Robot-Geologen und Sisyphos-Arbeit: Für jeden was dabei auf der Lunar and Planetary Science Conference in Houston (I)

Das wohl regelmäßigste Feature auf diesem Blog ist die Berichterstattung von der wohl wichtigsten Konferenz in den Planetaren Wissenschaften, der Lunar and Planetary Science Conference, die nach wie vor jährlich in Houston, Texas stattfindet. Wieso Houston – liegt am Johnson Space Center, an dem sich 1970 erstmals die Leute trafen, welche die ersten Apollo-Mondproben untersuchten. Aus diesem kleinen, auf den Mond konzentrierten Treffen wurde über die Jahre eine respektable Tagung (so über 2000 Teilnehmer), die sich inzwischen nicht nur mir Mondangelegenheiten beschäftigt. Und da steht wieder die 48te Ausgabe an. Mittendrin mal wieder Meinereiner, auch schon zum 14ten Mal (!) Damit ist das die Tagung, die ich bisher am meisten besucht habe – und jedes Mal mindestens mit einem eigenem Beitrag, also kein Tagungstourismus (ehrlich). Das ganze findet inzwischen  deutlich nördlich von Houston statt, in einem Tagungshotel im recht jungen Vorort namens Woodlands.

Da sind sie dann wieder alle auf einem Haufen – aufgeregte, großäugige Doktoranden oder gar noch jüngeres Volk auf der ersten, großen Tagung. Alte Haudegen, die Mondproben damals noch nach Geschmack und Geruch bestimmt haben, ohne den ganzen neumodischen Schnickschnack. Und ältere Jungwissenschaftler wie ich, irgendwo in dem Kudelmuddel.

So eine Tagung ist natürlich die Gelegenheit, den Finger in die Luft zu halten, also eine gute Idee davon zu kriegen, was so im engeren und weiteren Forschungsgebiet gerade abgeht. Was also erwartet den hoffnungsvollen jüngeren Altwissenschaftler dieses Mal? Die Abstrakts, also Zusammenfassungen der geplanten Vorträge oder Poster sind schon online. Hashtag ist #lpsc2017, da wird wohl auch live gezwitschert werden.

Was erst mal auffällt – es gibt deutlich weniger Sessions die sich auf eine spezielle Mission konzentrieren (was letzte Mal sehr ausgeprägt war). Dieses Mal gibt es eigentlich nur eine ausgesprochene New Horizons Sitzung. Aber das ist ganz normal, die Daten sind jetzt da und werden halt von der wissenschaftlichen Gemeinschaft verwurstet. Zudem ist die Tagung etwas kompakt – der Freitag ist nur noch Morgens belegt. Schrumpft die Tagung oder gar das Forschungsgebiet nach vielen Jahren der Expansion? Fragen über Fragen. Scheint aber eher der Fall zu sein, dass jetzt in der Regel fünf Sessions zeitgleich stattfinden (statt bisher vier). Letztes Jahr war das noch eine Notlösung, weil die Tagung in der Osterwoche stattfand, was auf Drängen vieler Europäer zu einer kompakteren Tagung mit einem freien Karfreitag führte.

Gleich Montagmorgen, wenn viele noch am Kater vom Icebreaker am Sonntagabend leiden, eine Session über Vulkanismus auf dem Mond. Der Erdnachbar mag zwar mit Kratern gesättigt sein, aber etwas Vulkanismus kann man dennoch nachweisen. Allerdings schon etwas länger her, mindestens einige hundert Millionen Jahre (wie hier bei Stopar et al.) Wasser im Mondgestein war eine ganz heiße Sache vor ein paar Jahren, aber es ist etwas ruhiger in der Richtung geworden. Jessica Barnes et al. bleiben aber am Ball. Und am Schluss der Session dann noch ein Vortrag eines gewissen H.H.Schmitt, der einen ganz besonderen Vorteil gegenüber den ganzen Jungspünden auf der Session hat: er hat seine Proben damals noch selber auf dem Mond eingesammelt.

Auch am  Montag Morgen findet eine Spezial-Session zum immer populären Thema MARS VOLATILE SURFACE-ATMOSPHERIC INTERACTIONS: PAST AND PRESENT statt, also vor allem Wasser (aber nicht nur) auf dem Mars. Sondern auch CO2, anderes beliebtes Thema sind die Perchlorate. Dann noch Titan (nicht so mein Spezialgebiet) und Ceres. Letzterer hat sich dank Dawn von einem verschwommenen Fleck in Teleskopen zu einem gut erfassten Himmelskörper gemausert. Auch über den inneren Aufbau weiß man jetzt mehr, wie bei Raymond et al.

Und dann noch eine fünfte Sitzung – eines meiner Lieblingsthemen: richtig große Kollisionen.In GIANT IMPACTS AND LATE ACCRETION IMPACTS geht es richtig zur Sache: Canup et al. machen sich Gedanken darüber, was eigentlich mit dem Kern eines Kollisionspartners passiert. Antwort:  Hängt vom Kollisonswinkel ab, entweder verschmelzen die beiden Kerne im Wesentlichen, oder der Kern des kleineren Körpers zerlegt sich und segelt gleich weiter, ohne größere Akkretion. Von einer wahren Sisyphos-Arbeit berichten Cox et al.: Die haben bis jetzt 21000 (!!)(Kreisch!) Zirkone per Hand gepickt. Wer schon mal Mineralbrösel mit einer feinen Nadel unter dem Binokular gepickt hat, dem bricht jetzt der pure Angstschweiß aus. Wieso das um Himmels willen? Zirkon (ZrSiO4) ist ein sehr robustes Mineral, das einiges im Gesteinskreislauf übersteht. Deshalb ist der Gedanke, das Zirkone in den ältesten Gesteinen der Erde wohl die besten Zeugen der großen, frühen Impakte in der ganz jungen Erde sein könnten, nicht abwegig. Die Metasedimente in Jack Hills, Australien sind bereits stolze 3 Milliarden Jahre alt, und die Zirkone bis zu 4.4 Milliarden Jahre, was verdammt nah am Alter der Erde ist. Ergebnis so weit: leider noch keine Spuren von Impaktschock. Hm.

Am Mittag dann Magma auf dem Mond (Hardcore-Petrologie), Marsatmosphäre, Cyrosphäre (also Eisplaneten) und großräumige magmatische Prozesse. Alles nicht so mein Spezialgebiet. McCord et al. sollten in CERES EVOLUTION:THE PICTURE BEFORE AND AFTER DAWN einen Überblick über den Stand liefern. Dann aber eine Session über ein Thema, das immer wichtiger wird: Wie speichert beziehungsweise macht man die Riesendatenmengen auf Dauer zugänglich oder gar vergleichbar in PLANETARY SPATIAL DATA INFRASTRUCTURE I: ENABLING EXPLORATION AND RESEARCH ACROSS THE SOLAR SYSTEM.

Damit ist Montag fast, aber nicht ganz durch: Am Abend gibt es dann noch das immer rammelvolle NASA Headquarters Briefing. Da halten Leute öffentlich die Rübe vor ihren Kollegen hin für Entscheidungen, die sie nicht getroffen haben. Dürfte gerade jetzt interessant sein.

Dann Dienstag. Regolith auf dem Mond ist ein Thema. Dann CONSTRAINING MARTIAN CLIMATE AND ENVIRONMENTAL HISTORY FROM MINERALOGY – hier geht es vor allem um Matsch – also Tonminerale (plus weitere), die entstehen, wenn Gestein mit Wasser in Kontakt gerät und verwittert. Aus deren Zusammensetzung und Aufbau kann man recht gut Schlüsse auf das Klima des frühen roten Planeten ziehen. Interessant auch die Isotopen-Studie von Asui et al. über Wasserstoffisotope und die Entwicklung des Wassers auf dem jungen Mars, interessante Diagramme. Dann kaltes Zeug: Eismonde und Kometen. Die Auswertung der Daten von Rosetta ist im vollen Gange, und die Bilder von Komet 67P erlauben z.B. die Klassifizierung von Geländeeinheiten, wie hier in Birch et al. Interessant auch Lisse et al. über potentielle Exokometen im jungen Sonnensystem HR 4796A, beobachtet im (nahen) Infrarot. Dann noch eine Spezial-Session: Erste Ergebnisse für Bohrkerne aus dem Chicxulub-Krater (siehe Saurier, tote) werden von einem Konsortium vorgestellt.

Mittags dann wieder Mond (sehr populäres Thema). Jetzt geht es um die Oberfläche, die über all die Jahrmilliarden so einiges abgekriegt hat: MAGNETIZATION AND WEATHERING OF THE LUNAR SURFACE. So hatte der Mond zeitweise ein ordentliches Magnetfeld, und darum geht es in Stanley et al. Was hat Curiosity so die letzte Zeit im Gale-Krater getrieben? Aufklärung gibt es in einer eigenen Session. Dann noch mehr Eismonde und Eis auf dem Mars. Und eine Session über die Modellierung von Einschlägen.

Und abends dann Postersession 1. Meine Güte sind das viele. Das kann sich doch keiner alles anschauen (soll allerdings auch niemand.) So kann man die Zahl der Vorträge auch knapp halten – einfach mehr Poster. Das soll aber nicht bedeuten, dass Poster an sich schlechter sind als Vorträge. Aber mit einem Vortrag erreicht man in der Regel mehr Leute – bei einem Poster kann man sich die Füße schon mal den Abend lang in den Bauch stehen. Am Ende ist es aber reine Nervensache – und manche Themen eignen sich dann doch besser für ein Poster. Bier ist leider nicht mehr umsonst (ziemlich teuer), wie früher. Das Posterprogramm ist in noch mehr Kategorien aufgeschlüsselt denn die Vortragssessions, aber am Ende hängen alle an mehreren parallelen Stellwänden in einer großen Halle.

Wenn man eine zukünftige Mission einfach mal andenken will, ist so ein Poster unter anderem eine Gelegenheit, die Wässer zu testen. Man hat mehr Zeit, Dinge mit Interessierten zu besprechen. Wie zum Bespiel in den Postern unter OUTER PLANETS MISSION CONCEPTS: OUT IN THE COLD. Da gibt es ein Poster über CubeSats für Io (Williams et al.), oder gar ein Quadcopter für Titan (E.P.Turtle et al.) Gleich weiter geht die Thematik in LUNAR MISSION CONCEPTS:  Ein CubeSat Entwurf für einen polaren Orbiter von Cohen et al. (Payload Design For The Lunar Flashlight Mission.) Das ambitionierte russische Mondprogramm behandelt ein Poster von Slyuta et al. (LUNOKHOD “ROBOT-GEOLOGIST”: SCIENTIFIC TASKS AND TECHNICAL CONFIGURATION), das chinesische eines von Zou&Li. Und ein Update zur überfälligen, problemgeplagten InSight Mission zum Mars.

Und dann die Planeten. Eine immer interessante Frage: von wo auf dem Mars kommen eigentlich die Marsmeteorite? Möglicherweise von bis zu 20 verschiedenen Orten laut Irving et al. in KEEPING UP WITH THE MARTIAN METEORITES AND CONSTRAINING THE NUMBER OF SEPARATE LAUNCH SITES ON MARS.

Dann für was ganz differentes: CAIS, ISOTOPES, AND EARLY PROCESSES, also so richtige klassische Meteoritenforschung ohne Planeten und so. Scheint etwas ins Hintertreffen zu geraten. Ein interessantes Poster von meinem alten Chef in Nancy: SEARCH FOR PRIMITIVE MATTER IN THE SOLAR SYSTEM von Libourel et al. Das Thema ist auch ein Steckenpferd von mir, es geht eben um das Ausgangsmaterial des Sonnensystems. Nur was ist das genau? Da gibt es verschiedene Definitionen, gerne je nach Fachgebiet. Also Zeit, da mal Ordnung rein zu bringen. Interessant wohl auch AGGREGATES: THE FUNDAMENTAL BUILDING BLOCKS OF PLANETESIMALS? von Cuzzi et al.: hier geht es um einen Meteoriten, in dem man möglicherweise die ersten Schritte der Akkretion (hier in Form von sich zusammenballenden Chondren) sehen kann.Dann natürlich auch was über Outreach und Öffentlichkeitsarbeit und Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen: PUBLIC ENGAGEMENT, K– 12 EDUCATION, HIGHER EDUCATION.

Das war es schon bis zur Mitte der Tagung, und mir schwirrt der Kopf schon ziemlich. Mehr dann im zweiten Teil.

Mein Interesse an Planetologie und Raumforschung begann schon recht früh. Entweder mit der Apollo/Sojus Mission 1975. Spätestens aber mit dem Start der Voyager-Sonden 1977, ich erinnere mich noch wie ich mir mein Leben in der fernen Zukunft des Jahres 1989 vorzustellen versuchte, wenn eine der Sonden an Neptun vorbeifliegen würde. Studiert habe ich dann Mineralogie in Tübingen (gibt es nicht mehr als eigenständiges Studienfach). Anstatt meinen Kommilitonen in die gängigen Richtungen wie Keramikforschung zu folgen, nahm ich meinen Mut zusammen und organisierte eine Diplomarbeit über Isotopenanalysen von Impaktgestein aus dem Nördlinger Ries Einschlagkrater. Dem folgte dann eine Doktorarbeit über primitive Meteorite in Münster. Nach 10 Jahren als PostDoc in verschiedenen Ecken der Welt arbeite wieder am Institut für Planetologie in Münster, an Labormessungen für die ESA/JAXA Raumsonde BepiColombo, die demnächst zum Merkur aufbrechen wird. Mein ganzes Arbeitsleben drehte sich bisher um die Untersuchung extraterrestrischer (und damit verwandter) Materialien: Gesteine aus Impaktkratern, die ganze Bandbreite Meteoriten (von den ganz primitiven Chondriten bis hin zu Marsmeteoriten). Zu meiner Forschung gehören auch Laborexperimente, in denen Vorgänge im frühen Sonnensystem nachgestellt wurden. Mein besonderes Interesse ist, die Laboruntersuchungen von extraterrestrischem Material mit Fernerkundungsdaten (im Infrarot) zu verknüpfen. Das vor allem mit Daten aus der planetaren Fernerkundung durch Raumsonden, aber auch mit Beobachtungen junger Sonnensysteme durch Teleskope.

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