch: Ihr werdet ein neugeborenes Kind finden, das in Windeln gewickelt ist und in einer Krippe liegt!

Ein ganzer Engelschor bestätigt das („Gott in der Höhe sei gepriesen und auf der Erde sei Frieden unter den Menschen, die Ihm gefallen“). Die Hirten gehen nachsehen und finden alles so vor, wie der Engel es verkündet hatte.2

Das klang schon damals so feierlich wie heute. Engel stellte man sich übrigens eher als eindrucksvolle Männer oder als geflügelte Fabelwesen vor.

Ließ Augustus sein Volk zählen?

Kein römischer Geschichtsschreiber hat die von Lukas erwähnte allgemeine Volkszählung verzeichnet. Auch der Zeitrahmen kann nicht stimmen. König Herodes, der während der Geburt Jesu regiert haben sollte, war schon zehn Jahre tot, als der Römer Quirinius sein Amt in Syrien antrat. Eine Steuerschätzung würden die Römer auch nur im eigenen Gebiet durchführen. Herodes war zwar nur ein Vasallenkönig, aber natürlich zog er seine Steuern selbst ein. Josef hätte außerdem nicht nach Bethlehem reisen müssen, nur weil König David rund tausend Jahre vorher der prominenteste seiner Vorfahren war (oder seine Familie das möglicherweise behauptete).

Vermutlich ging es Lukas darum, einen plausiblen Grund zu finden, warum Jesus, der aus Nazareth stammte, in Bethlehem geboren sein sollte – und es musste Bethlehem sein, weil nach einer wohlbekannten Prophezeiung von dort der neue Fürst der Juden stammen sollte. Als er fast hundert Jahre später sein Evangelium schrieb, waren die meisten seiner Leser mit den rigorosen Methoden römischer Steuererfassung zweifellos vertraut.

Was ist mit der Herberge?

Hätte Josef in Bethlehem Besitz zu registrieren gehabt, wäre er bei Verwandten oder Freunden untergekommen. Nur Karawanen lagerten in Karawansereien.3 Vielleicht sitzen wir aber auch einem Missverständnis auf. Das mit „Herberge“ übersetzte griechische Wort „Katalyma“ bezeichnet eher den Wohnbereich eines Hauses. Der lag bei mehrstöckigen Häusern über den ebenerdigen Ställen. Bei einstöckigen Häusern konnte es auch ein erhöhter Bereich hinter einer vielleicht einen Meter hohen Stufe gegenüber dem Eingang sein. Im Wohnbereich eines Hauses herrschte sicher Gedränge, besonders wenn dort auch noch Gäste schliefen. Und natürlich brachte Maria ihr Kind nicht alleine zur Welt. Die Frauen der Nachbarschaft werden ihr geholfen haben. Etwas Platz brauchte man also ganz sicher. Zu den Jahreszeiten, in denen die Tiere dauerhaft auf den Weiden waren, konnte es im Stall sogar einigermaßen sauber zugehen. Eventuell käme auch eine Stallhöhle infrage, die in abschüssigem Gelände mit einem Wohnhaus überbaut war. Die heute unter der Geburtskirche in Bethlehem liegende Grotte kommt dafür allerdings kaum in Betracht. Eine Krippe war übrigens damals eher keine Holzkonstruktion, sondern eine eher Nische, die in den Stein der Höhle gehauen war, oder ein Trog an der Wand des Hauses.

Wo sind die Heiligen Drei Könige?

Sie kommen bei Lukas nicht vor, sondern nur bei Matthäus, der wiederum nichts von einer Reise oder einer Krippe erzählt. Eine ungenannte Anzahl von Magoi (Sterndeutern) aus dem Osten, also vermutlich aus Babylon oder Persien, tauchen in Jerusalem auf. Sie suchen den neugeborenen König der Juden, dem sie huldigen wollen. Der damalige König Herodes, ein Vasall Roms, erschrickt daraufhin und lässt sich von seinen Schriftgelehrten erklären, dass nur Bethlehem als Ort in Frage käme. Schließlich sei prophezeit worden, dass aus dieser Stadt ein neuer Fürst Israels hervorgehen werden.

Bis hierher ist die Geschichte schon etwas löcherig. Herodes war als grausam bekannt. Die Magoi spielten deshalb mit ihrem Leben, wenn sie in Jerusalem mit einer solchen Geschichte aufkreuzten. Und warum sollten Sterndeuter aus dem damaligen Partherreich dem (vielleicht) künftigen König der Juden schon bei seiner Geburt huldigen wollen? Herodes hatte in Babylon nichts zu bestellen, und die Wahrscheinlichkeit, dass ein künftiger König der Juden das ändern würde, ging gegen Null.

Herodes schickt die Magoi also nach Bethlehem. Sie sollen ihm Bescheid geben, falls sie seinen designierten Nachfolger finden. Matthäus geht also offenbar davon aus, dass Maria und Josef in Bethlehem wohnen, nicht in Nazareth. Und in der Tat weist der Stern den Magoi den Weg zum richtigen Haus. Das ist schon bemerkenswert, ganz gleich, ob der Stern jetzt eine Nova, ein Komet oder ein Konjunktion (eine sehr nahe Begegnung) von Planeten war. Bis zur Erfindung des GPS-Systems haben Himmelskörper eine solche Genauigkeit nicht wieder erreicht. Der Stern ist also möglicherweise eher als göttlicher Wegweiser zu verstehen, nicht als echte Himmelserscheinung.

Die Magoi schenken dem Neugeborenen Gold, Weihrauch und Myrrhe.4 Dann reisen sie ab, ohne Herodes Bescheid zu sagen. Sie waren im Traum gewarnt worden. Eine weitere Traumbotschaft bewegt Josef, mit seiner Familie nach Ägypten auszuwandern, bevor Herodes seine Schergen schickt und alle männlichen Erstgeborenen unter zwei Jahren töten lässt. Erst nach Herodes Tod lässt sich Josef in Nazareth nieder.

Irgendwie passt das auch nicht. Herodes hatte keinen Grund, den Magoi zu trauen, er dürfte ihnen also Spione hinterhergeschickt haben. Und selbst wenn nicht: Es wäre nicht schwer herauszubringen gewesen, dass im Haus des Zimmermanns Josef fremdartig und teuer gekleidete Gestalten einen gewaltigen Schatz abgeladen hatten, um dem künftigen König der Juden zu huldigen – und dass die Familie sich dann aus dem Staub gemacht hatte. Kein Grund also, reihenweise Kinder umbringen zu lassen. Außer bei Matthäus gibt es auch nirgendwo einen Hinweis auf den Kindermord von Bethlehem. Bei diesem Teil der Geburtserzählung spricht alles für eine fromme Legende.

Wann fand die Geburt statt?

Herodes der Große starb 4 v. Chr. Weil er in den Evangelien eine unselige Rolle spielt, wäre die Geburt Jesu vorher anzusetzen. Aus anderen Zeitangaben lässt sich schließen, dass Jesus etwa im Jahr 28 zu predigen begann,5 als er etwa 30 Jahre alt war (Lk 3,1 und 3,23). Sehr viel früher als vielleicht 7 v. Chr. wird Jesus also nicht geboren sein. Die vielen Berechnungen auf der Grundlage von Planetenkonjunktionen, Supernovae und Kometensichtungen halte ich nicht für zielführend. Sie lassen einfach zu viele Möglichkeiten zu. Und die Jahreszeit? Wenn, wie Lukas ausführt, die Hirten ihre Herden auf den Weiden hatten, käme der Winter als Jahreszeit nicht infrage. Und dabei müssen wir es wohl belassen. Genauer lässt das Ganze nicht eingrenzen.

Vielleicht wollen wir auch nicht alles bis ins letzte Detail aufdröseln. Die Weihnachtsgeschichte ist einfach zu romantisch. Oder, wie der amerikanische Mythenforscher Jan Harold Brundvand es so schön formulierte: „Die Wahrheit steht einer guten Geschichte niemals im Weg.“

Anmerkungen

[1] Hier liegt ein unauflöslicher Widerspruch vor. Jesus als jüdischer Messias musste von David abstammen, aber nach dem christlichen Glauben war er der direkte Sohn Gottes.

[2] Zu den Hintergründen: „Retter“ und „Herr“ waren Hoheitstitel des römischen Kaisers. Der – gerade geborene – Messias war ihm also mindestens gleichgestellt. Der Chor der Engel erinnert an den Chor im antiken griechischen Theater und hebt die Bedeutung des Gesagten hervor. Warum aber überhaupt die Hirten nach Bethlehem schicken? Vermutlich sollten sie das Wunder bezeugen. Es gab damals keine Kameras, wenn man ein die Wahrheit eines Ereignisses bekräftigen wollte, dann berief man sich auf – möglichst unbefangene – Zeugen.

[3] Bethlehem lag an einem mit Festungen gesicherten Karawanenweg. Es wird also Karawansereien gegeben haben.

[4] Gold war eine Gabe für weltliche Könige, Weihrauch wurde im Tempel verbrannt und galt als Opfer für einen Gott, das Arzneimittel Myrrhe war Attribut eines Heilers. Myrrhe wurde allerdings auch für Einbalsamierungen von Leichen benutzt. Weihrauch und Myrrhe kamen aus Arabien. Die Sterndeuter müssten also einen ziemlich weiten Umweg gemacht haben. Aber es geht Matthäus hier wohl mehr um die Wirkung als um Genauigkeit.

[5] Quelle: Die Bibel, Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Verlag Kath. Bibelwerk GmbH (2006), S1146f

Thomas Grüter

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

20 Kommentare

  1. Thomas Grüter: ” Zu den Hintergründen: „Retter“ und „Herr“ waren Hoheitstitel des römischen Kaisers.”

    Zur Zeit von Augustus war das m. W. noch nicht der Fall, jedenfalls nicht in Rom. Augustus trug m. W. auch nicht den Titel Dominius, das passte nicht zum Prinzipat.
    Im Osten, in den hellenistischen Gebieten könnten dem Kaiser Augustus auch höhere Titel angetragen worden sein (z.B. Soter = Retter, Erlöser), aber für Details müsste man einen Blick in die Literatur werfen.

    • Die in Anmerkung 5 zitierte katholische Einheitsübersetzung merkt auf Seite 1144 als Fußnote an, dass die Titel dem römischen Kaiser zugeordnet waren. Augustus mag sie noch nicht gehabt haben, aber ich denke, wir müssen hier die Zeit der Abfassung des Evangeliums als Referenz nehmen. Lukas hat sicherlich nicht recherchiert, welche Titel Augustus zustanden, sondern seinem Messias die Titel verliehen, die der römische Kaiser zu seiner Zeit (also ca. 90 n. Chr.) beanspruchte.

    • @ Paul Stefan: Sie haben recht, Dominus wurde erst im 3 Jhdt. Teil der Kaisertitulatur, offiziell unter Diokletian (284-305). Cassius Dio schreibt, dass Domitian mit Dominus angeredet worden ist, aber nur als Beispiel besonderer Unterwürfigkeit des Anredenden -die Regel war es also selbst unter diesem ausgesprochen autokratischen Herrscher nicht.

      Im Osten sah es, wie Sie ja auch schon vermuteten, anders aus. Die hellenistischen Grosskönige liessen sich gerne als Halbgötter verehren (Antiochos IV. Epiphanes liess sich auf Münzen als der erschienene Gott bezeichnen) und die örtliche Bevölkerung übertrug diese Herrscherverehrung dann nahtlos auf die römischen Machthaber. Das geschah übrigens schon ziemlich früh: es sind griechische Münzprägungen mit dem Bildnis des römischen Prokonsuls T. Quinctius Flamininus erhalten mit der Bezeichnung soter. Diese Münzen kann man auf den Zeitraum 197-195 vuz datieren.

      Das spricht natürlich nicht gegen die Vermutung von Herrn Grüter, dass die Verfasser der Evangelien sich bei der Titulatur ihres Messias an den römischen Kaisern orientiert haben: der offizielle römische Titel dürfte ihnen schnuppe gewesen sein, sie werden sich an den in ihrem Gebiet üblichen Sprachgebrauch gehalten haben.

      Es gibt übrigens auch noch andere Aspekte, die die Evangelisten von den Caesaren abgekupfert und Christus zugeschrieben haben: z.B. ist der Weihnachtsstern ein offensichtliches Plagiat des sidus iulium.

  2. Und da suchen Wissenschaftler nach der Arche, oder dem Garten Eden 😂 wo doch die Botschaft der Bibel eine ganz andere ist. 😭

  3. Die 27 Schriften des Neuen Testaments (darunter die 4 Evangelien) sind alle in griechisch verfasst und nicht etwa in aramäisch (Sprache Jesus) oder in lateinisch (Sprache der Herrscher). Zudem wurde diese Schriften Jahrzehnte nach dem Tod Jesus verfasst.
    Das bedeutet doch: das neue Testament richtet sich an die hellenistische damalige Welt und nicht etwa vorwiegend an Juden oder Römer. Was in der Bibel steht inklusive der Weinachtsgeschichte sind Geschichten und nicht Berichte über etwas was früher einmal vorgefallen ist. Das bedeutet auch: Das neue Testament verkündete von Beginn weg eine neue Weltreligion – denn griechisch war die damalige Weltsprache, eine Sprache, die sogar den gebildeten Römern vertraut war.

  4. NT/Jesus ist die “alternative” Fortsetzung des AT/Moses, wo der “Tanz um das goldene Kalb” und die daraus resultierende Symptomatik das Thema ist, aber weil Mensch lieber im geistigen Stillstand “zusammen lebt”, ist nichts Wunder oder Phänomen!?

  5. Was weiß die Wissenschaft über die Geburt Jesu ?
    Was weiß die Wissenschaft über die Geburt Josef Stalins ? Und die ist doch 2000 Jahre jünger ?
    Als ob es auf den Lebenslauf ankäme oder historisch belegte Fakten !

    Die Tatsache, dass aus einer jüdischen Sekte mit der Person des Jesus von Nazareth eine Weltreligion geworden ist, das zählt.
    Dass aus der Abkehr von der Blutrache und zur Vergebung der Sünden durch Jesus von Nazareth sich die Kultur weiterentwickelt hat zu einem Humanismus ungeahnten Ausmaßes, das zählt.

    • @Wied: Der Wohlstands- und Gewohnheitsmensch will, in seinem wettbewerbsbedingt-brutalen Profit- und Konsumautismus, nichts mehr davon wissen, dass die Basis für moderne Ausbeutung und Unterdrückung von den Kirchen geleistet wurde. Er glaubt nun lieber an eine wundersame Überlegenheit des Intellektes, besonders weil dieser sich gerade wieder zerlegt.

  6. Sorry Herr Grüter, aber das lockt doch nun niemanden mehr hinterm Ofen hervor. Unstimmigkeiten? Unauflösliche Widersprüche? Seit wann muß es in einem Märchenbuch stimmig und ohne Widersprüche zugehen? Wer das annimmt, der muß auch am Sandmännchen verzweifeln und sagen: alles Quark -Fuchs und Elster können nicht sprechen. Wer das annimmt, der sucht den heiligen Gral auch in alten französischen Burgruinen. Aber: “kein Weg führt zu ihm durch das Land und niemand könnte ihn beschreiten, den er nicht selber wird geleiten.”

    • Es ging um Weihnachten und *Wissenschaft*. Man kann also konstatieren, daß die (empirische) Wissenschaft hier nur einen oberflächlichen Beitrag leisten kann. Sie ist schlicht nicht zuständig. Ich gehe soweit zu sagen, daß hier keiner zuständig ist -außer der Leser des Märchens selbst.

      • Noch genauer: es gibt in diesem Bereich keine Fachkompetenz. Die Bibel ist, sonderlich dann, wenn es um das NT geht, so angelegt, daß sie auf Gleichnis beruhend den Leser dort abholt, wo er steht. Hier kann schlicht niemand Lehrmeister sein. Hier ist im besten Sinne des Wortes der Aufklärung die Mündigkeit, die Autorität des *eigenen* Verstandes gefragt. Leider liebt es der Mensch aufgrund seines Mitteilungsbedürfnisses, auf die Gasse zu laufen und jedem erzählen zu wollen, was ihm gerade durch die Hirnwindung stolpert. Daher auch von meiner Seite ein herzliches
        -sorry.

      • Das sehe ich etwas anders. In jeder Erzählung nimmt der Autor beim Leser einen bestimmten kulturellen Hintergrund an. Er muss einfach manche Dinge nicht erklären, weil sie selbstverständlich sind. Lukas und Matthäus schrieben im Umfeld eines teilweise hellenisierten Judentums, oder auch für Menschen ohne jüdischen Hintergrund in einer hellenischen Kultur. Viele Umgangsformen durften als bekannt vorausgesetzt werden. Dem heutigen Leser fehlt dieser Hintergrund. Die Vorstellungen, die sich bei ihm einstellen, wenn er die Weihnachtsgeschichte liest, sind ganz andere. Das ist nicht seine Schuld, er stammt aus einer anderen Kultur. Hier kann und sollte die Wissenschaft schon zum Verständnis beitragen.

    • Herr Hilsebein, auch Märchen müssen eine innere Logik haben. Es geht in ihnen um die Interaktion der Figuren, und die muss stimmig sein. Guter König, böser König, schöne Prinzessin, schlauer Fuchs usw. Die Figuren handeln gemäß ihres Charakters. Vorwiegend daraus, nicht aus der physikalisch unmöglichen Umgebung, ergibt sich die Spannung.
      Die Evangelisten schrieben die Umstände der Geburt so auf, dass sie in den Zuhörern bestimmte Vorstellungen wecken, und das waren andere als heute. Der unauflösliche Widerspruch zwischen der jüdischen Vorstellung des Messias als Nachfahre von König David und der eher hellenistischen Vorstellung der Geburt eines Heros, der aus der Vereinigung eines Gottes und einer Jungfrau entsteht, zeigt das Spannungsfeld, in dem sich das Christentum bildete und ausbreitete.

  7. @ Grüter

    “Die Vorstellungen, die sich bei ihm einstellen, wenn er die Weihnachtsgeschichte liest, sind ganz andere.”

    Das ist kein Beinbruch. Ein Schriftgelehrter der damaligen Zeit las auch etwas anderes heraus als ein Fischer, der vermutlich gar nicht lesen konnte, sondern auf Wanderprediger angewiesen war, gesetzt, daß wenigstens jene des Lesens mächtig waren.

    “Der unauflösliche Widerspruch zwischen der jüdischen Vorstellung des Messias als Nachfahre von König David und der eher hellenistischen Vorstellung der Geburt eines Heros, der aus der Vereinigung eines Gottes und einer Jungfrau entsteht, zeigt das Spannungsfeld, in dem sich das Christentum bildete und ausbreitete.”

    Das ist schon richtig, doch was gewönne man daraus, wenn man versuchte, diese Widersprüche aufzuzeigen oder gar zu lösen? Man hat ja schon damals den Mann aus Nazareth nicht verstanden, da man, auch wenn man selbst in der Zeit lebte und mit der orientalischen Bildersprache vertraut war, an der Oberfläche hängenblieb: wie? was? in den Schoß der Mutter zurückkehren, wenn man schon alt ist? (->Joh.3,1-8)

    • “der vermutlich gar nicht lesen konnte, sondern auf Wanderprediger angewiesen war, gesetzt, daß wenigstens jene des Lesens mächtig waren.”

      Die Alphabetisierung in der antiken Welt war sehr hoch und Juden konnten im Prinzip alle Lesen, weil das zur Ausübung des Glaubens dazu gehörte.

  8. @Hilsebein: Würde MENSCH sofort die schöpferische Kraft des ursprünglichen Geistes ERKENNEN und mit LOGIK im Sinne von Vernunftbegabung zu Verantwortungsbewusstsein GESTALTEN, im kreislaufenden Zustand seiner bisher gepflegten Bewusstseinsschwäche in Angst, Gewalt und “Individualbewusstsein”???

  9. Matthäus 21,18-22 Diese Geschichte, die sich gleich nach seinem Auftritt im Tempel ereignet haben soll, ist bezeichnend für die menschliche Entwicklung. Man kann sich gut in seinehto Gedanken, bzw. in die tiefe Enttäuschung und Ernüchterung hinein versetzen!?

  10. Der Stern im Matthäus-Evangelium wird von keinen ernstzunehmenden Astronomen als Berechnungsgrundlage genutzt. Argumente sind:
    1) Matthäus war nicht dabei und Maria hatte gewiss nicht nach Sternen Ausschau gehalten, d.h. die Historizität des Berichts darf bezweifelt werden.
    2) Laut den Propheten musste der Messias nicht nur von David abstammen, sondern auch von einem Stern angekündigt werden. Matthäus legitimiert also mit dieser Erzählung seinen Messias als solchen.
    3) Als Missionar musste Matthäus ein reales Himmelsphänomen als Vorlage haben. Nicht, dass es den Stern bei der Geburt gegeben haben muss, aber es muss ein eindrucksvolles Himmelsphänomen (“Stern” oder “Gestirn”) gegeben haben, an das sich die zu missionierenden Menschen erinnerten und an das sie dachten, wenn sie die Geschichte hörten.
    4) Ein solches Phänomen dürfte sich in den Geschichtsbüchern der damaligen Zeit bzw. den Chroniken wiederfinden (so wie z.B. der Caesar-Komet, der mit Tagessichtbarkeit während der Begräbnisspiele des Ermordeten erschienen war und den folglich die Bevölkerung Roms im Volksglaube als Zeichen der Vergöttlichung des Caesaren deutete).
    5) Novae und Supernovae kommen dafür nicht in Frage (sind im zu missionierenden greco-röm. Kulturkreis nicht überliefert), die sagenumwobene Dreifachkonjunktion von Jupiter und Saturn hat dort auch niemanden vom Hocker gerissen. Wohl aber gab es zwei Planeten*verschmelzungen*, d.h. sehr enge Begegnungen von Jupiter und Venus (den beiden hellsten Planeten) in den Sommern der Jahre 3 und 2 v.Chr. Diese hatte Imperator Augustus für seine eigene Politpropaganda genutzt, d.h. es war nicht nur ein auffälliges Himmelsphänomen (sogar einfache Leuten, Hirten, können den Abendstern/ Morgenstern sehen), sondern die zu Missionierenden können sich auch entsinnen “damals haben römische Nachrichten verkündet, dass die Götter einen Stern für den ‘Friedensfürst’ Augustus haben aufgehen lassen”. Augustus hatte dies als Zeichen ausgeben lassen, dass er selbst als ‘Licht der Welt’ (berühmt für inneren Frieden im Imperium, die Pax Augustae) legitimiert werde: für jeden im Reich sichtbar. Das lässt sich historisch belegen. Daran konnten sich die zu Missionierenden erinnern oder sie wussten “meine Großeltern haben gesagt, dass …” Es eignete sich also vortrefflich für das angestrebte Kommunikationsziel.

  11. Thomas Grüter,
    Bezug auf : “Vermutlich ging es Lukas darum, einen plausiblen Grund zu finden, warum Jesus, der aus Nazareth stammte, in Bethlehem geboren sein sollte – und es musste Bethlehem sein, weil nach einer wohlbekannten Prophezeiung von dort der neue Fürst der Juden stammen sollte.”

    Weil man also keinen Nachweis für die Volkszählung gefunden hat, wird hier Lukas unterstellt, die Volkszählung konstruiert zu haben.
    Ob das jetzt stimmt oder nicht, ist unerheblich.
    Erheblich ist, dass sich diese jüdische Sekte ausgebreitet hat. Sie hat sich ausgebreitet, weil die Bürger Roms des menschenverachtenden Götterglaubens überdrüssig waren. Die Schlachterien im Kolosseum haben die Bürger Roms aufgeschreckt. Der neue Glaube der Christen hat durch seine tiefe Menschlichkeit überzeugt . Deshalb feiern wir, fast die ganze Welt, noch Weihnachten.

  12. Nicht Wissenschaft zu Weihnachten, aber Geschichte:

    Die Römer feierten am 25.12. das Mithrasfest, das ursprünglich über Persien wohl aus Indien kam.

    Mithras soll der Legende nach in einer Höhle geboren worden sein und wurde auch als Weltenretter vereehrt. Da es ein Geheimkult war gibt es kaum Aufzeichnungen, so dass man heute wohl wenig dazu sagen kann.

    Man kann vermuten, dass beim Konzil von Nicäa (noch zur Zeit der Römer!) die Geburt Christi auf die Nacht zum 25.12. gelegt wurde, obwohl diese wohl einige Monate früher stattfand, um damit das Mithrasfest abzulösen.

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