Nein, Alkohol trinken ist nicht gesund

Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren, und gesund ist der gute Fusel auch noch. Schön wär’s jedenfalls, und da Geld Richtung Wunschdenken fließt, gibt es genug Fach- und sonstige Publikationen, in denen das fröhlich daherbehauptet wird. Rotwein ist in der Hinsicht ein Running Gag, seit ner Weile laufen mir auch immer wieder die angeblich heilende Wirkung des Gin über den Weg und auch Bier ist ganz ganz bestimmt gesund.

Solche mediale Saufnasenbespaßung basiert eigentlich immer auf den gleichen zwei Argumenten. Zum ersten sei ja “erwiesen”, dass mäßiges Trinken gesünder sei als völlige Abstinenz, und zum zweiten enthält Getränk XY ja den gesunden Inhaltsstoff Z, der laut “wissenschaftlichen Erkenntnissen” Herz, Hirn oder sonstiges zweitrangiges Organ schütze. Stichworte sind da Antioxidanzien, Resveratrol oder sonstige Pflanzenstoffe.

Ich halte ja generell überhaupt nichts von all diesen speziellen Inhaltsstoffen, die irgendwelche Lebensmittel besonders gesund machen. Und bei alkoholischen Getränken schon mal gar nicht. Das funktioniert nämlich meistens folgendermaßen: Man behandelt also zum Beispiel Blutgefäßzellen in Zellkultur mit unrealistisch hohen Mengen Resveratrol und stellt fest, ein an Entzündungsprozessen beteiligter Rezeptor wird von den Zellen weniger hergestellt. Plopp, schon wirkt Rotwein möglicherweise gegen Atherosklerose.

Wie man signifikante Ergebnisse bekommt

Das geht natürlich auch mit Studien an Menschen, wenn man’s sich richtig hindreht. Zum Beispiel in dieser kleinen Studie, in der knapp 60 Versuchspersonen 30 Tage lang (immerhin definierte Mengen) Bier tranken. Das Autorenteam hat insgesamt 14 zelluläre Immunparameter gemessen, dann außerdem jeweils nach Geschlecht ausgewertet und anscheinend auch noch die Veränderungen in den Verhältnissen verschiedener Parameter zueinander… Ich überlasse es euch, die Anzahl unterschiedlicher Datenpunkte auszurechnen, die sie hier für ihren Vorher-Nachher-Vergleich erzeugt haben.

Alkohol ist ganz, ganz sicher gesund...

Alkohol. Bild: ADMC, CC0

Nicht vergessen: Signifikant heißt hier, dass die Wahrscheinlichkeit für ein Zufallsergebnis kleiner als fünf Prozent ist. Je mehr Einzelparameter, desto mehr Treffer, und an den statistischen Verfahren kann man auch noch drehen – solche Spielereien bezeichnet man als “p-Hacking”. Wie groß die gemessenen Effekte sind und wie viel man trinken müsste, damit das für den Körper wichtig wird, fragt ihr besser gar nicht. Naja, am Ende kommen die Leute zu dem (fragwürdigen) Schluss, dass Bier “immunmodulierend” sei – in der Frankfurter Rundschau wird dann daraus “Bier stärkt das Immunsystem”.[1]

Und dann gibt es ja noch das französische Paradox: In Frankreich isst man fettigere Sachen und raucht mehr, und trotzdem gibt es weniger Herzkrankheiten. Angeblich. Zwar sagt die Statistik, dass Herzkrankheiten in Frankreich schlicht zu wenig diagnostiziert werden, und es gab schon vor fast 20 Jahren einen recht plausiblen Erklärungsansatz, aber das will schlicht niemand wissen. Stattdessen, na klar, Rotwein ist gesund.[2]

Wer keinen Alkohol trinkt, fällt aus der Reihe

Der zweite Teil der Argumentationskette ist mindestens genauso dubios. Die Story mit den kleinen Mengen Alkohol, die angeblich gesund sind, geht schon seit ner Weile rum – es gibt auch eine ganze Menge Untersuchungen, die den Effekt gefunden haben.Nur: Die Studien, die das nachgewiesen haben wollen, sind weit überwiegend schlecht. Das sage nicht ich, sondern ein Forscherteam, das diesen Effekt mal unter die Lupe genommen hat. Ich hab das Problem in diesem Video ein bisschen erklärt.

Kurz zusammengefasst: Die Abstinenzler, die anscheinend weniger gesund sind als die Wenigtrinker, sind keineswegs eine mit letzteren vergleichbare Gruppe. Unsere Gesellschaft ist so stark mit Alkohol getränkt, dass eine völlig alkoholfreie Ernährung die erklärungsbedürftige Ausnahme ist. Das tun überwiegend jene abstinent, die es aus gesundheitlichen Gründen müssen: Trockene Alkoholiker, Leberkranke oder Leute, die viele Medikamente schlucken. Und die sind oft nicht besonders gesund.

Ich finde den Hype um die angeblich gesunde Trinkerei eh ein bisschen seltsam. Man braucht sich nur mal zu erinnern, was für eine wahnsinnige Aufregung immer um jeden Fliegenschiss einer möglicherweise krebserregenden Substanz herrscht, die per Spurenanalytik irgendwo auftaucht. Ethanol dagegen ist ein bekanntes, starkes Karzinogen und in Deutschland jährlich für geschätzt 13000 zusätzliche Krebsfälle verantwortlich. Ein Glas Wein enthält so ungefähr 12 Gramm reinen Ethanol. Das fällt anscheinend in die Kategorie: Verarschen können wir uns auch selber – Übung haben wir ja. Prost.

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[1] Macht euch nichts vor, bei “gesunder Ernährung” funktioniert das genau so. Ich verweise nur auf die berüchtigte Schokoladen-Geschichte von vor ner Weile.

[2] Oder, je nach Vorliebe, die Mittelmeer-Diät, Käse, Froschschenkel und vermutlich Charlie Hebdo. Wenn man erstmal auf dem Level ist, scheint echt jeder Quatsch zu gehen.

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback:[SciLogs] Nein, Alkohol trinken ist nicht gesund

  2. “Bier stärkt das Immunsystem”
    Das mit dem ‘Stärken des Immunsystems’ ist mittlerweile Der Mythos schlechthin.
    Wenn irgendwo drauf steht, der Inhalt dieser Packung stärkt das Immunsystem, nich kaufen, weglaufen. Impfungen stärken das Immunsystem, durchTraining auf erwartbare Gefahren, sonst nix.

  3. Diejenigen unter uns, die abends regelmäßig ihren wohlverdienten Wein trinken möchten aber nicht hören, dass sie sich damit einem höheren Krebsrisiko aussetzen oder man sie vielleicht sogar als Alkoholiker bezeichnen könnte. Schlagzeilen a la “Rotwein macht gesünder” lesen sich und schreiben sich auch einfacher. Solange man sich den Konsum selbst schön redet, ist die Welt für einen selbst ja in Ordnung. Prost

  4. sehr, sehr gut!

    Danke für die klare Aussage!

    (ich selber trinke gerne Weizen und Rotwein, aber mir ist bewusst, dass das ungesund ist und mich nervt das “Schönreden” von Rotwein oder was auch immer; Fakt ist wie hier beschrieben: es ist ungesund, weniger schlimm als Rauchen vielleicht, aber wer Alkohol trinkt,schädigt seinen Körper. Das ist ok, wenn man Genuss gegen eine milde Gesundheitsgefahr abwägt, aber dass es ungefährdeten Konsum von Alkohol gibt oder gar eine gesunde Menge von Alkohol gäbe, ist einfach völliger Quatsch!)

  5. Warum wollen alle dauernd das Immunsystem stärken? Meins bemüht sich um eine Balance zwischen “nicht zu viele tödliche Seuchen durchlassen” und “nicht bei jedem Blümchen einen anaphylaktischen Schock auslösen” und scheint das Optimum getroffen zu haben, ich lebe nämlich.

  6. JaJa, der liebe Alkohol.

    Meinet wegen kann jeder Trinken soviel er will. Solange er damit nicht andere gefährdet. Und das ist nachher das grundsätzliche Problem. Trotz jahrelanger Aufklärung das Alkohol nicht gesund ist, kriegt meine Frau auch immer noch zu hören, dass ein Glas Alkohol doch nicht schadet. Und das obwohl klar ersichtlich ist, dass sie Schwanger ist.
    Da gruselt es mich immer am meisten.

  7. Es muss lauten:
    Ja, Alkohol trinken ist nicht gesund

    Sonst ergibt die Überschrift durch die doppelte Verneinung keinen Sinn zum Beitrag.

    Bitte schön.

    • Nein, so muss es nicht lauten.

      … enthält auch keine doppelte Verneinung, die besagen würde, es müsse doch so lauten. Will man (oft) Gesagtem widersprechen oder sich nur selbst beipflichten?

      Ja, das ist nicht einfach. Prost.

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  9. Guter Beitrag, schön geschrieben.
    Die täglich zu sehenden Bierleichen vor jedem zweiten Einkaufsmarkt sehen für mich nicht gerade gesund aus. Dennoch, jedem das Seine. Nur andere mit seinen Gewohnheiten belästigen…, da hört es (finde ich) auf.
    Schöne Woche noch und Lg
    Peggy

  10. Da ist viel Geld im Spiel, die Alkoholindutrie ist ziemlich mächtig daher verwundert es wenig das unter Einsatz von Geld auch “Wissenschaft” gekauft werden kann.

  11. Die Aussage von Torsten Irion kann ich nur unterstreichen. Natürlich ist mein Viertele zum Abendessen nicht “gesund”, aber es schafft Genuss bis zu dem Punkt, an dem es mir sowieso nicht mehr schmeckt.

    Ob man eine erlaubte Substanz konsumiert, weil man die Annehmlichkeit höher bewertet als das erst einmal nur rechnerische Risiko, mag jeder für sich ausmachen: besteht der Sinn des Lebens in Gesundheit, oder verhält es sich umgekehrt?

  12. Wer glaubt das denn wirklich, dass Alkohol gesund ist?

    Möchtest du Warnbilder im Stil der Zigarettenpackungen auf allen Flaschen?

    Dieser allgemeine Gesundheits-Hype ist irgendwie auch ein bisschen irre. Ein Zeichen, dass es uns verdammt gut geht!

  13. Pingback:Tödliche Weihnachten! » Fischblog » SciLogs - Wissenschaftsblogs

  14. “Es ist ein Brauch von Alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör. Doch wer zufrieden und vergnügt, sieht zu, daß er auch welchen kriegt.” Wilhelm Busch

    Schöne Grüsse aus der freidenker-galerie.

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