Wer den Chemie-Nobelpreis 2021 kriegt

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Dieses Jahr bin ich ein bisschen spät dran mit meiner traditionellen Prognose für den Chemie-Nobelpreis, und das liegt natürlich auch daran, dass es diesmal so schwierig wie selten ist. Einige nahe liegenden Kandidatinnen und Kandidaten sind nicht mehr im Rennen, weil sie in den letzten Jahren die absehbaren Preise bekommen haben, und die Pandemie hat natürlich auch bisher nebensächlich scheinende Themen in den Vordergrund geholt.

Das gilt vor allem für die RNA-Technologie hinter den Impfungen. Als Hauptkandidatin gilt da meist Katalin Karikó, oft zusammen mit Drew Weissman. Allerdings ist bei dieser Technik im Moment noch ziemlich unübersichtlich, wer wann welchen Beitrag geleistet hat und vor allem, wie wichtig der ist. Zum Beispiel halten manche Leute den Austausch von Uridin mit Pseudouridin für eine der ganz zentralen Entdeckungen, während andere die Technik als praktisch irrelevant betrachten. Definitiv ein Nobelpreis, aber vermutlich noch nicht dieses Jahr.

Ebenfalls wichtig bei der Pandemie war die Genomsequenzierung, ohne die wir vermutlich nichts von den unterschiedlichen Varianten, ihren charakteristischen Mutationen und Eigenschaften wüssten. Die Daten über die genetischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der weltweiten Viruslinien und ihre Evolution sind aus wissenschaftlicher Sicht vermutlich das bedeutsamste Ergebnis der Pandemie. Und das kommt oben drauf auf all die Entdeckungen, die anderswo durch moderne Sequenzierungen möglich wurden. Das wäre mein persönlicher Favorit. Die andere Frage ist, wer. Die “klassischen” Kandidaten sind Marvin Caruthers und Lee Hood, aber dieses Jahr steht auch Shankar Balasubramanian im Raum. Warum nicht ein Drittel Chemie-Nobelpreis für jeden?

Aber wie Medizin und Physik gezeigt haben, müssen auch in einem Pandemiejahr die Nobelpreise nicht zwangsläufig etwas mit Seuchen zu tun haben. Es gibt genug spannende Themen, die eigentlich mal dran wären – und zwar vor allem aus den Bereichen Synthese und Katalyse. Es ist jetzt auch nicht so, dass die Auswahl auf diesen Gebieten klein wäre.

Die möglichen Themen reichen von der industriell sehr wichtigen Buchwald-Hartwig-Aminierung von Stephen Buchwald und John Hartwig bis hin zur Radikalischen Katalyse des Krzysztof Matyjaszewski. Er ist der Entwickler der Atom Transfer Radical Polymerisation (ATRP), einer Variante der “lebenden” Polymerisation. “In” sind dieser Tage außerdem anscheinend mal wieder die Metal-Organic Frameworks von Omar Yaghi, und der könnte sich einen übergreifenden poröse-Materialien-Preis mit Edith Flanigan (Zeolithe) und Makoto Fujita (supramolekulare Strukturen).

Aber mein heißer Tipp und auch Favorit für den Chemie-Nobelpreis 2021 ist, wie gesagt, die moderne DNA-Sequenzierung. Das wäre nicht nur ein angesichts der Pandemie zeitgemäßer Preis, sondern auch einer, der klassische chemische Synthese mit moderner Molekularbiologie und Genetik verbindet. Oder es kommt halt mal wieder ganz anders.

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