Wie langfristige soziale Isolation dem Gehirn schadet

Das Coronavirus SARS-CoV-2 drängt alte Menschen, die in Pflegeheimen leben, in die soziale Isolation: Sie dürfen nicht besucht werden und viele Bewohner haben kein Mobiltelefon oder können es nicht bedienen. Sie sind darauf angewiesen, dass die Pflegerin ihnen das Stationstelefon ans Ohr hält. Die ganze Situation macht die Patienten traurig und gereizt. Noch schlimmer geht es den Häftlingen, die in kalifornischen Hochsicherheitsgefängnissen über zehn Jahre in Isolationshaft verbringen. Sie entwickeln Angststörungen, Depressionen und begehen im schlimmsten Fall Suizid.

Dass lange soziale Isolation der geistigen Gesundheit schadet, steht also außer Frage, aber was passiert dabei im Gehirn? Eine wichtige Rolle scheinen Neuropeptide zu spielen. Neuropeptide sind Peptide, die als Botenstoffe von aktivierten Nervenzellen freigesetzt werden. Ein Peptid ist eine Verbindung aus einigen Aminosäuren wie z. B. das Neuropeptid Neurokinin B (NkB), das aus 10 Aminosäuren besteht. Neuropeptide binden an spezifische Rezeptoren auf anderen Nervenzellen, verändern deren physiologische Eigenschaften und beeinflussen dadurch die Funktion neuronaler Schaltkreise.

Neurobiologen vom California Institute of Technology in Pasadena, USA haben entdeckt, dass langfristige soziale Isolation bei Mäusen die Menge von NkB in einigen Bereichen des Gehirns um das 2,5- bis 10-fache erhöht und dass die Blockade dieses Neuropeptids die negativen Auswirkungen der sozialen Isolation auf die Psyche beseitigt.

Moriel Zelikowsky und sein Forscherteam publizierten ihre Untersuchungen in der Fachzeitschrift Cell [1] und zeigten, dass anhaltende soziale Isolation zu einer Vielzahl von Verhaltensänderungen bei Mäusen führt. Dazu gehören erhöhte Aggressivität gegenüber unbekannten Mäusen, anhaltende Angst und Überempfindlichkeit gegenüber bedrohlichen Reizen.

Wenn Mäuse, die sozial isoliert waren, mit einem bedrohlichen Reiz konfrontiert werden, dann verharren sie, noch lange nachdem die Bedrohung vorüber ist, in einer Schockstarre, während sich bei nicht sozial isolierten Mäusen die Schockstarre schon bald nach Beseitigung der Bedrohung auflöst. Dieser Effekt tritt auf, wenn Mäuse zwei Wochen lang sozial isoliert sind, aber nicht bei einer sozialen Isolation von 24 Stunden, was darauf hindeutet, dass die beobachteten Veränderungen im Aggressions- und Angstverhalten eine chronische Isolation erfordern.

In einer früheren Studie an Obstfliegen hatten die Forscher gezeigt, dass das Neuropeptid Drosophila Tachykinin (DTK) die Aggression bei langfristig sozial isolierten Fliegen erhöht. Um herauszufinden, ob Neuropeptide auch bei Säugetieren, bei Aggressionen, die durch soziale Isolation hervorgerufen werden, eine Rolle spielen, untersuchten die Wissenschaftler Labormäuse. Bei Mäusen codiert das Gen Tac2 für NkB. Nervenzellen in der Amygdala und dem Hypothalamus1, die am emotionalen und sozialen Verhalten beteiligt sind, produzieren NkB, aber auch Nervenzellen in anderen Hirnbereichen.

Die Forscher fanden heraus, dass die chronische soziale Isolation die Tac2-Genexpression und damit die NkB-Produktion in einigen Bereichen des Gehirns erhöht. Als sie den sozial isolierten Mäusen ein Medikament gaben, das spezifisch NkB-Rezeptoren blockiert, verhielten sich diese Mäuse normal. Wenn die Wissenschaftler die Tac2-Genexpression in den entsprechenden Gehirnregionen bei nicht sozial isolierten Mäusen künstlich erhöhten, dann verhielten sich diese wie sozial isolierte Mäuse.

Die Neurobiologen zeigten, dass bei sozial isolierten Mäusen die Unterdrückung der Tac2-Genexpression oder die Blockierung der NkB-Rezeptoren in der Amygdala zwar das erhöhte Angstverhalten, nicht aber die Aggression beseitigt, während umgekehrt die Unterdrückung der Tac2-Genexpression oder die Blockierung der NkB-Rezeptoren im Hypothalamus zwar die erhöhte Aggression, nicht aber die anhaltende Angst beseitigt. Diese Ergebnisse zeigen, dass die lokale Zunahme von NkB in verschiedenen Hirnregionen zu unterschiedlichen Verhaltensstörungen führt.

Obwohl die Neurobiologen an Mäusen forschten, gab diese Arbeit ihnen eine Idee, wie langfristige soziale Isolation möglicherweise dem menschlichen Gehirn schadet. “Das menschliche Gehirn besitzt auch NkB”, sagt Zelikowsky. “Bei der Behandlung von psychischen Störungen konzentrieren wir uns traditionell auf Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin, die im Gehirn weit verbreitet sind”, so Zelikowsky. “Eine breite Manipulation dieser Neurotransmittersysteme kann zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. Daher ist die Möglichkeit, ein Neuropeptid wie Neurokinin B präzise und lokal zu hemmen, ein vielversprechender Ansatz für die Behandlungen von psychischen Störungen, die durch langfristige soziale Isolation entstehen.”

Fußnoten

1. Beim Menschen wird Neurokinin B vor allem in Nervenzellen des Hypothalamus gebildet. Die Neurokinin B produzierenden Zellen liegen wiederum in der Nähe von Nervenzellen, die die Ausschüttung der Sexualhormone aus der Hirnanhangsdrüse bei der Pubertät anstoßen.

Weiterführende Literatur

[1]. Moriel Zelikowsky, May Hui, Tomomi Karigo, Andrea Choe, Bin Yang, Mario R. Blanco, Keith Beadle, Viviana Gradinaru, Benjamin E. Deverman, David J. Anderson. (2018) The Neuropeptide Tac2 Controls a Distributed Brain State Induced by Chronic Social Isolation Stress

Loneliness levels high during COVID-19 lockdown

Joe Dramiga

Veröffentlicht von

Joe Dramiga ist Neurogenetiker und hat Biologie an der Universität Köln und am King’s College London studiert. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit der Genexpression in einem Mausmodell für die Frontotemporale Demenz. Die Frontotemporale Demenz ist eine Erkrankung des Gehirns, die sowohl Ähnlichkeit mit Alzheimer als auch mit Parkinson hat. Kontakt: jdramiga [at] googlemail [dot] com

8 Kommentare

  1. off topic
    Wenn die Forscher in der Antarktis im Winter monatelang von der Außenwelt abgeschnitten sind, verändert sich das Gehirn messbar – wurde durch Messungen festgestellt

  2. Ich bin sicher, unsere Gehirne sind für telepathische Kommunikation konstruiert, doch weil wir unser Zusammenleben mit Konfusion und “gesundes” Konkurrenzdenken im geistigen Stillstand des nun “freiheitlichen” Wettbewerbs gestalten, anstatt mit Fusion im Gemeinschaftseigentum unseren nächsten geistigen Evolutionssprung vorzubereiten, ist die Degeneration mit Alzheimer & Co. weder Wunder noch Phänomen – geistig-heilendes Selbst- und Massenbewusstsein, anstatt Bewusstseinsschwäche und Bewusstseinsbetäubung in egoisierendes “Individualbewusstsein”!

  3. Zitat Joe Dramiga:
    Das Coronavirus SARS-CoV-2 drängt alte Menschen, die in Pflegeheimen leben, in die soziale Isolation: Sie dürfen nicht besucht werden und viele Bewohner haben kein Mobiltelefon oder können es nicht bedienen. Sie sind darauf angewiesen, dass die Pflegerin ihnen das Stationstelefon ans Ohr hält. Die ganze Situation macht die Patienten traurig und gereizt.

    Dass bei der Corona-Krise die soziale Isolation der alten Menschen in Pflegeheimen verheerende Folgen hat, wird zum Beispiel aus dieser Quelle bestätigt: Fakten zu Covid-19

    . Eine Analyse von Daten aus fünf europäischen Ländern zeigt, dass Bewohner von Plegeheimen bisher zwischen 42% und 57% aller „Covid19-Todesfälle“ ausmachten. Zugleich zeigen drei US-Studien, dass bis zu 50% aller testpositiven Bewohner von Pflegeheimen zum Testzeitpunkt (noch) keine Symptome zeigten. Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Einerseits scheint sich die Gefährlichkeit des neuen Coronavirus – wie bereits vermutet – auf eine kleine, sehr verwundbare Bevölkerungs­gruppe zu konzentrieren, die es noch besser zu schützen gilt. Andererseits ist es denkbar, dass ein Teil dieser Menschen nicht oder nicht nur am Coronavirus stirbt, sondern auch am extremen, damit verbundenen Stress. Bereits in Deutschland und Italien wurde zuletzt von Pflegeheimbewohnern berichtet, die ohne Symptome plötzlich verstarben.

    . In Kanada verstarben 31 Menschen in einem Altersheim, nachdem „fast alle Pflegekräfte die Einrichtung aus Angst vor einer Ausbreitung des Coronavirus fluchtartig verlassen hatten. Gesundheitsbehörden fanden die Menschen in dem Heim in Dorval bei Montreal erst Tage später vor – viele der Überlebenden dehydriert, unterernährt und teilnahmslos.“ Ähnliche Tragödien wurden bereits aus Norditalien berichtet, wo osteuropäische Pflegekräfte das Land aufgrund der Panik und des angekündigten Lockdowns fluchtartig verließen.

    Die gesundheitliche Schäden und die psychische Notlage durch Isolation bei den Bewohnern von Pflegeheimen in Deutschland wird zum Beispiel in dieser Online-Petition beschrieben: Besuchsrecht im Pflegeheim trotz Corona. Besuche bei Pflegeheimbewohnern möglich machen!

    […] Hunderte von Angehörigen, die vom Kontaktverbot betroffen sind, haben in den letzten Wochen Rat beim BIVA-Pflegeschutzbund gesucht. Sie berichten von Depressionen, mangelndem Lebensmut, Vereinsamung und Vernachlässigung ihrer Familienmitglieder. Viele Angehörige übernehmen in normalen Zeiten regelmäßig Hilfstätigkeiten, etwa bei der Nahrungsaufnahme. Sie sorgen sich jetzt um die angemessene Versorgung der Heimbewohner und fürchten einen rapiden körperlichen und seelischen Abbau.

    Demenziell veränderte Menschen treffen die Besuchsverbote in besonderem Maße, da auch digitale Möglichkeiten zu Kontakten nicht genutzt werden können. Schon nach kurzer Zeit der Isolation können noch vorhandene kognitive Fähigkeiten verfallen. Unruhe, Ängstlichkeit und Aggression werden gesteigert. Das seelische Wohlbefinden leidet und nachhaltige Schäden entstehen. […]

  4. Es ist doch immer wieder schön, wenn Wissen des “Gesunden Menschenverstandes” auch immer wieder wissenschaftlich bestätigt wird:

    Soziale Deprivation macht krank!

    Wir haben also einen ganzen Strauß krankmachender Faktoren, der auf die Bevölkerung losgelassen wird:

    Angst, Hysterie, Panik schüren, durch Politiker- und “Experten”-Statements, Mediendauerfeuer von Horrorszenarien, sichtbare Einschränkungen und beobachten von irritierten bis verschreckten Reaktionen unserer Mitmenschen, allgegenwärtige, nie seit 1945 gesehene Polizei- und Ordnungskräfte-Präsenz Tags in Parks und Naherholungsgebieten, wochenends auf Einkaufzentrum-Parkplätzen, …, wo noch, wo keinerlei Verbrechen stattfindet?), Absperren von Parkbänken, Spielplätzen, öffentlichem Raum, Verstärken von Unsicherheit, demontieren aller zwischenmenschlichen Stützen wie Verwandtschafts- und Freundschafts-Kontakte, …

    Luft zum Atmen nehmen durch Ausgangsbeschränkungen und Anti-“Atemmasken”-Trage-Zwang. Ganz zu schweigen, dass Angst den Atem nimmt, beengt, einschnürt, einem die Luft nimmt

    Reduktion der Sonnenlichtexposition, absolut unerlässlich für das Immunsystem durch Vitamin-D-Bildung (können wir MAXIMAL zu 20% aus der Nahrung aufnehmen!), durch Ausgangsbeschränkungen, Verboten von frei wählbarem Sport, Gemeinschaftsaktionen, Sonnenbaden, …

    und last but not least:

    soziale Deprivation wie ich angesichts des Artikels nicht weiter ausführen muss.

    Ein Irrsinn diese krankmachenden Maßnahmen als Schutz und Vorbeugung darzustellen, wie es Politik und Medien ununterbrochen tun.

    Die orwellsche Warnung vor einer Situation wie heute:

    “Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!”

    kann somit noch ergänzt werden durch

    “Krankmachen ist Heilung!”

    Darauf ist selbst Orwell in seiner Dystopie “1984” nicht gekommen.

  5. “Keine erhöhte Sterblichkeit im März 2020 in Nordrhein-Westfalen”

    https://www.it.nrw/keine-erhoehte-sterblichkeit-im-maerz-2020-nordrhein-westfalen-99420

    Die “Corona-Hysteriker” sind schon zigfach als das entlarvt, was sie sind: Info-Krieger, die sich nicht um Tatsachen kümmern sondern jeden Strohhalm ergreifen um die Panik weiter zu schüren – bis die Erlösung – die Gates-Spritze kommt.

    Es gibt keine “Corona-Seuche” in Deutschland. Punkt!

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