Die Freuden der Muße

Lieber Leserinnen und Leser meines Blogs,  in diesem Monat  habe ich keine Idee gehabt, mit der ich mich wie üblicherweise in einem Essay  auseinandersetzen konnte.  Schon seit einiger Zeit merke ich, dass mir die Ideen nicht mehr zufliegen, sondern dass ich aktiv nach ihnen suchen muss.  Da ich nun Stress gar nicht schätze, Autonomie und Unabhängigkeit aber sehr wohl, verordne ich mir jetzt einmal eine Pause beim Bloggen.  Nach vier Jahren  mit  71 Beiträgen denke ich, darf das wohl sein.  Zwei Bücher bei Springer werden aus den Blogbeiträgen entstanden sein. Eines mit dem Titel “Was können wir wissen? – Mit Physik bis zur Grenze verlässlicher Erkenntnis” ist  2012 erschienen. Die Blogbeiträge von April 2012 bis März 2014 werden als Buch mit einem noch zu bestimmenden Titel im Herbst erscheinen.

Als ich kürzlich meiner 13jährigen Enkelin von meiner Absicht erzählte, dass ich bei dem Bloggen mal eine Pause einlegen wollte und dabei erwähnte, dass ich die dann gewonnene Zeit in  Muße verbringen wollte, stellte sich heraus, dass sie das Wort “Muße” gar nicht kannte.  Ich machte kurz darauf einen Test bei einem ähnlich jungen Mädchen – wieder Fehlanzeige.  Ich war irritiert, vielleicht hätte ich ja besser nach “chillen” fragen sollen.

Dabei ist vor kurzem an meiner Universität ein Sonderforschungsbereich “Muße, Konzepte, Räume, Figuren” eingerichtet worden, in diesem “soll aus philologischer, philosophischer, soziologischer, psychologischer und ethnologischer Perspektive der Frage nachgegangen werden, wie in einer Gesellschaft […] Zeiten der Muße herstellbar und begründbar sind. Muße wird dabei gedacht als offene Zeit, die zum Freiraum für Kreativität, Denken und Erfahrung wird.”  Zwar wollen die Begründer des SFBs auch die Schattenseiten der Muße untersuchen, denn Muße birgt “dem Konzept zufolge allerdings auch die Gefahr, soziale Ordnungen zu destabilisieren, da sie aus dem Alltag herausreißt”.  Diesen  Aspekt muss ich in meinem Alter aber wohl weniger fürchten.

Sollten die Forscher des SFBs auch an zeitgenössischen empirischen Studien Interesse haben, kann ich ja noch als Anschauungsmaterial dienen, z.B. in einem Projekt: “Mittagsschlaf vs. Spaziergang  – Einfluss der demographischen Entwicklung  auf Formen der Muße in einer  postbürgerlichen Gesellschaft”.  Bei einer statistischen Auswertung der hoffentlich genügend großen Datenmenge könnte ich auch noch einige Tipps geben.

Nun, ich weiß nicht, was auf mich zukommen wird und wohin es mich treiben wird, auch nicht, wann und in welcher Form ich zum Bloggen zurück finde. Ich wünsche mir, ich könnte mich ein wenig neu erfinden.

Ich möchte Ihnen für all die interessanten und anregenden Kommentare herzlich danken.  Besonders stolz bin ich darauf, dass diese immer sehr sachlich und konstruktiv waren.  Wenn ich auch mit meinen Antworten sehr zurückhaltend war, so habe ich doch viel von den Kommentaren profitiert.  Ich habe handfest erlebt, wie sehr man auf Kommunikation angewiesen ist und wie lehrreich  auch der Einfluss Andersdenkender sein kann.

Ein Freund hat mich vor kurzem auf meinen Vortrag hingewiesen, den ich zum Neujahrsempfang meiner Heimatstadt im Jahre 1996 gehalten habe. Das Manuskript habe ich ein wenig überarbeitet, und damit möchte ich mich für einige Zeit verabschieden:

Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding

”Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding”, so singt die Marschallin im Rosenkavalier, ”wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts, aber dann auf einmal da spürt man nichts als sie”. Als ich dieses zum ersten Male hörte, in meiner Jugend, berührte es mich nicht besonders — um nicht zu sagen, rein gar nicht. Aber je älter man wird, je mehr Zeit man überblicken kann, um so sensibler wird man für das Verstreichen der Zeit, um so merkwürdiger wird uns dieses Phänomen.

Es gibt Zeiten, da fließt die Zeit so dahin, unmerklich, und man merkt es erst danach — wie am Ende eines unbedeutenden Urlaubstages. Es gibt Zeiten, in denen man das Verstreichen der Zeit ganz intensiv erlebt, wie z.B. die Zeit vor einem bedeutenden Vortrag, den man zu halten hat. Die Spannung vor dem Vortrag — wohl lästig, aber immer wieder sehr nützlich — baut sich langsam auf, der Zeitpunkt des Auftritts rückt unerbittlich näher. Man kann die Zeit nicht stoppen, nicht bremsen, nicht beschleunigen, ein wunderbar prickelndes Gefühl des Ausgeliefertseins.

Es gibt andere, noch schönere Momente des Lebens, in denen man die Zeit vergisst, oder aber Momente, in denen einem die Zeit quält, z.B. wenn ein Redner, nachdem er einen schon eine Stunde gelangweilt hat, einflicht: ”Darauf gehe ich später noch genauer ein”.

Kurzum, unser persönliches Zeitempfinden ist äußerst variabel und kann auch von Person zu Person sehr unterschiedlich sein. Es hängt offensichtlich sehr von unserer Stimmung, unserer augenblicklichen psychischen Situation ab.

Vom Empfinden zum Messen

Es gibt aber auch etwas Objektiveres in unserem menschlichen Empfinden der Zeit. Neurologen demonstrieren uns, dass zwei Töne als gleichzeitig angesehen werden, wenn sie weniger als drei tausendstel Sekunden voneinander getrennt sind. Zwischen zwei Hautreizen müssen allerdings zehn tausendstel Sekunden vergehen, bis sie nicht mehr als gleichzeitig registriert werden. Beim Sehen ist die Spanne der Gleichzeitigkeit am größten: mindestens 20 tausendstel Sekunden müssen zwischen zwei optischen Reizen liegen, um auch als zwei zu erscheinen.

Unsere Fähigkeit zur zeitlichen Auflösung ist also begrenzt, und sogar unterschiedlich beim Hören, Sehen und Fühlen.

Es kommt noch ein weiterer Effekt dazu: Selbst, wenn wir gerade feststellen können, dass es zwei Töne sind, die uns erreichen, ist noch nicht sicher, dass wir die Reihenfolge bestimmen können.

Während wir einen Abstand von drei tausendstel Sekunden benötigen, um diese als nicht gleichzeitig zu erkennen, benötigen wir einen Abstand von 30 tausendstel Sekunden, also zehnmal so viel, um zu einer korrekten Antwort über die Reihenfolge der Töne zu gelangen. Der gleiche Abstand ist bei Hautreizen und visuellen Reizen nötig. Für eine sichere Entscheidung über die Reihenfolge benötigen wir also bei allen drei Reizen die gleiche Zeit.

Natürlich hat das alles mit der Verarbeitung in unserem Gehirn zu tun, und andere Lebewesen werden andere Zeitabstände für die jeweilige Leistung benötigen. Bei bestimmten Affenarten oder etwa beim Spitzhörnchen hat man sehr viel kürzere Reaktionszeiten festgestellt.

Wir wollen uns hier aber nicht mit dem Zeitempfinden verschiedener Lebewesen beschäftigen, wir wollen die Zeit selbst studieren, so wie sie ist, unabhängig von uns. Offensichtlich ist auch vor der Bewusstwerdung des Menschen die Zeit vergangen, die Zeit hat etwas mit der Existenz der Welt zu tun. Wir haben damit die Physik zu befragen. Wie beschreibt der Physiker die Zeit und welche Eigenschaften hat die physikalische Zeit?

Die ersten Physiker wie Galilei, Newton oder später auch noch Maxwell betrachteten die Zeit, wie wir alle es im täglichen Leben tun: als stetig dahin fließendes Vergehen. Vergangenheit und Zukunft scheiden sich in der Gegenwart. Problematisch war höchstens die Messung von Zeitintervallen mit einer bestimmten Genauigkeit. Galilei benutzte noch den Pulsschlag als Zeitmesser bei seinen Experimenten mit der schiefen Ebene, oder aber, um viel genauer sein zu können, seine Sensibilität gegenüber Abweichungen von der gleichmäßigen Einteilung der Zeit, eine Sensibilität, die er sich als professioneller Lautenspieler erworben hatte: er brachte an das Holzbrett, auf dem er die Kugel herabrollen ließ, in bestimmten Abständen Darmsaiten an, und zwar derart, dass die laufende Kugel die Darmsaiten noch eben berührte und jeweils einen Ton erzeugte. Durch Probieren und Verändern der Lage der Saite konnte er erreichen, dass beim Herabrollen der Kugel die Töne genau im Takt seines Liedes erklangen. So konnte er die Strecken für konstante Zeitintervalle ausmessen und dadurch zu einem physikalischen Gesetz gelangen.

Es war ein weiter Weg, von diesem raffinierten Verfahren bis zur Definition dessen, was man unter dem Zeitmaß 1 Sekunde verstehen will und schließlich zu den nicht minder ausgeklügelten Methoden der heutigen Zeit, auch Zeitintervalle von 10-15 Sekunden verlässlich zu messen. Aber immer steckte dahinter die Vorstellung der gleichmäßig dahinfließenden, absoluten Zeit.

Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant, der Wissenschaftstheoretiker der klassischen Physik Newtons, machte aus diesem unserem Empfinden denn auch ein Axiom: Die Zeit war für ihn ein Begriff, der a priori gegeben ist.

Lange wurde in diesem Sinne die Zeit und das Verstreichen der Zeit als nicht hinterfragbar hingenommen. Erst Anfang dieses Jahrhunderts wurde durch die spezielle Relativitätstheorie Albert Einsteins der Zeit ein ganz andersartiger physikalischer Rahmen zugewiesen. Die Zeit wurde nicht mehr nur messbar, sie verlor ihren absoluten Charakter. Was bedeutete das? Welche Eigenschaften hat die physikalische Zeit? Was sagt uns die Physik heute über die Zeit?

Die Relativität der Zeit

Zeit ist relativ, das will heißen: Die Dauer zwischen zwei Ereignissen hängt davon ab, wie schnell sich der Beobachter gegenüber diesen Ereignissen, also relativ zu ihnen, bewegt. Das ist ein Effekt, den wir in unserer Alltagserfahrung eigentlich nicht kennen. Wenn wir mit dem ICE-Zug mit 200 km/h durch die Landschaft gleiten, erwarten wir nicht, dass unsere Armbanduhr anders geht als die Bahnhofsuhren, und zwar nur aufgrund unserer Geschwindigkeit. Genau das ist aber eigentlich der Fall, nur dass dieser Effekt so klein ist, dass er auch heute noch schwer messbar ist, da die Geschwindigkeit 200 km/h so schrecklich klein ist gegenüber jener, die für Geschwindigkeiten das absolute Maß ist: die Lichtgeschwindigkeit 300 000 km/s. Da liegt ein Faktor 1500·3600 gleich ca. 5·106 dazwischen, und da der Effekt quadratisch von dem Inversen der Lichtgeschwindigkeit abhängt, ist er somit von der Größenordnung 10-12. Deutlicher wird der Effekt erst für viel größere Geschwindigkeiten.

Nun kann man mit einem Zug nicht viel höhere Geschwindigkeiten erreichen, und ein Flugzeug ist höchstens nur 10 mal schneller. Wir müssen schon zu anderen Objekten greifen, um eine Chance zu bekommen, diesen Effekt zu beobachten.

Betrachten wir Elementarteilchen, z.B. Myonen, wie sie die Physiker in Speicherringen kreisen lassen. Diese Myonen leben, in Ruhe gelassen, im Mittel nur 1.52 Millionstel Sekunden, sie zerfallen danach in Elektronen und Neutrinos. In einem Speicherring haben sie jedoch fast Lichtgeschwindigkeit und wir beobachten eine mittlere Lebensdauer von rund 30mal mehr, nämlich 44.6 Millionstel Sekunden. Das bedeutet: Betrachten wir die Lebensdauer eines Myons als die Zeitdauer zwischen zwei Ticks einer Uhr, so hören wir also alle 1.52 Mikrosekunden einen Tick, sofern diese Uhr in Ruhe relativ zu uns ist. Bewegt sich diese Uhr aber fast mit Lichtgeschwindigkeit relativ zu uns, so messen wir 44.6 Mikrosekunden zwischen zwei Ticks. Die bewegte Uhr geht also viel langsamer.

Eine merkwürdige Sache, an die wir uns eigentlich nicht gewöhnen können. Sie widerspricht unserer Anschauung, die aber nichts anderes sein kann als die Summe unserer Erfahrung. Wir werden uns später, wenn es erst einmal Weltraumflüge gibt mit Raketen, deren Geschwindigkeiten nicht mehr vernachlässigbar sind gegenüber der Lichtgeschwindigkeit, daran gewöhnen, so wie uns heute die verschiedenen Zeitzonen auf unserer Erde ganz selbstverständlich sind.

Stellen wir uns solch eine Rakete vor, die mit einem Zehntel der Lichtgeschwindigkeit, also mit 30 000 km/s bzw. 108 Mill. km/h, auf dem Weg zum nächsten Sonnensystem ist. Die Besatzung bliebe über Fernsehen in Kontakt mit der Erde und allerlei Experimente mögen ihr aufgetragen sein, unter anderem auch Experimente mit Eintagsfliegen und zwar mit jenen der Sorte ”Polymytarcis virgo”, vg. Uferaas, die nicht nur besonders schöne milchig weiße Flügel besitzen, sondern – was hier wesentlicher ist – in ihrer Lebensdauer eine besonders kleine Streuung aufweisen, also relativ genau auch nur einen Tag leben. Zur Kontrolle und zum Vergleich will man in der Bodenstation auf der Erde die gleichen Experimente machen, und um das ganze Unternehmen noch publikumswirksamer zu machen, hat man ein Zwillingspaar gefunden und an dem Projekt beteiligt. Nennen wir sie Peter und Paul. Peter bleibe zu Hause, Paul gehe auf die Reise, so wie eben Paulus zu den Heiden reiste und Petrus in der eigenen Gemeinde blieb. Was werden Peter und Paul jeweils im eigenen Labor sehen und was auf dem Bildschirm vom jeweils anderen Labor?

Zunächst einmal: Solange sich Paul mit konstanter Geschwindigkeit von Peter entfernt, entfernt sich auch Peter von Paul mit konstanter Geschwindigkeit. Beide werden die gleichen Phänomene sehen, gleiche Resultate in ihren Experimenten und Beobachtungen auf dem Bildschirm sehen. Keiner von ihnen ist ausgezeichnet, da sie sich geradlinig gleichförmig gegeneinander bewegen. Anders wird es sein, wenn Paul es sich anders überlegt und umkehren will, seine Antriebsdüsen ausschaltet, die Rakete wendet und in entgegengesetzte Richtung beschleunigt, bis er die entgegengesetzte Relativgeschwindigkeit zur Erde erreicht hat.

Was sehen sie nun im Labor und was auf dem Bildschirm? Nun im Labor gibt es nichts Besonderes zu entdecken. Die Eintagsfliegen leben einen Tag; für Paul gibt es zwar nicht Tag und Nacht, aber 24 Stunden auf seinen Quarzuhren nennt er einen Tag. Aber auf dem Fernsehbildschirm sehen Peter wie Paul ein gespenstisches Bild vom jeweils anderen Zwillingsbruder. Ganz langsam geht es offensichtlich beim anderen zu und die Eintagsfliegen leben beim Zwillingsbruder viel länger als einen Tag. Man kann es direkt am Bildschirm verfolgen: drei Tage leben sie nun alle, die Eintagsfliegen im Fernsehen. Ja, bewegte Uhren gehen langsamer – wir werden uns daran gewöhnen müssen. Für Paul altert Peter langsamer, für Peter ist es Paul, der dreimal langsamer altert. Insofern sind sie sich wiederum gleich; jeder denkt vom anderen dasselbe, sieht den gleichen Unterschied zwischen sich und dem anderen.

Aber es kommt noch schlimmer: Stellen wir uns vor, Paul wird zurückgerufen, zur Umkehr gemahnt und folgt diesem Ruf. In dem nun einsetzenden Wendemanöver — oben kurz schon in Erwägung gezogen — wechselt Paul von einem Inertialsystem in ein anderes. Das zeichnet ihn nun vor Peter aus. Was dort im einzelnen physikalisch passiert, ist nicht so wichtig. Die Folge aber wird sein: Ist Paul zurückgekehrt und stellt sich neben seinen Zwillingsbruder, so stellen sie fest: Peter ist viel älter als Paul, und zwar tatsächlich, nicht nur dem Aussehen nach, was ja täuschen könnte. Sie vergleichen ihre Uhren und stellen fest: Für Peter hat die ganze Kampagne 12 Jahre gedauert, für Paul nur 6 Jahre. Das klingt paradox, heißt deshalb Zwillingsparadoxon, ist aber ganz rational zu erklären, mathematisch einwandfrei nachrechenbar.

Ja, es ist sogar experimentell bestätigt, wenn auch in einem anderen Rahmen. Die amerikanischen Physiker Haefele und Keating flogen im Oktober 1971, ausgerüstet mit vier Caesium-Uhren, einmal in westlicher und einmal in östlicher Richtung um die Erde und zwar mit ganz normalen Verkehrsflugzeugen. Die Zeitunterschiede, die man bei einem Vergleich mit der in Washington aufbewahrten Normaluhr aufgrund der Theorie erwartete, bewegte sich in der Größenordnung von Nanosekunden, also von Tausendstel Mikrosekunden. Die Caesium-Uhren sind inzwischen so ganggenau, dass man solche Unterschiede messen kann. Beim Ostflug bewegt sich die Uhr im Flugzeug schneller als die in Washington, beim Westflug langsamer gegen ein Zentralsystem, in dem die Erde näherungsweise ruht. In der Tat stimmten die gemessenen Gangunterschiede innerhalb von 10 Prozent mit denen von der Theorie vorhergesagten überein. Die Zeit ist also dehnbar, in bewegten Systemen verstreicht sie langsamer — es gibt keine absolute Zeit, keine Weltuhr sozusagen. Ich kann meine Zeit als Eigenzeit betrachten, mit Hilfe von physikalisch periodischen Vorgängen eine Zeiteinheit wie eine Sekunde definieren. Ich werde aber immer feststellen, dass solche Vorgänge in bewegten Systemen sozusagen einen anderen Rhythmus haben, relativ zu mir verlangsamt erscheinen. Die Zeit eignet sich nicht für das Absolute.

Grenzen der Zeit: Zeitlosigkeit und die Absolutheit der Bewegung

Was passiert, wenn wir die Geschwindigkeit eines Teilchens — oder der Rakete in unserem Beispiel — immer näher an die Lichtgeschwindigkeit heranbringen wollen? Wir werden merken, dass uns das immer schwerer fällt, je näher wir der Lichtgeschwindigkeit schon sind. Die effektive Masse wird sozusagen immer größer und eine bestimmte Krafteinwirkung bewirkt eine immer kleiner werdende Beschleunigung. Wir werden es so nie schaffen, an die Lichtgeschwindigkeit ganz heran zu kommen. Der Grenznutzen unserer Krafteinwirkung sinkt also. Aber, indem wir uns ihr mühsam und immer mühsamer nähern, wird der Dilatationsfaktor immer größer, die Zeit in dem bewegten Objekt verrinnt immer langsamer, ja — sie müsste gar stille stehen, wenn das Objekt die Lichtgeschwindigkeit wirklich erreicht hätte.

Nun, wie gesagt, das geht nicht, die ansteigende effektive Masse verhindert, dass wir das Objekt auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen können.

Aber es gibt Objekte, die gar keine Masse besitzen und deren Geschwindigkeit immer schon gleich der der Lichtgeschwindigkeit ist: die Photonen, die Teilchen des Lichts. Im Photon tickt keine Uhr, verrinnt keine Zeit. Unsere Welt der Materie ist eindeutig getrennt von der Welt der masselosen Strahlung, der Welt des Lichtes. Wir kennen die Zeit in unserer Welt, dort aber existiert sie, von uns aus gesehen, nicht.

Können wir uns in das Bezugssystem eines Photons begeben, können wir uns gewissermaßen, wenigstens im Geiste und sozusagen unter Hintanlassung unserer Masse auf ein Photon setzen und beobachten, wie die Welt der Materie aus dieser Perspektive der Zeitlosigkeit aussieht?

Ich kann es nicht und vielleicht geht es auch grundsätzlich nicht. Diese Welt ist uns zu fremd, wir können unsere Zeitlichkeit nicht hinwegdenken. Das alles ist schwierig zu verstehen, wir können zwar intellektuell die Schlussfolgerung nachvollziehen, aber fremd bleibt sie uns immer, da unser Leben und Bewusstsein zu sehr mit der Zeit verknüpft ist.

Aber nicht nur die Bewegung kann die Zeit deformieren, auch starke Massekonzentrationen wie wir sie in den Endstadien von Sternen finden. Ein Kubikzentimeter eines Neutronensterns enthält die Masse von 1 Milliarde Tonnen. Entsprechend stark wird die Gravitationsanziehung sein, das Pendant zur Erdanziehung. Auch hier finden wir eine Zeitdilation. Die Zeit verstreicht langsamer in starken Gravitationsfeldern. Und auch hier kennen wir den Extremfall. Die Massenkonzentration kann so groß werden, dass ein sogenanntes schwarzes Loch entsteht. Beobachten wir ein Objekt, das in dieses schwarze Loch fällt und in seiner Eigenzeit jede Sekunde ein Signal aussendet. Wir werden feststellen, dass die Abstände zwischen den Signalen immer größer werden, auch nachdem man die Laufzeiten der Signale in Rechnung gestellt hat. Die Zeit verrinnt in dem Objekt immer langsamer, je näher das Objekt dem schwarzen Loch kommt, bis sie schließlich stille steht und damit das Objekt für uns alle Zeiten am gleichen Ort erscheint. Auch hier sind wir wieder an den Grenzen der Zeit und der Anschauung angelangt.

Das Photon besitzt aber noch eine andere Eigenschaft, die uns verblüfft und erstaunt. Es ist der Absolutheitscharakter seiner Geschwindigkeit, der Lichtgeschwindigkeit. Das heißt zweierlei: Zunächst einmal, das Absolute ist nicht die Ruhe, sondern die Bewegung. Ruhe ist relativ: Was dem einen in Ruhe erscheint, wird vom anderen als bewegt angesehen, wenn er sich selbst zum ersten relativ bewegt. Für jeden Beobachter bedeutet Ruhe etwas anderes, langsame Bewegung etwas anderes: Aber die Geschwindigkeit des Lichtes ist für jeden die gleiche. Von jedem Bewegungszustand aus gesehen ist diese Bewegung die absolute.

Wir sehen, Zeitlosigkeit, Absolutheit, das finden wir erst in den uns fernsten Objekten, den Teilchen des  Lichts, die uns dennoch so nah sind, uns dauernd umgeben und wärmen und letztlich erst das Leben ermöglichen oder erst in der Nähe eines schwarzen Lochs. Mit der Materie tritt die Zeit, die Komplexität und die Relativität auf den Plan. Mit der Erschaffung der Materie in den ersten Augenblicken des Urknalls entstand die Zeit, wurde Komplexität ermöglicht und damit Leben und Bewusstsein.

Grenzen der Zeit: die Unumkehrbarkeit

Eine andere Eigenschaft der Zeit darf nicht unerwähnt bleiben, das sie uns immer wieder beschäftigt: die Unumkehrbarkeit. In der Science-Fiction Literatur geistert immer wieder der Begriff der Zeitmaschine herum, einer Maschine, mit der man sich in die Vergangenheit zurückversetzen kann. Uns allen ist dieses Phantasieprodukt bekannt, und wir alle haben uns schon einmal danach gesehnt, gewisse Stunden in der Vergangenheit noch einmal erleben zu können.

Was ist das, was die Zeit so unabänderlich in eine Richtung drängt, den Pfeil der Zeit nicht umzukehren gestattet? Wie kommt es, dass ein Glas zu Boden fällt, zerbricht, dass aber nicht aus den Bruchstücken ein Glas geformt wird und vom Boden auf den Tisch hüpft? Die Gesetze der Mechanik würden es erlauben, sie kennen keine Vorzugsrichtung der Zeit. Wie kommt es, dass wir ständig altern und nie wieder jung werden?

Das ist ein tiefes Problem, aber dennoch in einem gewissen Grade zu lösen. Der Schlüssel dazu liegt in der Erkenntnis, dass ein Vorgang in der Natur durch zwei Dinge bestimmt ist: durch die Gesetze für die zeitliche Entwicklung und durch die Ausgangssituation, sozusagen die Anfangsbedingungen. Normalerweise redet man viel von den Gesetzen. Nobelpreise und historische Größe werden verliehen für die Entdeckung von fundamentalen Gesetzen — und deren Anzahl ist leider sehr klein, so dass uns Nachgeborenen nicht mehr viel übrig bleibt. Aber ein Gesetz sagt nur, wie es weiter geht, von einem gegebenen Ausgangszustand aus.

Ausgangszustände für bestimmte Vorgänge können aber mehr oder weniger wahrscheinlich sein. Und in diesen mehr oder weniger liegt das Geheimnis. Da gibt es keine kleinen Unterschiede, sondern gigantische. Eine Ausgangssituation für die Bruchstücke des Glases, die so beschaffen wäre, dass diese sich wieder wie von Geisterhand zusammensetzten und als unversehrtes Glas auf den Tisch hüpften, konkurriert mit so gigantisch vielen anderen Ausgangssituationen, die nichts dergleichen bedeuten, dass man nie hoffen kann, dass gerade diese irgendwann realisiert ist. Es ist einfach die ungeheuer große Menge der anderen Möglichkeiten, die solch ein auffälliges Verhalten, das nach Zeitumkehr aussieht, so unwahrscheinlich macht.

Dabei ist das Wort unwahrscheinlich eigentlich zu schwach. Wir empfinden es als unwahrscheinlich, mit sechs Richtigen im Lotto zu gewinnen, die Wahrscheinlichkeit ist etwa 1:10 Millionen. Wenn 10 Millionen Menschen Lotto spielen, so wird wohl ungefähr einer die sechs Richtigen getippt haben. Aber die Wahrscheinlichkeit für solch einen auffälligen Ausgangszustand für die Glasscherben ist 1:101000. Wenn wir 101000 solcher Glasscherben hätten, könnte ein solcher Ausgangszustand dabei sein. So viele kann es aber gar nicht geben, dazu reicht die gesamte Materie der Welt bei weitem nicht aus.

Die Komplexität der Welt ist also für den Zeitpfeil verantwortlich. Wir bezahlen unsere Vorteile aus der Komplexität, nämlich Leben — ja, Bewusstsein — mit dem Vergehen der Zeit in eine Richtung, mit dem Altern.

Ein einzelnes Elektron altert nicht. Es hat nicht viele Möglichkeiten, nicht viele Ausgangssituationen, und jede kann leicht hergestellt werden, wenn sie sich nicht von alleine ergibt. Diese Möglichkeit der Zeitumkehr auf der Ebene der elementaren Teilchen ist also etwas natürliches, ebenso natürlich wie die Zeitlichkeit komplexer Systeme.

Das Absolute ist uns fremd

Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. In der Tat. Und zwar um so sonderbarer, je mehr wir von unserem menschlichen Empfinden abstrahieren und Eigenschaften und Voraussetzungen für die physikalische Zeit zu ergründen versuchen. Wir werden dabei in eine Welt geführt, die von unseren Denkgewohnheiten und von unserem Erfahrungshorizont weit entfernt ist.

Die Abhängigkeit der Zeitdauer vom Bewegungszustand des Beobachters, die Zeitlosigkeit des Photons, die Unumkehrbarkeit der Zeit für komplexe Systeme: das alles ist an der Grenze unserer Anschauung und nur die Mathematisierung der Physik ließ uns zu diesen Grenzen vorstoßen.

Diese Welt ist uns aber sehr fern. Sie wird gekennzeichnet durch eine fundamentale Naturkonstante, die Lichtgeschwindigkeit. Diese stellt eine absolute Größe dar, von jedem Bewegungszustand aus gemessen ist sie gleich groß. Es gibt also eine absolute Bewegung, nicht eine absolute Ruhe. Diese Bewegung ist aber für uns, von unseren möglichen Bewegungszuständen weit entfernt, ja unerreichbar.

Ein fürchterlicher Verdacht drängt sich uns auf. Sollte alles Absolute, Fundamentale in der Natur von uns, von unseren alltäglichen Begriffen und Möglichkeiten so weit entfernt sein? In der Tat, unsere heutige Kenntnis von der Natur, von der Welt legt das nahe. Es gibt weitere Naturkonstanten, so fundamental und absolut wie die Lichtgeschwindigkeit und diese sind relevant in einem Phänomenbereich, der uns auch sehr fremd und unanschaulich ist. Das Plancksche Wirkungsquantum spielt die gleiche Rolle in der Physik der elementaren Teilchen und Atome wie die Lichtgeschwindigkeit in der Physik der Bewegung: absoluter Maßstab für alle Phänomene, hier für Wirkungen — und unsere makroskopischen, alltäglichen Wirkungen sind um Dimensionen größer so wie unsere alltäglichen Geschwindigkeiten um Größenordnungen kleiner sind als die Lichtgeschwindigkeit. Eine weitere fundamentale, absolute Naturkonstante könnte eine Länge, die sogenannte Plancksche Länge sein.

Wir Menschen als komplexe Systeme, mit einem Gehirn, das als komplexeste Materieansammlung bezeichnet werden kann, sind ein Produkt einer langen Evolution der Materie, mit der auch die Zeit entstand. Mit dem Fortschreiten der Evolution und der Komplexität der Systeme entstand immer mehr Abgeleitetes, nicht Fundamentales, nicht Absolutes. Die Welt, in der die absoluten fundamentalen Naturkonstanten eine direkte Rolle spielen verschwand in der Ferne; Phänomene der Komplexität übernahmen die Überhand.

Und dennoch, mit Hilfe eines ganz bestimmten Phänomens der Komplexität, mit unseren geistigen Fähigkeiten nämlich, können wir diese Welt des Absoluten erobern, immer besser ergründen. Und wir stehen damit erst am Anfang.

Wie merkwürdig ist das: Schließt sich da auf lange Sicht ein Kreis? Wir wissen es nicht. Aber, muten uns nicht viele Welterklärungsversuche der vergangenen Jahrtausende als sehr vorläufig an? Ist ihr Wahrheitsanspruch nicht erschreckend naiv und das Kämpfen im Namen solcher Wahrheiten nicht sinnlos?

Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding – nicht nur die Zeit – die ganze Welt, und unser Staunen darüber, darin besteht unser Glück. Aber die Zeit – wie sagt die Marschallin im ”Rosenkavalier”: ”Sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen – manchmal hör’ ich sie fließen, unaufhaltsam; aber man muss sich vor ihr nicht fürchten.” Und indem ich die Marschallin sehr frei interpretiere, fahre ich fort: Denn auch die Zeit ist mit der Materie entstanden, die unsere Existenz, unser Empfinden und unser Glück erst ermöglicht.

 

Veröffentlicht von

Josef Honerkamp war mehr als 30 Jahre als Professor für Theoretische Physik tätig, zunächst an der Universität Bonn, dann viele Jahre an der Universität Freiburg. Er hat er auf den Gebieten Quantenfeldtheorie, Statistische Mechanik und Stochastische Dynamische Systeme gearbeitet und ist Autor mehrerer Lehrbücher sowie des Sachbuchs: “Die Entdeckung des Unvorstellbaren”.

Nach seiner Emeritierung im Jahre 2006 möchte er sich noch mehr dem interdisziplinären Gespräch widmen. Er interessiert sich insbesondere für das jeweilige Selbstverständnis einer Wissenschaft, für ihre Methoden sowie für ihre grundsätzlichen Ausgangspunkte und Fragestellungen und kann berichten, zu welchen Ansichten ein Physiker angesichts der Entwicklung seines Faches gelangt.

In seiner “Freizeit” versucht er, im klassischen Stil zu komponieren und seine Kompositionen auch mit Hilfe moderner Software zu produzieren.

Insgesamt versteht er sich heute als Physiker und “wirklich freier Schriftsteller und Tonsetzer”.

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich möchte Ihnen für all die interessanten und anregenden Kommentare herzlich danken. Besonders stolz bin ich darauf, dass diese immer sehr sachlich und konstruktiv waren. Wenn ich auch mit meinen Antworten sehr zurückhaltend war, so habe ich doch viel von den Kommentaren profitiert. Ich habe handfest erlebt, wie sehr man auf Kommunikation angewiesen ist und wie lehrreich auch der Einfluss Andersdenkender sein kann.

    Selbstverständlich waren die Kommentare nicht immer ‘sehr sachlich und konstruktiv’, sie waren jedenfalls dann nicht konstruktiv, wenn sich die Dekonstruktion aufdrängte; ansonsten haben Sie natürlich die Kommentarqualität betreffend recht, das Web ist die Fundgrube von Meinung und Inspiration, auch wenn beides gelegentlich ein wenig grob und unausgegoren daherkommt, denn es handelt sich ja nicht um Primärnachricht, in diesem Sinne:
    Kant war natürlich schon ein wenig mopsig, sei es mit dem a priori-Gedanken oder mit dem Kategorischen Imperativ, ihm fehlte halt die Verständigkeit der Menge,
    MFG
    Dr. W

  2. Die Komplexität der Welt [1] ist also für den Zeitpfeil verantwortlich. Wir bezahlen unsere Vorteile aus der Komplexität, nämlich Leben — ja, Bewusstsein — mit dem Vergehen der Zeit in eine Richtung, mit dem Altern.

    Nicht notwendigerweise. Neben den bekannten physikalischen Weltbildern gibt es noch andere, die (für einige: überraschenderweise) nicht esoterischer Bauart sind.

    Die SciFi hat sich hier geübt. Es gibt die theoretische, denkbare & damit auch mögliche Idee in der Zeit [1] rückwärts zu reisen und ehemalige Zustände zu erreichen, als Erkenntnissubjekt und einem ehemaligen Zustand sozusagen als Subjekt (erneut) hinzugebaut (vgl. Back to the Futere), wenn das Weltsystem sozusagen ehemalige Zustände historisiert und Einstiegspunkte in die Vergangenheit funktional (“als Funktion” – ein wohlgesetztes “Abrakadabra” könnte den diesbezüglichen Funktionsaufruf bewirken) bereit stellt.

    MFG
    Dr. W

    [1] Zeit soll hier einmal als Veränderlichkeit definiert sein, die es dem Erkenntnissubjekt ermöglicht an andere, “vorherige” Zustände “zurück”-zudenken; die Zeit ist ein Konstrukt, das sich dem Mitdenker aufdrängt oder offenbart – die Zustände selbst stellen sich ohnehin als komplex (“unüberschauber”, einfacher Theoretisierung nicht direkt offen) dar, unabhängig von jedweder Zeitlichkeit

  3. Wir Menschen als komplexe Systeme, mit einem Gehirn, das als komplexeste Materieansammlung bezeichnet werden kann, sind ein Produkt einer langen Evolution der Materie, mit der auch die Zeit entstand. Mit dem Fortschreiten der Evolution und der Komplexität der Systeme entstand immer mehr Abgeleitetes, nicht Fundamentales, nicht Absolutes.

    Letzte Nachricht, versprochen, zumindest für heute, ‘fundamental’ meint ja Grundsätzliches und ‘absolut’ Losgelöstes, die ‘Materie’ aus bestimmter Sicht Mütterliches, die Konsistenz (“Beschaffenheit”) eines Systems betreffend, die Komplexität zusammen Eingefülltes (‘plere’, im Frequentativum: ‘plectere’), wie navigieren Sie eigentlich locker in diesem Zusammenhang?

  4. Josef Honerkamp schrieb (15. April 2014):
    > Neurologen demonstrieren uns, dass zwei Töne als gleichzeitig

    … richtiger: koinzident …

    > angesehen werden, wenn sie weniger als drei tausendstel Sekunden voneinander getrennt sind. Zwischen zwei Hautreizen müssen allerdings zehn tausendstel Sekunden vergehen, bis sie nicht mehr als gleichzeitig

    … richtiger: koinzident! …

    > registriert werden. Beim Sehen ist die Spanne der Gleichzeitigkeit

    … richtiger: die Spanne der (Beurteilung von) Koinzidenz! …

    > am größten: mindestens 20 tausendstel Sekunden müssen zwischen zwei optischen Reizen liegen, um auch als zwei zu erscheinen.

    Man beachte in diesem Zusammenhang Einsteins Feststellung

    Alle unsere zeiträumlichen Konstatierungen laufen stets auf die Bestimmung zeiträumlicher Koinzidenzen hinaus.

    Der Begriff bzw. die Messung von “Gleichzeitigkeit” ist etwas Anderes (und zwar aus Koinzidenzbeurteilungen Abgeleitetes; vgl. Einstein, “Über die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie (gemeinverständlich)”, §8 “Über den Zeitbegriff in der Physik”).

    > Myonen leben, in Ruhe gelassen, im Mittel nur 1.52 Millionstel Sekunden, sie zerfallen danach in Elektronen und Neutrinos.

    Na, so ungefähr.

    > Betrachten wir die Lebensdauer eines Myons als die Zeitdauer zwischen zwei Ticks einer Uhr, so hören wir also alle 1.52 Mikrosekunden einen Tick, sofern diese Uhr in Ruhe relativ zu uns ist. Bewegt sich diese Uhr aber fast mit Lichtgeschwindigkeit relativ zu uns, so messen wir 44.6 Mikrosekunden zwischen zwei Ticks.

    Nein!: Wir messen die Dauer zwischen zwei Ticks dieser Uhr, im betreffenden Beispiel, indem wie die Dauer (meinentwegen “44.6 Mikrosekunden“) zwischen entsprechenden Ticks einer geeigneten “Uhr des Speicherrings”

    mit dem Faktor &sqrt;[ 1 – β² ] multiplizieren,

    wobei der dazu erforderliche Zahlenwert “β²”, der die Bewegung der beiden betrachteten Uhren gegenüber einander quantifizert, ebenfalls gemessen werden musste.

    > Die bewegte Uhr geht also viel langsamer.

    Gut, wenn derartig impropere, zur Unkenntlichkeit verkürzte Darstellungen hier endlich aufhören.
    Hoffentlich sterben sie bald ganz aus.

  5. Auch ich wünsche angenehme Mußestunden. Und bedanke mich für die wunderbaren Beiträge.

    Zwar habe ich kaum kommentiert, aber das nur, um Langeweile zu vermeiden: ich hätte eigentlich immer nur zustimmen können.

  6. Das “Chillen” sei Ihnen natürlich gegönnt, Herr Honerkamp. Den damit verbundenen Wunsch, dass Ihre Enkelin Sie alsbald wieder auf Trab und zu neuen Einfällen bringen möge, werden Sie Ihrer hiesigen Leserschaft hoffentlich verständnisvoll nachsehen.

  7. Auch ich wünsche Dir eine erholsame Pause (habe die in anderen Bereichen ja auch gerade) und hoffe, dass Du dann auch wieder hierher zurück kommst! Ich schätze diesen Blog – trotz und wegen Dissens in Einzelpunkten – sehr! Ein Dank also auch vom Blognachbarn! 🙂

  8. Lieber Herr Honerkamp,

    auch ich wünsche Ihnen eine mußevolle Pause und hoffe auf ein virtuelles Widersehen.

    Positiv Andersdenkende denken anders, weil sie von Leuten wie Sie inspiriert werden.

    Und für die Weiterentwicklung der Wissenschaft braucht man noch viel Inspiration.

  9. Nun, ich weiß nicht, was auf mich zukommen wird und wohin es mich treiben wird, auch nicht, wann und in welcher Form ich zum Bloggen zurück finde. Ich wünsche mir, ich könnte mich ein wenig neu erfinden.

    Da kann Ihr Kommentatorenfreund nur einen Helmut-Schmidt wünschen, in zwei, drei Jahrzehnten sieht es vielleicht anders aus, und es entsteht dann vielleicht wieder mehr Interesse zu schulen, wie zu belehren,
    MFG
    Dr. W (auch nicht mehr der Allerjüngste)

  10. @ Josef Honerkamp

    Na dann, erst mal alles Gute für die Muße!
    …und vielleicht schauen Sie auch jetzt noch ab und an hier rein….

    Jedenfalls hätte ich genug Themenvorschläge, bin nur nicht auf den Gedanken gekommen, dass Sie diesbezüglich Anregung begrüßen. Habe z.B. erst kürzlich einen älteren, wie immer informativen Artikel von Ihnen entdeckt und hätte dazu weitere Fragen.

    Ihr obiger Artikel zum Phänomen “Zeit” ist in seiner naturwissenschaftlichen Darlegung bis auf das knapp gehaltene persönliche Resümee am Ende mal wieder großartig. Vor allem freut mich dieser Absatz und besonders der von mir fett hevorgehobene Satz…

    “Diese Welt ist uns aber sehr fern. Sie wird gekennzeichnet durch eine fundamentale Naturkonstante, die Lichtgeschwindigkeit. Diese stellt eine absolute Größe dar, von jedem Bewegungszustand aus gemessen ist sie gleich groß. Es gibt also eine absolute Bewegung, nicht eine absolute Ruhe. Diese Bewegung ist aber für uns, von unseren möglichen Bewegungszuständen weit entfernt, ja unerreichbar.”

    …. sehr, da ich vor Jahren, noch ohne allzu große Kenntnis der Physik, schon gar nicht dieser uns so fernen neueren ‘Hochgeschwindigkeitsphysik’, mit meiner bis dahin nur erst auf Glaubenserfahrung beruhenden künstlerischen Forschung zu ähnlicher Aussage gelangt bin. Erst durch die viel später notwendig gewordenen naturwissenschaftliche Studien, fand ich sie bestätigt.

    Ich habe das damals für mich in etwa so formuliert: 

    Ruhe ist hohe Bewegung, nicht Stillstand. Stillstand ist Tod, Nichts… Alles Leben ist im Grunde hohe Bewegung. Ich bin dabei von der christlichen Glaubensaussage ausgegangen, dass Gott Liebe ist. Denn Liebe ist eben hohe Bewegung. Sie kann nicht statisch sein. Es kann letztlich keinen “unbewegten Beweger” geben, sondern nur einen sich selbst bewegenden Beweger. Liebe muss – um dauerhaft das Nichts zu überwinden – hohe Bewegung gegenseitiger Hinwendung zwischen wenigstens zwei oder drei autarken “Personen” sein. Gegenüber der Bewegung der Liebe eines solchen höchsten drei – einen Seins, scheinen wir mit unserer gegenseitigen Liebe unendlich langsam zu sein. Und jetzt schildern Sie anschaulich, wie wir durch unseren materiellen Zustand gegenüber dem masselosen Licht sehr langsam sind. Der Bibel zufolge waren wir einmal durch dauerhafte Verbindung mit diesem absoluten Sein der Liebe, also mit dieser hohen Bewegung, auch hoch bewegt, also schnell genug. Was ist geschehen, dass es nicht mehr so ist? 
    Hat übrigens Ihre kleine, bemerkenswerte Änderung eines Wortes in Ihrem ursprünglichen Text damit zu tun:

    “Und dennoch, mit Hilfe eines ganz bestimmten Phänomens der Komplexität, mit unseren geistigen Fähigkeiten nämlich, können wir diese Welt des Absoluten erobern, immer besser ergründen. Und wir stehen damit erst am Anfang.”

    Das hieß mal: “zurückerobern” jetzt nur noch “erobern”.

    Mit meinen späteren naturwissenschaftlichen Studien begriff ich dann überrascht, wie sehr diese Sicht vom Ursprung allen Lebens und Seins in einer existentiellen gegenseitigen Liebe durch die in ihr gegebene hohe Bewegung auch naturwissenschaftlich begründet ist. Ich selber war in jungen Jahren durch eine ganz konkrete Erfahrung solcher, in einer jungen lebendigen kirchlichen Bewegung praktizierten gegenseitigen Liebe zu dieser Überlegung gelangt.

    Diese Erfahrung scheinen Sie nicht zu haben, denn Ihr persönliches Resumee am Ende wirkt dagegen wie schon mehrfach in anderen Artikeln plötzlich ganz unwissenschaftlich. Ein bisschen so, als würden Sie sich eine im Grunde ganz andere, auch naheliegende Schlussfolgerung – vielleicht dem vorherrschenden Zeitgeist geschuldet oder wegen einer persönlichen Animosiät gegenüber bekannten gläubigen Wissenschaftlern – rigoros verbieten:

    “Wie merkwürdig ist das: Schließt sich da auf lange Sicht ein Kreis? Wir wissen es nicht. Aber, muten uns nicht viele Welterklärungsversuche der vergangenen Jahrtausende als sehr vorläufig an? Ist ihr Wahrheitsanspruch nicht erschreckend naiv und das Kämpfen im Namen solcher Wahrheiten nicht sinnlos?”

    Mal abgesehn davon, dass das Heutige für das Zukünftige immer vorläufig ist, ich könnte mir vorstellen, dass Sie, gemessen an Ihren diversen anderen Äußerungen, unter den “Welterklärungsversuchen” auch oder gerade das Christentum sehen, um mal die anderen großen Religionen unberücksichtigt zu lassen, denn vermutlich sind Sie im Umfeld des Christentums aufgewachsen. Wenn ja, dann fände ich diese Haltung zwar, je nachdem, was Sie erlebt haben, verständlich, aber dennoch sehr schade.

    So jedenfalls, wie ich den christlichen Glauben erfahren habe und nun verstehe, muss man m.E. einfach begreifen, dass er den Naturwissenschaften grundsätzlich mit seiner Erfahrung und seinem ‘Wissen’ VORAUS ist.

    Genau das heißt dann aber auch, der Glaube muss all das, was wir, wie Sie sagen: “mit Hilfe eines ganz bestimmten Phänomens der Komplexität, mit unseren geistigen Fähigkeiten” nämlich so nach und nach von “der Welt des Absoluten” erobern und immer besser werden ergründen können, bis dahin VORAB in geeigneten Metaphern ausdrücken, eben weil wir noch nicht verstehen können, aber doch schon ganz und gar in der so gestalteten Welt leben und mit ihr klar kommen müssen. Wir und auch die Naturwissenschaften brauchen den zielführenden Ausblick, den die Metaphern des Glaubens ermöglichen.

    Das zu akzeptieren fällt sicher so manchem Naturwissenschaftler schwer, denn für das konkrete, empirische Forschen muss er dieses “VORAUS” ja ohnehin ganz schnell wieder vergessen, ausklinken, bei Punkt Null bewusst unwissend beginnen. So habe ich es z.B. auch gehalten. Von daher ist verständlich, wenn sie mit solchen Theologen ein Problem haben, die aus einem kurzsichtigen, unchristlichen Machtverhalten heraus die bereitgestellten Glaubensmetaphern völlig unbeweglich auf das aktuelle naturwissenschaftliche Verständnis einer Epoche festlegen und somit den Erkenntnisfortschritt bremsen. Wenn solche dann den Naturwissenschaftlern auch noch was vorschreiben wollen, geht der Ofen ganz aus.

    Das muss aber nicht sein, denn wer ernsthaft im Glauben lebt, weiß doch, dass unser heil werden mitten im unheil sein geschieht und wir alle unser Unheilsein mit uns schleppen und dem Andern zumuten. Das aber mit Liebe und Glauben an die Liebe des Anderen zu beantworten, auch wenn sie verschütt ist, ist ja der Kern des einzigen neuen Gebotes Jesu, der gegenseitigen Liebe nach seinem Maß. Quasi sein Testament.

    Immerhin waren demzufolge ebenso machtbeflissene Naturwissenschaftler daran bislang nicht ganz unschuldig. Würden die, anders als sie es bisher stets – und nicht gerade hilfreich – tun, nicht bei jeder bahnbrechenden Entdeckung diese missbrauchen, um den Glauben an sich mit all den Metaphern Stück für Stück zu verwerfen, dann würde so etwas nicht oder weniger passieren. Schließlich haben die Glaubensmetaphern uns ja zuvor über lange Strecken geholfen, indem sie das noch unerforschte Zukünftige der Physik durch das VORAUS des Glaubens über Wasser gehalten haben.

    Würden die Naturwissenschaftler stattdessen jeweils darum bemüht sein, eine neue Kohärenz zwischen Glaubensmetaphern und neu gewonnenen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen herzustellen, könnten sie die Metaphern somit durch die nun neu verstandene Realität ablösen, ohne den Glauben zu verwerfen. Aber nein, stattdessen heben sie ihre glaubensabstinente naturwissenschaftliche Methode ins Absolute, wo sie nicht hingehört. Damit bremsen sie sich selber empfindlich aus, ohne es zu merken.

    Was hätte Sie denn hindern können, eine fortlaufend neue Kohärenz mit den, hinter den Metaphern des Glaubens verborgenen Aussagen anzustreben und so auch den Ausblick auf das von der Physik noch nicht Erkannte im VORAUS des Glaubens offen zu halten, zumal die Theologie diesen Job weiterhin wird tun müssen, denn eben..

    “… wir stehen damit erst am Anfang.”

    Als Ergebnis meiner Forschung bin ich jedenfalls überzeugt davon, dass, wer darum bemüht ist, diese existentielle gegenseitige Liebe, den Kern des christlichen Glaubens, bewusst zu leben, damit schon jetzt intuitiv in dem lebt, was die Wissenschaften in Zukunft noch so nach und nach für unser bewusstes Erkennen erobern werden.

    Wir werden, wenn wir überleben wollen, an dieser Liebe nicht vorbei kommen.

  11. Hallo Herr Hohnerkamp – ZITAT: “Muße wird dabei gedacht als offene Zeit, die zum Freiraum für Kreativität, Denken und Erfahrung wird.”

    Klingt nett – ist aber etymologisch nicht ganz richtig, da es mit dem Müssen, Mus (mouse), den Musen und lat.: mos, also “Mut” (und Moral) auf eine gemeinsame Lautwurzel zurückgeht.

    Demnach ist Muße vielmehr jene Zeit, die Sie benötigen, um herauszufinden, warum und was (eine Handlung) ganz unbedingt sein MUSS. Eben das erraten Sie in der Regel nicht dann, wenn Sie den “Pflichteil” schon ausführen. Man könnte aber auch sagen, Muße sei die Rechtfertigung oder Begründung einer Handlung – die Analyse einer Motivation oder “zwingenden Notwendigkeit” – auch wenn das nun ungleich viel strenger klingt, als “Muße” im Regelfalle aufgefaßt wird. Das erklärt dann nämlich auch, wieso sie (etymologisch) der “Moral” so nahe steht.

    Allerdings: Als ich diesen Begriff zum ersten mal in ein Gespräch mit zwei fidelen Gymnasistinnen einbrachte, mußte auch ich mich noch darüber aufklären lassen, dass man die Musen nicht ebenso schreibt, wie die Muße. Das hat mich dann ehrlichgesagt auch noch etwas stutzen lassen (weil ich das nicht gewußt habe).

    Aber heute bin ich doch sehr Dankbar für die damalige “Rätselstellung” durch zwei “Besser-wisser” denn zumindest ließ mich das noch viel vorsichtiger werden, und generell tief in die Etymologie einsteigen. Eben dort fördern Sie dann noch viel Erhellenderes zutage – “Zeugs”, von welchem sich ein Laie überhaupt keine Vorstellungen macht.

    Muße ist sogar mit “Moses”, “Moschee” und “Magd” – die Mächt’ge oder Macht – verwandt. Insofern bestehen auch Bezüge zu (jidd.) “Muschi”, “Made” (engl.: made / make) und “Mosquito”.

    PS: Hoffe, die vorletzten Anmerkungen werden nun nicht als zu “anstößig” empfunden.

    • Für letzteres gäbe es auch noch ein “schlimmeres” doch keineswegs weniger gebräuchliches / geläufiges Wort, aber das schenke ich mir jetzt einfach mal, weil ja wohl ausreichend viele Leser auch ausreichend viel “Phantasie” haben. Es bestätigte aber nur die “Regel”!

    • Ach ja – als Physiker interessiert Sie vielleicht, dass die Äquivalenz zwischen (All-) Macht und Masse schon mindestens so lange bekannt ist, wie das Wort “mos” (aägypt.: m’s) alt ist.

      Macht ist sozusagen die “unsichtbare” (flüchtige) Form der “Masse”.

      Weiter Ahnlaute sind: Messe / Mette / Mitte, Masche, Mutter / Matre / Materie, Maß, Mais, Messer, Meute, Macke, Musik, Mätzchen und Moos – es gibt freilich noch viel mehr, aber aus dem Idiom “Deutsch” sind das mal die wichtigsten.

      • … noch fünf weitere (wichtige) Ahnlaute fallen mir ein: Medizin, Mycel, Mütze, Matsch, Mache, Maus, Muskel (v. lat.: musculus = “Mäuschen”), das “Mett” (Mett-wurst), die Mode / Modulation / Modem und die (Ver-) Meidung (↔ Präfix: Miß~) sind ebenfalls mit der Muße verwandt.

        Dieser überwiegend synchrone Wortvergleich läuft insgesamt auf die Grundbedeutung des neuhochdeutschen Nomens “Mittel” hinaus – eine Ableitung und Verkürzung von “mit-teilen” / “mittig teilen”, wovon auch “ver-tellen” (erzählen) herrührt. Hingegen ist die “Mutmaßung” eher so eine Art Tautologie, da zugrundeliegendes “m’s” hier doppelt verbaut ist.

        In Thut-mosis steckt es ebenso, wie in R’m’s’s (Ramses / Ra-mosis). “Gebären” (Den Ra gebar) wie etwa Wikipedia berichtet, ist daher nicht wahrscheinlich – eher die Namensformel “Der Ra vermittelt” – entweder im Sinne einer Vermittlung zwischen dem Gott Ra (Re) und den Menschen oder im Sinne einer Predigt: Der von Ra erzählt”, denn das mutmaßliche “bergen” oder “gebären” steht semantisch auch dem “Hüten” und dies wiederum dem “Heissen” / “Verheissen” im Sinne von “mitteilen” nahe.

        Mit “Meditation” und allen Ahnlauten der unmittelbaren Umschreibung, dürfte “Muße” also noch mit am besten ins “Bauern-trampel-deutsch” übersetzt sein. “Freizeit” ginge natürlich auch, aber für dies sollte man dann auch wissen, dass “frei” mit “froh”, Frau und Pharao verwandt ist: Ein Motiv ist erst dann eine Motivation, wenn es FREI von Widersprüchen ist – genau dann wird klar, was getan werden MUSS, und mithin wandelt sich auch alle “Zwanghaftigkeit” zur Handlung mit FREUDEN.

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